#1 Nr. 38 - Sturm im Herzen (Teil 1) von Lucy 17.08.2014 15:49

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* Keine Aufgabe / Schicksal
* Jetzt = Mitte Juni, ja ich bin schon wieder hinten nach :(
* Teil 1 von 2
* Viel Spass beim Lesen, ich hoffe es ist verständlich. Ein bisschen viel mit Gefühlswirrwarr zu tun, wie es der Titel schon verrät.



Nr. 38 - Sturm im Herzen (Teil 1)

Ich zitterte. Konnte mich kaum beruhigen. Nichts half. Mir war alles zu viel... Orio... Ja vor allem Orio’s Tod. Seit da war meine ganze Welt in grau getaucht worden. Ich machte zwar alles was gemacht werden musste, aber verspürte dabei nichts. Nur wenn ich an Orios Box, Orios ehemaliger Box, vorbei gehe, dann ist da diese unendliche leere. Dieses hilflose Gefühl und die unendliche Wut auf mich, dass ich nicht auf Orio gehört habe, dass ich meine Gabe einfach nicht beachtet habe und ihn so in den Tod getrieben habe! Verdammt! Ich schrieb meine Abschlussprüfungen, mehr in Trance als wirklich bewusst, doch sie waren genügend - zumindest soweit ich bis jetzt informiert wurde. Und auch das mein Grossvater nun endgültig nach Deutschland gezogen war oder das ich bald Geburtstag hatte, liess mich nicht aufwachen und aus meinem Trübsal holen. Der Strudel zog mich unweigerlich mit in die Tiefe. Wie schon einmal. Wie bei Mom. Nach ihre Tod hatte ich mir geschworen, mein Herz nicht wieder zu stark an einen gewissen Mensch zu binden um dies alles nicht noch einmal zu erleben. Doch es war mir nicht gelungen. Dad, Cate, Angelika, Max, die kleinen drei... Nein unmöglich eine Welt ohne sie. Doch ich glaubte, dass, wenn ich meine Liebe Tiere geben, die mich nicht so stark verletzen konnten wie Menschen. Doch das können sie genau so. Jede Lebewesen – ob Tier oder Mensch – dem du Platz in deinem Herzen gibst, kann dich zerstören. Es war als ob ich nicht mehr ich war. Das war zwar Lucy, die ass, kochte, putzte, ritt, sich um ihre Kinder kümmerte... Aber das war auch wieder nicht ich. Mein Ich hatte sich verschlossen. Mein Ich war weg. In das tiefe Loch gefallen, dass Orio hinterliess. Meine Gedanken waren immer bei ihm. Zu jeder Zeit. Genau wie vorhin, kein wunder das Madonna da so schlecht sprang, sie war kein wirkliches Springpferd und brauchte für die kleinen Hindernisse jede Unterstützung die sie bekommen konnte. Doch die konnte ich ihr nicht geben. Ich nahm nicht wahr, was wirklich geschah. Nicht dass ich hier auf dem Familienduell-Turnier war, für das ich so lange geübt hatte. Nicht, dass ich meine Familie gerade grauenhaft blamierte. Einfach nichts... Der Schmerz um Orios Verlust durch mich hüllte sich wie eine graue Wolke um mich. Doch nun nach und nach sickern die Erkenntnisse so langsam durch. Mein Ritt war so peinlich gewesen! Ich habe danach kein Wort mit jemandem gewechselt und mich einfach mit Madonna zu unserm Transporter zurückgezogen. Doch nun kam Cate auf mich zu.

„Kopf hoch Lucy, kann auch mir mal passieren. Das nächste Mal machst du es besser.“
Ich schüttelte traurig den Kopf. Wie sollte ich es besser machen können, wenn ich in diesem grauen-Welt-Zustand gefesselt war? Wie konnte ich Madonna die nötige Hilfe geben, wenn ich sie gar nicht wirklich wahrnahm? „Ich werde es nie besser können.“
„Auch wenn, jetzt kommt erst mal Dressur und DAS kannst du und Madonna super.“
„KONNTE.“ Korrigierte ich sie.
„Verdammt Lucy, ihr beide könnt das immer noch. Wenn du Madonna reitest, sieht es aus als würdest du ihr gar keine Hilfen geben, ein einziger Tanz, genau wie Dad mit Silver.“

