#1 26. Bericht: Bei Nacht und Nebel von Lisa 28.03.2014 13:42

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Wir saßen zu dritt auf meinem Bett und besprachen nochmal genau unseren Plan. Es war zehn Uhr, und so langsam war es still geworden im Monte Cassino, die meisten waren ins Bett gegangen. Jeder von uns hatte ein Handy, und die Nummern der anderen Beiden. Emma würde sich zunächst unter Georginas Fenster positionieren, während ich mich in der Nähe vom Stall, in Sichtweite der Tür, verstecken wollte. Tom würde den schwierigsten Part übernehmen; er wollte sich hinter den Springbrunnen in der Mitte des Hofes hocken, um Georgina's Zimmertür im Auge zu haben. Wenn sie raus käme, würde er die anderen beiden benachrichtigen, genauso wie Emma, wenn sie bemerkte, dass sich in Georginas Zimmer etwas tat. Tom würde sie dann bis zum Stall verfolgen, wo ich wartete. Gemeinsam wollten wir ihr und Kiss anschließen hinterher schleichen – wenn es überhaupt Kiss war, um die es ging. In der Zeit würde Emma schon mal zur Tür des Maestro gehen und dort auf unser Signal warten. Soweit, sogut. Aber wann würde die Aktion starten? Jetzt noch nicht, dazu war es noch zu früh. Aber es konnte schon bald losgehen, oder aber erst mitten in der Nacht, oder um vier Uhr früh... Wir wussten es nicht, vermuteten aber um Mitternacht herum. Wir mussten einfach solange warten, auch wenn es sehr anstrengend war und wir alle hundemüde waren.
„Danke dass ihr mir helft, Leute“, sagte ich aufrichtig.
„Klar, ist doch kein Thema. Die Schla**e soll damit doch nicht einfach so durchkommen!“, gab Tom enthuastisch zurück und Emma nickte, „Das war echt eine sau gemeine Aktion mit dem Juckpulver!“

Es war stockdunkel, und die Sterne wurden von dicken Wolken überdeckt, was diesen Eindruck noch verstärkte. Kein Mond war zu sehen, und langsam, ganz langsam kroch Nebel aus den Wäldern empor. Ich fröstelte, und rieb mit den Händen meine Oberarme. Ich wartete schon eine gefühlte Ewigkeit vor dem Stall, und nichts regte sich. Hin und wieder hörte man irgendwelche Vögel – gab es in Italien Eulen? - und es war wirklich richtig gruselig. Ich wünschte, ich hätte mir im Stall drinnen ein Versteck gesucht, aber dafür war es wohl zu spät, Georgina könnte jeden Moment auftauchen. Außerdem war die Gefahr zu groß, dass die Pferde unruhig wurden und Georgina warten. Ob sie Kiss wohl sedieren würde? Wohl nur im schlimmsten Notfall, den ein sediertes Pferd kann nicht mehr besonders gut laufen, das würde dann wahrscheinlich viel zu lange dauern.
Ich schaute auf meine Uhr. Kurz nach eins, und Tom hatte sich immer noch nicht gemeldet. Das plätschern des kleinen Brunnens im Garten hörte sich gespenstig an, in dieser windstillen, nebeligen Nacht. Durch die Wolken und den Nebel konnte man kaum etwas sehen, und wieder rollten mir Schauer über den Rücken. Plötzlich wurde ich durch das leise Vibrieren meines Handy aufgeschreckt. Tom hatte geschrieben!
