#1 Nr. 28 - Heimkehr von Lucy 03.04.2014 21:58

avatar

Nr. 28 - Heimkehr

Langsam wurde mir echt langweilig und ich war extrem froh darüber endlich nach Hause gehen zu dürfen. Gut, ich hätte schon früher gehen dürfen, aber nur ich. Liv hätte zur Überwachung noch bleiben müssen. Mit ihr hätte also auch Mel bleiben müssen. Ich wollte aber meine beiden Töchtern nicht allein hier lassen und so hatte ich mich damit abgefunden, hier im Krankenhaus zu bleiben. Aber heute durfte ich endlich gehen. Endlich! Liv und auch Mel waren in den wenigen Tagen, die Seit ihrer Geburt vergangen waren, schon extrem gewachsen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass sie jemals beide in meinem Bauch platz gehabt hatten. Ich packte meine wenigen Sachen in die Tasche und wartete ungeduldig darauf, dass Dad und Cate endlich kamen. Unruhig ging ich auf und ab. Mel und Liv schlummerten friedlich. Mindestens etwas. Generell weinten die beiden zum Glück fast nie und sie schliefen recht oft. Ich hoffe, dass sie dies möglichst lange beibehalten würden. In der Zeit im Krankenhaus hatte ich noch andere Eltern kennengelernt. Manch hatten mich schräg angesehen, manch mitleidig gelächelt, manch hatten mich erst gar nicht beachtet und weggeschaut, sobald sie mich sahen. Doch ich habe auch jemand kennengelernt, den ich mochte. Giulia war 23 Jahre alt und hatte ihren kleinen Sohn Jonas 4 Tage nach mir zur Welt gebracht. Sie stammte ursprünglich aus Italien und sprach noch nicht besonders gut Deutsch. Aber ihr Freund der sie schon seit fast drei Jahren hatte, wollte nach drei Jahren Italien endlich wieder zurück nach Deutschland und so sie erst vor kurzem hier her gezogen. Ich hatte auch ihr Freund kennengelernt, sie wollten schon bald heiraten und manchmal hat sich mein Herz zusammengezogen wenn ich sah, wie liebevoll er mit Jonas umging. Meine Mädchen würde dies nicht erleben... Trotzdem war ich und Giulia sehr schnell gute Freundinnen geworden. Sie hat kurz nach dem Vater meiner Töchter gefragt, aber dann nicht gross nachgehackt, als ich ihr die Wahrheit so ungefähr sagte. Sie hat sich danach auch nicht von mir abgewandt wie andere, die sich mit einer 18 jährigen mit Zwilling gerade noch so knapp unterhalten würden, aber einer 18 jährigen alleinerziehenden mit Zwillingen nicht mehr. Giulia nahm es zu Kenntnis und wir sprachen über andere Dinge.

Schlussendlich kamen nicht Dad und Cate mich abholen, sondern Dad, Cate und Colin. Ich freue mich darüber. Die fahrt bis nach Sonntal ging nicht lange und schon bald bogen wir in den Blumenweg ein. Es war ungewohnt, dass Dad mit dem Auto bis zu unserm Haus fuhr. Normalerweise parkte er immer auf dem Gestüt drüben und wir liefen übern den kleinen Weg zwischen den Weiden hinüber zu unserm Haus. Ich nahm meine beiden Töchtern aus ihren kleinen Autositzen. Dad hatte die dabei gehabt. Ich hätte an so was erst gar nicht gedacht! Ganz selbstverständlich nahm mir Cate Liv ab, während ich Mel trug. Liv war kurz aufgewacht, aber dann gleich wieder eingeschlafen, während Mel ihre Umgebung mit grossen Augen ansah. Wir gingen zur Haustür hinüber. Ein grosses Papier mit dem Spruch „Willkommen daheim Mel und Liv“ hing an der Tür. Ich folgte Dad ins Haus und wir gingen einen Stock nach oben ins Wohnzimmer, wo ich mit einem grossen Chor aus den Wort „Überraschung“ empfangen wurde. Ich war paff. Alle waren sie hier: Nina, Julia, Davi, Lisa, Fiona, Jessica,... und noch zwei Gesichter die ich nicht kannte. Das mussten Philomena und Evelyn sein. Und dann erblickte ich Tobias ich lächelte ihm und allen andern zu.
„Na gefällt es dir?“ fragte Cate.
„Ja.“ Sagte ich. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“
„Doch.“ Protestierte sie. Und dann waren wir auch schon umringt von allen, die Melanie Colleen und Livianne Nataly nun endlich mal live aus der Nähe sehen wollten. Die beiden sahen mit grossen Augen in die fremden Gesichter.