Ich starre auf meine Füsse. Genau das war das Problem. Beim Springen war die Kommunikation nicht ganz so stark wie bei der Dressur, fand ich. Da kam es weniger auf diese unsichtbare Verbindung an. Doch wie zum Teufel sollte ich mit Madonna die Dressur überstehen wenn ich beim Springen schon so abgeschnitten hatte? Gar nicht. Ich konnte keine Verbindung zu ihr aufbauen und daraus bestand in der Dressur die ganze Kommunikation zwischen uns. Ich konnte ihr einfach nicht mehr meine ganze Liebe schenken, meine ganze Konzentration, mein ganzes Ich ihr öffnen. Nicht nachdem mein Herz ein weiteres geblutet hatte wegen eines Verlustes... NEIN, kein Chance. Ich durfte mich nicht mehr so stark öffnen, denn dann bin ich wieder so stark verwundbar. Und wie stark dies schmerzte, musste ich nun schon zwei Mal miterleben. Aber ich will stark, schmerzlos und unverwundbar sein!

„Was ist Lucy?“ Cate blickte mich an.
„Nichts.“
„Das kannst du mir nicht weismachen. Seit Orios Tot verkriechst du dich vor dir selber. Warum Lucy, warum?“
„Ich bin wie immer.“ Meinte ich trotzig.
„Nein bist du nicht.“ Schrie Cate mich an.
„Doch.“
„Dich selbst kannst du vielleicht anlügen, aber mich nicht. Verdammt Lucy, kannst du nicht heute für ein paar Minuten aufhören damit. Für uns. Für Dad.“
Ich blickte sie an. Ich würde es so gerne aber, ich konnte es nicht.
Cate sah mein Gesicht stampfte auf.
„Verdammt Lucy, jetzt hör endlich mit der Geschichte auf. Du hast alles für Orio getan, was du konntest.“
Nein, ich habe nicht auf ihn gehört!, doch ich sprach es nicht laut aus, sah sie nur traurig an.
„Verdammt noch mal Lucy, woher solltest du es gewusst haben, schliesslich kannst du nicht Hellsehern.“
„Er hat mich gerufen, aber ich habe es nicht verstanden.“ murmelte ich.
„Wie, bitte sehr?“ Cate warf theatralisch die Arme in die Höhe. Sie war eine tickende Zeitbombe „Er hatte schliesslich kein Handy und kein Megafone.“
Ich atmete tief durch. „Cate, Dad und ich können...“ ich brach ab. Nein, sie würde es nicht verstehen.
„Was können Dad und du?“
„Ach vergiss es.“
„Nein, was?“
„Nix.“
Sie funkelte mich böse an. „Jetzt reicht es mir. Erst legst du den katastrophalsten Ritt hin, der hier jemals stattfand, dann will ich dich trösten, doch du kommst kein Millimeter auf uns zu, warum glaubst du nur, dass Orio wegen dir tot ist.“
„Ist er.“
„Nein.“ Sie sah mich an, als würde sie mir gleich eine Ohrfeige erteilen, damit ich aufwache. Doch atmete dann tief durch. „Hör zu Lucy, mir ist es egal, wie du bei diesem Turnier reitest, egal welchen Rang wir belegen, aber ich will meine Schwester zurück!“
Dann drehte sie sich um und war weg.

Zwei Stunden später ritt ich Madonna auf dem Abreitplatz. Max stand an der Seite. Ich wusste nicht wie Cate und Dad geritten waren. Es interessierte mich nicht, ich wollte einfach alles nur hinter mich bringen, so wie jeder andere Tag und dann endlich wieder in mein Bett kriechen zu können. Max gab keine Kommentare ab wie sonst, sondern liess mich einfach. Doch als wir dann rüber zum Viereck ritten, meinte er bloss, dass ich doch zumindest versuchen sollte, mit Madonna die Verbindung aufzubauen. Doch ich konnte nicht. Wollte nicht. Und deshalb verlief die Dressur auch keinesfalls gut...