„Unterwegs“, lautete die knappe Botschaft. Oh mein Gott, es ging los! Es wurde tatsächlich ernst! Mein Herz pochte schnell und das Adrenalin ließ mich hellwach werden. Wir taten es tatsächlich! Das Planen ist ja schön und gut, aber wenn man dann so etwas tatsächlich in die Tat umsetzt, dass ist etwas ganz anderes. Kein kleine Jungenstreich. Wenn Jugendstreiche eskalieren, ist das Schlimmste, was passieren kann, ein Monat Hausarrest oder ähnliches. Aber ich spürte, dass wir hier, wenn etwas schief gehen sollte, nicht so leicht davon kommen würden. Ein Pferdediebstahl war schon eine ganze Nummer größer, vor allem wenn das Pferd so wertvoll ist. Ich hatte Angst davor, erwischt zu werden, und Angst vor dem Unbekannten, der am Übergabeort wartete. Aber hätte ich gewusst, was mich wirklich erwartet, wie ernst es tatsächlich werden würde, dann hätte ich das Ganze abgebrochen und sofort die Polizei gerufen. Aber im nach hinein ist man ja immer schlauer...

Plötzlich tauchte eine Gestalt im Nebel auf. Georgina war da! Mein Herz pochte so laut, ich hatte Angst, sie würde es hören und mich entdecken. Natürlich hörte sie es nicht, sondern sie schlich ganz leise zur Stalltür und öffnete diese. Da hier alles top gepflegt ist, machte die Tür natürlich auch keine lauten Geräusche, und Georgina verschwand geräuschlos im Stall.
Auf einmal spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Ich erschrak fürchterlich, drehte mich um und konnte gerade noch so den Schrei aufhalten, als ich Tom erkannte.
„Mensch, erschreck mich NIE wieder so!! Ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen!“, raunte ich ihn an.
„Sorry“, flüsterte er zerknirscht, und ich drehte mich wieder zum Stall um. Man hörte leises Stampfen von den Pferden, die in ihrer Nachtruhe gestört wurden. Dann tauchte auch schon wieder Georgina auf, diesmal mit einer übel gelaunten Kiss am Strick. Sie hatte Lappen um die Hufe gebunden, damit man ihren Hufschlag nicht hören würde. Es war gespenstisch, wie sehr der Nebel alle Geräusche verschluckte, und wie das Mädchen mit dem Pferd lautlos im Nebel verschwand.
„Schnell!“, hauchte ich und wir liefen geduckt – wie in James Bond Filmen – in die Richtung, in die Georgina verschwunden war. Kurz darauf erkannten wir wieder die Schemen von Kiss und ihr. Sofort bleiben wir stehen, und bewegten uns nun lautlos mit genug Abstand hinter ihnen her. Georgina ging in den Wald, und die dichten Piniennadeln auf dem Boden verschluckten jede Fußtritte. Tom und ich hielten uns immer in den Bäumen, als Georgina sich plötzlich umdrehte, als hätte sie etwas gehört, oder zumindest geahnt. Mein Herz blieb kurz stehen, dann hämmerte es umso schneller wieder los. Wir erstarrten in unseren Bewegungen und standen stocksteif hinter einem Baum. Wir konnten sie sehen, also würde sie uns auch sehen können, wenn sie ganz genau hinschaute. Aber Georgina sah die zwei Schemen, die hinter dem Baum verharrten, nicht, sondern blickte den Weg entlang zurück, ob ihr jemand gefolgt war. Ihrer Ansicht nach war die Luft rein, und so ging sie weiter. Kiss war so schlaftrunken, dass sie einfach nur lustlos hinterher trottete. Der Tag war für sie sehr anstrengend gewesen, und sie war es schließlich gewohnt, dass man mit ihr im Wald spazieren ging. Ab und an schüttelte sie den Kopf und wollte stehen bleiben, aber Georgina zog sie unerbitterlich weiter mit sich.
Ich hatte das Gefühl, das wir schon weit vom Stall weg waren, und war sehr froh, dass ich Tom an meiner Seite hatte. Alleine hätte ich mir vor Angst bestimmt in die Hose gemacht.