Wir hatten dann alle zusammen Kuchen gegessen und ich habe Evelyn und Philomena kennengelernt. Sie schienen beide ganz nett zu sein. Ich war glücklich zwischen all meinen Freunden und meiner Familie am Tisch zu sitzen. Viel zu schnell ging die Tsubasa-Crew wieder, vermutlich mir zu liebe, damit ich etwas Zeit für mich hatte. Auch Tobias musste schnell wieder gehen, da er sonst seinen Zug verpasste. Das fand ich besonders schade. Ich hätte gerne noch mit ihm unter vier Augen geredet und mich bei ihm bedankt, dass er mir damals bei seinem spontanen Besuch so verständnisvoll zugehört hatte. So sass dann nur noch ich, Colin, Dad, Angelika und Cate am Tisch. Ach ja natürlich waren Liv und Mel auch anwesend, aber es war noch so neu für mich, dass ich irgendwie nicht an sie dachte. Sie waren zwar da aber irgendwie in meinem Gehirn noch nicht ganz. Ich böse Rabenmutter! Liebevoll sah ich auf Liv runter, die in meinen Armen schlief. Colin hielt Mel und wenn ich sein strahlen in seinen Augen richtig deutet, war er extrem stolz. Cate und Dad verabschiedeten sich schnell und gingen sich umziehen, da sie noch aus Gestüt mussten. Ich vergass immer wieder, dass Cate bei Dad angestellt war. Sie machte ja ihre Ausbildung hier. Klar hätte sie auch auf einen andern Hof gehen können, doch das hatte sie nicht gewollt. Im dritten und letzten Jahr ihrer Ausbildung bestand ja immer noch die Möglichkeit ein ganzes oder ein halbes Jahr mit einem andern Lehrling aus einem andern Betrieb zu tauschen. Sie hatte mir mal erzählt, dass sie gerne nach England gehen würde um auch besser Englisch zu können und auch um mal im Land ihrer Mutter gewohnt zu haben. Ich fand das natürlich toll, nur konnte ich mir nicht vorstellen, wie sie ein Jahr lang weg sein konnte, wie wir ein Jahr lang – oder auch nur ein Halbes – getrennt von einer leben konnten. Klar waren wir mehrere Jahre getrennt gewesen, aber Cate war ein Teil von mir. Ich wusste nicht ob ich jemals ohne sie klar kommen würde, jetzt wo ich mich so sehr an sie gewöhnt hatte. Sie war ein Teil von mir, es war als...
„Erde an Lucy! Ich bin dann mal weg und für den Fall, dass ich nicht wieder komme: Bitte beerdige mich auf Carry Me’s Weide.“ Meinte Cate und wollte Dad nach draussen folgen, der schon auf dem Weg rüber aufs Gestüt war.
„Ach du wirst das schon aushalten. Wie viele Reitstunden hattest du schon? Und Dad wird dich niemals umbringen!“
„Dich vielleicht, aber mich schon...“ Cate verdrehte die Augen.
„Er will nur das beste aus dir rausholen!“ protestierte ich. „Er nimmt doch alle ziemlich hart dran, auch Ricky. Das gehört zur Ausbildung!“
„Ricky muss aber nicht so schwierige Aufgaben machen wie ich und wenn die wenigen Male als er dir Unterricht gegeben hat, war er ja lieb wie ein kleines Lamm.“
„Von mir kriegst du kein Mitleid Cate, ich bin schliesslich die kleine Schwester die eigentlich von dir beschützt werden müsste und nun los, Dad ist sonst schon sauer ehe du auftauchst.“
Cate blickte mich böse an – oder versuchte es zumindest. Ich merkte, dass sie viel lieber hier geblieben wäre. Doch Dad war da knall hart: heute war ihr Arbeitstag, ein kleines Wunder, dass sie überhaupt mit durfte mich abholen und die Feier organisieren.
„Muss ich mit Tim mal ein ernstes Wörtchen reden?“ fragte Colin.
„Nein, nein!“ ich lachte „So schlimm ist es auch wieder nicht, sie will schliesslich schon bald wieder an Turniere und punkte Sammeln fürs Kader. Sie will wieder die Beste sein...“ sagte ich nachdenklich und blickte ihr nach. In diesem Punkt waren wir uns überhaupt nicht ähnlich, ich hatte solche Ambitionen nicht.
„Ohne Fleiss keinen Preis.“ Meinte Colin. Ich drehte mich zu ihm um, er hatte Recht. Doch plötzlich realisierte ich, dass er DEUTSCH sprach.
„Granddad? Du sprichst ja deutsch, ich habe es gar nicht gemerkt!“
„Warum sollte ich es nicht können? Wusstest du das wirklich nicht?“
„Nein. Du hast nie Deutsch geredet, auch mit Cate nie.“
„Als ihr beide klein wart, da war ich ganz oft hier in Deutschland. Ich lernte gezwungener massen Deutsch.“
„Aber warum hast du nie mit Cate Deutsch gesprochen, wenn du es ja kannst?“
Er zuckte die Schultern. „Vielleicht weil ich Angst hatte, alles vergessen zu haben oder Wörter zu verwechseln und dann was ganz anderes zu sagen, als ich meine?“
„Aber warum dann jetzt auf einmal?“
