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#1 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 05.07.2012 22:01

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Ich starrte mein Handy an. So schwer konnte das doch gar nicht sein. Alles was ich tun musste, war im Adressbuch des Handy den entsprechenden Namen anzutippen und dann auf Anrufen zu klicken. Aber etwas blockierte in meinem Hirn. Irgendwas lief da nicht so, wie es sollte. Seufzend legte ich das blöde Teil beiseite und ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen. Ich hatte heute Morgen entdeckt, dass ich einen unbeantworteten Anruf von Leisha hatte und auch wenn ich sie irgendwie gerne treffen würde, hatte ich nicht die Größe, sie einfach zurück zu rufen.

"Kommst du mit zum Stall?" Davi erschien im Türrahmen, schon fertig angezogen in Reitklamotten. "Klar" erwiderte ich kurz. "Ich komme in 7 Minuten zur Haustür" Mehr brauchte ich nicht, um in meine Reithose zu schlüpfen und mein Schlafshirt gegen ein schlichtes schwarzes T-Shirt zu tauschen. Bevor ich zu Davi ging,fuhr ich mir mehrmals mit der Bürste durch meine mehr oder weniger vorhandene Haarpracht und bändigte diese dann mit einem schwarzen Haargummi zu einem Dutt. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir, dass ich schon wieder so aussah, als würde ich zu einer Beerdigung gehen - nur die Reithose störte das Bild ein bisschen, auch wenn sie wegen ihrer grauen Farbe super zu dem Rest meinen Outfits passte. Mir war einfach nicht mehr nach hellen oder fröhlichen Farben.

"Danke, dass du mit mir mitfährst obwohl du eigentlich mit dem Fahrrad fahren könntest", brachte ich mühsam über die Lippen, als ich mit Davi wenig später im Bus saß. Das hatte ich ihr schon länger einmal sagen wollen, aber ich hatte es nie wirklich aussprechen können. "Gern geschehen", grinste meine Mitbewohnerin zurück, hüllte sich dann wieder in Schweigen. Ich wusste, dass sie einige Probleme mit Chris hatte und ließ sie deshalb einfach in Ruhe. Ich verstand ihr Bedürfnis in Ruhe gelassen zu werden nur zu gut, ich hatte das ja selber oft genug.

Nach einer kurzen aber sehr schweigsamen Fahrt erreichten wir die Haltestelle und stapften zusammen durch das Tor auf den Hof. Mittlerweile verabschiedete sich Davi immer ohne den Hauch eines schlechten Gewissens, sie wusste schließlich, dass ich mir hier aus kannte und alleine zurecht kam. "Dann sehen wir uns später?", fragte sie und auf mein Nicken hin verschwand sie Richtung Sattelkammer. Ich wollte eigentlich hinterher, als sich mein Handy brummelnd meldete und eine Sms von Rose ankündigte. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich die Nachricht las, ich änderte meine Pläne mit sofortiger Wirkung und schlug bevor es zu Romance ging den Weg zu Days Box ein, wo Rose mich treffen wollte.

Der hübsche Wallach stand in seiner Box und kaute gelassen an seinem Heu herum. 'Er hat sich wirklich ganz fantastich eingelebt' Rose strahlte. 'Nicht nur er' bemerkte ich und grinste dabei. 'Wo du Recht hast...' Meine Freundin seufzte und sah mich dann aufmerksam an. 'Geht es dir gut?' Warum hatte Rose nur einen so ausgeprägten sechsten Sinn? 'Nicht so richtig', gestand ich aufrichtig. 'Chris und Davi haben Streß und das tut mir natürlich Leid für sie. Und außerdem hat Leisha mich heute morgen angerufen und ich traue mich irgendwie nicht, zurück zu rufen' Rose dachte eine Sekunde nach. 'Chris und Davina raufen sich schon wieder zusammen, Streitereien gibt es doch immer mal und gerade bei Chris...' Rose gebärdetete nicht weiter, aber ich wusste auch so, was sie meinte. Sie hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass sie Chris nicht leiden konnte. 'Ja, ich weiß' ich seufzte leise. 'Und was Leisha angeht...' "Hei ihr beiden!", fröhlich grinsend schob Lucy sich in unsere Mitte, dabei sah sie Rose offen ins Gesicht, was zwar bedeutete, dass sie mir den Rücken zukehrte, aber ich musste ihr ja auch nicht von den Lippen ablesen. Im Schlepptau hatte sie Cora, die wie ich noch nicht lange auf dem Hof war. "Hallo Lucy, hallo Cora", grüßte Rose freundlich und lächelte die beiden an. "Alles gut mit Days?", erkundigte sich Lucy und sah den Wallach interessiert an. 'Hat sie gefragt, ob alles okay mit Days ist?' fragte Rose mich und als ich nickte, wandte sie sich mit einem entschuldigenden Lächeln wieder Lucy zu. "Ja, er hat sich wirklich gut eingelebt. Ich werde ihn wohl heute das erste Mal reiten" erklärte, wie immer sehr bemüht deutlich. "Und wie läuft es mit Romance?", feuerte Cora jetzt eine Frage auf mich ab, drehte sich dabei halb zu mir um, so das sie Rose nicht komplett aus dem Gespräch ausschloss.

Ich dachte einen Moment nach "Er ist sehr schwierig, aber das wusste ich ja schon. Manchmal denke ich, dass es was mit uns werden könnte, dann wieder gar nicht. Ich muss einfach Geduld haben und abwarten" parallel übersetzte ich mit den Händen für Rose mit. "Ich überlege mir gerade, einen Gebärensprachkurs zu machen. Auf Dauer ist es so doch etwas schwierig" warf Lucy eine Zwischenbemerkung ein, ohne groß auf meine Erzählungen einzugehen. Rose lächelte spröde. "Dafür lohnt sich der Aufwand nicht und außerdem muss ich ja weiter üben, mit Stimme zu sprechen und von den Lippen abzulesen" Trotzdem sah ich ihr an, dass sie sich geehrt fühlte. Kam wohl nicht alle Tage vor, dass jemand anbot, ihre Sprache zu lernen. "Und einfach ist es auch nicht immer", warf ich ein, natürlich wieder für Rose mit übersetzend. "Alleine die Grammatik, wenn man die DGS(Deutsche Gebärensprache) lernt" "Ich habe mal gehört, dass schwer ist?!" mischte Cora sich jetzt auch wieder ins Gespräch ein. "Es kommt drauf an, ob die DGS oder die LBS(Lautsprachebegleitende Gebärdensprache) gelernt wird. Die DGS unterscheidet sich grundlegend von der detuschen Grammatik, die LBS ist identisch, zumindest größtenteils, hört sich für Gehörlose aber nie , so toll an, ein bisschen, als würde auf einmal jemand hier einen Englischen Satzbau benutzen. Für sie ist es normaler, mit der DGS zu kommunzieren" Ich bemerkte den Seitenblick, den Rose mir zu warf, als ich mein Wissen mit Lucy und Cora teilte. Lucy grinste Rose an. "Und was spricht Judith?" "Unsere Sprache(gemeint ist hier DGS, auch wenn es rein von dem was ich schreibe natürlich LBS wäre, aber würde ich alles so schreiben, wie orginalgetreu ins 'hörende Deutsch' übersetzt werden würde, dann wären die Sätze sehr schwer zu verstehen und doof gebaut, einfach weil Grammatik und Satzbau wirklich anders sind. So wird zum Beispiel aus: Wie heißt du? Deine Name Was?). Sonst würde ich mich mit ihr gar nicht so gerne unterhalten, LBS hört sich für uns wirklich sehr komisch an... Aber uns fällt es genauso schwer, die 'normale' Grammatik zu lernen wie euch hörenden die DGS, also ist das nur fair" An diesem Punkt des Gesprächs schaltete ich ab und ließ Lucy und Cora noch weiter Rose Löcher in den Bauch fragen.

Bald waren die beiden aber auch wieder weg und Rose wandte sich mit einem erleichterten Seufzer wieder mir zu. 'Ich schulde dir noch eine Antwort wegen Leisha. Aber da du mir auch eine schuldest, wie wäre es, wenn wir uns einfach zum Mittagessen treffen, ins Dorf gehen und da in Ruhe essen?' Mehr oder weniger begeistert stimmte ich zu und machte mich dann auf den Weg zu Romance, um vorher noch was mit meinem Pony gemacht zu bekommen.