Schließlich – nach einigen Abzweigungen und langem Weg – lichtete sich der Wald ein wenig, und der Weg wurde breiter, bis wir an einer kleinen Schotterstraße waren. Und da waren sie auch schon. Mehrere Fahrzeuge schälten sich aus dem Nebel, ein großer Transporter und mehrere kleine. Quads? Ich konnte es im Nebel nicht so gut erkennen. Einige Schemen standen um die Fahrzeuge herum und erwarteten Georgina. Tom und ich schauten uns an und verständigten uns stumm, dass wir weiter ran schleichen wollten, in die Büsche am Rande der Straße. Es war wie eine Szene aus einem Gangsterfilm. In einer dunklen, wolkenverhangenen Nacht, mitten im italienischen Pinienwald auf einem einsamen Berg trafen sich die Gangster zur Übergabe eines kostbaren Gutes. Es war nebelig und unheimlich. Und das Gut war „meine“ Kiss, die jetzt sehr unruhig und ängstlich wirkte. Sie wollte nach Georgina schnappen und sich befreien, stieg und tänzelte am Strick. Georgina kannte ihre Eskapaden aber nur zu gut und konnte sie leicht bändigen. Wir schlichen ganz langsam und sachte näher. Aus Angst, auf einen trockenen Ast zu treten, bewegten wir uns Zentimeter um Zentimeter vorwärts, bis wir schließlich hinter einem Busch direkt an der Straße kauerten. Wir konnten die Gruppe von Männern, die sich bei den Fahrzeugen befanden, genau sehen und gut verstehen. Georgina, die mit Kiss gekämpft hatte, kam jetzt auch dazu.
„Hey, das war so aber nicht abgemacht!“, fing sie an auf einen der Männer einzureden.
„Ist gut, beruhige dich. Denaro hat uns seine Jungs nur zum Schutz mitgeschickt, es soll nichts schiefgehen. Er will nicht mehr länger warten, verstehst du?“, antwortete der Mann ihr, während die anderen scheinbar unbeteiligt da standen und warteten.
„Scheiße!“, hauchte Tom. Fragend sah ich ihn an.
„Denaro, Mafiaboss“, flüsterte er tonlos die zwei Wörter, die eine Eiseskälte in mir verursachten.
„Polizei“, formte Tom mit den Lippen und zeigte auf sich und auf den Wald hinter uns. Ich nickte, und Tom schlich leise davon, um sofort Emma und die Polizei zu verständigen.
Ich machte mir vor Angst fast in die Hose, und beobachtete, was weiter geschah.
„Jetzt macht endlich, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!“, drängte einer der Männer und sofort kam Bewegung in das Ganze. Die Rampe des Transporters wurde entriegelt, sie waren im Begriff, Kiss zu verladen! Aber die Stute wehrte sich jetzt mit aller Kraft gegen Georginas unerbitterlichen Griff. Sie hatte scheinbar gespürt, dass etwas Übles im Gange war, und durch das Geräusch der sich entriegelnden Klappen war die aufgeschreckt worden.
„Komm, knall die Stute einfach ab, dann macht sie keine Mucken mehr!“, forderte einer der Männer unwirsch.
„Stopp, so war das nicht geplant, die Stute sollte danach mir gehören, außerdem bekommt ihr sie tot nicht in den Transporter!“, stellte sich der Unbekannte, mit dem Georgina auch schienbar immer telefonierte, dem Mann entgegen. Mein Herz war wieder stehen geblieben und in meinem Kopf rauschte das Blut. Warum wollten sie Kiss, wenn es egal war, ob sie lebte oder starb?
„Georgina, gib ihr das Sedierungsmittel, los, mach schnell!“, rief der Unbekannte zu Georgina rüber, die etwas abseits gegangen war, um Kiss wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie war wieder weiter nach hinten, in den Wald rein gegangen, und ich sah, wie sie jetzt in ihre Tasche griff, und eine Spritze zu Tage förderte. Kiss rollte ängstlich mit den Augen und wich zurück.