„Ich habe in England Deutschstunden genommen um mein Deutsch aufzubessern. Mittlerweile habe ich das Gefühl wieder fliessend sprechend zu können.“ Meinte er. „Und schliesslich will ich mich doch mit meinen Urenkeln unterhalten könne.“
„Dieses Argument kannst du nicht bringen. Du wusstest ja gar nicht davon, aber ich bin stolz auf dich.“ Meinte ich. Colin sah mich an und strahlte. „Thanks, Lucy.“ Sagte er. Hätten wir wohl in diese Moment nicht Liv und Mel gehalten, wäre ich aufgestanden und hätte ihn umarmt.
„Und meine Deutschlehrerin hat gemeint, dass ich so oft wie möglich hier Deutsch sprechen soll, weil dies das beste Training sei.“
Ich nickte, ja als ich regelmässig Deutsch sprach nach meiner Ankunft ging es von Tag zu Tag besser.
„Lucy, immer noch hier?“ Angelika kam aus der Küche.
„Ja wo sollte ich sonst sein?“
„Na drüben im Stall oder sonst wo.“
Ich wäre wirklich gerne rüber aufs Gestüt gegangen, Pferdeluft schnuppern und dann ab auf den Hof zu meinen süssen dreien. Doch dann sah ich in Liv Gesicht. Nein das ging jetzt nicht... Ich musste auf sie aufpassen. Angelika musste meinem Blick gefolgt sein, denn sie meinte, dass sie schon auf die beiden aufpassen würde. Ich zögerte. Ich vertraute Angelika, sie würde sicher super auf sie aufpassen, aber ich hatte die beiden bisher noch nie aus den Augen gelassen. Angelika nahm mir Liv ganz einfach aus den Armen. „Nun geh schon, ich werde sie schon nicht auffressen.“ Ich sah Liv an die so zerbrechlich wirkte und dann Angelika, die so was extrem mütterliches ausstrahlte. „Okay.“ Meinte ich schliesslich und drehte mich zu Colin um, „Willst du mit?“
„Ja gerne.“ Meint dieser und so brachten wir die beiden ins Wohnzimmer hinüber, wo zu meiner Verwunderung ein überdimensionales Babybettchen stad.
„Das Ding hat dien Vater besorgt. Ein Drillingsbettchen, dass deine beiden und mein Kind am Tag drin schlafen können und wir nicht immer hoch müssen.“
Ich musste lache, welche Familie hatte schon so ein Ding im Wohnzimmer? Ich sah Angelika zu wie sie Liv ablegte und sich wieder aufrichtete. Ihr sah man mittlerweile gut an, dass sie schwanger war. Im Gegensatz zu mir, der man den Zwillingsbauch nicht angesehen hatte. Wahrscheinlich weil die beiden so klein waren, aber ich konnte es mir jetzt nicht erklären, wie das möglich gewesen war! Colin legte Mel neben Liv. Ich bückte mich zu beiden rein, gab ihnen ein Kuss auf die Stirn – so wie es Dad bei mir machte und erkundigte mich bei Angelika, die sich schon in einem Stuhl niedergelassen hatte, ob es auch wirklich okay sei.
„Jaja, wenn mich dein Vater drüben auf dem Gestüt sieht, verdonnert er mich eh wieder hier rein, weil er nicht will, dass ich mich körperlich anstrenge.“
„Trotzdem, vielen Dank!“
Ich lief mit Colin an meiner Seite zwischen den Weiden zum Hof rüber. Plötzlich kamen 3 Hunde auf mich zu geschossen: Zoey, Basil und Twister. Ich kniete mich neben meine Hündin und sie leckte mir das Gesicht ab. Ich vergrub mein Gesicht in ihr Fell. Mein kleiner Goldschatz, mein kleiner Wirbelwind. Ich hatte mich schon gefragt, wo sie war. Max kam um die Ecke.
„Ach sieh einer an, Zoey registriert doch noch Menschen.“
„Warum?“
„Na seit sie ihr ist, wird sie immer mehr zum Hofhund. Zum Glück ist das Gestüt rund herum hundesicher eingezäunt und so können wir sie hier frei rumlaufen lassen – genau wie Basil und Twister. Am Abend will sie schon fast nicht mehr rüber und lieber mit Basil und Twister hier bleiben.“
Ich lachte. Das hätte ich jetzt von Zoey nicht erwarte. „Aber heute Abend kommst du schon wieder ins Haus Zoey, oder?“ fragte ich und streichelte sie hinter den Ohren. Irgendwie war der Gedanken, dass sie mit den andern hier draussen blieb für mich fremd. Gut Basil, sowohl auch Twister, hätten ins Haus dürfen, aber sie waren fiel lieber hier. Man merkte es ihnen an. Im Haus drüben waren sie immer unruhig, wollten wieder raus. Warme Plätzchen zum Schlafen hatten sie überall und somit mussten sie sich über die Kälte nicht beklagen. Plötzlich hob Twister den Kopf. Aufmerksam horchte er, eher er dann mit lauten Gebell zur Auffahrt jagte. Basil folgte ihm ohne zu zögern. Zoey sah mich an und dann die andern beiden „Libera“ sagte ich zu ihr und sie rannte ihnen nach. „Ich glaub es ja nicht. Zoey wird wirklich noch zu einer Hofhündin...“ ich schüttelte den Kopf und sah den 3 Hunden nachdenklich nach.