Nachdem ich Madonna zum Hänger gebracht hatte, nahm mich Colin mit ins Essenszelt. Ich fühlte, dass alle Blicke auf mich gerichtet waren. ‚Ist das Lucy? Als dieser Zwilling, der die schlimme Nummer hingelegt hat?’ ‚Das soll Tim Davids Tochter sein?’ ‚Cate und ihre Zwillingsschwester scheinen zumindest reiterlich überhaupt nicht gleich zu sein.’ ‚Schau nur dort ist Lucy, die ihr Team abstürzen lässt.’ Warum zum Teufel hatte ich nicht darauf bestanden Angelika an meiner Stelle reiten zu lassen?
Colin setze sich und trank einen Schluck, dann nahm er meine Hände in seine. Wie kalt sie waren!
„Ich vermisse deine Mutter genau so sehr wie du. Doch ich habe mich nicht von dem Gefühl, was ich alles verloren habe, mit nach unten reissen lassen, sondern haben mich daran gefreut, wie viele schöne Momente sie mir geschenkt hatte. Du solltest versuchen deine negativen Gefühle in Verbindung mit Orio zu unterdrücken und dir die schönen wieder in den Vordergrund holen. Du kannst dich nicht ewig in deinem Schneckenhaus verkriechen.“
Ich sah ihn nur stumm an.
„Lucy, Orio ist nun schon längere Zeit tot, es ist langsam Zeit seinen Tot zu akzeptieren.“
„Aber er wäre nicht tot, wenn ich auf ihn gehört hätte.“ Meinte ich flüsternd.
„Du kannst nichts dafür.“
Doch! Verdammt noch mal, ihr wisst ja alle überhaupt nicht, dass er mich gerufen hat!, schrie es tief in mir. „Ich hätte ihn retten können.“ Fügte ich nur an.
„Du hast getan was du konntest und hast das einzig richtige getan, ihn gehen zu lassen.“
Ja, aber wäre ich früher gekommen, hätte ich noch eine andere Wahl gehabt... Doch ich antwortete Colin nicht mehr, da plötzlich Cate und Dad auftauchten. Cate würdigte mich keines Blickes und das tat unglaublich weh. Meine eigene Zwillingsschwester, die alles von mir wusste! Nein, beinahe alles. Ausser... Verstand sie mich deshalb nicht?

Die Stille war so erdrückend das ich anbot mich auf die Suche nach Angelika und den drei kleinen zu machen. Ich fand sie dann auch in der Nähe des Transporters. Camilla war auch dabei mit ihren Kinder Linnea und Eric. Eric konnte gerade laufen und unser Haus unsicher und auch hier lief er strahlen im Transporter rum und fand hier und da Sachen, die er dann stolz seiner Mutter brachte. Würden Liv oder Mel das auch mal machen? Linnea war mit ihren drei, fast vier Jahren, schon einiges älter und seit dem Tag, an dem sie Cate auf Faro gesetzt hatte, nicht mehr von den Pferden weg zu bringen. Besonders von Faro. Jede Minute, die sie auf den Gestüt verbringt, ist sie bei den Pferden. Max hat eine Engelsgeduld und zeig ihr alles. Mittlerweile war sie ganz stolz, dass sie Faro fast ganz alleine putzen konnte. Nur mit den Hufen kam sie noch nicht alleine klar. Beim Putzen stand sie ganz einfach auf die Putzbox, damit sie auch die Mähne und Faros Rücken sauber bekam. Beim Reiten machte sie sich auch nicht schlecht. Immer wenn es irgendwie ging, führte oder longierte Max sie oder nahm sie auf Faro als Handpferd mit ins Gelände. Sie wollte alles so machen wie wir grossen und nahm eines Tages auch die Schubkarre und versuchte die Box zu misten, was nicht besonders gut klappte. Seit ihr Max einen kleinen Besen, Mistboy und eine Schaufel besorgt hatte, ging es schon sehr viel besser. Camilla war das alles nicht recht und versuchte ihre Tochter immer wieder davon zu überzeugen, dass sie Max und Cate nicht wie ein Schatten folgen sollte, da er arbeiten müsse, doch Max winkte nur ab. Sie würde ihre Reitstunden schon abarbeiten, so oft wie sie Farolinas Box ausmiste und sie zur Weide bringe oder sie putze. Und auch Cate gegenüber fand Camilla es unrecht, da Faro doch eigentlich Cate Stute war. Doch auch die sah kein Problem darin, schliesslich sei Faro damals für die Kinder auf Gestüt Silvermoon gekauft worden: Sprich damals für Cate und mich. Zudem lebe Farolina wieder richtig auf, seit sie von Linnea täglich mehrere Stunden betreut werde. Und das stimmte. Immer wenn ich die beide zusammen sah, öffnete sich mein Herz. Ob meine Kinder auf ihr ihre ersten Reiterfahrungen machen werden? Faro war nicht mehr unbedingt die jüngste...