Ich geriet in Panik. Tom war weg, ich konnte ihn auch nicht mehr sehen, dazu war den Nebel zu dicht und die Nacht zu dunkel. Ich war alleine, und Kiss kurz davor, sediert und verladen zu werden. Ich musste das unbedingt verhindern! Wenn die Mafia dahinter steckte, dann würde Kiss garantiert nie wieder gefunden werden. Vorallem wenn die Leute von der Mafia Kiss lieber tot hätten, oder es ihnen einfach komplett egal war, in welchem Zustand sie sich befand. Und ich hatte das blöde Gefühl, die Typen von der Mafia hatten eher das Sagen, als der Unbekannte, der ihnen alleine gegenüberstand.
Ich verstand das alles nicht, aber damit musste ich mich wann anders auseinandersetzten, jetzt musste ich versuchen, Kiss zu retten!
Also schlich ich mich weiter in den Wald hinein, auf die Stelle zu, an der Georgina mit Kiss kämpfte. Sie musste den Deckel von der Spritze abnehmen, aber Kiss war zu unruhig, als dass Georgina dafür eine Hand frei hätte. Ich war jetzt direkt an ihnen dran, sodass ich Kiss – die angefangen hatte zu schwitzen – schon riechen konnte, und die Wärme ihres Körpers spürte.
Plötzlich war meine Chance da. Kiss hielt einen Moment Ruhe, und Georgina hielt den Strick locker in einer Hand, um die Spritze startklar zu machen. Sie schaute nach unten, und in dem Moment rauschte das Adrenalin stark durch meine Adern, ließ mich in dieser gefährlichen Situation instinktiv handeln. Ich sprang leise aus dem Gebüsch raus und schubste Georgina mit aller Kraft von Kiss weg. Um ihren Sturz aufzufangen, ließ Georgina instinktiv Kiss' Strick los und ich ergriff ihn schnell. Georgina war einen Moment geschockt, aber dann passierte alles auf einmal. Georgina fing an zu schreien, Kiss machte Anstalten, blindlings loszustürmen und ich griff in ihre Mähne und sprang auf ihren blanken Rücken. Mir blieb nicht die Zeit, erstaunt zu sein, dass ich es geschafft hatte, ohne Hilfe aufzusteigen, denn schon stürmte Kiss los. Leider in die falsche Richtung, genau auf die Männer zu. Sie war so in Panik, dass sie meine Hilfen nicht registrierte, bevor es zu spät war. Die Männer waren alamiert von Georginas Schreien und ich sah aus den Augenwinkeln, dass sie Waffen gezogen hatten. Noch schossen sie nicht auf uns, aber das konnte schnell gehen, ihnen war es ja egal, ob Kiss überlebte. Mir aber nicht. Jetzt waren wir genau im Schussfeld, und Kiss zögerte, als sie die Barriere der Männer und der Quads erblickte. Leider war es zum Umkehren zu spät. Mein Verstand arbeitete blitzschnell und ich setzte all meine Reitkunst ein, um Kiss energisch weiter zutreiben. Wenn wir umgedreht hätten, hätten sie uns leicht erschießen können, also mussten wir da durch, geradeaus. Im vollen Tempo hätten wir vielleicht eine Chance, zu entkommen, bevor sie schossen, schließlich hatten wir noch den Überraschungsmoment auf unserer Seite. Kiss zögerte, aber ich trieb sie unerbitterlich auf die Männer zu. Die sprangen zur Seite, als wir mitten durch sie hindurch fegten. Ich betete, dass Kiss meine Signale richtig verstehen würde; und sie tat es. Sie raste auf die Quads zu und taxierte, passte ihren Galopp an und sprang ab. Wir segelten über die niedrigen Fahrzeuge und ließen Quads, Transporter und Männer hinter uns zurück. Doch ich machte mir keine Hoffnung, sie abgehängt zu haben. Ich trieb Kiss zu einem noch schnelleren Tempo und hoffte, sie würde auf dem Schotter nicht ausrutschen. Rasend schnell surrten die Pienenbäume rechts und links an uns vorbei. Ich musste von der Straße runter, hier konnten sie uns viel zu leicht einholen! Und schon hörte ich das Surren von mehreren Motoren hinter uns. Sie waren uns auf den Fersen! Ich kauerte mich dicht über Kiss' Mähne und hielt mich darin fest. Ich hatte keine Zügel, konnte schlecht lenken, und auf der Straße waren die Quads im Vorteil. Ich war in einer auswegslosen Situation. Und schon hörte ich die ersten Schüsse hinter uns knallen. Ich duckte mich dicht an Kiss Hals und hielt nach einer Lücke zwischen den Bäumen Ausschau. Kiss Mukseln arbeiteten unermüdlich in einem irrsinnigen Tempo unter mir, und sie legte die Ohren flach an den Kopf, als sie – gejagt von den Kugeln – noch einen Zahn zulegte. Auf einmal knallte es direkt neben mir laut; sie hatten uns fast getroffen! Das Surren der Motoren wurde immer lauter, sie kamen näher! Panisch schaute ich in den Wald, und da, da tauchte die ersehnte Lücke zwischen den Bäumen auf! Durch den Nebel hatte ich sie erst im letzten Moment gesehen, und musste schnell handeln, um Kiss irgendwie dahin zu bekommen.