Ich lehnte an der Band der Reithalle. Cate und Ricky bekamen heute wirklich ihren Teil ab. Ricky sass auf Honeymoon, einem schon pensionierten sehr erfolgreichen Dressur-sowohl auch Springpferd. Der wunderschöne Hengst achtete gut auf ihre Hilfen, doch trotzdem waren sie nicht so harmonisch wie Cate auf Piccolo. Die beiden schienen schon fast nur noch über den Platz zu schweben. Sie machten beide ihre Sache gut, obwohl Dad Cate immer und immer kleine Details korrigieren liess – genau wie Ricky. Alle drei waren so vertieft in ihre Arbeit, dass sie uns nicht bemerkte. Colin staunte über Cate Leistung, er hatte sie zwar schon reiten sehen, aber eben Ausreiten – also in der Freizeit und da zog sie nicht solche Programme ab. Er war wohl sehr stolz auf seine Enkelin. Ein bisschen neidisch war ich in diesem Moment schon auf Cate, denn ich sah wie stolz Colin auf sie war und ich wäre gerne an ihrer Stelle gewesen. Aber ich war anders, ich war nicht Cate. Ich war Lucy, die nicht so gut reiten konnte, aber dafür schon mit 18 Jahren Mutter von Zwillingen war. Ob man darauf stolz sein konnte, war eine andre Frage... Trotzdem war Cate so was wie das Teilchen, dass das Puzzle erst komplett machte, dass Teilchen, dass einem erst das ganze Bild erkennen liess. Sie trieb mich da an, wo ich es nötig hatte und bremste mich gleichzeitig da, wo ich zu voreilig war. Sie hielt mich im Gleichgewicht. Und das Beste war, sie war immer für mich da. Egal was war, sie war an meiner Seite und verstand mich oftmals ohne grosse Erklärungen.
„Lucy, weißt du wann die Stunde fertig ist?“
Ich drehte mich um und blickte eine weibliche Person ungefähr in meinem Alter an, deren Gesicht mit braunen Locken umrahmt war und was mir besonders auffiel, sie hatte grüne Augen, wie ich sie noch bei keinem andern Menschen gesehen hatte.
„Ähm... Ich weiss nicht genau, aber ich denke nicht mehr all zu lange.“
„Danke, Tim mag es ja nicht, wenn man seine Stunden stört.“
Woher kannte sie meinen Vater, was hatte ich verpasst? Die mir unbekannte Person fuhr sogleich auch fort: „...und so wie es mir schient, hat er sich nicht gross verändert. Unterrichten tut er immer noch gleich, Korrekturen bis aufs kleinste Detail. Das war schon immer so...“
„Entschuldigung die Frage, aber wer bist du?“ fragte ich in dem Moment, in dem mein Vater sagte „So Schluss für heute, morgen um 11 dann Springtraining. Cate du nimmst Astral und Ricky du reitest Move the Night.. Dressur habt ihr dann um 3, gleiche Pferde wie heute. Noch 15 Minuten am langen Zügel trocken reiten.“
Deswegen verging ein Moment bis die Person neben mir antwortete:
„Sorry Lucy, wie blöd von mir mich nicht vorzustellen. Ich bin Nat...“
Ihre Antwort wurde durch einen Schrei von Cate unterbrochen. „Naty! Was machst du dann hier?!“ Ich sah zu meiner Schwester hinüber, die vom Pferd sprang, wofür sie von Dad einen bösen Blick kassierte und zu uns rüber spurtete. Natascha öffnete die Tür in der Band, betrat die Halle und fiel in Cates Umarmung
„Bei wem warst du jahrelang im Unterricht, Natascha? Schon mal was von Tür frei gehört?“ brummte Dad, doch ich sah ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Sorry, Tim. Tut mir leid. Aber dein Unterricht habe ich echt vermisst...“
„Schon gut, ich drücke mal beide Augen zu und Herzlich Willkommen Zuhause!
Zuhause?! Ich glaube die Fragezeichen waren mir aufs Gesicht geschrieben, denn Dad rief mir von der Mitte der Halle zu:
„Lucy das ist Natascha Bucher. Cates beste Freundin, die aber, weil ihr Vater nach Neuseeland versetzt wurde, zwei Jahre dort lebte.“ Und dann drehte er sich zu Cate um: „Spätestens in einer Minute will ich dich wieder in Bewegung sehen, von mir aus kannst du Piccolo auch führen.“ Dann verliess Dad die Halle und kam zu Colin und mir. „Wie geht’s Lucy?“ fragte er
„Du brauchst dir nicht ständig sorgen um mich zu machen Dad.“
Er lachte. „Gut, wo sind Mel und Liv?“
„Drüben bei Angelika, Colin und ich wollen gleich noch auf den Hof. Angelika hat sich angeboten auf die Mädchen aufzupassen.“ Sagte ich. “Sie meinte, sie dürfte ja eh nicht hier hinüber kommen wegen dir!“ Dad boxte mich in die Seite, eher er den Arm um mich legte. „Aber irgendwie hat sie schon recht...“ meinte er zögerlich und wir verliessen die Halle. Draussen küsste er mich auf die Stirn, als ich mich von ihm verabschiedete – eine Gewohnheit die ich ganz automatisch bei meinen Kindern übernommen hatte. „Pass auf dich auf, Lucy.“ Ermahnte er mich, als ich mit Colin in mein Auto stieg. Mir ist aufgefallen, dass Dad sich irgendwie verändert hatte. Er war etwas anderes geworden sei... Ja seit er Grossvater war. Keine Ahnung, aber er war noch nie der wirklich strenge Vater gewesen, aber im Reitbetrieb schon eher. Er war wie etwas verschlossener gewesen, gefühlsloser... Ob es wirklich an der Tatsache lag, dass er Grossvater war oder vielleicht das er Angelika nun als eine wirklich feste Freundin hatte, wusste ich nicht. Fazit war einfach, dass fest stand, dass er sich etwas geöffnet hatte, mehr menschlicher geworden war, mehr Gefühle zeigte. Wäre Natascha noch vor 5 Wochen aufgetaucht, hätte er Cate nicht erlaubt, Piccolo trocken zu führen, sondern hätte sie wieder aufs Pferd gesetzt, schliesslich war sie am Arbeiten. Da war Dad streng, Cate wurde –solange sie arbeitete – genauso behandelt wie alle andern. Vielleicht noch etwas strenger, weil Dad nicht wollte, dass jemand glaubte, Cate hätte eine Sonderstellung.