Natürlich stand der feine Herr wieder mit angelegten Ohren und viel Abstand zu den anderen Pferden auf der Weide und daran änderte sich auch nichts, als ich auftauchte. Ich ließ mich davon weder beirren noch einschüchtern, ging einfach auf Bad Romance zu und ehe er sich richtig merkte was los war, trug er schon sein Halfter und ich machte einen schnellen Schritt zu Seite und wich so seiner Schnappattacke aus. Langsam lernte ich, mit seinen Macken umzugehen. Natürlich gab es auch einen ordentlichen Klaps für den Schnappversuch, ich gab die Hoffnung nicht auf, dass er irgendwann lernen würde, wie er sich zu behehmen hatte. Mit Sicherheitsabstand folgte der Welsh mir jetzt minder begeistert von der Koppel, aber sehr viel Bodenarbeit hatte ihn doch etwas gehorsamer werden lassen.

Am Putzplatz stand Ayaka mit El Shamir und auch Julia mit Heart Shaped Glasses war zugegen. Ich grüßte die beiden kurz und band Romance in einiger Entfernung an. Ich würde es eher weniger toll finden, wenn er eins der Pferde treten würde. Anschließend verließ ich den Hengst kurz, um seinen Putzkasten zu holen und begann dann mit dem Putzen. Dabei gab ich abwechselns Klapse, schimpfte, wich seinen Attacken aus oder ruckte auch mal am Halfter, wenn Bad Romance zu nervig wurde. Als ich bei den Beinen angekommen war, war ich schon gut geschwitzt und auch Romance schien das ganze eher anzustrengen als zu entspannen. Trotzdem ließ ich seine Ohren und vor allem seine Hinterhand nicht aus den Augen und bekam es noch rechtzeitig mit, als dieselbige herumschwang und Romeo in meine Richtung auskeilte. "Huch!", machte Julia ein wenig erschrocken, als ich mit einem gewagten Sprung nach hinten beinah in ihren Armen landete. "Sorry", murmelte ich leise, ging wieder zu Romance, der derweile in Ruhe seinen Putzkasten ausräumte und schimpfte kräftig mit ihm, räumte dann den Kasten wieder ein. Es war mir verdammt peinlich, Julia so angesprungen zu haben, aber ich nahm die Attacken meines Ponys sehr ernst, da ich wenig Ambititonen hatte, wegen ihm im Krankenhaus zu landen.

Während ich mich mit den Hufen abmühte, gesellte Rose sich zu uns. Auch sie achtete auf Sicherheitsabstand, denn Days war nicht immer sonderlich freundlich gegenüber anderen Pferden. Trotzdem machte er nicht solchen Terz wie Romance und ich hörte Roses Lachen und ihre Stimme bis zu meinem Platz ganz am anderen Ende des Putzplatzes. Sie schien heute wirklich so wenige Probleme mit Days zu haben, dass sie sich problemlos mit Ayaka und Julia unterhalten konnte. Das freute mich sehr für sie, aber ich fühlte mich dadurch auch ziemlich ausgeschlossen. Romance erlaubte es nicht, dass ich näher an die anderen 3 heranging und die ganze Zeit nur halb zu schreien, war auch nicht das ideale. Zumal ich meine Konzentration für Romance brauchte. Wenn ich jetzt mit Gesprächen anfangen würde, würde ich wahrscheinlich sehr bald etwas von seinen Zähnen oder seinen Hufen zu spüren bekommen.

Seufzend klettete ich gefühlte 10 Stunden später die zweite Gamasche fest. Romance hatte beim Hufe auskratzen nochmal alles gegeben und mich noch eine Nummer fertiger gemacht. Jetzt stand Bodenarbeit auf dem Plan und eigentlich danach noch kurzes Reiten, aber ob ich dafür noch Energie haben würde, war mehr als fraglich. "Tschüss", rief ich zu den anderen drei herüber und war erleichtert, dass Rose gerade zu mir hin guckte und ich nicht auch noch Gebären musste. Mit Gerte und Handschuhen bewaffnet, Romance am Knotenhalfter mit extra langem Strick hintermir herziehend suchte ich die kleine Halle auf.

Dort klipste ich erst einmal den Strick los und jagte Romance von mir weg. Der Welsh ließ sich nicht lange bitten, raste im Galopp los, buckelte und keilte nach hinten aus. Ich brachte mich in Sicherheit und beobachtete das wilde Spiel des Hengstes, wie er Runde um Runde peste und ab und zu dazu herrlich quietsche. Nur ganz allmählich wurde er langsamer, fiel schließlich in einen raumgreifenden Trab und schnaubte kräftig. Wenige Runden später war er dann schon in einem flotten Schritt unterwegs und untersuchte den Boden mit seinen Nüstern, bis er einen offenbar guten Ort zum Wälzen gefunden hatte.

Nachdem Bad Romance sein Sandbad beendet hatte, passte ich einen günstigten Moment ab, ging wieder auf den Hengst zu und klipste flink den Strick ins Halfter, brachte mich dabei eilig vor seinen Zähnen in Sicherheit. Ein bisschen erwischte er zwar mein Tshirt, aber damit konnte ich dann doch ganz gut leben. Mit dem eingefangenen Pony begann ich, kreuz und quer durch die Halle zu laufen. Romance verstand mal wieder nicht, was ich von ihm wünschte, wurde viel zu schnell und rannte fast an mir vorbei oder besser gesagt über mich drüber, wieder zum Keinohrpony mutiert. Es war jedes Mal das gleiche und jedes Mal brachte es mich fast an den Rand der Verzweiflung, weil es den Anschein hatte, als würde er gar nichts dazu lernen. Um dann doch später rückblickend wieder festzustellen, dass es doch etwas gebracht hatte.

Auch jetzt wies ich Romance energisch in seine Grenzen. Dazu musste ich auch ein wenig auf die Gerte zurück greifen und den Welsh zurück drängen, denn meine Hand alleine reichte nicht mehr aus. Natürlich ohne ihn zu schlagen oder sonstige Gewalt anzuwenden. Und nachdem ich ihn alle 2 Minuten ungefähr 30 Minuten lang zurück gewiesen und korrigiert, sowie tausendmal mit ihm geschimpft hatte und ihm ausgewischen war, lief er tatsächlich einigermaßen vernünftig neben mir her und es genügte ein Heben des Zeigefingers, um ihn daran zu erinnern, wo meine Grenzen waren. Unfassbar, dass sie einfachste Übung so viel Zeit in Anspruch nahm, aber man musste ja klein anfangen, um sich den Respekt dieses Ponys zu erarbeiteten. Ich fing praktisch nochmal von neu mit dem Hengst an, wiederholte Grundelemente des Einreitens und arbeitete viel von der Hand aus - oder hatte es zumindest vor - um ihn empfindsamer und durchlässiger für die reiterlichen Hilfen zu machen. Damit kamen wir auch voran, aber langsamer, als bei anderen Pferden, weil jede Übung Stunden dauerte. Aber wir kamen voran und das war im Moment die Hauptsache.

Als nächstes folgte Rückwärtsrichten, etwas was den Respekt förderte. Leider hatte ich feststellen müssen, dass Romeo nicht gerne rückwärts ging - vor einem Menschen zurück weichen ging ja mal gar nicht. Beim Rückwärtsrichten konnte ich wirklich meine Reaktionksgeschwindigkeit und Ausweichfähigkeit unter Beweis stellen und das nicht zu knapp. "So, Pony, dann wollen wir mal sehen, ob wir dich irgendwie in den Griff bekommen" erklärte ich Romance überflüssigerweise. Ich 'parkte' den Welsh an der Bande, weil das Rückwärtsgehen auf einer gerade Linie einfacher fällt, und stellte mich vor ihn hin. Romance mustere mich misstrauisch, die Ohren angelegt, stand aber ruhig und mukste nicht. Noch nicht. Jetzt war ich an der Reihe. Mit dem Zeigefinger übte ich leichte Druck auf seine Brust aus und sagte dabei ein deutliches "Zurück!" Romeo versuchte nach mir zu schnappen, was ihm einen Klaps auf die Nase einbrachte. Beleidigt zuckte der Hengst zurück und versuchte meinem stetigen Druck zur Seite auszuweichen, vielleicht auf dem Absatz kehrt zu machen, um nach mir auszukeilen. Damit hatte ich gerechnet und hielt jetzt die überaus praktische Gerte so, dass sie eine zweite Begrenzung zusätzlich zur Bande darstellte. Zu meinem Glück war Bad Romance klug genug, nicht zu versuchen was passierte, wenn er sich gegen die Gerte stemmte. Ich witterte eine kleine Chance auf Sieg, erhöhte den Druck und sagte nochmal deutlich. "Zurück!" Romance verlagerte sein Gewicht, versuchte erneut, nach mir zu schnappen. Wieder wich ich schnell genug aus und einen Klaps gab es obendrauf auch noch für Romance. Der Welsh sah mich unentschlossen an. Er wusste, dass ich stärker war. Man konnte ihn förmlich denken hören: "Soll ich weiter kämpfen oder mich unterwerfen?" Um ihm die Entscheidung zu erleichtern - nett wie ich war - nahm ich den Strick zur Hilfe und klatsche leicht auf seine Brust, sagte wieder "Zurück!" und wartete, was passierte.

