#1 34. Bericht: Auf längst vergessenen Spuren von Lisa 04.05.2014 15:30

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Der Geruch von verkohltem Holz hing mir immer noch in der Nase, als ich am nächsten Morgen aufwachte. Natürlich galt mein erster Gedanke meinen Nachforschungen! Ich würde meinen Plan von gestern heute in die Tat umsetzten, auf jeden Fall. Nach dem Frühstück setzte ich mich direkt ins Auto und tippte im Navi „Dambach“ ein. Schnell war die Navigation geladen, und eine weibliche Stimme erklärte mir, wo ich abbiegen musste. Schnell befand ich mich auf der Landstraße, auf der ich schon mal gefahren war, damals, mit Tanja... Als wir Ben begegnet waren, und die Fallen des Wilderer gefunden hatten. Aber nun fuhr ich noch ein Stück weiter, und bog dann nach Rechts ab. Irgendwann ging es dann links, und schon bald tauchte die Stadt vor mir auf. Das Ortsschild sagte mir, dass ich hier richtig war. Dambach. Nur ein kleines Schild auf dem Weg hatte angezeigt, dass ich jetzt ins Vesland war, es gab keine Grenzkontrollen oder ähnliches.
Und der Weg hatte auch nur höchstens zwanzig Minuten gedauert, wenn überhaupt... Es war faszinierend, dass ich die Gegend doch so wenig kannte. Ich hatte scheinbar immer andere Sorgen gehabt, als mich hier richtig umzusehen, und außerdem war ich ja lange in Italien gewesen. Aber jetzt würde ich mich weit mehr mit meiner Umgebung beschäftigen, als ich es je für möglich gehalten hätte, immerhin befand ich mich gerade auf der „Mission“, die Vergangenheit von der Region herauszufinden... Ich war gespannt, was dabei herauskommen würde.
In Dambach angelangt, fragte ich mich bis zum Archiv vor, welches – genau wie in Hofling – im Rathausgebäude untergebracht war. Dambach war aber ein ganz schönes Stück größer als meine doch sehr beschauliche Heimat, und ich musste ein Weilchen suchen, um einen Parkplatz zu finden.
Schließlich hatte ich es geschafft, und trat in das Gebäude ein.
„Guten Tag!“, begrüßte ich den Mann am Eingangstresen.
„Ich wollte ins Archiv, könnten sie mir vielleicht sagen, wo ich da hin muss?“, fragte ich ihn, und er sah von seiner Zeitung auf. Er machte einen ziemlich gelangweilten Eindruck, erklärte mir dann aber, wo ich lang musste. Es ging wieder in den Keller hinunter, der aber nicht so alt wie in Hofling, dafür aber ziemlich kalt und karg ausgestattet war.

Hier gab es keine Empfangsdame, ich war auf mich alleine gestellt. Also ging ich die Bücherreihen entlang, an denen die Jahreszahlen standen.
1231. Da stand die Zahl, die ich suchte. Ich nahm das erste Buch aus dem Regal und blätterte darin. Hier war auch von Gesnari die Rede, und König Wilhelm der Erste wurde erwähnt, wie er sich salben ließ, sich zum König ernannte, die Burg errichtete. Die Burg im Wald. Ja, das musste es sein. Ich war mir ziemlich sicher, das diese Burg von Wilhelm dem Ersten „meine“ Burg war, es konnte nicht anders sein. Sie lag scheinbar genau in der Mitte von Hofling und Dambach, mitten im Wald. Ich laß weiter in dem Buch, und erfuhr einiges über Wilhelm den Ersten, der zwar ein wenig größenwahnsinnig gewesen war, aber auch ein großer Pferdeliebhaber. Er hatte edle Pferde gezüchtet, und war stolz auf seine Kampfrösser. Sein Ehrgeiz war es, die besten Pferde für Ritterspiele zu züchten, was ihm scheinbar auch recht gut gelang. Gesnari wurde berüchtigt für seine Pferde, und andere Fürsten bezahlten viel, um so ein Pferd besitzen zu können. Immer wieder fanden große Ritterspiele auf der Burg statt, und schließlich sollte die Tochter des Königs an den Gewinner eines besonderen Wettkampfes vermählt werden. Der Sieger war scheinbar auch ein ehrenwehrter Mann, aber da war noch ein anderer Ritter, der um die Gunst der schönen Prinzessin buhlte. Er schien erzürnt über das Ergebnis zu sein, und erklärte König Wilhelm den Krieg. Wie genau das passierte, stand hier nicht, aber scheinbar war der Nebenbuhler ziemlich erfolgreich darin, Gesnari zu vernichten, sodass die Prinzessin mit ihrem Verlobten fliehen musste. König Wilhelm selbst wurde bei einem der Angriffe getötet, und die Prinzessin kehrte nie mehr zurück. Meine Spur verlief sich im Sande. Ich durchsuchte die Seite nach irgendeinem anderen Eintrag, und fand dann ganz unten etwas klein geschriebenes. Dort stand, dass zwar die Prinzessin nie wieder zurück gekehrt war, dass aber angebliche Nachfahren von ihr wieder in die Gegend gekommen waren, unter dem Namen Wilhelm, und seitdem in Dambach wohnten. Mehr war der Seite aber definitiv nicht zu entnehmen, und ich stellte das Buch wieder zurück. Familie Wilhelm... grübelte ich, dann setzte ich mich in Bewegung, um das Archiv zu verlassen.

„Und, haben sie gefunden, was sie suchten?“, fragte mich der Portier, als ich wieder im Erdgeschoss war.
„Naja, nicht ganz.. Haben sie hier zufällig Computer?“, fragte ich ihn.
„Ähm, hier nicht, nein, aber auf der anderen Seite des Platzes ist eine Bibliothek, da könnten sie mal nachfragen!“, erklärte mir der Mann. Ich dankte ihm und verließ das Rathaus, um zur Bibliothek zu gehen. Dort gab es dann auch tatsächlich Computer, die man benutzten konnte, und ich googelte den Namen „Wilhelm“ in Dambach. Tatsächlich gab es einen Treffer. Da schien eine Familie in einem alten Landsitz zu wohnen, ein bisschen außerhalb von Dambach. Ich schrieb mir die Adresse auf, und schloss das Fenster wieder. Dann verließ ich die Bibliothek und ging zu meinem Auto, um zu der Adresse zu fahren. Ich hoffte, dass ich dort jemanden antreffen würde, und dass es nicht zu merkwürdig wäre, wenn ein Fremder nach der Familiengeschichte fragte... ich würde einfach sagen, dass ich einen Zeitungsartikel oder so schreiben wollte.