Als wir auf dem Parkplatz von Tsubasa parkten, hüfte mein Herz. Endlich. Endlich sah ich meine 3 Schätze wieder. Ich rannte fast zum Stall rüber, doch da ich auf Colin rücksichtnehmen musste, konnte ich nicht rennen. Ich machte die Stalltür auf. Die Pferde waren nicht drin, ausser natürlich Tirina und diesmal Sweety, die ihr Gesellschaft leistete.
„Tiri, meine Süsse.“ Begrüsste ich sie und schob die Boxentür auf. Sie hob den Kopf und kam mir entgegen. „Na du? Geht es dir gut?“ fragte ich sie und strich ihr über das Fell. Sie war, so schien es mir, erst gerade von irgendeiner guten Fee geputzt worden. Ich hob ein Huf hoch und der frisch ausgekratzt aussah. „Na du, hat dich jemand geputzt?“ fragte ich sie und kraulte sie am Hals. Tirina spitze ihre Lippen und verdrehte sich dabei fast den Hals. Colin lachte, er hatte das wahrscheinlich bei ihr noch nie gesehen. Sie war eben mein Schmusebär, mein Kunddelpony äh -pferdchen...

Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit gingen wir Orio und Madonna von der Weide holen. Colin nahm mir ganz selbstverständlich Madonna ab und führte sie auf zum Putzplatz. Er blieb bei den Pferden während ich die Putzsachen holte. Als ich wiederkam, nahm er zu meiner Verwunderung ganz selbstverständlich einen Striegel und begann meine Prinzessin alias Madonna zu putzen. Ich putze Orio der mittlerweile ziemlich brav da stand. Erst beim Hufe geben musste ich ihm einen kleine Klaps verteilen, weil er das Gefühl hatte er könne mit 3 Beinen am Boden trotzdem durch die Gegend laufen. Ansonsten war er ganz brav. Als ich mich dann wieder aufrichtete nach der kleinen Diskussion stand Madonna ganz sauber geputzt – inklusive Hufe – da. Ich war paff.
„Grandad du kannst Pferde putzen?“
„Hattest du wirklich geglaubt, ich könne das nicht?“
„Äh.. Ja.“
„Na dann kannst du noch was über deinen Grossvater lernen...“
„Aber seit wann?“
„Schon als Kind war ich oft bei den Pferden unseres Nachbarn, aber das waren Arbeitspferde für den Hof. Die wurden fast nie geritten, sondern mussten auf dem Acker schaffe oder wurden vor die Kutsche gespannt. Von diesem Bauern habe ich reiten gelernt und als eure Mutter Tim kennengelernt hatte und ich länger Zeit hier war, brachte Tim mir dann das ‚richtige’ reiten bei.“
„Dad?“
„Ja, sicher. Ich war schliesslich 2 Jahre hier in Deutschland als du und Cate etwa ein halbes Jahr alt warst, beschloss ich fest hier her zu kommen, um näher bei euch zu sein. Als ihr 2 ½ Jahre war zog es mich endgültig wieder zurück nach England. Ich hatte zu grosse Sehnsucht. Das war eine lange Zeit in der ich es lernen konnte... Damals war der Hof noch nicht so gross und bis ihr 1 Jahr alt wart stand euer Haus auch noch nicht, ihr wohnten damals noch in Max heutiger Wohnung oberhalb Tim’s Büro und dem Aufenthaltsraum im Gestüt.“
Das war mir alles neu.
„Du hast also gewusst, dass das Gestüt Silvermoon wirklich mein Zuhause ist, als ich aufgebrochen bin vor nicht ganz 2 Jahren?“
„Ja. Sonst hätte ich dich nicht ziehen lassen. Hättest du nach 2 Wochen kein Kontakt mit Tim gehabt, hätte ich ihn angerufen, auch wenn das mich sehr viel Überweidung gekostet hätte..“
Ich schluckte.
„Wie viel wusstest du von ihnen?“
„Fast alles Lucy.“ Eine Träne rollte über sein Gesicht. „Ich habe Cate und Tim Leben übers Internet verfolgt, was ja nicht schwer war bei ihrer Bekanntheit... Aber ich konnte dir nichts von ihnen sagen, wirklich nicht, weil Nataly das auf den Tod nicht wollte. Ich war ihr Vater... Lucy es tut mir so leid. Ich hätte damals handeln müsse, für Cate und dich.“
Mein Grossvater stand so hilflos da. Ich konnte nicht anders, ging zu ihm hin und umarmte ihn. „Du bist und bleibst der beste Granddad der Welt.“
„Danke Lucy. Aber seit ich dich und Cate hier sehe, glaube ich immer mehr daran, dass ich dir einfach davon erzählen hätte sollen. Auch wenn es Nataly nicht wollte.“ Er bis sich auf die Lippen und sah zum Himmel hoch. „Deswegen habe ich dir auch nach ihrem Tot dein Lucy Album gebracht. Ich wusste von den Fotos ganz hinten und hatte gehofft, dass du sie finden würdest und hatte mir in diesem Moment geschoren, dass ich dir helfen würde so gut es ging. Aber ich konnte nicht mit dir zu Tim und Cate fliegen, ich hatte zu grosse Angst, dass mich Tim zu sehr dafür hassen würde, was ich getan habe. Dass ich zu Nataly gehalten habe und nicht zu ihm, zu euch. Deswegen war ich so unendlich froh als du von dir aus mit dieser Idee kamst...“
Ich dachte an den Tag zurück, als ich ihn in meine Pläne eingeweiht hatte. Wie grosse Angst hatte ich gehabt, dass er alles für den grössten Fehler meines Lebens hielt.
„Du hast nur zu deiner Tochter gehalten Grandad, ich würde auch jederzeit für Liv oder Mel lügen. Oder auch für Cate, Dad oder dich.“
„Eben, Lucy. Du hättest nicht nur an deine Kinder gedacht sondern auch an die andern deiner Familie...“
Ich schluckte, Colin hatte Recht. Ich liebte Mom und ich vermisste sie, aber je länger desto mehr war sie für mich nicht mehr die grandiose Frau, zu der man aufblicken musste. Auch sie hatte Fehler und Colin hatte zu ihr gehalten. Auch er hat Fehler, aber beide liebe ich so sehr, dass ich ihnen die Fehler verzeihen muss. Ich kann nicht anders. Wir schwiegen, jeder hin seinen Gedanken nach. Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn Granddad mir schon früher von Cate’s Existenz berichtet hätte oder sogar Mom? Wo wäre ich dann aufgewachsen? In London oder hier bei Dad und Cate? Ich hätte mich nicht entscheiden können. Somit war ich fast ein bisschen froh darüber, das Mom für mich entschieden hat. Eine harmonische Familie wären wir nie geworden, aber was wenn doch? Nein, ich jagte den Gedanken wieder zur Seite. Nein, eine normale Familie war die Davids-Familie nicht. Das ist sie nicht und würde es wahrscheinlich auch niemals werden. Nie. Schliesslich war nun schon die nächste Generation der Davids-Zwillingsmädchen da, die genau wie ich ohne Vater aufwachsen mussten. Ich schluckte schwer. Nicht daran denken! Was mit mir passiert war, konnte ich mittlerweile mehr oder weniger verdrängen. Nicht aber, dass meine Mädchen ohne Vater gross werden mussten. Ich hatte meinen Vater gefunden, doch sie würden ihn nie finden können. Nicht mal ich wusste wer er war... Orio stampfte mit dem Huf auf, was mich wieder in die Realität zurückbugsierte. Ich gab im einen kleinen Klaps als er es erneut versuchte und wandte mich dann an Colin: „Wollen wir jetzt spazieren gehen? Wenn du willst, darfst du natürlich auch Madonna reiten, ich darf mich ja noch nicht wieder auf ein Pferd setzten. Die Ärzte fanden es ja schon nicht gut, dass ich bis beinahe am Tag vor der Geburt auf den Pferden sass...“
„Ich würde das unheimlich gerne machen Lucy, nur ich bin schon eine Ewigkeit nicht mehr geritten.“
„Das verlernt man so schnell nicht und Madonna ist wirklich die allerliebste. Ich kann zur Sicherheit ja noch einen Strick mitnehmen, um dich im Notfall frühen zu können oder du kannst auch einfach absteigen und sie frühen wenn du dich nicht wohl fühlst auf ihrem Rücken.“
Colin strahlte. Ehrlich gesagt, ich konnte es mir nicht vorstellen Colin auf einem Pferd zu sehen. Er war mittlerweile auch schon 60 Jahre,. Aber das war nicht das eigentliche Problem. Viel schwerer viel es mir MEIN Grossvater auf einem Pferd sitzen zu sehen. Ich kannte ihn schon so lange. Dass er reiten konnte, wusste ich echt nicht.

Colin kam ausgezeichnet mit Madonna zu Recht und er machte auch eine recht gute Figur auf dem Pferd. Mit jedem Schritt der Madonna machte, wurde er sichere und gelassener. Am Ende getraute er sich sogar zu traben. Als er auf dem Hof wieder abstieg, strahlte er übers ganze Gesicht und umarmte mich.
„Danke Lucy. Danke! Das war super toll!“ Seine Augen sprühten nur so von Lebensfreude. „Wenn du willst kannst du sie in den nächsten Tagen noch einmal reiten.“ Meinte ich grosszügig. Ich durfte sowieso nicht. Colin’s Augen sagten mir mehr als tausend Worte: Er freute sie wie ein kleines Kind.

