#1 #6. Ich will Leben. von Philomena 11.08.2014 12:41

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Hier der lang ersehnte Bericht ^^ Ganz zufrieden bin ich nicht, aber ich war auch noch nie gut darin traurige Dinge zu schreiben. Ich mag es lieber Lustig und Romantisch... Aber naja... An sich gefällt er mir ganz gut, das sind 5 Seiten. Der kann jetzt auch so schnell kommen, weil ich vorher schon mit dem Handy geschrieben habe und mir den dann auf den Laptop gezogen habe, überarbeitet und verbessert etc., deswegen ist der schon fertig ^^ Viel Spaß beim Lesen!
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Die Autofahrt über schweigen wir. Ich starre aus dem Fenster auf die Regenverhangene Stadt. Hochhäuser und Geschäfte ziehen im verschwommen an uns vorbei. Kurz nachdem wir losgefahren sind hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt, der sich zu einem heftigem Schauer steigerte. Das stetige Prasseln auf das Autodach hat etwas Bedrohliches an sich, doch gleichzeitig beruhigt es mich auf eine gute Weise. Die Nachricht von Raven hatte mich getroffen wie ein Schlag. Auch jetzt kann ich es noch gar nicht richtig glauben. Mein Kopf ist wie lehrgefegt und ich weigere mich etwas zu denken, was damit in Verbindung kommen könnte. Raven scheint sich abzulenken, indem er sich voll und ganz auf das fahren konzentriert. Die zähe Masse aus Bäumen und Häusern verschwimmt vor meinen Augen. Irgendwann fange ich an „Hänschenklein“ zu summen, die Beine anzuziehen und die Arme darum zu schlingen. Ich fange an, mich elend zu fühlen. Klar, Daphne war in den letzten Jahren nicht die Mutter, die man sich wünscht, und sicher hat sie ihre Fehler, aber immerhin habe ich mein ganzes bisheriges Leben mit ihr verbracht. Der Motor des Autos geht aus und mit ihm das beruhigende Schütteln, das mich die ganze Fahrt vor einem Ausbruch bewahrt hat. Ravens Miene ist steinhart und es ist nicht zu erkennen was er denkt, als er aussteigt, um das Auto herum geht und die Beifahrertür öffnet.
"Komm, Kleines, lass uns reingehen." Ich greife nach seiner Hand und klammere mich an ihn, als wäre er das letzte, was mich noch aufrecht hält.