Linnea kam mir entgegen gerannt.
„Lucy ich habe Madonna eine Mohrrübe gegeben, ich hoffe das war okay.“
Ich lächelte das kleine Mädchen an. „Sie hat sich bestimmt darüber gefreut.“
„Darf ich sie noch ein wenig putzen?“
„Wenn du willst?“
„Ja.“ Strahlend rannte sie zum Transporter und kam mit einer Bürste wieder und zog mich zu Madonna, die uns entgegen sah. Linnea versuchte ihr Rücken zu putzen, doch sie war einfach zu klein. Da nirgends etwas war, auf das sie drauf stehen konnte zum putzen hob ich sie kurzerhand auf Madonnas Rücken. Sie strahlte. Für einen kurzen Moment schien sich der graue Schleier um mich auf zu lösen und ich lächelte zurück.

Plötzlich hörte ich Angelikas stimme, sie tönte leicht genervt. Schnell machte ich zwei Schritte und sah um den Transporter herum. Dort waren zwei Klappstühle aufgestellt, auf dem einen sass Camilla mit einem schlafenden Eric auf dem Arm. Neben ihr im Kinderwagen schliefen meine Zwillinge tief und fest. Sie mussten noch einiges aufholen und irgendein Arzt meinte, das machen sie während sie schlafen. Und Angelika hielt Benjamin auf dem Arm und sprach mit einem Mann, den ich nicht kannte, aber es sah ganz so aus als sei es ein Reporter.

„Wie ich sehe kommen sie trotz allem recht gut mit Drillingen und ihrer Zucht klar?“
Drillinge fragte ich mich.
„Wir haben Camilla die uns hilft, das geht schon und auf dem Gestüt hilft jeder jedem das ist kein Problem, ich überlege mir sogar noch ein oder zwei weiter Zuchtstuten anzuschaffen.“
„Ist das nicht ein bisschen viel? Also nebst ihren Drillingen?“
„Ich weiss wohl am besten selbst, wie viel ich mir zumuten kann und wie viel nicht.“ Meinte Angelika gereizt, auf die Bemerkung mit den Drillingen ging sie nicht ein, schien es einfach zu überhören, aber genau das schien es zu sein, was der Reporter wissen wollte.
„Okay. Und später, was glauben sie, werden die Kinder eher ihr Herz an den Rennsport verschenken oder die Dressur und Springen?“
„Das wird sich noch zeigen.“
„Glauben sie, ihre Kinder werden sich alle fürs selbe entscheiden, weil sie Drillinge sind?“
„Das geht sie überhaupt nichts an und nun verschwinden sie bitte, für weitere Auskünfte wenden sie sich bitte an mein Mann oder Maximilian Bischoff.“
„Aber ich möchte doch einen Artikel über ihre neue Situation schrieben. Über sie, ihre Drillinge und ihre Zucht. Nicht über das Gestüt ihres Mannes.“
„Mein Gestüt ist auch das meines Mannes.“ Meinte sie und dreht sich um.
„Aber... Tim Davids ist doch mehrheitlich in der Dressur unterwegs?“
„Ja.“
„Eben. In meinem Artikel solle es um ihre Zucht – von mir aus die Abteilung Vollblutzucht Sunrise des Gestüt Silvermoon - und ihr neues Leben mit ihren Drillingen gehen.“
Angelika blieb stumm. In mir fing es an zu brodeln. Verdammt noch mal das waren MEINE Zwillinge, nicht IHRE Drillinge. Meine Kinder durfte ich nicht auch noch verlieren. Nicht nachdem ich schon Mom und Orio verloren hatte. Auch wenn das ja im eigentlich Sinn nicht verlieren bedeutet, sondern... Keine Ahnung... Auf einmal war mir einfach sehr wichtig, dass es MEINE Kinder waren. Ich wollte nicht, dass sie mir auf diese Art und Weise weggenommen wurden. Mel und Liv waren meine Kinder. MEINE. Ich machte einen Schritt auf den Reporter zu.
„Einen Artikel über Angelikas Zucht und ihre Drillinge können sie überhaupt nicht schreiben. Sie hat nämlich keine Drillinge!“ fuhr ich ihn an.
Verwirrt sah mich der Reporter an. Aus Angelikas Augen sah ich ein warnendes Blitzen, nach dem Motto, pass auf was du sagst Lucy. Ich holte tief Luft.
„Melanie Colleen und Livianne Nataly sind MEINE Kinder.“ Dann drehte ich mich um und lief davon. Wollte nur noch weg. Der graue Schleier um mich kam zurück und mit ihm das Gefühl im Herzen. Das Gefühl von Verlust und Schuld an Orios Tot.