Es war schon am ein dunkeln als wir wieder auf das Gestüt einbogen. Ich parkte das Auto und wir stiegen aus. Die drei Hunde begrüssten uns mit Schwanzwedeln und wir gingen zwischen den Weiden durch hinüber zum Haus. Zoey folgte mir und ich nahm sie mit ins Haus. Dort trocknete ich ihre Pfoten erst einmal und dann liess ich sie los. So als würde sie schon immer hier wohnen, ging sie nach oben. Ich folgte ihr. Plötzlich wäre ich am liebsten losgerannt. Wie geht es meinen kleinen? Doch meine Sorgen waren unnötig. Dad sass auf dem Sofa und hielt Liv in seinen Armen während Mel neben ihm friedlich schlief. Zum Glück war Liv so viel kleiner, ansonsten hätte ich sie nie erkennen können von so weit entfernt. Würde ich die beiden überhaupt auseinander halten können abgesehen von ihrer Grösse? Ich hatte das Gefühl nicht, denn jedes Mal wenn ich sie an sah ging mir ein Schauder über den Rücken, wie ähnlich sie sich waren. Liv einfach in kleinerem Format. So wie ein Stück Papier A4 und A5. Gleich aber kleiner. Dad lächelte mich an. In seinen Augen war da etwas, etwas das bis anhin nicht da war. Stolz? Freude? Glück? Ich weiss es nicht. Ich setzte mich neben ihn und nahm Mel in meine Arme. Dad legte seinen Arm um mich. Wir schwiegen. Genossen einfach den Moment. Dad, Mel, Liv und ich. 3 Generationen, 38 Jahre Unterschied... Weder Mel noch Liv, dachte ich traurig, wissen in was für eine verrückten Welt sie da reingeboren wurden. Sie waren älter als Dad’s jüngstes Kind, sie waren die Kinder einer 18-jährigen Alleinerziehenden. Und noch viel schlimmer, ihr Vater, ihr Vater war ein Vergewaltiger den ich nicht einmal beim Namen kannte... Wenn ich mir etwas gewünscht habe, dann dass meine Kinder nicht ohne einen Elternteil – ohne Vater – aufwachsen müssen... Eine Träne rollte mir über die Wangen. Nicht weinen. Ermahnte ich mich. Es ist gut, dass du dich nicht gross an ihn erinnern kannst, ansonsten würdest du nur noch Ähnlichkeiten mit ihm finden!, ermahnte ich mich.
„Was ist los, Lucy? Was bedrückt dich?“ fragte Dad. Er sah mich an mit einem Blick, den ich bei ihm noch nie gesehen habe. War das Sorge, Mitgefühl, Angst oder was war da in seinem Blick anders?
Ich schluckte. „Ich habe gerade daran gedacht, dass sie keinen Vater haben und dass ich mir genau das für meine Kinder gewünscht habe – sollte ich einmal welche haben. Jetzt habe ich meine beiden Mädchen, aber sie sind Kinder...“
„Schon gut Lucy. Mach dir keine Sorgen.“ Er gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Melanie und Livianne haben zwar keine Vater, aber dafür viele Personen die sie wirklich lieben.“
Ich nickte. Wischte mir die Tränen weg. „Es ist nur so, dass ich auch an IHN denken muss wenn ich sie sehe...“
„Du wirst lernen damit zu leben, aber falls du reden möchtest...?“
Nein, dass wollte ich nicht. Mehr als das unbedingt Nötige, was ich schon Preis gegeben habe, wollte ich nicht Preis geben. Mehr konnte ich nicht Preis geben. Schnell wechselte ich das Thema: „Dad, wusstest du das Granddad reitet?“
„Na sicher, du nicht?“
„Nein. Erst seit wir heute im Stall waren.“
„Er konnte zwar schon etwas reiten, als Nataly und ich uns kennenlernten, aber ich habe ihm während ungefähr 2 Jahren regelmässig Unterricht gegeben.“
„Ich habe es echt nicht gewusst, aber er hat es nicht verlernt... Mit Madonna kam er gut klar.“
„Colin sass auf ihr?“ jetzt war es Dad der verwundert war.
„Aber sicher, sind wir schon so weit, dass du mir das nicht mehr zu traust Tim? Ich bin zwar schon um die 60 Jahre, aber trotzdem noch top fit...“ stellte Colin klar, der den Raum betrat. Er hatte wieder sauber Sachen an und sah nun wieder so aus, wie ich meinen Grossvater in Erinnerung hatte – ohne Pferdehaare.
Kurz darauf sahen wir Natascha und Cate durch den Garten aufs Haus zukommen. Colin öffnete die Gartentür und liess die beiden rein. Dann durchbrach ein Schrei das Zimmer, durch den Liv zu weinen begann. Ich versuchte sie zu beruhigen, aber irgendwie war ich da nicht unbedingt ein Genie darin...
„Cate du hättest mir auch sagen können, dass Angelika ihr Kind schon bekommen hat... Das du schon grosse Schwester geworden bist und vor allem, dass es Zwillinge sind.“ Rief Natascha aus.
Ich sah Cate an. Sie hatte sie also noch nicht informiert. Dad blickte mich an, ich blickte Colin an und Angelika stand auch da und sah uns an. Alle warteten, dass jemand anders zu sprechen begann. Die Stille war fassbar. Alle schwiegen.
Verunsichert sah Natascha in die Runde. „Äh... In welches Fettnäpfchen bin ich jetzt getreten?“ fragte sie. Zumindest jemand der sich der Situation annahm. Hilflos sah ich Cate an und sie mich. Bitte, flehte ich still, bitte Cate, sag du es ihr. Ich kann das nicht... Bitte. Du kennst sie schon länger. Ich blickte sie eindringlich an. Sie hielt meinem Blick einige Zeit stand, ehe sie ihn dann abwandte und ihre Schuhe anstarrte.
„ÄH.. Das ist so...äh. Also Naty, sagen wir es so... Das sind nicht meine Geschwister sondern meine Nichten. Ich bin ihre Tante.“ Stotterte sie.
„Das sind Lucy Kinder?“ Natascha fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Dad räusperte sich, sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern. Also räusperte er sich erneuet und sagte: „Ja, so ist es Natascha. Das sind Lucy’s Zwillinge. Meine Enkelkinder.“
„Oh mein Gott, bin ich ein Depp. Sorry. Und ich dachte in den Mails, die du mir geschrieben hast geht es um Angelika und das du eine Schwester oder ein Bruder bekommen sollst im Frühling.“
„Ging und geht es auch...“ meinte Cate zögerlich.
Und endlich fand ich meine Sprache wieder: „Cate und ich bekommen auch ein kleine Schwester oder einen kleinen Bruder. Ich wusste nicht, dass ich schwanger war. Ich wurde im letzten Frühling in London vergewaltigt.“ Die letzten Worte wurden immer schneller und leiser, so als ob ich das auswendig gelernt hätte. Irgendwie war nicht ich ich. Ich war nicht diese Person, der das passiert war. Ich konnte es jetzt auch immer noch nicht realisieren, was dieses schreckliche Wort eigentlich alles genau bedeutete, welches ausmassen es hatte. Und zudem fühlte ich mich immer noch schuldig, so als wäre alles meine Schuld gewesen... Doch das war es nicht, aber ich konnte das Gefühl nicht abstellen.
Entschuldigend sah Natascha mich an. Doch dann fand sie ihre Sprache wieder. „Ich denke es ist das Beste, wenn Cate und ich uns schnell umziehen gehen. Wir wollen das Essen ja schliesslich nicht kalt werden lassen. Und sorry Lucy, ich denke es ist am Besten wenn wir nachher gleich nochmals neu anfangen. Reset drücken und mein Fauxpas vergessen. Okay?“
Ich nickte. Natascha musste man für ihre unkomplizierte und offene Art einfach gerne haben. Ich wusste warum sie Cate’s Freundin war und ist.