Das Krankenhaus ist ein großer, moderner Bau mit einem graden Dach und einem eigenen Park. Ich hasse das Gebäude jetzt schon. Es sieht schön aus, man sieht nichts von dem Leiden, was sich dahinter abspielt. Die Schwestern sind sehr nett und mitfühlend, während sie uns den Weg zeigen. Alles ist steril und sauber, die Wände weiß, genau wie das Mobiliar. Ärzte hetzen an uns vorbei, Patienten werden von hier nach da gebracht. Einmal kommen wir an einem jungen Mann vorbei, der in einem Bett liegt. Er ist Blutüberströmt und stöhnt unentwegt. Ich höre, dass es ein Autounfall war.
Und schließlich stehen wir da, vor Zimmer 227, und mein Kopf ist wie lehrgefegt und glatt poliert, sodass sich kein einziger Gedanke festhalten kann. Raven schaut auf mich herunter, er hat seit zuhause fast gar nichts gesagt und erst jetzt bemerke ich die Anzeichen der Erschöpfung. Ich will ihn darauf ansprechen, will ihm Mut machen, doch er klopft an die Tür und drückt sie dann auf. Ich hatte mir alles vorgestellt, mich auf alles vorbereitet, auf meine Mutter unter einem Berg aus Geräten und Schläuchen, meine Mutter mit eingefallenem Gesicht und aschgrauer Haut. Doch ihr wirklicher Zustand trifft mich am meisten. Sie sieht gut aus, ihre kurzen Haare verteilen sich gleichmäßig um ihr schmales Gesicht, sie hat die Augen geschlossen und ihre Haut hat eine natürliche Farbe mit einem zarten rosa Schimmer auf den Wangen. Man hätte meinen können, sie würde zuhause liegen und ihren Rausch ausschlafen, doch das piepsende Gerät neben ihr macht die ganze Illusion zunichte. Ein Arzt ist bei ihr und kontrolliert den Herzschlag, als wir eintreten.
„Hallo, sie müssen die Kinder sein. Mein Name ist Dr. Sheldon, ich bin für ihre Mutter zuständig."
Er gibt uns beiden die Hand. Draußen ist schwarze Nacht und im grellen Licht der Deckenlampe sieht er fast gespenstig blass aus. Er ist sehr dünn und hat lange, feingliederige Finger, die er mir mit einem toten und Leblosen Händeschütteln hinhält. Raven stellt uns beide vor während ich weiter Daphne mustere.
„Was hat sie denn?", fragt Raven, weiter kalt und unberührt von allem. Doch ich weiß, dass er tief in sich drin erschüttert ist.
„Nun, ihre Mutter hat wohl eine Überdosis einer bestimmten Schmerztablette genommen. Um ganz ehrlich zu ihnen zu sein, wir wissen nicht ob sie es schafft.", der Doktor lächelt ein wenig unbehaglich. Es scheint, als hätte er noch nicht oft schlechte Nachrichten überbringen müssen und er fühlt sich sichtlich unwohl neben dem großen Raven mit den ausgeprägten Muskeln und dem riesigen Beschützerinstinkt.
„Ach so.", entgegnet dieser nur kühl und lässt seinen Blick über die Frau gleiten, die dort im Bett liegt. Er scheint sie gar nicht richtig wahrzunehmen. In diesem Moment regen sich die Augen und ein leiser Seufzer entfährt ihren Lippen. Sie schlägt die Augen auf und starrt uns an. Wir starren zurück, nur der Arzt stürzt sich auf sie und misst den Blutdruck, stellt Fragen auf die er keine Antwort erhält und ruft nach einer Schwester. Ich weiß nicht, was in diesem Moment in meinem Kopf vorgeht. Ich krame belanglose Dinge hervor, verwerfe sie und denke an was anderes bescheuertes, während Daphne uns mit ihrem Blick zu durchbohren scheint. Und dann sehe ich sie. Die kleine Träne, die langsam von dem Auge über die Wange runterläuft und den Hals entlang, bis sie in dem Krankenhausnachthemd versickert und nur eine nasse dünne Spur hinterlässt.
„Raven, Philomena, was macht ihr hier?", ihre Stimme ist brüchig und rau, als hätte sie schon seit Tagen nichts mehr getrunken.
„Wir sind gekommen, weil das Krankenhaus bei mir angerufen hat.", teilt Raven ihr schroff mit. „Aber anscheinend geht es dir gut, also hätten wir nicht kommen müssen."
„Raven, ich…", ihre Stimme versiegt, ihre Augen flackern und dann piept das Gerät neben ihr mit einem durchdringenden und hohen Ton. Der Arzt drückt einen Knopf und mehrere Krankenschwestern kommen herein, auch noch ein weiterer alter Arzt und tummeln sich um das Bett meiner Mutter und rufen sich gegenseitig irgendwas zu. Ich drücke mir die Hände an die Ohren und vergrabe mich an Raven gelehnt hinter einem Vorhang aus Haaren. Ich spüre Ravens Arme um mich herum, während ich die ganzen beunruhigenden Geräusche aussperre. Alles ist taub, als wäre ich in einer riesigen Luftblase gefangen, die mich von allem abschottet. Ich habe Angst. Krankenhäuser fand ich schon immer schrecklich und werde diese Einstellung zu ihnen wohl auch nie ablegen können. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so da gestanden habe und Raven mir den Rücken streichelt, aber irgendwann tauche ich hinter meinem Vorhang wieder auf und schaue mich mit immer noch zugehaltenen Ohren um. Die Ärzte wuseln immer noch um meine Mutter herum, schließen sie an weitere Geräte an. Ein Arzt murmelt Raven irgendetwas zu, worauf er nickt und mich dann langsam zum Ausgang dirigiert. Im Flur setzen wir uns auf zwei der unbequemen Plastikstühle und ich vergrabe mich wieder an seiner Seite. Mein Körper hat angefangen unkontrolliert zu zittern und will gar nicht mehr aufhören. Mein großer Bruder gibt Geräusche von sich, die mich vermutlich beruhigen sollen, doch ehrlich gesagt machen sie mich noch hysterischer. Das eisige Licht der Deckenleuchte tauscht alles in gespenstige Helligkeit, während vor den Fenstern die tiefste Finsternis herrscht.

