#1 27. Bericht: Alles wird gut... von Lisa 28.03.2014 14:19

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Ich starrte ein paar lange, endlos lange Sekunden in die Mündung der Waffe und wartete auf die Kugel, die meinen sicheren Tod bedeutet hätte.
Im nach hinein ging alles ganz schnell, aber in dem Moment schien die Welt stillzustehen, den Atem anzuhalten.
Georgina krümmte den Finger über dem Abzug und ich saß da und starrte wie ein Reh ins Scheinwerferlicht, unfähig, mich zu bewegen. Unfähig, die Augen zu schließen, um wenigstens die kalte Mündung nicht mehr zu sehen. Wie in Zeitlupe krümmte sich ihr Finger weiter, während sich hinter ihr - etwas von ihr unbemerktes – in mein Bild schob. Ein riesiger Schatten kam langsam heran, und Georgina bemerkte es, aber es war zu spät. Sie hob den Kopf und starrte mit weit offenen Augen dem riesigen Schatten entgegen, der sich nur noch Zentimeter von ihr entfernt befand. Dann rammte der Schatten sie mit unglaublicher Gewalt und Georgina, ebenso wie die Mündung, schoben sich langsam aus meinem Blickfeld. In echt ging es irrsinnig schnell, aber ich sah alles in Zeitlupe, hörte wie in Watte gepackt einen Knall. Dann einen lauten Rums, die Erde bebte, als der riesige Schatten direkt vor mir auf den Boden fiel.
Mit einem Schlag war die Benommenheit wie weggewischt und ich sprang auf.
„Kiss!“, heulte ich auf und war mit einem Satz bei der Stute, die auf dem Boden lag. Unter ihr begraben war Georgina, die sich nicht regte, genauso wenig wie meine geliebte Stute.
„Kiss, Kiss, bitte steh auf!“, rief ich verzweifelt und die Tränen liefen mir über die Wangen.
Kiss hob den Blick und schaute mich liebevoll an. Ich robbte zu ihrem Gesicht und sie ließ ihren schweren Kopf erschöpft auf meinen Schoß sinken, schloss die Augen.
„Neiiiiin!“, schluchzte ich auf und beugte mich über ihren Kopf, umarmte sie, schüttelte sie, versuchte verzweifelt, sie zum aufstehen, zum kämpfen zu bewegen. Sie rührte sich nicht, und langsam drang Blut unter ihrem schweren Körper hervor. Ich schluchzte auf, als ich es sah und schrie verzweifelt „HILFE! HIIIILFE!“
Doch außer meinem hysterischen Schluchzen war nichts zu hören, in dieser stillen, tödlichen Nacht. Georgina lag mit dem Gesicht nach unter und dem Körper unter dem von Kiss' auf dem Boden, auch sie gab keinen Mucks von sich. Kein Lebenszeichen. Blind vor Tränen registrierte ich, wie immer mehr Blut den Waldboden schwarz färbte. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, und merkte entsetzt, dass auch meine Hände voller Blut waren. Weiter Tränen quollen aus meinen Augen und ich hockte neben meiner wundervollen, tapferen Kiss und wiegte ihren Kopf in meinen Armen, besinnungslos und verzweifelt.
„Alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut“, wiederholte ich wie in Trance und mit brüchiger, tränenvoller Stimme. „Alles wird guuut“, heulte ich und verstummte, wiegte Kiss' Kopf in meinem Armen, konnte nicht aufhören, konnte nicht akzeptieren, wollte nicht akzeptieren und verstand nicht, wie das alles passieren konnte. Vor ein paar Stunden saßen wir doch noch auf meinem Bett und planten unseren „James-Bond-Coup“, der so gut durchdacht war, da hätte nichts schiefgehen können, da sollte nichts schiefgehen. Es war wie ein Spiel, und jetzt war es bittere, eiskalte Realität geworden. Mit blutverschmierten Händen wischte ich mir die Tränen vom Gesicht, aber immer weitere kamen nach, tropften von meinem Kinn auf Kiss Wange. Meine liebe, schöne, tapfere Kiss! Ich schluchzte wieder auf, hörte nicht auf, ihren Kopf in meinen Armen zu wiegen und hockte wie in der Zeit gefangen neben den zwei Lebewesen, die niedergestreckt auf dem Boden lagen. Regungslos, ohne Lebenszeichen.

„Alles wird gut, alles wird gut“, murmelte ich heiser und wiegte Kiss Kopf in meinen Armen.

„Alles wird gut“, die Tränen nahmen mir die Sicht.

„Alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut“, die Szenerie wurde in gespenstisches Blaues Licht getaucht und ich wiegte Kiss Kopf in den Armen, wollte sie nie wieder loslassen.