Nachdem ich die Adresse in mein Navi eingegeben hatte – und wieder war ich Tom sehr dankbar, dass er mich zu genau diesem Auto mit eingebautem Navi überredet hatte – fuhr ich der Wegweisung nach und war schnell aus Dambach draußen. Es ging ein Stück die Landstraße entlang, dann kam ich zu einer Hofeinfahrt, die ich entlang fuhr. Schließlich stand ich vor einem alten Herrenhaus, das ein wenig ungepflegt wirkte. Heruntergekommen konnte man es nicht nennen, aber der Rasen musste mal wieder gemäht und die Bäume nach geschnitten werden. Teile der Fassade blätterten ab, und der alte Glanz, den dieses Anwesen zweifellos einmal umgeben hatte, war schon lange nicht mehr vorhanden.

Ich stellte mein Auto ab und ging die breite Steintreppe empor, zu der großen, hölzernen Eingangstür. Dort war ein alter Klopfer aus Stein, den ich betätigte. Es hallte laut von innen wider, aber es tat sich nichts. Ob überhaupt jemand zu Hause war?
„Hallo?!“, rief ich laut, doch es kam keine Antwort. Ich wartete noch eine Weile, dann klopfte ich noch einmal, aber es tat sich immer noch nichts. Enttäuscht ging ich die Stufen wieder nach unten, als sich plötzlich etwas hinter meinem Rücken tat. Ich drehte mich um, und sah eine alte Dame, die mir die Tür auf machte.
„Guten Tag!“, begrüßte sie mich freundlich, und schien wirklich froh, mich zu sehen. Es war scheinbar doch ein wenig einsam hier.
„Oh, hallo! Ich dachte schon, es wäre niemand zu Hause“, gestand ich und kam ihr wieder ein wenig die Treppe hoch entgegen.
„Was kann ich für Sie tun, hübsches Fräulein?“, fragte die Frau freundlich. Ich schätzte sie auf über achtzig.
„Ähm, ich .. ich schreibe an einem Zeitungsartikel, der von König Wilhelm handelt, und wollte sie fragen, ob sie dazu irgendetwas wissen?“
Nachdenklich runzelte die alte Dame die Stirn.
„Hmh. Na, kommen sie doch erst mal rein, trinken sie gerne Tee? Ich habe auch frische Plätzchen gebacken“, erklärte sie, während sie sich schon umgewandt hatte und ins Innere vor ging. Ich folgte ihr rasch und schloss die Tür hinter mir. Drinnen war alles ziemlich überdemensional, und jeder Antiquitätenhändler würde in Freudentränen ausbrechen, wenn er die Ausstattung sehen würde. Die Schränke und Tische, die im Eingangsbereich standen, waren alle aus edlem, dunklen Holz, und wirkten uralt. Genauso, wie die Herrin des Hauses. Aber alles war sehr gut in Schuss gehalten, und wirkte wenig genutzt. Hier drinnen war es gepflegter als draußen, scheinbar machte sich die Dame viel Mühe, um alles ordentlich zu halten. An den Wänden hingen alte Porträts von Männern und Frauen, viele zu Pferd, und auch einige Jadgszenen waren dabei. Immer wieder spielten die Pferde eine Hauptrolle in den Bildern, die teilweise schwarz-weiß, aber manche auch sepia oder normal bunt waren.
Ich folgte der alten Dame, die durch den langen Korridor schlurfte, und mich durch ein paar Zimmer leitete. Jetzt verstand ich auch, warum es so lange gedauert hatte, bis sie mir die Tür aufgemacht hatte.
Schließlich kamen wir in ein großes Wohnzimmer. Aber es war nicht so eingerichtet, wie man sich ein Wohnzimmer heutzutage vorstellt; es gab keinen Fernseher, dafür aber alte Vitrinen, in denen teilweise wunderschönes, kunstvolles Geschirr aufbewahrt wurde, und teilweise alte Bücher. Auch hier hingen über all Bilder von Pferden an den Wänden, und in einem der alten Sessel saß ein Mann.
„Schau mal, Charlie, wie haben Besuch!“, sagte die alte Dame zu dem Mann, den ich auch auf über achtzig schätzen würde.
„Liebes, das hier ist Charlie, mein Mann. Er kommt ursprünglich aus England“, erläuterte sie mir und wies mich an, mich auf einen der antiken Ohrensessel zu setzten.
„Danke“, sagte ich und setzte mich. Charlie musterte mich, dann nickte er mir zu und vertiefte sich wieder in die Zeitung, die er gerade las. Seine Frau – ich vermutete jedenfalls, dass die beiden verheiratete waren – hatte in der Zeit eine Teekanne und eine Tasse für mich aufgetrieben, außerdem stellte sie einen Teller mit sehr lecker aussehenden Plätzchen auf den Beistelltisch.
„Charlie, jetzt sei doch nicht so unhöflich, unterhalte dich mal mit unserem Gast, leg doch mal die Racing Time weg jetzt!“, ärgerte sich die alte Dame über Charlie, der schließlich nachgab.
„Wie du willst, Hilde“, meinte er und legte die Zeitschrift auf den Tisch. Scheinbar drehte sich bei den beiden alles um Pferde, und ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Schließlich war König Wilhelm auch ein großer Pferdeliebhaber gewesen, stimmts?
„Ähm, ich habe mich glaube ich noch gar nicht vorgestellt. Meine Name ist Lisa Velten, und ich komme aus Hofling“, stellte ich mich Hilde und Charlie vor.
„Wir freuen uns, dass du bei uns bist. Stimmts, Charlie?“
„Ja“, erwiderte Charlie ein wenig mürrisch. Besonders erfreut schien er über die Unterbrechung nicht zu sein, er schielte immer wieder zu seiner Zeitschrift rüber, und man konnte es ihm deutlich anmerken, dass er lieber weiter darin blättern wollte.
„Entschuldige Charlie, Liebes. Er wartet jetzt schon seit Tagen auf diese Zeitschrift, und sie ist heute erst gekommen. Er brennt förmlich darauf, sie neuesten Rennergebnisse zu lesen. Weil, du musst wissen, zu seiner Zeit war er ein sehr erfolgreicher Jockey, und später Trainer von Rennpferden. Er war einer der besten des Landes, und sogar noch weit darüber hinaus...“, schwelgte Hilde in vergangen Zeiten und bekam einen abwesenden Ausdruck in den Augen.
„Alle Pferdebesitzer rissen sich darum, ihn als Trainer zu bekommen. Sagt dir der Name „Dashing Blade“ was? Einer seiner Nachkommen, „Black Rush“, ist hier in Vesland eine kleine Berühmtheit. Das war einer von Charlies letzten, großen Hengste, die er trainierte. Dabei hätte niemand gedacht, das auch dem kleinen Rappen jemals etwas werden würde. Aber er überredete den Besitzer, dem kleinen Hengst eine Chance zu geben. Mein Mann päppelte ihn auf, und wir saßen an manchen Nächten stundenlang vor seiner Box, um ihm seine Flasche zu geben, denn er trank bei seiner Mutter nicht genug. Er war immer etwas kleiner als die anderen, auch als dreijähriger noch. Aber wir steckten so viel Liebe ihn ihn, dass er einfach wachsen musste. Und das tat er, und gab uns alles zurück. Weißt du, dass er später Triple Crown Sieger wurde? Das sagt dir doch etwas, oder? Die Rennserie in Amerika, die berühmteste auf der ganzen Welt. Das waren noch Zeiten“, erzählte Hilde schwärmerisch.