Ich sass auf einem Stein am Waldrand etwas ausserhalb der ganzen Anlage. Meine Gedanken fuhren Achterbahn, aber sie kamen immer wieder auf Orio zurück. Orio, mein kleiner weissen Engel, der ich nie mehr wiedersehen würde, weil ich nicht gemerkt hatte, dass er nach mir rief. Wegen mir...
Ich war schuld an seinem Tod.
Ich, Lucinda Davids.
Ich hätte ihn retten können.
Ganz allein ich.
Doch ich hatte seine Hilferufe verdrängt und ihn somit in den Tot getrieben.
Ich hatte ihn getötet.
Ich.

Die Tränen liefen mir die Wangen runter. Nein, nie mehr würde ich mein ganzes Herz einem Lebewesen öffnen können. Orios hatte eine grosse Wunde, ein grosses Loch in meinem Herzen hinterlassen, weil ich es zugelassen hatte, das er einen Platz in meinem Herz bekam. Und noch viel schlimmer, ich hatte mich ihm komplett geöffnet, er hatte mir vertraut, er hat alles für mich getan, aber im entscheidenden Moment, habe ich seine Hilferufe nicht verstanden und verdrängt. Wie konnte ich nur!

Ich sah nicht wie sich mein Dad mit Madonna am Strick näherte. Er liess sich neben mich ins Grass fallen und sprach nicht. Er sah nur Madonna zu wie sie graste. Schweigend sassen wir da. Irgendwann nahm er meine Hand, strich meine Haare aus meinem Gesicht und sah mich. Er macht es wie bei den Pferden!, schoss es mir durch den Kopf. Er zwingt mich nicht zu reden, aber er gibt mir die Möglichkeit. Und Plötzlich brach alles aus mir heraus.

„Ich habe Orio umgebracht Dad.“
Er drückte meine Hand.
„Ich habe Orio umgebracht.“ Schluchzte ich.
Er schüttelte nur den Kopf.
„Ich habe ihn umgebracht, weil ich nicht auf ihn gehört habe. Dad wie konnte ich nur!“
„Du hast ihn nicht umgebracht.“ Meinte er ganz ruhig und sachlich, während es in mir drin tobte.
„Doch. Ich bin eine Mörderin. Dad, ich habe Orio umgebracht.“ Schrie ich verzweifelt. Verstand mich dann niemand?!
„Nein.“
„Doch. Ich habe nicht auf seine Hilferufe gehört. Ich fühlte mich wegen ihm so schwach und panisch, weil er sich so fühlte und ich habe einfach nicht auf das Gefühl gehört. Ich habe ihn umgebracht.“ Warum sah keiner, was so offensichtlich war...?!
„Du hättest sofort gehandelt, wenn du es verstanden hättest. Es kann dir keiner Übelnehmen, dass du nicht gehandelt hast, wie hättest du auch wissen sollen, dass...“
„Ich hätte dich fragen können, Dad, dann würde er vielleicht...“
„Nein Lucy. Ich hätte es auch nicht gewusst. Eine Kommunikation über so eine lange Distanz habe ich nicht für möglich gehalten.“
„Trotzdem... Dad ich habe ihn in den Tot geschickt. Wie konnte ich nur, er war mir so wichtig.“
„Es war seine Entscheidung Lucy. Er hat dir gesagt, dass er nicht mehr mag. Du hast nur getan, was am besten für ihn ist, was er wollte. “
„Ja, aber ...“
Dad nahm meine Hände. „Nicht immer ist unsere Gabe ein Segen Lucy... Aber du hast alles gemacht, was dir möglich war. Du hast ihn nicht umgebracht, dich trifft keine Schuld. Keiner ist hier schuld, es war ein Unfall und das musst du nun endlich akzeptieren.“
„Ich...“
„Du hast ihn nicht umgebracht Lucy.“ Dad sah mir in die Augen. „Und nun sage das drei Mal ganz laut.“
Ich sah ihn zögernd an.
„Ich...“ ich brach wieder ab. Dad sah mich auffordernd an.
„Ich habe ihn nicht umgebracht.“ Flüsterte ich leise. Etwas in mir drin begann zu rumoren, zu erkennen, dass diese Aussage vielleicht doch nicht ganz so falsch war... Der Nebel schien plötzlich nicht mehr so dicht.
„Ich habe ihn nicht umgebracht.“ Sagte ich noch ein mal und diesmal etwas bestimmter. Dad lächelte mich an.
„Ich habe ihn NICHT umgebracht.“ Schrie ich ein drittes Mal und dann war mir als würde man mir einen scheren Futtersack von den Schultern herunter nehmen. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.
ICH HABE ORIO NICHT UMGEBRACHT!