Irgendwann muss ich durch das stetige Trommeln des Regens gegen das Fenster eingeschlafen sein, denn als ich aufwache lehne ich an Raven und spüre, wie seine Brust sich langsam und gleichmäßig hebt und senkt. Ich winde mich vorsichtig aus seinen Armen um ihn nicht zu wecken und stehe auf. Eine Krankenschwester hat uns anscheinend mit einer dünnen Fließdecke zugedeckt und bei der lieben Geste schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen, was aber schlagartig verblasst, als ich daran denke, weswegen wir hier sind. Ich trete an die Tür, öffne sie leise, schlüpfe hindurch und schließe sie sacht hinter mir. Daphne ist wieder alleine und die Bettdecke hebt und senkt sich langsam im schummrigen Licht. Ich ziehe mir einen Stuhl heran und betrachte dann meine Mutter. Es ist fast, als würde ich durch einen Spiegel in meine Zukunft sehen, wie ich später aussehe, bis auf die Haarlänge. Daphnes Haare sind zu kurzen Stacheln geschnitten, die nun vom Schlaf zerzaust und platt gedrückt sind. Wieder vergeht die Zeit, ohne dass ich es wirklich mitbekomme. Draußen wird es schon heller und der Sekundenzeiger an der Uhr schreitet stetig voran, ohne dass ich es wirklich mitbekomme. Erst als Daphne leise zu murmeln anfängt schrecke ich aus meiner Starre auf.
„Es tut mir so leid…"Daphne fängt an sich hin und her zu werfen.
„Daphne?", flüstere ich leise. Sie wird immer lauter und entschuldigt sich immer und immer wieder und trotzdem scheint sie noch zu schlafen. „Daphne, hör auf! Wach auf!", ich rüttele an ihren Schultern und versuche sie aufzuwecken, doch jetzt fängt sie an um sich zu schlagen. Ich höre, wie sich die Tür öffnet und jemand mich von Daphne wegzieht. Zuerst wehre ich mich, doch der Griff ist bekannt und so lasse ich es zu, dass Raven mich wieder auf den Stuhl drückt und dann seinerseits versucht sie zu wecken. Nach einigen Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen schlägt sie die Augen auf und klammert sich an meinen großen Bruder. Er weicht erschrocken einen Schritt zurück, lässt sich aber doch festhalten von ihr.
„Raven, es tut mir so leid, es ist alles meine Schuld! Ich hätte es verhindern können! Es tut mir so unendlich leid! Bitte vergib mir!", sie spricht stoßweise, röchelnd und total wirr. Ich merke wie meine Augen immer größer werden und ich sie anstarre.
„Was tut dir leid!?", Raven schüttelt sie noch einmal . „Was tut dir leid?"
"Raven, du musst mir das verzeihen. Es war der größte Fehler den ich je begangen habe! Sprich mit deinem Vater, er wird dir alles erklären. Raven, du hast einen Bruder, schau bitte auf dem Friedhof beim Familiengrab. Ich liebe euch, Mini, Raven."
Und damit starb Daphne an einen schönen und schillernden Morgen, im Beisein von zwei ihrer drei Kinder.

Die Tage darauf lernte ich viele Bekannte kennen, von denen ich vorher noch gar nichts geahnt habe. Die Beerdigung fand fünf Tage später im kleinen Kreis statt. Wenn ich hätte weinen können, hätte ich es mit Sicherheit getan, doch mein Inneres war immer noch so gefüllt von stetiger Lehre, dass ich gar nichts fühle. Wir haben die Zeit in der alten Wohnung geschlafen, ausgeräumt und den Großteil verkauft. Auch die Wohnung haben wir einem Makler gegeben, da wir die Wohnung ja nicht mehr brauchen. Raven hat viele Stunden an dem Grab verbracht, das zu gewuchert und vernachlässigt neben all den anderen steht. Das Datum beträgt Ravens Geburtstag. 02.01.1992. Gestorben ist er vor zwei Jahren. Mein großer Bruder hieß Luciano, ein genauso ausgefallener Name wie meiner und Ravens. Allerdings haben wir zusammen nie ein Wort über ihn verloren. Ich will Raven und mir Zeit geben, das Ganze zu verdauen. Vieleicht habe ich das ganze auch noch nicht wirklich verstanden, das könnte erklären warum ich so ruhig reagiere. Neben seinem Grab ist nun auch das von Daphne Hood. Beide verziert ein schlichter Grabstein, nur der Name und die Daten, ohne überflüssigen Spruch. Unser Vater ist zur Beerdigung nicht erschienen, warum sollte er? Er hat Daphne nicht mehr geliebt und man hätte ihn mit Nichtachtung bestraft. Vielleicht hatte er aber auch nur Angst vor dem Zusammentreffen mit seinen Kindern.