„Ach, was sag ich da. Das ist lange vorbei, jetzt ist er in Rente und verfolgt die Szene von außen. Aber das ist es sicher nicht, weshalb du her gekommen bist, oder?“
Fasziniert hatte ich gelauscht, ich interessierte mich schon schon immer für solche Geschichten von früher, auch damals, als meine Oma mir immer erzählt hatte, wie sie als Kind aufgewachsen war. Es war sehr gemütlich hier, in dem alten Wohnzimmer. Während Hilde mir von früher erzählt hatte, hatte ich ein Plätzchen gegessen, welches wirklich ausgezeichnet geschmeckt hatte. Durch große Flügeltüren konnte man in den riesigen Garten schauen, der ein wenig verwildert war.
„Ähm, ja. Ich bin auf der Suche nach Informationen über König Wilhelm den Ersten, der hier in der Gegend gelebt hat. Im Archiv bin ich dann auf einen Hinweis gestoßen, dass die Nachfahren des Königs wieder nach Dambach gezogen sind, unter dem Namen Wilhelm. Als ich den Namen dann in der Umgebung suchte, fand ich ihre Adresse“, erzählte ich von meiner Suche.
„Ja, Wilhelm ist mein Geburtsname, aber ich habe schon sehr lange den Namen meines Mannes angenommen“, erklärte Hilde. Ich hatte scheinbar richtig Glück gehabt, dass sie hier noch als Wilhelm eingetragen waren.
„Sie haben von England erzählt, also wohnen sie nicht schon immer hier?“, fragte ich nach.
„Nein. Ich bin hier geboren, meine Familie stammt von hier, aber den größten Teil meines Lebens habe ich mit Charlie in Amerika oder England gelebt, wo er Rennpferde trainiert hat. Aber dann, als wir uns zur Ruhe setzten, haben wir uns entschieden, in den Landsitz meiner Eltern zurück zu kehren. Das alte Herrenhaus stand schon ein paar Jahre leer, aber meine Enkel haben mir geholfen, es wieder wohnbar zu machen“, erzählte mir Hilde bereitwillig. Ihr Mann Charlie hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts dazu. Es schien so, als wäre es auch in ihrer Generation so, dass die Frauen mehr redeten als die Männer, dachte ich mir und grinste innerlich.
„Von einem König Wilhelm weiß ich aber nicht viel... Wobei, meine Mutter hat mir immer erzählt, dass ihre Oma eine Prinzessin gewesen ist, und dass wir alle auch Prinzessinen seien. Ich habe gedacht, dass sie es uns nur als Kinder so erzählt hat. Aber vielleicht ist ja doch was dran an der Geschichte“, überlegte Hilde.
„Ja, ich glaube schon, dass da was dran ist. So steht es zumindest im Archiv. Und Sie wissen überhaupt nichts über die Geschichte von König Wilhelm, oder seiner Tochter, ihrer Urgroßmutter?“, fragte ich noch mal nach. Jetzt hatte ich doch die richtigen Leute gefunden, aber es schien mir nicht weiter zu helfen. Das konnte doch nicht wahr sein!
„Hmh, lassen sie mich überlegen, Liebes.“ Einen kurzen Moment lang dachte Hilde nach.
„Wir haben auf dem Dachboden alte Tagebücher gefunden, die sind immer noch da. Vielleicht steht da etwas drin?“, überlegte sie dann.
„Das wäre eine Möglichkeit!“, freute ich mich.
„Na, dann gehen wir mal hoch und sehen nach. Dann kann Charlie auch endlich seine Zeitschrift weiter lesen“, meinte Hilde mit einem Zwinkern in Richtung ihres Mannes. Sie war mir immer sympathischer geworden, und schien sehr nett zu sein. In ihrer Jugend war sie bestimmt sehr hübsch gewesen, dass konnte man auch jetzt noch erkennen. Sie hatte sehr schöne, strahlend blaue Augen, selbst im Alter strahlten sie noch vor lauter Lebensfreude.
„Nur, wenn es keine Umstände macht, ich wollte sie nicht lange stören..“, zögerte ich noch. Schließlich war ich eine komplett fremde Person, die da in ihren Angelegenheiten herumstöbern wollte!
„Ach nein, Liebes. Wir haben doch den ganzen Tag nicht viel zu tun, ich freue mich immer, wenn ich junge Leute um mich herum habe, und wenn ich noch behilflich sein kann, dann ist das noch besser“, winkte sie ab und bedeutete mir, ihr aus dem Raum zu folgen. Ich bekam ein ganz schlechtes Gewissen, schließlich hatte ich Hilde, die mir so freundlich und bereitwillig helfen wollte, angelogen, was den Zeitungsartikel betraf. Vielleicht sollte ich einfach einen Artikel schreiben, der musste ja nicht veröffentlicht werden? Ich verdrängte den Gedanken, und folgte Hilde ins Treppenhaus. Wir gingen die alten, knarzenden Holztreppen empor, die schon ganz blank gerieben waren, von den fielen Füßen, die sie benutzt hatten. In mir machte sich ein nostalgisches Gefühl breit. Es war schon irgendwie faszinierend, wenn man überlegte, dass hier vor sehr vielen Jahren noch echte Gutsherren gelebt hatten, zu einer Zeit, zu der man noch Kutsche und kein Auto gefahren war. Manchmal wünschte ich mir, dass ich in dieser Zeit lebte. Es war doch wunderbar, wenn man überall mit der Kutsche hinfuhr, oder hin ritt, oder nicht? Andererseits war das ja ein Privileg, dass den reichen Leuten zustand, und außerdem liebte ich mein Auto. Aber schwärmen von dieser Zeit erlaubte ich mir doch.
Nachdem wir zwei Stockwerke nach oben gegangen waren, was ziemlich lange gedauert hatte, in Anbetracht der Tatsache, dass Hilde nun mal nicht mehr so schnell konnte, wie in jungen Jahren, waren wir im obersten Stockwerk. Wir gingen in ein leeres Zimmer, in dem eine Tür war, die Hilde nun öffnete. Dahinter verbarg sich der Dachboden. Es war recht warm hier oben, und alles war aus Holz. Hier standen viele Kisten rum, die mit dicken Staubschichten überzogen waren, und Hilde ging zielstrebig auf ein paar Kisten an der rechten Seite des Dachbodens zu.
„Hier sind die Tagebücher“, erklärte sie, und hob einen Deckel an. Darunter lagen schwere, in Leder gebundene Bücher, die mit Lederbändern zu gehalten wurden.
„Wenn du willst, kannst du hier so lange stöbern, wie du willst. Ich gehe derweil wieder nach unten, ich muss langsam anfangen, das Mittagessen vorzubereiten. Du bist natürlich eingeladen, und ich würde mich sehr freuen, wenn du mit uns speisen würdest“, erklärte Hilde, und gerührt nahm ich das Angebot an. Kurz darauf war ich alleine auf dem hellen Dachboden, umgeben von Kisten und Staub. Ich nahm das erste Buch zu Hand.