Romance zögerte immernoch. Dann - unendlich langsam - setzte er einen Huf nach hinten und tat so seinen ersten zögerlichen Ansatz rückwärts zu gehen. Augenblicklich lobte ich ihn, befreite ihn einen Moment von dem Druck, gab ihm die Chance zu atmen, bevor ich - dieses Mal direkt mit dem Strickende als Unterstützung - wieder Druck auf Romance Vorderseite ausübte, mein "Zurüück" erklingen ließ und schön aufpasste, den Hengst mit der Gerte zu begrenzen, aber nicht zu touchieren oder gar zu schlagen. Mit immer noch anlegten Ohren und deutlichem Widerwillen trat Romance wieder rückwärts, nur etwas deutlicher und sogar ganze zwei Schritte. "Super!", ich klopfte seinen Hals und gab ihm ein kleines Leckerli, was er lustlos zerkaute. Klar, dass ihm mein Streicheln nicht gefiel. Seufzend hakte ich den Strick los und ließ Romance noch ein bisschen durch die Halle rennen. Das war momentan die einzige, wirklich gute Belohnung für meinen Kleinen. Denn was hatte er davon, gestreichelt zu werden, wenn er das nicht leiden konnte?

Für heute war es dann auch wieder genug, ich hatte schon länger Bodenarbeit mit ihm gemacht als ich eigentlich wollte und nur kleine Erfolge erzielt, wir waren aber beide geschwitzt und wenn ich ihn jetzt versuchen würde zu reiten, würde ich wahrscheinlich alles wieder zerstören. So ließ ich Romance noch ein bisschen durch die Halle pesen, sah ihm zu, wie er sich ein zweites Mal wälzte und dachte dabei nach. Wollte ich ihn kaufen? Wollte ich so ein Pferd, was so unendlich viel Arbeit war? Was mir kaum was zurück gab? Stimmte die Chemie zwischen uns beiden wenigstens Ansatzweise? Julia und auch Nina hatten mir versichert, dass er normalerweise noch schlimmer war, aber so ganz traute ich dem Braten nicht. Wer wusste denn, ob er mir jemals vertrauen würde? Seufzend schob ich mit dem linken Fuß den Sand des Hallenbodens ein bisschen hin und her, zeichnetete sinnlose Muster. Manchmal wünschte ich mir jemanden, der mir all diese schweren Entscheidungen abnahm. Ich war auf die Muster in dem hellen Sand fixiert und achtete nur noch so halb auf Romance. Ich würde ihn schon hören, wenn er eine Attacke plante.

Hinter mir hörte ich das dumpfe Geräusch von Hufen, aber etwas verbot mir, mich ruckartig umzudrehen. Das hörte sich nicht nach einem Angriff an. Langsam, mit gesenktem Kopf drehte ich mich und stand direkt gegenüber von Romeo. Auge in Auge. Der Hengst hatte die Ohren ausnahmsweise mal gespitzt, pustete mir vorsichtig seinen heißen Atem entgegen. Machte den Hals ganz lang und stupste mir ganz kurz und ganz sanft gegen den Arm. Ich stand einfach nur stocksteif da, konnte und wollte mich nicht rühren. Romance Ohren schossen wieder nach hinten, er starrte mich an, als könnte er nicht fassen, was er gerade getan hatte und schnappte nach mir. Ich wich nicht schnell genug aus und spürte einen leichten Schmerz in meinem linken Arm, war aber geistesgegenwärtig genug, um Romance eine zu klatschen, dann meinen Arm zu begutachten. Zum Glück hatte er mich nicht voll erwischt, er hatte die Haut nur ganz oberflächlich verletzt. Bevor der Hengst reagieren und sich umdrehen konnte, wie er das ohne Zweifel vorhatte, griff geistesgegenwäritg in Halfter und klipste den Strick wieder fest. Romance sah wieder so aus wie immer, ablehnend und zickig hoch zehn und doch hatte ich diesen Moment gespürt. Diesen Moment der Vertrautheit zwischen uns.

"Und, willst du ihn kaufen?", ohne dass ich es mitbekommen hatte, war Julia am Hallentor aufgetaucht und musterte uns interessiert. Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern und seufzte einmal tief. "Ich habe gesehen, was gerade passiert ist. Meiner Meinung nach solltest du ihn kaufen, aber das musst du selber wissen" Sie lächelte sanft. "Vielleicht siehst du das selber nicht, Judith, aber du tust Romeo unglaublich gut. Vielleicht bist du die, auf die er und wir schon ewig warten, die ihn versteht, die mit ihm klar kommt. Überlegs dir, wir wären froh, sehr froh" "Sehr richtig!", Nina tauchte hinter Julia auf und lächelte mich an. "Das er zu einem gekommen ist, mit gespitzen Ohren und auch noch so etwas wie ein liebevolles Anstupsen vollbracht hat, ist wirklich noch nie passiert, kannst dir was drauf einbilden", bekräftigte die junge Frau das, was Julia so oder so ähnlich auch schon hatte verlauten lassen. "Mag ja sein", murmelte ich leise. "Weswegen wir aber eigentlich hier sind: Kannst du ein Auge auf Rascaia haben? Sie soll heute fohlen und Julia und ich gehen heute Nachmittag auf eine Auktion, mal sehen, ob wir ein paar Pferde kaufen. So ab etwas 4 Uhr, also hast du noch ungefähr 3 Stunden für dich, wäre das möglich? Du hast uns ja erzählt, dass du dich ein bisschen mit Fohlen ud Geburten auskennst, Nummer von Tierarzt hängt im Stall und so. Die meisten anderen haben einfach zu viel zu tun und du hast Romance ja schon bewegt..." "Ja, klar, gerne" unterbrach ich Ninas Rumgedruckse. "Klasse, dann zeigen wir dir mal alles wichtige", sobald du mit Romance fertig bist" freute Julia sich. "Gut, ich denke mal so in 45 Minuten oder so, vor dem Büro?", schlug ich vor und Julia und Nina nickten, ließen mich dann alleine mit meinem noch Probepony.

"Na dann wollen wir mal", ich führte Romance in seine Stallgasse,wechselte Knotenhafter gegen normales Halfter, band Romance dann beidseitig sorgfältig an. Als nächstes nahm ich ihm die Gamaschen ab, verteilte nebenbei noch ein paar hübsche Klappse und schnappte mir dann den Striegel. Mit großen, schönen Bewegungen striegelte ich sein Fell durch, entfernte jeden Staub- und Sandrest und glättete dann das aufgerauhte Fell mit der Kardätsche. Auch die Beine kamen nicht zu kurz und wurden ordentlich mit der Wurzelbürste bearbeitete. Romance stand keine Minuten still und ich war noch kaputter als eben, als ich endlich mit den Beinen soweit fertig war und ans Hufe auskratzen gehen konnte. Natürlich versuche Bad Romance, mir seine Hufe zu entziehen, aber auch wenn er es nicht glaubte, ich hatte Kraft und die setzte ich jetzt gezielt ein und auch wenn wir ziemlich rangelten, so ging ich doch als Siegerin hervor und konnte seine Hufe einigermaßen problemlos auskratzen. Zum Abschluss verlas ich Mähne und Schweif grob und putzte dann sehr vorsichtig und angespannt über sein Gesicht – hier schnappte er noch lieber als sonst, aber heute hatte ich Glück und reagierte schneller als er. Also keine kleine Bisswunde wie eine Woche zuvor. Das kleine Krätzerchen von der Bodenarbeit hatte genügt. Schließlich stopfte ich Romance mit Möhren zu – Bestechung muss sein! - und verfrachtete ihn auf die Weide, was nochmal mit einem kleinen Machtkampf verbunden war, aber der Hengst kam heil an und ich machte mich schön pünktlich nach der Verabschiedung von Romace auf den Weg zu Julia und Nina, die mich schon erwarteten. Gemeinsam gingen wir in den Stall und die beiden zeigten mir neben der Box der Stute auch noch den Standort des Fohlennotfallpackets, wo ich neues Stroh zum aufschütten fand, den Zettel mit der Nummer vom Tierarzt und Nina gab mir ihre Handynummer für den absoluten Notfall. "Wenn du gerade dabei bist: Ein Name mit R wäre auch nicht schlecht", lachte Nina und ich versprach, mir was zu überlegen.