Auch heute, am Tag unserer Abreise, finde ich Raven auf dem Friedhof. Es regnet wieder sehr heftig und ich mache mich mitsamt einem pink-weiß gepunkteten Schirms auf die Suche nach ihm. Eigentlich war mir schon von Anfang an klar, wo ich ihn finden würde, aber vielleicht wollte ich ihm auch genug Zeit zum Abschied lassen. Ich bleibe stehen, als ich ihn endlich sehe. Er ist durchnässt, seine schwarzen Haare kleben am Kopf, die Hände hat er in die nasse Jeans gestopft. Er steht einfach nur da und starrt. Ich will ihm seine Zeit lassen, will ihn nicht drängen zu gehen, doch die Kälte und der Regen kriechen langsam unter meine Klamotten und ich fühle mich immer unbehaglicher. Nach einer halben Ewigkeit gehe ich zu ihm hin und lege eine Hand auf seinen Rücken. Er greift sie, dreht sich ohne ein Wort zu mir und verlässt mit mir den Friedhof. Keine Ahnung, ob ich in diesem Moment etwas gedacht habe. Vermutlich habe ich mich einfach lehr gefühlt, wie schon die ganzen Tage. An Daphnes alter Wohnung warten das gepackte Auto, Tante Gundular, ein Cousin namens Melvin und die Schwester der besten Freundin meiner Mutter. Warum sie allerdings da ist, weiß ich nicht.
„Philomena, sei doch vernünftig!", fängt Tante Gundular mit dem alten Thema an, während sie auf uns zueilt. „Du weißt, dass du es bei mir gut hättest!"
Klar weiß ich das. Elende Unterrichtsstunden, Streitigkeiten über meinen Lebensstil und die Gesellschaft von alten Damen zum Teetrinken in einem alten Landhaus. Wie sehr ich mich doch darauf freue. Ich bedanke mich möglichst freundlich bei ihr und erkläre, dass ich sehr gerne in Hofling wohne und ich sie wissen lasse, wenn ich es mir anders überlege. Melvin drückt mich überschwänglich an sich. Der große muskulöse junge Mann, den ich weniger als eine Woche kenne, ist mir mit seiner liebevollen Art sofort ans Herz gewachsen. Er hat sich um mich gekümmert, wenn Raven wieder nicht da war, hat mich mit selbstgemachtem Schokoladenpudding gefüttert und wenigstens versucht, mich zum Lachen zu bringen. Ich werde ihn vermissen.
„Du kannst mich jederzeit anrufen, oder vorbeikommen, nur damit du es weißt. Ich habe immer ein offenes Ohr für dich." Ein trauriges Lachen entfährt mir. „Danke, Melvin, darauf komme ich bestimmt noch mal zurück." Ich muss mich aus seinen Armen winden um zu Raven in den Wagen steigen zu können. Mein großer Bruder starrt still geradeaus und konzentriert sich aufs fahren. Vielleicht ist es auch besser so. Ich scheue mich davor, etwas Falsches zu sagen und dafür schäme ich mich. Ich konnte doch immer offen mit ihm reden, wieso geht das in dieser Situation, in dem ich ihn doch am meisten brauche, nicht? Ich verstehe es nicht und schaue auf den Regen. Ich zähle die Tropfen an der Fensterscheibe, versuche Melvins Handynummer auswendig zu lernen und zupfe ein Taschentuch nach dem anderen auseinander, bis der Fußraum aussieht wie eine Winterlandschaft.