Wie selbstverständlich benahm sich Natascha während dem Abendessen. Der linke Platz neben Cate, der sonst immer leer war, war ihr Platz. Er war wie für sie reserviert und ganz selbstverständlich setzte sie sich da hin. Auch in der Küche kam sie fast besser zu recht als ich. Ich, die hier wohnte! Sie wusste wo welche Dinge waren und war blitzschnell beim Ein-und Ausräumen von Gegenständen. Während dem Essen musste sie natürlich von Neuseeland erzählen. Dad fragte sie auch nach ihren Eltern, die aber aufgrund des Jetlags und der ganzen Reise zurück nach Deutschland erst einmal in Ruhe ankommen wollten. Ich entnahm dem Gespräch, dass Gestüt Silvermoon für Natascha so eine Art Zuhause gewesen sein musste. Sie war praktisch nur in der Nach bei sich zu Hause, auch weil ihre Eltern immer viel Arbeiten mussten. Und ich erfuhr, dass ihre Mutter im Supermarkt arbeitete und fürs Leben gerne malte, doch ihre Bilder nicht verkaufen konnte und ihr Vater Journalist war. Er, so meinte Natascha, wäre immer mit Stift und Block unterwegs – auf der jagt nach der nächsten Story. Die er aber bis jetzt noch nie gefunden hat.
„... und als Übersetzerin hat mir der Aufenthalt viel gebracht, Englisch beherrsche ich jetzt im Schlaf“ Meinte Natacha.
„Trotzdem, habe ich dich extrem vermisst.“
„Du hattest ja Lucy.“ Meinte sie lachend. „Ich wäre nur das dritte Rad am Wagen gewesen.“
„Nee.“ Meinte Cate und schob sich die nächste Gabel Spagetti in den Mund.
Auch Natascha beendete ihre Rede fürs erste und ass. Wir besprachen dann noch Dinge, wie wir welche Pferde umstellen wollten, sodass für ihre 5 Vollblüter Boxen nebeneinander oder zumindest in der Nähe von einander frei wurden. Dad würde Angelika’s vier Zuchtstunden und ihr Wallach Tolino schon bald in der Schweiz holen gehen und sie in ihr neues Zuhause, dass Gestüt Silvermoon bringen. Eigentlich wollte er dies in den ersten Tagen des Jannuars machen, aber dann war ich dazwischen gekommen. Respektive Melanie Colleen und Livianne Nataly.
„Tim?“ fragte Natascha.
„Ja.“
„Emi habt ihr nicht wieder oder?“ fragte sie vorsichtig und unsicher.
Dad senkte die Augen. „Nein, du weißt doch, dass wir ihn geben mussten. Da warst du ja noch da.“
Natascha senkte ihren Blick nicht. „Es hätte ja sein können...“ meinte sie.
Emi? Wer war das? Ein Pferd? Cate sah mein verwirrter Blick.
„Emilio ist ein mittlerweile 7 Jahre alter Wallach. Naty war bei seiner Geburt dabei und danach waren die beiden ein tolles Team. Naty hat ihn fast komplett alleine ausgebildet.“ Meinte Cate. Aber warum hatte Dad Emi dann verkauft? Warum ging er, wenn er Natascha so viel bedeutete? Klar, ein Gestüt lebte vom Verkauf von Pferden, aber... Ich schluckte wenn ich mir vorstellte, dass ich getrennt von Madonna, Orio oder Tirina werden würde. Wie konnte Dad Naty das antun!
Ich brachte nicht den Mut auf, Dad zu fragen, weswegen er Emi weggegeben hat.
„Glaubst du ich... ich würde ihn wiederbekommen?“ fragte Natascha Tim.
„Wie meinst du das?“
„Na, dass ich ihn kaufe.“ Ihr Gesichtsausdruck wirkte entschlossen.
Dad atmete hörbar aus. „Natascha, ich glaube, ich muss dir nicht erklären, was es bedeutet sich ein Pferde zu kaufen. Du weißt wie man sich um ein Pferde kümmern muss, aber denk bitte auch ans finanzielle.“
„Ich habe Geld, genug hoffe ich.“
„Genug für den Kaufpreis? Aber was ist mit Boxenmiete, Futter, Tierarzt, Hufschmied...? Natascha, es tut mir ja wahnsinnig leid, aber das geht NIE.“
Sie sah in an. „Und ob das geht! Du weißt ja gar nicht, wie viel ich ihn Neuseeland gearbeitet habe, wie hart. Ich durfte Reitstunden nehmen, hatte mehrerer RB doch mit jeder Stunde im Sattel habe ich noch stärker vom eigenen Pferd geträumt, von Emi. Und dann dürfte Emi endlich wieder nach Hause kommen...“ meinte Natascha und ich hörte die Sehnsucht in ihrer Stimme und die mit der Sehnsucht verbundene Trauer.
„Es geht nicht, Natascha.“ So wütend hatte ich meinen Vater noch nie erlebt. „Ich dachte echt du wärst mit 20 etwas vernünftiger!“
„Was soll daran nicht gehen? Ich habe schon einen fixen Job bei einem Buchverlag, obwohl ich meinen Abschluss hier in Deutschland erst im Sommer machen werde.“
Dad schlug mit der Faust auf den Tisch. Alle zuckten zusammen und Mel fing an zu weinen, während Liv nur ängstlich in die Welt sah. „Es geht nicht und basta.“ Meinte Dad und stand ruckartig auf und verliess den Raum. Angelika, Colin, Cate und ich sassen völlig benommen da. Das war Tim? Unser Vater, Freund, Schwiegersohn? Natascha war geladen: „Cate! Nun sag schon was. Ich bin volljährig und kann machen was ich will. Aber warum, kann Tim dann über mich bestimmen? Er sit ja nicht mal mein Vater! Cate, nun hilf mir doch? Warum nimmt er sich das Recht raus zu sagen, dass ich Emi nicht kaufen kann...?“ Es war still im Raum. Wie würde Cate reagieren? Ging sie auf Dad oder Nataschas Seite? Keiner hatte damit gerechnet, dass Max etwas sagen würde und schon gar nicht, dass er das sagen würde was er sagte...! „Naty, Emi ist tot. Er wurde vergiftet und Tim konnte den Mut nicht aufbringen dir das zu sagen. Es gab nie einen Vertrag, der schon vor seiner Geburt geschlossen wurde, der besagte, dass Emilio mit 5 Jahren verkauft werden würde.“ Meinte Max leise, so als ob er nicht sicher war, ob er dies verraten durfte...
„Was?“ Nataschas Stimme starb schon bei diesem kurzen Wort ab. „Emi tot?“ Und dann kullerten ihr die Tränen über die Wangen. Cate stand auf und nahm sie in den Arm. „Das kann nicht sein, Cate, sag das dies ein fürchterlicher Alptraum ist.“ Stammelte sie. Jeder im Raum hätte dies wohl gerne getan. Jeder im Raum litt mit ihr. Sie zog ein zerknittertes Foto aus ihrer Tasche und drückte es sich an ihre Brust. Ein Fuchs mit langer dünner Blesse war zu sehen. Jung, kraftvoll und energiegeladen. Ich konnte mir gut vorstellen, wie Emilio und Naty über ein Hindernis nach dem andern flogen. Wie wunderschöne Gänge dieser Wallach gehabt haben musste. Mein Blick wanderte zum Fenster und ich sah Dad auf der Koppel stehen neben Silver. Die Hände vor dem Gesicht. Angelika schob den Stuhl zurück und ging nach draussen zu Dad. Ich sah, wie sie liebevoll ihren Arm um seine Schulter legte. Er hatte gehört, was Max zu uns gesagt hatte...