Mittlerweile hatte ich richtig Hunger bekommen und als alles soweit wegen dem Fohlen geklärt war, machte ich mich auf den Weg zu Rose. 'Hey, ich hab Hunger, wolltest du nicht essen gehen?', begrüßte ich Rose, als ich sie endlich vor Days Box fand. 'Doch, ja, klar. Danach muss ich dann zur Arbeit ins Büro, bin ich froh, dass ich den Vormittag für mich und Days hatte. Wie wäre es, wenn wir zur grauen Maus gehen? Die haben da echt gute Sachen' Das konnte ich natürlich nicht ablehnen und so befand ich mich wenige Minuten später in Roses Auto Richtung Dorf. Die Autofahrt verlief sehr schweigend, denn Rose hörte verständlicherweise weder Musik, noch hatte sie eine Hand zum Gebären frei, noch konnte sie zu mir gucken, um sich meine Gebären anzusehen oder von den Lippen abzulesen. Das ist eben das Problem, wenn man gehörlose Freunde hat, die ein Auto besitzen.

Nach relativ kurzer Autofahrt erreichten wir das Restaurant und betraten das selbige. Kaum waren wir durch die Tür, wurden wir sofort von einer etwa 24 jährigen, jungen Frau begrüßt, die uns zu einem etwas abgelegenen Zweiertisch führte. "Kann ich schon etwas zu trinken bringen?", fragte sie, während sie uns mit einem galanten Lächeln die Karte überreichte. Rose sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und ich lächelte die Kellnerin an. "Wenn Sie uns noch eine Minuten geben würden?", bat ich höflich und die blonde Frau zog sich zurück. Ich atmete tief aus und auf einmal wurde mir bewusst, das ich hier den Großteil der Kommunikation mit der Kellnerin führen müsste – etwas, was mir weder behagte noch lag. Trotzdem, eine andere Möglichkeit gab es nicht, ich ging nicht davon aus, dass hier die Kellner alle zufällig Gebärdensprache konnten. 'Was möchtest du trinken?', fragte ich Rose, weil ich die Kellnerin schon zu unserem Tisch hin schielen sah. 'Und wenn du es schon weißt, sag mir am Besten auch direkt, was du Essen willst' Rose sah mich neugierig an. 'Woher weißt du, dass ich keine Gerichte aussprechen kann?', fragte sie statt einer Antwort nach. 'Weil man wohl eher andere Sachen zuerst lernt, als in einem Restaurant zu bestellen', gab ich etwas entnervt zurück. 'Und so lange übst du das Sprechen ja noch nicht, also?!' 'Dich macht das nervös, dass wir Gebärensprache sprechen. Du willst nicht, dass sie Kellnerin was mitbekommt', stellte Rose angesichts meiner Hektik belustigt fest. 'Dann will ich mal nicht so sein. Ich hätte gerne eine Cola und eine Gemüselasange, die schmeckt einfach vorzüglich hier' "Warum kennst du mich manchmal besser als ich mich selbst?", murmelte ich leise, aber Rose hatte davon nichts mitbekommen und konnte mich so auch nicht zwingen, das nochmal auf Gebärensprache zu wiederholen. Eilig blätterte ich durch die Karte, fand aber auf die Schnelle einfach nichts und als ich die Kellnerin auf uns zu kommen sah, schlug ich die Karte eilig zu.

"Haben Sie gewählt?", fragte die Frau höflich und lächelte dabei unermüdlich. Das ihr die Mundwinkeln nicht weh taten...! Ich schluckte zweimal. "Ich hätte gerne zwei mal Cola, eine Gemüselasagne und..." Ich machte eine kurze Zwangspause und stotterte dann "Einen Grieschichen Salat" Die Kellnerin notierte sich alles und sah dann Rose an. "Und was möchten Sie essen?" 'Sagst du ihr bitte, dass du schon für mich mitbestellt hast?', bat Rose mich und konnte ihrer Miene ansehen, dass sie das ungemein amüsierte. Die Kellnerin sah von mir zu Rose, als ich ihr ein 'Vielen Dank auch!' zugebärdete, verbunden mit einem leisen Zischen, doch Rose grinste nur. Das Zischen hatte sie ja eh nicht gehört. "Ist sie taubstumm?", fragte die Kellnerin und ehrliches Interesse huschte über ihr Gesicht. "Gehörlos", erwiderte ich knapp, mal wieder für Rose Dolmetscherin spielend. "Und sie kann sprechen, aber es hört sich etwas komisch an. Deshalb macht sie es nicht gerne", ließ ich meinen Standartspruch los. "Und im Übrigen bin ich gehörlos, nicht unsichtbar", mischte Rose sich ein und lächelte freundlich. Die Kellnerin wurde ein bisschen rot und drehte sich halb zu Rose um. "Tut mir Leid" Rose machte eine abwehrende Geste mit den Händen. "Schon gut" Eine andere Kellnerin riss die arme vor uns auf der Peinlichkeit. "Juliet, kommst du mal bitte?" "Entschuldigen Sie mich" Unsere Kellnerin – Juliet – eilte erleichtert davon. 'Die scheint mir recht oberflächlich', stellte Rose fest und grinste, als die andere Kellnerin zu unserem Tisch kam und uns unsere Colaflaschen plus Gläser gab. 'Da traut sich wohl jemand nicht mehr an unseren Tisch', gebärdete Rose selbstzufrieden und ich konnte nur zustimmen. Juliet hatten wir wohl in die Flucht geschlagen. Dafür fand Rose, dass unsere neue Kellnerin einen sehr zickigen Eindruck machte. Und ich bewunderte sie einmal mehr für ihre Durchschauungsgabe und ihren ausgesprägten 6. Sinn.

Nach ein paar Minuten schweigen fing Rose wieder mit dem Gebärden an. 'Denk bloß nicht, ich hätte es vergessen. Erzähl mir woher es kommt, dass du Gebärensprache kannst. Und nach dazu DGS, ich dachte, du würdest gar nicht aus Deutschland kommen?' 'Jemand aus meiner Familie war gehörlos, das ist alles' versuchte ich die Frage kurz zu beantworten, aber Rose machte nur eine aufforderne Geste mit der Hand. Zögernd knetete ich meine Finger. Diese Geschichte hatte ich wirklich noch keinem erzählt, noch nicht mal Saskia. Aber wäre sie gehörlos gewesen, so hätte ich das wahrscheinlich gemacht. So war es überflüssig gewesen, in nem Nebensatz zu erwähnen, dass ich Gebärdensprache konnte und wegen Leonie gelernt hatte. Und jetzt war es zu spät, um Saskia noch irgendwas zu erklären.