„Komm schon, Mädchen, wend ab!“, rief ich ihr zu und lenkte mit Bein und Gewicht zu der Lücke. Aber Kiss war zu sehr in Panik, um auf meine Hilfen zu reagieren! Und der Strick war auf der falschen Seite, ich konnte sie nicht herumziehen. Außerdem war ich noch nicht mal sicher, ob die Lücke wirklich bedeutete, dass da ein Wald weg war. Ich konnte es nur hoffen, aber das brachte mir auch nichts, wenn Kiss nicht endlich abwendete! Mit aller Kraft drückte ich mit dem Bein in ihre Seite, dann holte ich aus und puffte sie feste an, und endlich reagierte sie! Sie sah den Weg, wusste wohin ich wollte und bog im letzten Moment ab. Wir gerieten in eine große Schieflage und rutschten auf dem Schotter mehrmals weg. Mir bleib das Herz stehen, aber Kiss fing sich jedes Mal wieder und kam um die Kurve. Wir galoppierten jetzt auf einem weichen Waldweg, der aber mit vielen Wurzeln übersäht war. Hier waren WIR im Vorteil! Ich drehte mich um und schaute zurück. Eines der Quads versuchte, uns die irrsinnige Kurve nachzutun, aber in dem Tempo hatte er keine Chance. Das Quad verlor den Halt und ruschte aus der Kurve, überschlug sich mehrmals, und blieb dann liegen. Die anderen fuhren ein Stück am Weg vorbei und bremsten. Ohne Zweifel würden sie schnell gedreht haben und uns bald wieder auf den Fersen sein. Ich schaute wieder nach vorne und bekam die nächste Panikattacke. Da, wenige Meter vor uns, war ein riesiger Baumstamm über den Weg gefallen! Er war so schief, und lag auf der anderen Seite auf einem Baum auf, dass die niedrigen Quads bestimmt darunter hinweg fahren konnte, aber wir kamen nicht durch! Wir mussten in den Wald ausweichen, aber dann hätten wir sehr viel Zeit verloren, denn in dem Tempo konnten wir nicht drumherum reiten. Was sollte ich tun? Es ging alles so schnell, ich hatte eine Zeit, zu reagieren. Kiss nahm mir die Entscheidung ab. Sie fixierte den Baum, der bestimmt dicht an ihre eigene Widerristhöhe heranreichte, und zog an. Ich schloss kurz die Augen, betete, das heil zu überstehen und klammerte mich mit aller Kraft mit Händen und Füßen an Kiss fest. Ohne Sattel hatte ich keinen guten Halt, und wenn ich runter fallen würde, wäre es aus. Zu Fuß hatte ich keine Chance, zu entkommen. Kurz darauf riss ich die Augen panisch wieder auf, und sah den riesigen Baum direkt vor uns. Und Kiss setzte zum Sprung an.