Agnes zog mich nach drinnen, und wir gingen in mein Zimmer. Der große Tag war gekommen, heute war es endlich so weit! Ich setzte mich vor meine Frisierkommode und schaute zum Fenster raus, auf den Bergfried. Er sah prächtig aus, mit unserem Banner, welches aus einem der Fenster wehte. Vater hatte wirklich eine sehr schöne Burg bauen lassen.
„Agnes, bereitest du Marina auf das Fest vor?“, rief da eine weibliche Stimme von draußen.
„Ja Mama, bin schon dabei!“, antwortete Agnes, und kämmte mir meine langen, blonden Haare. Ich genoss es, dass sie sich um mich kümmerte, und hing meinen Gedanken nach, während sie mir die Haare zu einer wunderschönen, modernen Frisur flocht und hochsteckte. Wer wohl der Sieger des heutigen Tages sein würde? Oder er mir gefallen würde? Ich hatte so lange auf diesen Tag gewartet, und freute mich schon sehr darauf. Aber ein bisschen Angst hatte ich trotzdem, was wäre, wenn jemand gewann, den ich nicht mochte?
„Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer.
Woll'n wir ferne Lande sehen, fällt der Abschied uns nicht
schwer.
Leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken,
klingen die Lieder weit übers Meer“, sang Agnes, und die trüben Gedanken verschwanden. Auf und davon würde mich mein Prinz nehmen, übers Meer mit mir segeln, zu neuen Königreichen. Ich seufzte verträumt und schaute auf die Baumwipfel, die vor der Burg sanft im Morgenlicht wehten.
Als meine Haare fertig waren, half Agnes mir in mein Kleid. Das Korsett schnürte sie extra fest, damit ich eine schöne Figur machte, und half mir dann, mein neues Kleid anzulegen. Vater hatte es extra für mich anfertigen lassen, mit den neuesten Stoffen aus dem Orient. Es war rot, wie Wein, und Golddurchwirkt. Die Schnüre waren ebenfalls golden, und ich bewunderte mich im Spiegel, als ich es an hatte. Es war wirklich wunderschön, und ich wusste, niemand würde so strahlen wie ich, an diesem besonderen Tag!
Vor allem, nachdem Agnes mir noch meine Krone aufs Haupt gesetzt hatte. Sie rundete das Bild ab, und zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel.
Marina, die Tochter des glorreichen Königs Wilhelm dem Ersten. Das war ich, und ich war sehr stolz darüber.
„Wunderschön“, sprach Agnes meine Gedanken aus.
Alles an mir passte heute perfekt zusammen. Meine Krone war wunderschön. Sie war aus Gold, und sehr zierlich. In der Mitte war ein leuchtender Rubin eingelassen, der perfekt mit der Farbei meines Kleides harmonierte.
Meine Lippen, voll und sinnlich, und meine strahlenden, braunen Augen stachen aus meinem schönen Gesicht heraus, und ich war stolz auf mein Aussehen.
Agnes folgte mir nach draußen, über den Burghof nach hinten zum Festplatz. Hier war schon das Volk versammelt, ebenso wie die Ritter, die heute um die Gunst des Königs, meines Vaters, kämpfen würden. Der Sieger dann würde die Ehre haben, mich zur Frau zu nehmen. Es war alles so aufregend!
Die Ritter sahen prächtig aus. Mit glänzenden Rüstungen saßen sie auf ihren Pferden, die ebenfalls Rüstungen trugen. Es waren feurige Tiere, wohlgenährt und topfit. Sie schnaubten laut und tänzelten, sodass man ihre Muskeln an den Stellen, an denen keine Rüstung war, spielen sah. Ich sah glänzendes Fell, sowohl schwarzes, als auch braunes, rötliches und weißes. Die Pferde waren wirklich wunderschön, so festlich wie sie geschmückt waren!
Agnes geleitete mich zur Tribüne, und zwar nach ganz oben in die Mitte, zu der Loge, die nur der Königsfamilie zustand. Immer mehr Menschen drängten auf die Tribüne, und bald war alles voll. Ich sah sowohl Kinder als auch Männer und Frauen verschieden Alters, die alle gespannt zu den Rittern blickten. Dann ertönten Fanfaren, und mein Vater, der König, erschien links von mir. Er trug seine prächtige, große Krone – größer als meine. Er schritt mit erhobenen Haupt auf dem breiten, mit roten Teppich ausgelegten Mittelgang, und kam auf mich zu. Die Leute erhoben sich, und es wurde nur noch respektvoll geflüstert.
„Der König!“, ertönte es rings um uns. Agnes knickste ergeben, als er bei uns angelangt war.
Ich hingegen blickte meinem Vater stolz entgegen, der meine Hand ergriff, als er mich erreicht hatte und sie an seinen Mund führte.
„Meine reizende Tochter, wie immer eine Augenweide!“, sagte er liebevoll, und dann wandte er sich an das Publikum.
Er breitete die Arme aus und rief: „Mögen die Spiele beginnen, und möge der Beste gewinnen, denn er soll derjenige sein, der meiner Tochter Hand erhält!“
Die Leute applaudierten, und mein Herz klopfte stark. Ich war so stolz, die Tochter dieses glorreichen, gerechten Königs zu sein, den sein Volk liebte. Der König setzte sich, und bedeutete mir, mich neben ihn zu setzten. Ich nahm hoheitsvoll meinen Platz an seiner Seite ein, während Anges hinter mir stehen blieb. Auch die Bediensteten meines Vaters stellten sich hinter unsere Stühle, und das Fest begann. Der Herold las mit lauter Stimme die Namen der Ritter vor, und kündigte jeden an. Die Spiele konnten beginnen! Ich war sehr glücklich, dass dieser Tag endlich gekommen war. Der einzige Wermutstropfen dabei war, dass Mutter an diesem besonderen Ereignis nicht beiwohnen konnte. Ich hoffte, sie würde vom Himmel aus alles sehen, und stolz auf ihre Tochter sein, die sie nie kennen gelernt hatte. Mein armer Vater, der seine geliebte Frau, die Königin, am Kindsbett verloren hatte!
Doch nun fingen die Ritter an, sich jeweils rechts und links vom Feld aufzustellen, und plötzlich ließen sie ihre Pferde los galoppieren, direkt aufeinander zu, sodass ich gebannt den Atem anhielt. Ich verdrängte alle anderen Gedanken, und mein Herz klopfte wie wild. Wie würde es ausgehen? Der eine stieß den andern mit einer Lanze vom Pferd. Es gab einen gewaltigen Krach, und das Pferd von dem unterlegenen Ritter galoppierte alleine weiter. Der siegreiche Ritter hielt seine Lanze hoch in die Luft und ließ sein Pferd am anderen Ende des Platzes wieder anhalten und umdrehen. Doch wer war er? Unter seinem Helm konnte ich ihn nicht erkennen. Schnell wurde der immer noch reglos am Boden liegende unterlegene Ritter vom Platz getragen, und der nächste trat an seine Stelle. So ging es eine Weile, und bei jedem Stoß zuckte ich zusammen. Was für ein grandioses Spiel! Gegen Ende wurde es immer deutlicher, welcher von den Rittern der Beste war. Er hatte eine glänzende Rüstung und rote Klamotten darunter an, ebenso wie eine rote Feder auf seinem Helm. Das Schicksal hatte es so gewollt, dass wir sogar farblich harmonierten! Und sein Pferd war wirklich prächtig, es war ein großer, muskulöser Rappe, mit edlem Kopf und klugen Augen. Seine Schabracke war in dem selben rot wie die Bekleidung seines Reiters, uns passte hervorragend zu seinem dunkel schimmernden Fell.
Am Ende siegte dieser Ritter, der sich als der Herzog von Freienfels entpuppte, tatsächlich, und der König versprach ihm meine Hand. Nach und nach wurde der Platz geräumt, und wir gingen wieder in die Burg, in ein Nebengebäude des Turmes. Dort stand eine riesige Tafel, mit edlen Tüchern bedeckt, auf denen riesige Schüsseln und Platten mit allerlei herzhaften Essen stand. Der König setzte sich vor Kopf, und ich mich rechts neben ihn. Neben mir aber nahm der Sieger des Turniers, Herzog von Freienfels, Platz. Er war ein galanter Herr, und sehr nett. Es war, wie ich es mir erträumte hatte. Der Herzog war mir sehr zugetan, und ich mochte ihn auf Anhieb sehr. Ich konnte mich gut mit ihm unterhalten, und stellte schließlich fest, dass er sehr an seinem Pferd Talibar hing. Der Wein vernebelte mir den Kopf, und ich fühlte mich sehr leicht, fast schon schwindelig.
„Lady Marina, ist alles in Ordnung mit Euch?“, fragte der Herzog besorgt, und faste meinen Arm an.
„Ja, mein Herr. Es geht mir gut. Ich bin sehr glücklich!“, erwiderte ich und lächelte ihn an. Mein Traum war wahr geworden.