'Ich hatte eine Schwester, sie war zwei Jahre jünger als ich' fing ich unschlüssig an. 'Ihr Name war Leonie und sie war ein Schatz. Man musste sie einfach lieb haben, wenn man sie gesehen hat, sie war ein fröhliches und offenes Kind, immer hilfsbereit und von Geburt an gehörlos. Stell dir das Erlenen der Gebärdensprache wie das einer Fremdsprache vor. Meinen Adoptiveltern ist das Lernen richtig schwer gefallen und sie haben auch die Empfehlung bekommen, sich ohne Gebärdensprache mit ihr zu unterhalten, damit sie alles andere lernt und besser in der Welt zurecht kommt. Aber meine Eltern wollten, dass wenigstens einer sie verstehen kann bei wirklich allem was sie sagt und haben mich praktisch parallel Gebärdensprache lernen lassen, es war praktisch so, als wäre ich zweisprachig aufgewachsen, das ist alles' 'Und warum dann DGS? Und was ist aus Leonie geworden?' hakte Rose nach. Sie ließ aber auch nicht locker! Wohl oder übel erzählte ich weiter. 'DGS war mehr Zufall, ich kann aus jedem Land in dem ich damals gewohnt habe die meisten Gebärden, so sehr unterscheidet es sich ja auch gar nicht, aber Deutsch war damals irgendwie ziemlich geplant. Wir wollten auch später nach Deutschland ziehen wegen Leonie, weil es eine sehr gute Schule gibt und Leonie Deutschland total toll fand und da hätte sie das gebraucht. Auch wenn ich manchmal die Gebärden der einzelnen Länder durcheinander schmeiße und manchmal wohl ziemlich unverständlich gebärde, habe ich doch das Gefühl, dass es was gebracht hat. Naja. Kurz vor ihrem sechsten Geburtstag ist Leonie dann gestorben, einfach so. Sie war von Geburt an ziemlich schwach und alles und da ist sie dann einfach gestorben, ihr Herz hat aufgehört zu schlagen. Es war das leibliche KInd meiner Adoptiveltern und meine Adoptivmutter hat das gar nicht gut verkraftet und ihre Krankheit ist schlimmer geworden. Und so bin ich dann Gebärdensprache beherrschend als Einzelkind in die Schweiz gezogen'
Einen Moment lang ruhten Roses Hände ganz still in ihrem Schoß. 'Gott, das tut mir so Leid für dich. Ich kann verstehen, dass du da nicht gerne drüber redest'. 'Ist schon okay. Manchmal vermisse ich Leonie einfach nur ziemlich, das ist alles' Eine einzelne Träne rann aus meinem rechten Auge, rollte langsam die Wanger herunter und wurde von mir auf der Höhe der Nase ärgerlich weggewischt. Rose sagte einfach gar nichts mehr, griff über den Tisch nach meiner Hand und drückte sie kurz. Ihr Blick signalisierte mir, dass sie da war, wenn ich sie brauchte. Dazu musste sie auch nicht reden und in diesem Moment war ich einfach nur unglaublich dankbar, dass mir Leonie den Zugang zu dieser Welt geschenkt hatte.

Mit dem Ankommen des Essens widmeten wir uns wieder fröhlicheren Themen – oder besser gesagt, wir versuchten es. 'Gut, ich schulde dir auch noch eine Antwort wegen Leisha..' Rose sah mich eindringlich an. 'Das stimmt' Ohne Rose hätte ich das schon längst wieder vergessen. 'Leisha also...' Rose machte eine Pause und schauffelte ein bissche Lasagne in sich rein. 'Weißt du was Judith? Du denkst zu viel nach! Ruf sie einfach an, verdammt nochmal. Merkt doch ein Blinder, dass du sie ganz toll findest. Immer wenn du von ihr redest kriegen deine Augen diesen Glanz.... Hachja. Ich weiß, du kennst sie kaum, aber sie hat dich neugierig gemacht, stimmts? Ist doch schön, nutz das aus. Sie scheint wirklich ein toller Mensch zu sein und hey, ihr habt sozusagen gemeinsame Feinde, diese Frau im Supermarkt da' Ich musste grinsen. Manchmal hatte Rose echt einen Knall. 'Okay, okay. Ich rufe sie heute Abend noch an, zufrieden?' Rose nickte und wir legten eine Zwangsredepause ein, da man beim Essen ebenso wenig wie beim Autofahren gebärden kann.

Irgendwann war das Mahl beendet und da Rose es eilig hatte, winkten wir recht schnell die Kellnerin herbei und bezahlten. 'Ich bringe dich eben zurück zum Hof, dann muss ich aber weiter ins Büro, ok?' 'Ach quatsch, du musst nicht so einen Umweg fahren, ich weiß doch, dass du es eilig hast. Bring mich einfach zum Busbanhof, dann fahre ich einfach mit dem Bus' 'Danke, das hilft mir ziemlich weiter', gestand Rose mir. So wie von mir vorgeschlagen wurde es gemacht und Rose setzte mich am Busbahnhof ab. 'Denk an den Anruf für Leisha. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag, wir sehen uns sicher Morgen' Rose drückte mich kurz, wartete, bis ich die Tür zugeschlagen hatte und brauste dann davon. Da hatte es jemand wohl wirklich eilig.

Ich dagegen hatte noch eine Menge Zeit, bis mein Bus fuhr und setzte mich auf eine Bank an die Haltestelle. Außer mir war noch eine Gruppe Jugendliche zugegen, die rauchend in der Ecke standen. In regelmäßigen Abständen spuckte einer von ihnen auf den Boden und auch wenn ich wohl nur 3 Jahre als sie war, hatte ich das Gefühl, dass uns Welten trennten. So eine war ich nie gewesen und ehrlich gesagt hatten mir solche Gruppen immer etwas Angst gemacht und machten es auch heute noch. Um nicht zu sehr daran denken zu müssen, vertiefte ich mich in den Anblick meiner Fingerspitzen.

"He, Hässlige" ich zuckte zusammen, versuchte mir aber nichts anmerken zu lassen und sah auf den Boden zu meinen Füßen. "He, ich red mit dir!" ein paar schwarze Stiefel schoben sich in mein Blickfeld und ich hob widerwillig den Kopf. "Bist dir wohl zu fein für uns, wie?", die junge Frau musterte mich, als wäre ich Abschaum. "Glotz ma in den Spiegel! Diese Klamotten, echt ätzend. Riecht ihr auch, wies hier stinkt?", sie wandte sich ihrer Gruppe zu, die sich langsam um mich herum versammelt hatten. "Bah, ja" "Ih, es stinkt", kam es vielstimmig zurück. Typisch Mitläufer, was mir jetzt leider auch nichts half. "Na, Süße?" Ein Typ schob sich jetzt neben die Wortführerin und mustere mich. "Gehste mal mit mir in ne Kneipe?", fragte er dann und grinste. "Nein", erwiderte ich knapp. "Ich sach doch, die is sich zu fein dazu!", mischte sich das Mädel wieder ein. "Vögelst du lieber deinen Gaul?", mischte sich jetzt ein dritter ein. "Ey alter, was willste überhaupt mit der? Guck die dir doch an! Nichts dran an der, die hat doch sicher nur A, nix zum Anfassen un so. Und hässlig. Alter, allein die Haare!" Ich schluckte schwer. Das war nun doch etwas zu viel, das musste ich mir dann doch nicht anhören. Entschlossen stand ich auf, aber weit kam ich nicht. "Hey hey, nicht so schnell!", der Typ, den ich hatte abblitzen lassen stieß mich grob und ich fiel zurück auf die harte Bank. "Wenn du nicht mit mir ausgehen willst und lieber zu deinem Gaul rennst, deine Sache. Entgeht dir was. Aber abhauen is nicht. Wir ham Hunger und Kippen brauchen wir auch. Wie wärs mit ein paar Scheinen?" "Sicher nicht", erwiderte ich, sicher nicht mehr ganz so überzeugend. "Habt ihr das gehört?", fragte das Mädel belustigt. "Das war keine Bitte, Schätzchen, das war n Befehl! Also her mit der Kohle, sonst..." "Sonst was?", fragte ich wieder etwas sicherer geworden nach. Das waren meistens eh nur leere Drohungen.

"Haha, hört euch die Fotze an, hält sich wohl für oberschlau", frotzelte der Typ, der mich als zu wenig ausgestattet bezeichnet hatte. "Hör mal, wir können das hier auch ein bisschen deutlicher machen. Rück jetz das Geld raus, oder es wird dir Leid tun" Ich schüttelte nur den Kopf. "Du has es so gewollt" Er drehte sich halb um und nickte zwei Typen zu. Sofort traten diese ein paar Schritte vor und bauten sich neben mir auf. Der eine ließ ein Messer aufschnappen und hielt es mir vor die Nase, der andere trat mir einmal kräftig gegens Schienbein. "Wirds bald?!" keifte das Mädel wieder. Mir schossen die Tränen in die Augen, ich fühlte mich völlig hilflos und machte Anstalten, in meiner Tasche das verlangte Geld rauszusuchen. Mit einem Messer war dann doch nicht mehr zu spaßen.