Kräftig stießen ihre Muskeln uns vom Erdboden ab, als wollten sie die Schwerkraft verhöhnen. Ich wurde nach hinten geworfen, hielt mich an der Mähne fest und blieb gerade so oben. Dann waren wir in der Luft. Wir sprangen nicht, wir flogen. Der Moment währte scheinbar ewig, und trotz der gefährlichen Situation, in der wir uns befanden, fühlte es sich großartig an. Kiss streckte sich, machte sich lang, und landete sicher auf der anderen Seite. Von dem Ruck der Landung wurde ich auf ihren Hals katapultiert, aber sie hielt ihren Kopf zum Glück hoch erhoben und ich umklammerte sie, stieß mich zurück auf ihren Rücken und hatte es geschafft. Hatte den Sprung überstanden. Doch jetzt waren die Quads auch wieder näher gekommen, ich hörte sie hinter uns brummen. Drei Stück waren noch übrig, einen hatte ich ausgeschaltet. Eher gesagt, er hatte sich in der Kurve selber ausgeschaltet. Plötzlich knallte ein Schuss und schlug neben mir in einem der Bäume ein. Keine Sekunde später waren wir wieder einige Meter weiter, Kiss hatte das Tempo wieder beschleunigt. Jetzt wurde der Weg schmaler, und weiter vorne gabelte er sich. Alles war nur schemenhaft zu erkennen, der Nebel haftete immer noch an den Bäumen und Sträuchern, obwohl er sich vom Weg weitesgehend zurückgezogen hatte. Langsam schob sich ein heller Mond durch die Wolken, und ich konnte immer besser sehen. Einerseits war das natürlich gut, aber andererseits konnten unsere Verfolger uns so auch besser ausmachen. Blitzschnell kam die Weggabelung näher, und ich entschied mich für den linken, bergabführenden Weg. Diesmal konnte ich Kiss mit dem Strick lenken, und sie bog in den schmaleren Weg ab. Die Quads kamen näher. Vor uns schlängelte der Weg sich durch die Bäume, und wir mussten das Tempo verringern. War der linke Weg doch die falsche Entscheidung gewesen? Eine falsche, tödliche Entscheidung? Wieder knallte ein Schuss, aber jetzt kamen die Quads zu den Bäumen, und die Fahrer mussten sich komplett auf ihre Fahrzeuge konzentrieren. Plötzlich gab es einen überlauten Knall und Kiss schoss erschrocken in schnellerem Tempo nach vorne. Verzweifelt versuchte ich sie, wieder zu bremsen, um dem nächsten Baum auszuweichen. Sie galoppierte Kopflos geradeaus, immer weiter auf den Baum zu. Im letzten Moment machte sie einen erschrockenen Schlenker zur Seite, und ich wäre beinahe runtergefallen. Volle Kanne knallte ich mit dem Bein gegen den Baum.
„AAAh!“, schrie ich vor Schmerz auf. Mir schossen die Tränen in die Augen, aber ich biss die Zähne zusammen. Ich durfte mir jetzt keine Schwäche erlauben! Ich versuchte, den stechenden, pochenden Schmerz in meinem Bein so gut es geht auszublenden und drehte mich um, um herauszufinden, was da passiert war. Plötzlich gab es einen lauten Rums und Flammen schossen weiter hinten zwischen den Bäumen empor.
Eines der Quads hatte nicht so viel Glück mit dem Baum gehabt, wie ich. Er war scheinbar voll dagegen gefahren und jetzt war das Fahrzeug explodiert.
Einer weniger!, dachte ich kalt und blickte wieder gerade aus. Gerade noch rechtzeitig, um auf den nächsten Schlenker von Kiss vorbereitet zu sein, denn sie um einen der Bäume machte. Jetzt wurde der Weg wieder breiter und führte bergab. Bald mussten wir im Tal ankommen, und wären wir erst in Terracina, würden die Quads uns doch wohl nicht mehr verfolgen, oder?