„Alles wird gut, alles wird gut“, starke Arme zogen mich von hinten weg, weg von Kiss! Das konnte ich nicht zulassen!
„Neiiiin!“, heulte ich auf und wehrte mich, wog Kiss' Kopf in meinen Armen, „alles wir gut, alles wird gut, alles wird gut“, wiederholte ich mein Mantra.
Ich wurde kurz in Ruhe gelassen, wiegte Kiss' Kopf in meinen Armen, „alles wird gut“
Plötzlich packten mich noch mehr starke Arme und entrissen mir Kiss. „Neiiin, neiiin!“, kreischte ich, „alles wird gut, alles wird gut“, ich umschlang meinen Oberkörper mit den Armen und wiegte mich. „Alles wird gut“, schluchzte ich und plötzlich pickste es am Arm und alles um mich herum wurde schwarz. Schwarz und leise, ruhig. Alles wird gut...


Georginas Hämisches Lachen störte meine Ruhe.
'Hör auf!', schrie ich, aber sie lachte noch mehr. Ein Klicken. Eine Waffe wurde entsichert. Ich blickte in die Mündung, eiskalter Tod blickte mir entgegen, flüsterte mir zu. 'Komm, komm, es tut nicht weh, alles wird gut!'
Dann ein lauter Knall. Ich betrachtete von oben, wie ein Loch in meiner Stirn erschien, wie ich nach hinten fiel und sich wie ein Kranz dunkelrotes Blut um meinen Kopf ausbreitete, meine Haare verfärbte. Dann ein panisches Wiehern, Kiss!
Und plötzlich wurde alles wieder schwarz um mich herum, dunkel, ruhig. Alles wird gut...


Langsam tauchte ich aus der dunklen Schwärze auf. Das erste, was ich spürte, war der Schmerz. Mein Kopf wollte explodieren. Kein Wunder, mit so einem Loch in der Stirn, dachte ich, und sah das Blut, wie es sich um meinen Kopf herum ausbreitete. Doch dann kam ein anderer Schmerz hinzu, mein Bein pochte wie verrückt, und ich hörte wieder das panische Wiehern eines Pferdes. Tränen schossen mir in die Augen, ich hatte gar kein Loch in der Stirn! Kiss hatte die Kugel, die für mich bestimmt war, abgefangen. Kiss.. Sie hatte mich gerettet. Meine Heldin.
Kiss.... Alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut, echote es in meinem Kopf. Die Tränen quollen über und liefen über meine Wange.
„Sie wird wach, endlich!“, hörte ich undeutlich wie durch eine dicke Wand eine Stimme. Kannte ich diese Person? Es war mir egal, ich wollte alleine sein, ich wollte überhaupt nicht sein... Kiss... Alles wird gut!

Fest hielt ich die Augen geschlossen, wollte die Welt nicht sehen, die Welt ohne Kiss, wollte nicht real sein. Wollte, dass der Traum aufhört, dass ich in Deutschland bin in München bei meinen Eltern. Wollte nicht die Sonne Italiens sehen, die ich auf meinem Gesicht spürte. Der Schmerz sollte aufhören, er sollte nicht sein, es sollte alles nicht sein, alles wird gut!
Doch der Schmerz war stärker, holte mich in die Realität zurück, pochte und drückte, zerrte mich aus meinem Traum, in die bittere, harte Realität ohne Kiss. Wo war sie? Warum spürte ich ihr Fell nicht mehr unter meinen Fingern, das Gewicht ihres Kopfes nicht mehr in meinen Armen?! Alles wird gut...

Der Schmerz drückte mich nach oben, holte meine Empfindungen immer stärker hervor, ließ mich die Stimmen um mich herum hören.
„Holt den Doktor!“ „Warum macht sie denn die Augen nicht auf?“ „Lisa, hörst du mich?“
Ich konnte sie nicht mehr ausblenden, konnte nicht abdriften, konnte Kiss' Kopf nicht in meinen Armen spüren. Alles wird gut...

Ich stöhnte auf, der Schmerz nahm überhand, ich sah rot, wollte die Augen öffnen, konnte nichts sehen, hatte nur noch diesen Schmerz im Bein. Es tat so weh, warum half mir denn niemand? Ich stöhnte wieder, wand mich, wollte nach meinem Bein greifen, spürte nichts, hatte kein Gefühl in den Händen. Dann spürte ich angenehme Kälte meinen Arm hinunterlaufen, die Kälte breitete sich aus, erreichte mein Bein, betäubte es, löschte das Feuer des Schmerzes, dass in ihm brannte, entfachte das Feuer in meinem Herzen wieder. Kiss.. Wo war sie? Alles wird gut...
Es wurde wieder schwarz, und ich ließ mich dankbar absinken in den Tümpel der Ruhe, sah nicht die Mündung der Waffe, sah nicht den roten Schmerz, fühlte nichts. Alles wird gut...

#2 RE: 27. Bericht: Alles wird gut... von Lucy 29.03.2014 15:41

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Zum Glück hast du den nächsten Teil schon gepostet! Muss sofort weiter lesen. "Alles wird gut..." hat so eine beruhigend Wirkung. Toll das du es immer wieder wiederholt hast!

#3 RE: 27. Bericht: Alles wird gut... von Lisa 29.03.2014 16:40

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ja, um mich zu beruhigen hauptsächlich^^

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