Schwer atmend blickte ich mich auf dem Dachgeschoss um. Ich war in Dambach, bei netten alten Leuten. Nicht im Wald, in der Burg. Es war unfassbar, aber ich schien die Sätze, die Marina, die Prinzessin, geschrieben hatte, nicht nur zu lesen, sondern zu erleben. Ich war dort, verliebte mich in den Herzog... Und zwar noch mal. Ich hatte das ganze schon einmal erlebt, damals, im Wald... Noch bevor ich in Italien war. Als ich die Burg das erste Mal entdeckt hatte. Nachdem ich gestolpert war, und mir übel den Kopf angehauen hatte, hatte ich genau das, was Marina in ihrem Tagebuch beschrieb, erlebt. Ganz genau das. Sogar die Gedanken, die sie hatte, waren meinen ähnlich. Ich zitterte, obwohl es nicht warm war, und atmete schnell.
„Ganz ruhig!“, ermahnte ich mich, aber eiskalte Schauer überzogen meinen Körper, und ich bekam Gänsehaut. Es war nicht nur merkwürdig, es war unheimlich, abnormal. Wie konnte ich das, was Marina so offensichtlich wirklich erlebt hatte, schon wissen, bevor ich davon las? Wie konnte das sein? Mein Herz klopfte wild, und ich starrte das Tagebuch an. Klappte es hastig zu und ließ es in die Kiste fallen, bevor ich schwankend aufstand und taumelnd den Dachboden verließ. Ich war ganz wackelig auf den Beinen, hatte das Gefühl, stunden lang dort auf dem Boden gehockt zu haben. Was war da gerade passiert? Ich wusste es nicht, und wollte es nicht wissen.
Rasch ging ich die Treppe runter und betrat wieder das Wohnzimmer, in dem der Mittagstisch schon gedeckt war.
„Setzt dich, Liebes, das Essen ist gleich fertig“, ertönte die sanfte Stimme von Hilde aus dem Nebenraum – der Küche, vermutlich – und ich setzte mich an den großen Eichentisch. Auch Charlie stand aus seinem Sessel auf, und setzte sich zu sich. Um mich von meinen unheimlichen – sowie absurden – Gedanken abzulenken, fragte ich ihn nach Dashing Blade.
Sein Gesichtsausdruck wurde versonnen, und er schien sehr weit Weg zu sein, als er anfing, von dem Hengst zu erzählen.
Gebannt lauschte ich den Geschichten von vermeintlich verlorenen Rennen, die Blade doch noch für sich entscheiden konnte. Von seinen unglaublichen Siegen, von seinem Weg nach ganz oben. Er schien etwas sehr besonderes gewesen zu sein, und das nicht nur, weil er ein so erfolgreiches Rennpferd war, sondern er hatte sich auch einen Platz in Charlie's Herz erkämpft.
„Als Blade dann aber mit stolzen 28 Jahren verstarb, verabschiedete ich mich aus dem Renngeschäft, und wir zogen nach Deutschland. Aber selbst heute noch lebt Blade in seinen Nachkommen weiter, zuletzt in Black Rush, der hier in Vesland sehr erfolgreich Rennen gelaufen ist, und nun seine Gene – und die von Blade – weitergibt“, schloss der alte Mann und seufzte.
Es war eine faszinierende Geschichte gewesen, und ich war froh, dass ich gefragt hatte.
Das Essen schmeckte auch himmlisch, und ich bedankte mich herzlich bei dem Ehepaar, dass sie mir geholfen hatten.
„Jetzt muss ich aber gehen, ich muss meine zwei Pferde noch trainieren“, erklärte ich.
„Liebes, sie haben ja gar nicht erzählt, dass sie in Besitz von zwei Pferden sind!“, rief Hilde aus.
„Ja, ähm, es sind aber keine Rennpferde. Ich reite Vielseitigkeit mit ihnen!“, erklärte ich und musste natürlich ausführlich von Soul und Kiss berichten, bevor ich entlassen wurde.
„Du kannst jederzeit wieder kommen, Liebes! Da oben gibt es bestimmt noch einiges, was man entdecken kann“, lud mich Hilde ein, und ich versprach, bald wieder zu kommen.