"Hört sofort auch damit, ihr habt sie ja nicht mehr alle!!!!" Die Stimme kannte ich, aber ich konnte sie nicht zu ordnen. Mühsam konnte ich an einem der Kerle vorbei sehen, geradewegs auf Leisha, die – flankiert von einer älteren Dame und einem Polizisten - mit verschränkten Armen aufgebaut vor der Gruppe stand, die Augen funkelten wütend. "Shit!" fluchte das Mädel, als sie den Polizisten sah. "Abzug!" Innerhalb von wenigen Sekunden löste sich der Ring um mich herum auf und die Bande floh in die anderen Richtung. "Keine Sorge, die entkommen nicht, hier ist alles umstellt. Wir wollen diesen Ganoven schon länger mal auf den Zahn fühlen, aber sie waren immer schlauer als wir. Bis heute, weil sie den Fehler gemacht haben, von den beiden Damen beobachtet zu werden, die uns sofort angerufen haben", berichtete der Polizist. "Alles in Ordnung mit Ihnen?" Ich nickte nur. "Dann geben Sie mir ihre Adresse und Telefonnummer, falls wir ihre Aussage brauchen, ok?" Wie in Trance schrieb ich meine Nummer und Adresse auf den Block, den der Polizist mir hin hielt. "Vielen Dank" Sein Funkgerät rauschte, er meldete sich und hörte zu, nickte dann zufrieden. "Die Gruppe wurde gefasst. Wie gesagt, wie versuchen schon länger uns mal mit denen zu unterhalten, sie haben schon einer Menge Leute Geld abgezockt, meistens unter Gewaltandrohung, einen jungen Mann haben sie sogar verletzt, weil er ihnen kein Geld geben wollte. Wenn bei Ihnen alles ok ist, fahre ich jetzt auf die Wache...?!" "Ja, es ist wirklich alles ok!", bestätitige ich und das war noch nicht mal gelogen. Ich stand unter Schock, ohne Frage und ein bisschen schwummrig war mir auch, aber das würde vergehen. Es war vorbei, die konnten mir nichts mehr tun... "Gut, dann fahre ich jetzt. Wir melden uns dann bei Ihnen" Ich dankte dem Polizisten und zu dritt sahen wir ihm hinterher, wie er zu seinem Auto stapfte.

"Ach Gott Kindchen, hier, da hast du was Schokolade" Die ältere Dame musterte mich äußert besorgt, half mir, mich auf die Bank zu setzten und bemutterte mich. Sie gab mir mehrere Riegel Kinderschokolade, legte mir ihren Schal um die Schultern, weil ich ja nicht frieren durfte und erzählte mir dauernd, dass alles wieder gut werden würde. Und es tat verdammt gut. Meine Adoptiveltern hatten sich schon lange nicht mehr so um mich gekümmert und am liebsten wäre ich ewig so sitzen geblieben, den Kopf an die Schulter der älteren Frau gedrückt, ihre beruhigenden Worte in meinem Ohr. Doch irgendwann kam ihr Bus und nachdem sie Leisha viermal das Versprechen abgenommen hatte, dass sie sich gut um mich kümmern wurde und meine Dankesbekundigungen lächelnd abgewehrt hatte, watschelte sie auf ihren Bus zu und ließ Leisha und mir das erste Mal seit die beiden aufgetaucht waren die Chance, miteinander zu reden.

"Alles ok?", fragte Leisha und ließ sich neben mir auf die Bank fallen. Vor lauter Aufregung hatte ich den Bus zurück zum Hof verpasst und wir hatten noch ein bisschen Zeit, bis der nächste kam. "Ja", wiederholte ich heute zum gefühlten 80. Mal. "Das war echt ganz schön heftig, ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als ich diesen Ring von Jugendlichen gesehen habe und da bin ich misstrauisch geworden. Zum Glück! Die Frau Wessels, die dich gerade so umsorgt hat, hat mich dann davon abgehalten, auf diese Arschlöcher zuzustürmen, sondern hat erst einmal die Polizei angerufen, die dann alles nötige in die Wege geleitet haben" Leisha atmete tief durch und sah mich dann mit einer Mischung aus Besorgnis und Scheu an. "Habe ich was falsch gemacht? Du hast nicht zurück gerufen" Ich zwirbelte eine Haarsträhne, die sich aus meinem Dutt gelöst hatte, zwischen meinen Finger. "Nein, aber du hast ja schon bei unserem ersten Treffen festgestellt, dass ich nicht so gut mit Menschen kann.. Ich... Ich würde mich gerne mal mit dir treffen" Über Leishas Gesicht glitt ein kleines Leuchten. "Was hast du jetzt vor?" Ich warf einen Blick auf meine Handyuhr. "Ich muss zusehen, dass ich zurück zum Hof komme, denn Nina und Julia fahren auf eine Auktion, bleiben da auch über Nacht, weil heute Abend und Morgen früh die interessanten Versteigerungen stattfinden und ich habe versprochen, dass ich eine tragende Stute beobachte, die heute fohlen soll. Nina und Julia wechseln sich im Moment ab, aber wenn sie weg sind, brauchen sie jemanden anderen und ich habe zugesagt" "Gut. Glaubst du, die haben was dagegen, wenn ich mit komme? Wenn du das überhaupt willst..." "Nein, da haben sie sicher nichts gegen. Das wäre echt schön", murmelte ich etwas verlegen. "Na dann: Auf zum Hof und fragen"
***
Eine halbe Stunde später was alles geregelt. Leisha und ich waren pünkltich auf dem Hof erschienen und wie erwartet hatte weder Julia noch Nina etwas gegen Leishas Anwesenheit. "Finde ich echt klasse, dass ihr das übernehmt. Ach und Judith? Deine Probezeit mit Romance ist ja abgelaufen und ich habe dir hier mal einen Vertrag mitgebracht, wo schon alles ausgefüllt ist. Du kannst dir in Ruhe überlegen, ob du Bad Romance kaufen möchstest, dann unterschreibst du einfach und sonst kannst du das Ding wegschmeißen, ok?" Ich nickte etwas überrumpelt. Zusammen mit Davi, Vivi und Lucy halfen Leisha und ich noch, alle Sachen die unsere beiden Hofleiterinnen brauchen würden ins Auto zu laden, dann gingen die drei anderen wieder ihren Beschäftigungen nach, während Leisha und ich Quartier vor der Box von Rascaia. Wir organisierten uns Strohballen, auf denen wir uns es bequem machten und lehnten uns erstmal zurück, schwiegen uns an.

"Und, kaufst du Bad Romance?", fragte Leisha schließlich interessiert. "Wenn ich das wüsste...", murmelte ich. "Was spricht denn dafür, was dagegen? Manchmal hilft es, sich darüber laut klar zu werden" Also erzählte ich Leisha alles. Von unseren unendlich vielen Kämpfen, von den Fortschritten, von den Rückschritten, von der Unsicherheit und natürlich von dem Erlebnis heute Morgen. "Warum erzählst du mir das eigentlich? Du hast dich doch längst entschieden, ihn zu kaufen, habe ich Recht? So wie du von ihm redest, wie du all seine Macken ganz klein und alles gute ganz groß machst" "Ja, du hast Recht", gestand ich es mir selber endlich ein. "Ich denke, das lag vor allem an dem Erlebnis heute Morgen" ich griff nach dem Vertrag, den Nina mir gegeben hatte und setzte schwungvoll meine Unterschrift dahin, wo sie hingehörte. Leisha lächelte: "Ja, manchmal gibt es Momente im Leben, die einfach alles verändern."