Ich seufzte. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, ich hätte mein Leben wieder einigermassen im Griff, tauchte etwas Neues auf. Eine neue Lüge, eine neue Wahrheit, eine neue Tatsache... War dies das Leben? Eine endlose Verstrickung von Lügen und Verheimlichungen? War dies das wahre Leben, vor dem man von seinen Eltern in der Kindheit beschützt wurde? Wenn das so war, dann sehnte ich mir diese Zeit zurück. Ich wollte wieder eine Person haben, die sich schützend zwischen mich und das Leben stellt. Die mich vor dem Bösen bewahrt und das Gute durchliess. Die mir den Weg zeigte, den ich zu gehen habe und mich wieder auf den richtigen Weg zurück führt, sollte ich trotzdem den falschen nehmen. Doch diese Person gab es nicht. Niemand konnte das. Nicht einmal die besten Freund und die Familie. Die konnten dich nur auffangen, wenn du stürzt, aber nicht vor dem Fallen bewahren...
Und dass ich immer wieder fiel, war wohl das einzig konstante in meinem Leben.

#2 RE: Nr. 28 - Heimkehr von Lisa 04.04.2014 13:34

avatar

hoffentlich findest du irgendwann doch noch durch eine glückliche (oder vlt doch eher unglückliche?) Fügung des Schicksals den vater deiner kinder... unglücklich, wenn deine kinder dich dann immer an ihn erinnern & er ein arsch ist, glücklich, wenn er sich vlt entschuldigt & es irgendeinen grund für sein benehmen gab?
das wäre so schön, wenn deine kinder noch einen vater hätte, die sind so süß die zwei <3

und die geschichte mit emi ist ja mal sau traurig :( arme naty... hoffentlich findet sie noch ein anderes Pferd, dass sie vlt wieder aufbaut...

wieder ein guter bericht, schön geschrieben & flüssig zu lesen :)

Ausführlichkeit: 40/50
Personen: 24/30
Schicksal des aktuellen Monats: ?/20
Aufgabe des aktuellen Monats: ?/10
Handlung: 32/50
Gesamt: 96/160

3.041 + 96 = 3.137

#3 RE: Nr. 28 - Heimkehr von Lucy 04.04.2014 18:26

avatar

Danke... Ich weiss selber nicht, ob ich den Vater meiner Kinder einmal "auftauchen" lasse oder nicht... Ich tendiere aber eher zu nicht, weil es dann nur noch mehr Verstrickungen und so gibt. Aber sag niemals nie. :D

Jep das mit Emi war so ein spontaner Einfall. Einfach um einmal mehr deutlich zu machen, das meine Leben (oder ist es das aller erwachsenen?) eben nicht "Friede, Freude, Ponyhof" ist. Das es auch in meiner Familie Geheimnisse etc. gibt. Ich würde ihr gerne auch ein Pferd geben, das sie dann in ihr Herz schliessen kann für immer. Nur weiss ich noch nicht welches... Muss mich mal umsehen. ;)

#4 RE: Nr. 28 - Heimkehr von Lisa 04.04.2014 19:42

avatar

also ich bin ja für die verstrickungen, die machen alles noch viel spannender :D
Aber man kann ja auch andere Sachen erleben, also schreib was immer du willst, nur mach schnell^^
Ich will weiterlesen ;)

#5 RE: Nr. 28 - Heimkehr von Lucy 04.04.2014 21:51

avatar

Ja ich gebe mir Mühe. Schreiben kann ich auch ohne WLAN und ihn dann on stellen wird schwieriger... Aber ich versuch mein bestes. Wir aind noch in ser Schweiz und deswegen kann ich noch mit dem Handy on kommen aer bald schon nicht mehr.

#6 RE: Nr. 28 - Heimkehr von Lisa 04.04.2014 22:16

avatar

oh, stimmt ja, du bist ja weg...
viel spaß :)

Xobor Forum Software ©Xobor.de | Forum erstellen
Datenschutz