Als ich im Auto saß, atmete ich tief durch. Auch wenn ich am liebsten gar nicht mehr an diese merkwürdige Geschichte von Marina denken wollte, mit der ich auf sehr unheimliche Art verbunden war, wusste ich, würde ich wiederkommen. Und zwar sehr bald, denn das Geheimnis des abgebrannten Stalls war immer noch nicht gelüftet, und ich hatte mir schließlich fest vorgenommen, dahinter zu kommen! Ich musste dahinter kommen, das war wohl meine einzige Chance, diese Alpträume loszuwerden...
Als ich durch Dambach fuhr, um wieder nach Hause zu kommen, stach mir ein großes Schild ins Auge.
„Zum Folmerhof“, stand da groß, und ein Pfeil zeigte nach links. Darunter stand klein „Trainingszentrum für Vielseitigkeit“. Kurzentschlossen setzte ich den Blinker und bog ab.
Ich folgte den Schildern, und wurde aus Dambach raus geleitet, bis ich schließlich ein wenig nördlich von Dambach die Langstraße entlang fuhr. Nach nur ein paar hundert Metern konnte ich einen großen Torbogen sehen, auf dem „Folmerhof“ geschrieben war. Ich fuhr darunter hindurch eine lange Auffahrt entlang, bis ich auf dem weitläufigen Gelände war. Alles sah sehr gepflegt und modern aus, es waren extra Parkplätze ausgeschildert, sowohl für PKWs, als auch für Pferdetransporter und Anhänger. Ich parkte meinen BMW und stieg aus. Hinter den Gebäuden sah ich schon die ersten Geländehindernisse, und neugierig begab ich mich zum Gebäudekomplex. Ich fühlte mich hier genau richtig; schließlich wollte ich ja Vielseitigkeit reiten! Und das war das einzige, was man bei uns zuhause nicht trainieren konnte, da die Tsubasa Stables über keine Geländestrecke verfügten. Zwar hatte ich in Italien meine Pferde schon soweit vorbereitet, aber ich musste ja weiterhin trainieren, deshalb war ich sehr gespannt, was hinter dem Folmerhof steckte.
Auf einer der Türen, die ins erste Gebäude führte, stand „Büro“, und ich trat ein.