Der Nachmittag tickerte so dahin und das Verständnis mit Leisha wurde immer besser. Irgendwie spürte ich direkt, dass wir auf einer Wellenlänge waren und auch wenn wir ziemlich verschieden waren, so legten wir doch auf die gleichen Sachen Wert und hatten die gleiche Art von schwarzem, trockenen Humor. Mit Leisha konnte man einfach unglaublich gut lachen. So tröpfelte das Gespräch so dahin, ein Thema ging ins nächste über. Es war leicht, leicht zu kommunzieren und das wunderte mich. Aber heute war sowieso alles anders und je länger wir da saßen, umso offener wurden wir. Und irgendwann landeten wir dann bei unserer ersten Begegnung im Supermarkt. "Was hat die Frau gegen dich?", fragte ich das, was mir schon länger auf der Seele gebrannt hatte. "Hm...", machte Leisha unentschlossen. "Sagen wir mal so, sie mag meine Lebensweise und meine Ansichten nicht. Sie verachtet mich einfach, aber das ist mir egal. Sie wäre wahrscheinlich nicht so fies gewesen, aber sie denkt direkt, dass jede, mit der ich irgendwo gesehen werde direkt von meinem Lebenstil angesteckt werden könnte. Das ginge ja gar nicht und wäre schlichtweg eine Katastrophe. Und wer mit mir zusammen gesehen wird, führt diesen Lebenstil natürlich auch. Mach dir einfach nichts draus, es war nichts gegen dich" Verwundert sah ich Leisha an. "Lebenstil?", fragte ich nach. "Najaaa". Aha, Leisha konnte also auch verlegen werden und rumdrucksen, wie beruhigend. "Ist nicht so wichtig" Doch jetzt hatte ich einen Verdacht und wollte wissen, ob ich Recht hatte. Also tat ich erst einmal so, als würde ich mich mit der Antwort zufrieden geben und wechselte das Thema. "Sag mal, du hast doch gesagt, dass du mittlerweile stolz darauf bist, Leisha zu heißen. Warum?" Leisha grinste. "Ich kenne eine echt coole Frau mit dem Namen. Und manchmal könnte ich wetten, ich wäre ihre heimliche Tochter. Wir sehen uns zwar nicht direkt ähnlich, haben nur annähernd die gleiche Haarfarbe, dafür aber die gleichen Augenfarbe und können beide singen. Unglaublich viele Gemeinsamkeiten, nicht?" Sie lachte. "Achso, ja, das verstehe ich", grinste ich. Mein Verdacht bestätigte sich noch weiter, aber ich musste ganz sicher sein. Nach einer kleinen Schweigenspause, in der ich nicht genau wusste, wie ich mir sicher sein sollte, fing ich leise an zu singen, so wie zufällig und gedankenverloren.

How can you fall from a wound like that dear?
Don't mind, it's a common reaction.
And you tell me everything is alright and you don't mind.

Leisha hatte sich aufgerichtet und sah mich verwundert an. Einen Moment lang dachte ich, dass ich falsch gelegen hätte, sang aber tapfer weiter. Doch dann übernahm Leisha wie selbstverständlich die Backgroundstimme und alle Zweifel waren erst einmal weg.

(You don't feel right)
How can you feel when you're wounded like that dear?
(but don't feel right)
Don't mind, it's a common reaction.
(You get tired)
And you tell me everything is alright
(but you don't mind)
and you don't mind.
Waste my Time.

Dann hob Leisha die Augenbrauen. "Clevere Methode, muss man dir wohl lassen", grinste sie dann. Ich lächelte und freute mich insgeheim, dass es so super geklappt hatte. Jetzt schien es an Leisha zu sein, leichte Zweifel zu haben bis sich unbehaglich zu fühlen. "Woher kennst du Uh Huh Her?", fragte sie leise. "Durch Leisha Hailey. War das die, von der du geredet hast, die so cool ist?", ich sah Leisha an und konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. "Jaaa... Aber woher kennst du Leisha Hailey?" "Najaaa, aus so verschiedenen Serien und so... Hat ja auch mal bei Greys Anatomy mitgespielt für eine Folge und bei CSI" "Sonst keine Serie?" Die arme Leisha. Ich war eigentlich nicht der Typ, andere so zappeln zu lassen. "Dooch. Und ich denke, du kennst sie auch daher. Kate Moennig sagt dir sicher was? Ebenso wie Mia Kirshner oder Erin Daniels?" "Okay, wir reden von der gleichen Serie", lachte Leisha. "Aber wenn du the L word guckst... heißt das dann das du...", sie stockte. "So bist wie Leisha Hailey? Ja", half ich ihr schlicht aus der Klemme. "Hm... ja, ich auch, aber das weißt du ja sicher schon" "Ich habs mir gedacht. Als du da von Lebensweise und so ankamst..." Leisha lachte "Okay, das war vielleicht etwas offensichtlich" "Jep", bestätigte ich und wir hüllten uns wieder in Schweigen.

Ich weiß nicht, wie lange wir vor der Box von Rascaia saßen, ab und zu ein bisschen redeten aber die meiste Zeit schwiegen und warteten. Das Fohlen ließ sich wirklich Zeit und als es auf die Nacht zuging und wir uns mit dem Gähnen gegenseitig übertrumpften, teilten wir die Wache auf, damit immer einer für ein Stündchen schlafen konnte. So war es einfacher wenn nötig die ganze Nacht durchzuhalten. Gegen 10 Uhr wie sie uns mitteilte schneite Davi herein, einen Korb voller Essen und mehrere Wasserflaschen dabei. "Ich beneide euch ja nicht", grinste sie. "Soll ich mit euch warten?" Doch Leisha und ich lehnten ab. Davi sah ziemlich fertig aus, der Streit mit Chris schien sie auszulaugen und sie würde den Schlaf dringend brauchen. "Na gut, aber meldet euch, wenn ihr Hilfe braucht", bat sie. "Versprochen" lächelte ich. "Und vielen Dank für das Essen und das Angebot" "Immer wieder gerne", murmelte Davi, besorgte uns noch zwei Decken und machte sich auf den Weg nach Hause.

Leisha und ich kuschelten uns in unsere Decken und machten uns über das Essen her. "Okay, willst du was schlafen?", fragte ich Leisha. "Ehrlich gesagt bin ich noch nicht müde..." antwortete diese. Da es mir ähnlich ging, beließen wir es erst einmal beim wach bleiben. Es war kalt im Stall, trotz der Decken und ich ertappte mich dabei, wie ich näher an Leish ran rückte. Sie war mir von Anfang an sehr symphatisch gewesen und komischerweise hatte ich jetzt keine Hemmungen, meinen Kopf gegen ihre Schulter zu lehnen, als sie den Arm um mich legte. So saßen wir da, unterhielten uns leise, über alles und nichts, schwiegen auch immer mal wieder mal, so wie praktisch die ganze Zeit. Es war gemütlich, es war warm und ich fühlte mich sicher. Was kann man sich mehr wünschen?
***
"Judith, wach auf! Ich glaube, es geht los, aber keine Ahnung", verwirrt schlug ich die Augen auf. Ich musste wohl in Leishas Arm eingeschlafen sein, mittlerweile lag ich mit dem Kopf auf ihrem schoß. Etwas peinlich berührt rappelte ich mich hoch und warf einen Blick in Rascaias Box. Tatsächlich sah alles danach aus und so trat ich vorsichtig noch etwas näher, um mich bestätigt zu sehen – die Fruchtblase trat schon aus. Sofort griff ich nach meinem Handy und wählte die vorher eingespeicherte Nummer von Frau Dr. Herzig. Dabei streifte mein Blick die Uhr – halb 1, so lange hatte ich also nicht geschlafen, gut. Die Tierärztin meldete sich nach dem vierten Klingeln. "Ja?" Na super, da hatte ich wohl jemanden geweckt.. "Hallo Frau Herzig, Judith hier" Sofort klang die junge Frau viel wacher. "Ist es soweit?" Ich war froh, dass Nina Frau Dr. Herzig informiert hatte, dass ich aufpassen würde und ich so nicht stundenlang rumstottern musste. "Ja, die Fruchtblase tritt schon aus" "Gut, ich bin in spätestens 15 Minuten da. Beobachte sie gut und sag mir sofort Bescheid, wenn etwas nicht normal abläuft, ok?" Ich versprach das selbige und wir verabschiedeten uns.