Plötzlich tauchte in der Dunkelheit ein großer Klotz vor uns auf, der mitten auf dem Weg war. Ich riss erschrocken die Augen auf und vergaß für einen Moment sogar den Schmerz in meinem Bein. Kiss stockte, dann galoppierte sie mutig weiter auf das neue Hindernis zu. Als wir näher kamen, sah ich, dass es ein Holzstapel war. Scheinbar wurde der Weg von der anderen Seite, von Terracina aus genutzt, und ab dem Holzstapel war er offiziell zu Ende. Wir mussten der Stadt ganz nahe sein! Nur noch ein kleines Stück weg, und dieser Stapel trennten uns von der Rettung! Schon waren wir darüber gesprungen, es ging so schnell, da man in der Dunkelheit nur ein paar Meter weiter sehen konnte. Und wieder ein lauter Knall.
Da hat wohl einer nicht rechtzeitig reagiert, dachte ich grimmig. Nur noch einer, der mich verfolgte. Ich galoppierte weiter auf dem Weg, der jetzt breiter und ebener war. Plötzlich horchte ich auf. Ich hörte nichts mehr! Kein Brummen von Motoren mehr hinter mir! Hatten wir alle abgehängt? Hatten wir es tatsächlich geschafft? Ich sackte erschöpft auf Kiss Rücken zusammen, die jetzt langsam kanterte. Sie schien auch zu merken, dass hinter uns niemand mehr war, und plötzlich brach mit unglaublicher Wucht der Schmerz auf mich herein. So sehr, dass mir kurz schwarz vor den Augen wurde.
Plötzlich traf mich aus dem Nichts ein Stoß, der mich ohne Vorwarnung von Kiss' Rücken katapultierte. Ich lag erstarrt auf dem Rücken auf dem Waldboden. Mir war die Luft weggeblieben und ich schnappte verzweifelt nach Sauerstoff. Ich konnte nichts sehen, es war alles schwarz und kribbelig. Als ich endlich wieder Luft bekam richtete ich mich auf – und blickte in die Mündung einer Pistole. Ich erstarrte und blickte wie hypnotisiert hinein. So sah also der Tod aus, schwarz und eiskalt.
„Du kleine, miese Drecksschlampe!“, zischte Georgina mich an. Sie war in keiner guten Verfassung, hatte überall Schrammen und Dreck im Gesicht und zerwühlte Haare. Hass funkelte in ihren Augen, eiskalter Hass.
„Du hast mir alles versaut, du Hure! Seit du da bist, geht alles schief!“, ereiferte sie sich. Ich schluckte schwer und traute mich nicht, auch nur zu atmen.
„Noch nicht mal als ich mit deinem behinderten Freund geschlafen habe, bist du endlich abgehauen, NEIN, du musstest mir weiterhin in die Quere kommen und dem Maestro zeigen, dass Kiss gut gehen kann! Meine Monatelange Arbeit, sie schlecht zu machen, hast du in zwei Tagen kaputt gemacht!“ Georgina redete wie ein Wahnsinnige.
„Der Plan war so gut“, heulte sie jetzt verzweifelt auf, „der Maestro hätte Kiss an meinen Vater verkauft und die Cosa Nostra hätten ihre verdammte Speicherkarte bekommen, ohne mit der Ermordung meines Vaters zu drohen! Weißt du, was du da eigentlich angerichtet hast?! Mein Vater ist tot, sie haben ihn erschossen, als du mit dem Gaul abgehauen bist! Und dafür wirst du jetzt büßen“, zischte sie boshaft und entsicherte die Waffe. Ich schaut in die Mündung, und da war er; der kalte, grausame Tod, der nur auf mich wartete.

#2 RE: 26. Bericht: Bei Nacht und Nebel von Lisa 28.03.2014 15:26

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Schicksal "wenn Jugendstreiche eskalieren" ist drin ;)

#3 RE: 26. Bericht: Bei Nacht und Nebel von Lucy 29.03.2014 15:36

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Woh.... Gänsehaut...

#4 RE: 26. Bericht: Bei Nacht und Nebel von Lisa 29.03.2014 16:39

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:)
gut dass es weitergeht^^

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