Hinter einem überdimensionalen Schreibtisch saß eine junge Frau, und sortierte Zettel.
„Oh, guten Tag!“, begrüßte sie mich freundlich und legte die Unterlagen beiseite.
„Hallo!“, erwiderte ich und trat näher.
„Herzlich Willkommen auf dem Folmerhof! Wie kann ich Ihnen denn helfen?“, erkundigte sich die Blonde und lächelte mich zuvorkommend an.
„Ich habe in Dambach ihr Schild gesehen, und bin einfach mal vorbei gekommen.. Da stand, der Folmerhof ist ein Trainingszentrum für Vielseitigkeit?“
„Ja, das ist richtig. Wir nehmen Pferde in Beritt, stellen sie auf Turnieren vor, bieten Kurse für Pferd und Reiter Paare an und haben ein paar sehr gute Trainer, die Turnierreiter betreuen, diese trainieren und auf Turniere begleiten“, erklärte mir die junge Frau ausführlich.
„Das hört sich ja toll an! Also, ich habe zwei Pferde, mit denen ich auf Vielseitigkeiten starten möchte, aber bei uns auf dem Hof kann ich nicht trainieren. Hat einer der Trainer denn Zeit, für einen weiteren Schüler?“
„Moment, ich schaue gerade nach.“ Sie tippte im Computer, und schien fündig zu werden.
„Da hätten wir Ethan McCrindle, ein sehr hoch qualifizierter Trainer, der gerade einen Schüler abgegeben hat. Moment, ich habe auch ein Datenblatt zu ihm“, erklärte sie und griff in ein Fach unter dem Schreibtisch. Es schien alles sehr professionell abzulaufen, auf diesem Hof, und rasch hatte sie gefunden, was sie suchte.
„Bitte sehr. Wenn sie wollen, können sie ihn gleich kennen lernen, er müsste derzeit auf der Trainingsstrecke direkt hinterm Stall zu finden sein“, erklärte sie mir und lächelte.
Ich bedankte mich, und ging nach draußen. Dort setzte ich mich auf eine der Bänke in die Sonne und studierte das Blatt, dass sie mir gegeben hatte.
Ethan McCrindle war 58 Jahre alt, stammte aus Australien und hat dort das Training des Vielseitigkeitskaders geleitet. Dann war er nach Vesland gekommen, und hat scheinbar die legendäre Keltie Strudwick bis zu ihrem tragischen Tod trainiert. Das war wirklich beeindruckend! Ich wollte ihn unbedingt kennen lernen. Es wäre fantastisch, wenn er mich ins Training nehmen würde!
Also machte ich mich direkt auf die Suche nach ihm, und hatte ihn sehr schnell gefunden. Er stand auf besagter Geländestrecke und trainierte einen jungen Reiter mit seinem Schimmel.
Ich schaute vom Stall aus eine Weile zu, und wartete ab, bis sie die Trainingseinheit abgeschlossen hatten. Dann ging ich zu Ethan McCrindle rüber, und stellte mich ihm vor. Dann fragte ich ihn, ob er mich vielleicht unterrichten könnte. Er überlegte eine Weile.
„Leslie ist vor einer Woche nach Amerika ausgewandert, also hätte ich schon Zeit, für einen weiteren Schüler. Aber ich will meine Zeit nicht mit talentfreien Reitern verschwenden, verstehst du? Also müsstest du mir erst mal zeigen, wie du reitest, und was du für Pferde hast.“
Ich schluckte über so viel Offenheit, und seine sehr direkte Ansage.
Aber ich sagte ihm zu, und er wollte, dass ich in einer Stunde mit Pferd auf der Trainingsstrecke auftauchte.
„Äh..“, wollte ich sagen, aber Etan's strenger Blick ließ mich verstummen.
„Gibt es Probleme?“, fragte er mich.
„Nein“, ich schluckte meine eigentliche Erwiderung hinunter und machte mich wieder auf den Weg zu meinem Auto.

Eine Stunde! Das würde ich nie schaffen! Ich raste mit meinem BMW zurück auf die Landstraße, die nach Hofling führte. Der Weg dauerte eine viertel Stunde, und rasch war ich im Ort angelangt. Ich musste schnell noch nach Hause, ich hatte schließlich gar keine Reitklamotten an! In Windeseile zog ich mich um, und weiter ging es zum Stall. Soul stand, genau wie Kiss, auf der Weide. Als erstes hängte ich den Hänger, den man sich leihen durfte, an mein Auto dran und warf hastig alles, was ich brauchte, in den Kofferraum. Dann schnappte ich mir Kiss von der einen, und Soul von der anderen Weide. Kiss kam mir ein Stück entgegen, und Soul galoppierte – wie immer – zum Zaun, als er mich sah. Das ich Kiss am Strick hielt, war natürlich auch ein Vorteil, denn er liebte sie wirklich, seit er in Italien neben ihr in der Box gestanden hatte. Er wollte um sie herum hofieren, was ich aber rasch unterband.
„Schatzi, dafür haben wir absolut keine Zeit!“, erklärte ich ihm. Es war schon etwas mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit ich vom Folmerhof gebraust war.
Ich schickte erst Kiss in den Hänger, machte hinter ihr den Bolzen zu, und ließ dann Soul hinein gehen. Während ich auch bei ihm den Bolzen zu machte, und die Rampe schloss, beschnupperten sie sich und Kiss quietschte.
„Hey, hört auf ihr zwei!“, ermahnte ich sie, dann schlüpfte ich vorne rein und band die beiden an. Endlich konnte es los gehen, und mir lief jetzt schon der Schweiß aus allen Poren. Was wohl die anderen dachten, wenn sie mich gesehen hatten? Es waren bestimmt andere Einsteller da, die beobachtet hatten, wie ich meine Pferde blitz-verladen hatte. Naja, ich würde später erzählen, was ich vorhatte, dafür war jetzt nicht die Zeit.
Als ich vom Hof fuhr, winkte ich Nina zu, die gerade aus dem Stall kam, und mir verwundert hinterher schaute. Dann war ich auch schon wieder auf der Landstraße, und fuhr nach Dambach.