„Lass das, du machst mich nervös, kleines.", ich höre auf die Taschentücher zu quälen und konzentriere mich auf meinen Bruder.
„Was wirst du tun?"
„Was?"
„Wirst du mit Papa reden?"
„Ich weiß nicht, vielleicht." Er lügt. Er wird auf jeden Fall mit Papa reden, ich erkenne es an der Art, wie er schaut.
„Ich will mit."
„Das geht nicht, Mini, das muss ich alleine machen."
„Er war auch mein Bruder und ich habe ein Recht darauf zu erfahren was mit ihm passiert ist!" Mit einem Mal lässt sich die ganze aufgestaute Wut ab. Ich beschimpfe Raven, Daphne, Papa und auch ein wenig Luciano, obwohl er am wenigsten für das ganze Dilemma kann. Ich schreie und weine, schlage auf meine Oberschenkel, rolle mich im Sitz zusammen und schluchze vor mich hin. Mein Bruder lässt mich machen, fährt einfach und hört sich an, wie ich alles und jedem die Pest an den Hals wünsche. Als ich mit der Tirade fertig bin fühle ich mich ausgelaugt und müde aber gleichzeitig auch ein Stück weiter frei. Ein kleines bisschen weniger zerschlagen. Raven lässt es still über sich ergehen.
Als ich wieder klar denken kann, die Tränen versiegt sind und ich mich wieder ganz beruhigt habe erkenne ich unsere Umgebung wieder. Wir sind fast in Hofling. Raven sagt nichts, bis wir vorm Lindenweg 19 parken.
„Steig aus, Mini, ich werde mit ihm reden und dir sagen was ich erfahren habe." Zufrieden bin ich mit diesem Ergebnis nicht, doch es ist besser als gar nichts zu wissen und ich weiß, dass Raven sich nicht umstimmen lässt. Ich schnappe mir meinen Koffer und drehe mich nicht um, als er weiterfährt. Eve begrüßt mich überschwänglich und hilft mir meine Sachen wegzubringen. Sie redet und redet, über Marry, neue Pferde und neue Reiter. Über Bassira und ihre Fortschritte mit der melancholischen Stute. Ich höre ihr geduldig zu, froh, dass sie nicht nach meiner Mutter fragt.

Sie hat mir Pfannkuchen gemacht, Eve weiß einfach was ich jetzt gebrauchen kann. Während dem Essen taue ich ein wenig auf und gebe bereitwillig Auskunft über Cousins und andere Verwandte. Eve lacht sich über meine steife Tante kaputt, fragt auch nicht nach der Beerdigung oder dem Moment im Krankenhaus oder meinem Vater. Ich habe mich entschlossen ihr von Luciano nichts zu sagen, immerhin weiß ich ja selbst noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Nachdem wir abgeräumt und gespült haben werfe ich einen Blick auf die Uhr. Es ist gerademal halb sechs, also ziehe ich mir eine kurze Sporthose und ein T-Shirt an und mache mich auf den Weg. Zuerst gehe ich langsam aus dem Haus, auf der Straße fange ich an zu laufen und als ich aus dem Dorf rauskomme renne ich blindlings los. Meine plötzliche Lust zu laufen verwundert mich selber und ich renne und renne bis mir die Beine wehtun und dann weiter, bis das Laufen die Kontrolle übernommen hat und ich nichts mehr spüre. Ich laufe mir den Frust von der Seele und als ich mir sicher bin, dass niemand in der Nähe ist schreie ich von ganzem Herzen, die ganze Angst und Wut aus mir heraus. Ich renne bis ich irgendwann müde und ausgelaugt zusammenbreche, mitten im Wald in der immer dunkler werdenden Dämmerung. Es stört mich nicht, das ein Ast mir in das linke Bei piekst, dass einige Vögel verschreckt auffliegen oder das die Baumrinde unangenehm im Rücken ist. Dann kommen die Tränen. Tränen die ich jetzt lange zurückgehalten habe und endlich lasse ich ihnen freien Lauf. Ich weine um Daphne, um Papa und um Luciano. Ich weine um Raven, weil er sich nicht helfen lässt. Und ich weine um mich selber. Wie soll ich denn je wieder fröhlich werden? Wie soll ich jemals wieder zum normalen Leben zurückkehren?