Frau Herzig beeilte sich wirklich, sie brauchte nur knappe 10 Minuten. Bis jetzt sah alles nach einer normalen Geburt aus und so blieben wir vor der Box stehen und bließen Rascaia in Ruhe, das war meistens am Besten. Tatsächlich konnten wir sehen, wie erst die Hufe erschienen, dann der Kopf. Rascaia schnaufte und schwitzte, aber noch verlief alles normal und so war ein Einschreiten nicht nötig. "Komm schon, Mädchen!", feuerte Frau Herzig die Stute an, doch Rascaia schien die Kraft zu verlassen. "Eine erste Geburt ist ja auch immer schwer", murmelte die Tierärztin, betrat vorsichtig die Box. Die Trakehnerstute musterte sie neugierig bis misstrauisch, rührte sich aber nicht vom Fleck. Sophie lächelte zufrieden, trat an das Fohlen, dass noch halb feststeckte, heran und griff nach den Beinen. "Was macht sie da?", fragte Leisha leise. Ihre Hand hatte unwillkürlich meine umkrampft, wir waren beide angespannt und so machte mich die erneute Nähe auch nicht verlegen. "Sie hält gegen. Wenn Rascaia gleich wieder presst, verhindert sie durch das Gegenhalten nur, dass das Fohlen wieder ein Stück zurück rutsch. An den Beinen ziehen darf sie nicht, dass wäre nicht nur riskant für die Beine des Fohlen, sondern könnte auch den Geburtskanal von Rascaia ziemlich beschädigen", flüsterte ich zurück. "Wow", murmelte Leisha nur und ich wusste, dass es sich auf mein Wissen bezog, nicht auf Frau Dr. Herzig oder auf Rascaia.

Mit der Hilfe von der Tierärztin schaffte die Trakehnerdame es dann doch, dass Fohlen problemlos auf die Welt zu bringen. Jetzt lag das kleine Wesen im Stroh, bewegte sich noch nicht. Routiniert zeriss Sophie Herzig die Eihülle um das Fohlen und es begann, selber zu atmen. Rascaia, die sich neben dem Fohlen im Stroh niedergelassen hatte, schnupperte nun an ihm rum, erhob sich dann und die Nabelschnur zeriss. Von oben herab motivierte Rascaia ihr Baby zum Aufstehen. "Rammstein ist doch ein schöner Name", sinnierte ich leise vor mich hin, während ich bewegt zusah, wie das Fohlen versuchte, seine langen Beine zu sortieren und sich zweimal müsahm hochkämpfte, um dann wieder umzufallen. Rascaia ließ nicht locker, bis ihr Baby es zum dritten Mal versuchte und etwas wackelig, aber sicher stehen blieb. "Bravo, Baby!", lobte Frau Herzig lachen und während das Fohlen noch verdutzt stand, desinfizierte sie rasch die beiden Endpunkte der Nabelschnur, verließ das die Box. Ich schielte zu Leisha hin, die bewegt auf die Szene starrte und als das Fohlen anfing zu trinken, tropften ihr Tränen aus den Augenwinkeln. Sanft nahm ich meine neue Freundin einfach ohne nachzudenken in den Arm und drückte sie kurz. Leisha lächelte mich unter Tränen an. "Danke, dass ich das mit erleben durfte", flüsterte sie. Frau Herzig telefonierte leise im Hintergrund, aber das störte uns nicht. Der Moment gerhörte gerade nur uns und überwätigt von ihren Gefühlen, beugte Leisha sich ein bisschen nach vorne und küsste mich einfach. Und ich folgte meinen Gefühlen und erwiderte den Kuss, während das noch namenlose Fohlen in der Box gierig trank. Ohne die Geburt wäre diese immense Nähe wahrscheinlich gar nicht zustande gekommen, aber ich war dankbar dafür. Manchmal gibt es eben Momente im Leben, die alles verändern.

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Hoffe, das ist ok so. Aufgabe & Schicksal sind drin.

#2 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Davina 06.07.2012 12:00

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Ich mag den Beriiiiii *-* :D
der is so toll geschrieben :)))
und ich bin so nett und bring euch essen :D

#3 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 06.07.2012 12:39

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Danke Davi :* :)
Jaaaa, du solltest doch auch einmal in deinem Leben was Nettes tun :P

#4 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Davina 06.07.2012 14:16

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achso....
ich bin ja sons so böse :D

#5 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Lucy 08.07.2012 22:35

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Mega toller Bericht!!!!

Das mit den verschiedenen Arten der Gebärdensprache, verstehe ich zwar nicht ganz so... Aber dafür hast du ihn extrem spannend geschrieben. Konnte nicht mehr aufhören zu lesen! :)

#6 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 16.07.2012 15:27

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Jaaaa Davi, bist duuuuu :D

Danke Lucy :) Freut miich immer, wenn meine Beris ankommen <333 Och, das ist nicht so wichtig...^^ Aber nochmal vereinfacht: Es gibt die offizielle Deutsche Gebärensprache, die fast alle Gehörlosen 'sprechen', die DGS(Deutsche Gebärdensprache). So. Die ist aber schwer zu lernen, weil die Grammatik ganz anders ist- So wird aus "wie heißt du?" "dein Name was?" Deshalb lernen manche8vor allem Hörende, ich aber nicht, hehe:D) die LGS, wo eben alles genauso so übersetzt wird, wie man es spricht, was sich wiederum für gehörlose, die DGS benutzen, sehr komisch anhört... Wie man sich vielleicht vorstellen kann xD deshalb ist es besser DGS zu lernen, auch wenn es etwas schwieriger ist :) weiß jetzt nicht, ob dus besser verstanden hast, aber ist auch irgendwie egal:D

#7 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Lucy 24.07.2012 21:10

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Ja hast schon recht, das es i-wie egal ist, aber habe es nun besser verstanden... Danke.

#8 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 19.08.2012 20:10

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kein thema ;)

#9 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 30.08.2012 21:52

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der hier wartet auch noch auf bewertung ;) der nächste ist fast fertig und ich denke, du hast keine lust, dass sich meine Beris immer weiter ansammeln ;)

#10 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Nina 23.09.2012 21:55

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Ich bin sprachlos, das ist einfach nur der pure WAHNSINN! Du hast so viel Gefühl eingebaut man konnte wirklich jede Szene spüren, er war super zum lesen und wurde kein bisschen langweilig. Du solltest daraus echt ein Buch machen und es verkaufen.
Das waär das erste Buch für Jugendliche Reiterinnen, das endlich mal spannend wär und in dem es nicht immer nur um Zicken und Reitturniere geht.

Ausführlichkeit: 50/50
Personen: 24/30 (Leisha, Rose, Davina, Julia, Juliet, zweite Kellnerin, Gruppe Gangster, Nina)
Schicksal des aktuellen Monats: 20/20
Aufgabe des aktuellen Monats: 10/10
Handlung: 50/50
Gesamt: 154/160

Du bist auf Level 4 gestiegen! Belohnungen:
Ab jetzt kannst du so viele Pferde haben, wie du möchtest

Du bist auf Level 5 gestiegen! Belohnungen:
Du bekommst einen Einkaufsgutschein im Wert von 200T

#11 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 23.09.2012 22:23

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Juhuuu, er ist gelesen worden:D
Eigentlich schreibe ich gerade an nem anderen Buch :P und ich glaube auch nicht, dass sich jemand ernsthaft dafür interessiert :P
daaaankeeee :*

ist mir trotzdem etwas meckern gestattet? ;)
da waren noch mehr Personen drin... Da war noch die alte Frau(nach der Gangster Szene) da war der Polizist(ebenfalls Gangster Szene), da war Ayaka drin(Romance putzen/ zur Bodenarbeit fertig machen), da war Lucy drin(als ich mit Rose an Days Box war), da war Cora drin(auch an der Box), & da war Frau Herzig drin(bei der Geburt)... Da fehlen also ein paar Menschen... ;)

und ich bin gerade mal auf level zwei & noch gar nicht auf level 3 gestiegen, kann also nicht direkt auf lever 4 steigen :) also ich bin von den punkten auf level 5, aber du hast level 3 irgendwie vergessen... :D

#12 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Nina 24.09.2012 12:59

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Achsoo ja das änder uch dann am abend alles ;)
(bin grad mit handy drin) ich glaub du warst punktemässug schon die ganze zeit auf level 3 aber ich kanns ja npchamal dazuschreiben ;)

#13 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 24.09.2012 13:07

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das dazu schreiben muss nicht sein, es wunderte mich nur ;)
daaanke :D

#14 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Nina 24.09.2012 20:19

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6 Menschen mal 3 sind 18 Punkte extra ^^
Somit hast du mehr als die volle Punktzahl erreicht ;D

Herzlichen Glückwunsch!

#15 RE: 3# Manchmal gibt es Momente im Leben, die alles verändern. von Judith 24.09.2012 21:01

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Omg Oo
Das macht mich gerade sprachlos :P Daaankeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee

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