Ob es richtig gewesen war, dass ich beide Pferde mitgenommen hatte? Aber in der kurzen Zeit, vor allem in der Hektik, hatte ich mir keine Gedanken machen können, welches der Pferde ich lieber mitnehmen wollte. Oder ob Ethan direkt beide sehen wollte, was ich für wahrscheinlich hielt.
Diesmal dauerte die Fahrt zwanzig Minuten, schließlich hatte ich ja Pferde dabei, und konnte nicht so schnell fahren, wie ohne.
Fünf Minuten, bevor die Stunde um war, parkte ich auf dem Folmerhof. Rasch sprang ich aus dem Auto und lud Kiss aus, mit der ich anfangen wollte. Nachdem ich sie schnell übergeputzt hatte, zog ich ihr Sattel, Gamaschen, Vorderzeug und Trense an und schwang mich auf ihren Rücken. Als ich vom Hänger weg ritt, wiehrte Soul und hinterher, war dann aber ruhig.
Nervös blickte Kiss sich um und tänzelte zur Seite, als jemand mit Mistkarre aus einem der Ställe kam.
„Hey, ist doch gut, das kennst du doch!“, beruhigte ich sie mit der Stimme, und streichelte über ihren Hals. Im Schritt ritt ich über die Geländestrecke, und schaute mir die Hindernisse an. Alles sah sehr gepflegt und ordentlich aus. Aber die Hindernisse wirkten doch ganz schön hoch...
„Das ist also dein Pferd?“, ertönte da die kräftige Stimme von Ethan. Er kam auf mich zu, und musterte Kiss.
„Ja, genau. Das ist Kiss Colonel, eine meiner zwei Pferde.“
„Hast du das andere auch dabei?“, fragte er prompt.
„Ja, Soul, meinen Hengst, habe ich auch mitgebracht...“
„Gut. Erzähl mal was über sie, wie weit seit ihr, welche Turniere seit ihr schon gegangen?“, erkundigte er sich.
Ich erzählte ihm von Kiss' mittlerweile echt beeindruckenden Turnierkarriere, und er nickte beifällig. Schließlich trabte und galoppierte ich Kiss locker warm, während Ethan mich mit Adleraugen beobachtete. Es war mir nicht ganz geheuer, und ich hatte Angst, dass ich ihm nicht genügen würde. Das ganze erinnerte mich irgendwie an Italien. Aber im Endeffekt kam ich ja gut mit strengen Trainern zurecht, dachte ich mir.
Ethan ließ mich über ein paar niedrige Hindernisse springen, und stellte mir dann immer kniffligere Aufgaben. Ab und an erklärte er mir, was ich besser machen konnte, und so verging die Zeit im Nu. Schnell war Kiss nass geschwitzt, und auch mir ging so langsam die Puste aus.
„Alles klar, reite sie ab. Da am Stall kannst du sie Abspritzen, danach hol deinen Hengst her.“ Mit diesen Worten beendete Ethan das Training, und ging zu den Gebäuden. Ich tat wie gehießen, und zwanzig Minuten später saß ich auf Soul, der eifrig über die Wiese schritt. Er schien voller Tatendrang zu sein, an dem Tag.
Wenig später kam Ethan wieder auf die Strecke, und erklärte mir, dass er mich mit Kiss in zwei Wochen zu einem Turnier mitnehmen würde – vorausgesetzt, ich wollte von ihm trainiert werden. Ich nickte eifrig, aber als er mir die Prüfungen, in denen ich starten sollte, nannte, schluckte ich schwer. Eine Geländepferdeprüfung für Jungpferde, okay, aber: Klasse M! Außerdem eine normale Geländeprüfung Klasse M und eine ganze Vielseitigkeit Klasse M! Alles über ein paar Tage verteilt. Mir wurde leicht schlecht, wenn ich daran dachte, dass mir nur noch zwei Wochen bleiben würden, bis ich an den Start gehen sollte.
Mit Soul verlief das Training ähnlich wie mit Kiss, nur natürlich nicht auf solch einem hohen Niveau. Wir übten ein paar kleine Hindernisse, außerdem Wasserdurchritte und einen Sprung aus dem Wasser heraus.
„Okay. Das reicht für heute. Ich erwarte dich übermorgen um fünf Uhr mit beiden Pferden wieder hier. Wenn der Termin nicht geht, wende dich ans Büro, die können das mit dir besprechen, und auch alles weitere Organisatorische erklären die dir da. Bis dann!“, verabschiedete er sich von mir, und verschwand.
Das ging mir alles ein wenig sehr schnell, aber ich war froh, über diese Chance, die sich mir bot. Bei dem Trainer der legendären Keltie Strudwick zu trainieren, war schon etwas ganz besonderes!
Also ging ich nochmal ins Büro, nachdem ich Soul wieder zu Kiss in den Hänger gestellt hatte. Dort gaben die mir alles wichtige, was ich brauchen würde. Unter anderem die Ausschreibung von dem Turnier, zu dem ich angemeldet werden sollte. Ich nannte ihnen meine Daten, und die der Pferde.
„Okay, dann musst du dich jetzt um nichts mehr kümmern, bis auf das Training, natürlich. Wir melden dich zu den Turnieren an, und geben dir die wichtigen Daten“, erklärte mir die junge, blonde Frau im Büro.
Ein wenig benommen verließ ich das Büro schließlich wieder, und machte mich auf den Nachhauseweg. So schnell konnte es gehen.

#2 RE: 34. Bericht: Auf längst vergessenen Spuren von Lucy 04.05.2014 16:50

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Wo, cool, dass du einen Trainingsstall gefunden hast, aber verlässt du uns bitte nicht schon wieder.... Bitte, bitte. Der Weg bis zum Trainingsort ist ja nicht allzu weit...
Cate startet meistens in den "klassischen" Prüfungen meistens Dressur, hin und wieder Springen, was bedeutet, dass ihr doch nicht so oft gegen einander antreten werde... Schade, aber wir sich bestimmt einmal trotzdem ergeben.
Und ja die Geschichte mit der Burg. GÄNSEHAUT!!!

#3 RE: 34. Bericht: Auf längst vergessenen Spuren von Lisa 04.05.2014 16:56

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:D
freut mich, dass es dich berührt hat :)

ich bleib in hofling, ich fahre mit dem hänger immer zum training rüber :) (anders gehts nicht, wir haben ja gar keine geländestrecke..)
& die klassischen sachen starte ich auch :)

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