Als es noch dunkler wird habe ich mich wieder beruhigt, fühle mich frei und los von dem Griff, der mein Herz die letzte Woche zusammengedrückt hat. Ich stehe auf und schlage wahllos eine Richtung ein. Ich renne nicht mehr, sondern gehe ruhig und langsam. Es hetzt mich ja niemand. Ich denke an Eve, Raven und Marry. An meine Freunde im Reitstall und auch an Brenda. Ich habe eine neue Familie gefunden. Ohne eine betrunkene Mutter und einen Vater, der mich verlässt. Ich kann leben. Ich kann mir etwas Neues aufbauen, das alte hinter mir lassen und einfach vergessen. Ich will gar nicht wissen, was mit meinem verlorenen Bruder ist. Ich will nicht die Meinung meines Vaters hören.

Ich will Leben.

#2 RE: #6. Ich will Leben. von Lucy 17.08.2014 19:31

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Schöner, aber sehr trauriger Bericht.

Eigentlich sind auch die traurigen Stellen schön geschrieben. Einzig der Moment um den Tot herum hättest du noch etwas ausschmücken könne - die Frage ist ob du das willst oder nicht...

Luciano, das war doch der aus dem Beri, der irgendwie nicht zum Rest der Geschichte passte? Also lebt Luciano? Oder ist er schon tot und das war nur so eine Art "Erinnerung"?

Jedenfalls ist dir der Bericht gelungen und ich muss jetzt erst weiterlesen vor dem Bewerten. ;)

#3 RE: #6. Ich will Leben. von Philomena 17.08.2014 19:59

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Ja, ich kann das halt nicht so gut schreiben, weil ich einfach nicht traurig denken kann. Mir ist einfach noch nicht so etwas passiert (und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht) und deswegen kann ich das halt nicht so gut ^^ Und das mit Luciano hast du ja mit Sicherheit im nächsten Bericht rausgefunden ne? :D

#4 RE: #6. Ich will Leben. von Lucy 18.08.2014 18:13

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Ja habe ich.

Klar, es ist immer schwer etwas zu schreiben, was man noch nie erlebt habe. Als ich mit meinen Beris anfing, da war mir das dann egal. Mittlerweile versuche ich es möglichst genau im Google rauszufinden und sonst umschreibe ich es einfach. (gutes Beispiel ist Beri 8.1.14)

#5 RE: #6. Ich will Leben. von Lisa 18.12.2014 11:05

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oh wow, das ist hart.
ich finde aber anders als lucy, dass du es gut gemacht hast, indem du es kurz gehalten hast, weil es die betäubung ausdrückt, die mena in sich spürt, als ihre mutter stirbt...
sie kann nicht klar denken, es ist alles wie in einem rausch an ihr vorbeigezogen, und am allerwenigsten kann sie in dem moment genau beschreiben, was da vor sich geht, und das hast du gut rüber gebracht, finde ich.
und ich mag es, dass du relativ kurze berichte schreibst :) - warum genau kann ich gar nicht sagen, wahrscheinlich weil ich in der uni schon genug lange und anstrengenden sachen mache, da finde ich es gut, so zwischendurch ganz kurz war schönes "einfaches" zu lesen, ohne anstrengung :D

naja, auf jeden fall habe ich glaube ich verstanden was mit luciano ist; irgendwie haben seine - und deine - eltern ihn verleugnet und raven und du haben jedenfalls nichts von ihm mitbekommen (wie eure eltern das gemacht haben, weiß ich aber nicht - seit ihr nicht bei ihnen groß geworden? und wenn doch, wo ist raven aufgewachsen? irgendwie haben sie euch ja getrennt, dass ihr nix voneinander wusstet, aber wie, schließlich wisst ihr ja von euren eltern.... anders als bei lucy, die nicht wirklich was von ihrem vater wusste)
naja, also luciano lebt, das grab ist nur fake damit er von den mafiatypen nicht gefunden und ermordet wird...
übrigens sehr schön zusammengebracht :)
(also lucianos und menas geschichte)
allerdings kann ich mir noch nicht vorstellen, wie du es gemacht hast, dass die nix voneinander wissen... muss also jetzt mal schnell weiterlesen

(und danach unbedingt weiterLERNEN... *seufz*)

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