Der graue Nebel war nun weg, der mich gefangen hielt. Ich sah zu Madonna hinüber. Sie sah mich an. Ich streckte die Hand zu ihr aus. Vorsichtig schnupperte sie daran und schien sich zu beklagen, dass darauf kein Leckerei zu finden war. Doch plötzlich spannte sie sich an. Hob den Kopf und sah in Richtung Anlage. Drei Personen kamen auf uns zu. Ich sah wie Dad sich anspannte. Es waren Cate, Frederik und Helene Davids – meine verhassten Grosseltern.
Ich schloss die Augen. Noch ein paar Sekunden um mich auf das Zusammentreffen zu wappnen. Dad drückte mir die Hand und ich wischte mir mit der andern schnell übers Gesicht. Nein, heulen würden sie mich nicht sehen. Schon gar nicht, weil sie vermutlich alles ganz falsch verstehen würden. Weil sie glauben würden, ich würde heulen wegen dem Turnier. Aber das turnier war mir so scheiss egal.

„Tim, wie geht es dir? Noch mehr verstecken könnte ihr euch nicht, was?“ meinte Helene.
„Hallo Mama, Hallo Papa.“ Meinte Dad und liess sich drücken und küssen.
„Na wie geht’s mein Sohn?“ meinte sein Vater.
„So weit so gut.“ Meinte er zögernd.
Meine Grossmutter zog nur die Augenbrauen hoch.
„Hätte Catherine uns nicht gesagt wo du und Lucinda steckst, hätten wir euch nie gefunden. Wir wollten dir noch für deinen super Ritt gratulieren, Catherine natürlich auch, aber mit Lucinda musst du wohl noch einiges üben. Letztes Jahr war wohl ein Zufall, dass sie so gut geritten ist.“ Meinte sie zu Dad und wandte sich dann zu mir um. „Aber keine Angst, wenn du täglich trainierst, wirst du irgendwann auch einmal akzeptabel reiten können, mein Lucinda-Kind.“ Sie wuschelte mir über den Kopf. In mir kochte es.
„Ja und wenn du irgendwann einmal ein gutes Pferd braucht, dann sag es uns Lucinda.“ Meinte Frederik grosszügig. Nein, nie im Leben!, schoss es mir durch den Kopf. Nie!
Doch ich nickte nur.
„Aber vernünftig bist du schon, dass muss man dir lassen. Du setzt dich nicht auf ein gutes Pferd und verreitest es. Du weisst, dass du noch viel lernen musst bis du so ein Pferd reiten kannst und hast deswegen eine solche Stute wie.. wie heisst sie nochmals? Aber egal... fürs Turnier könnte Tim dir schon ein gut ausgebildetes Pferd geben.“ Meinte Helene.
WAS?! Ich war so paff, dass mir nicht einmal eine patzige Antwort einfiel.
„Madonna und Lucy können die Dressur aufgaben viel besser als ich.“ Meinte Cate und stellte sich neben mich.
„Ist ja süss, dass du deine kleine Schwester verteidigst, Catherine, aber das ist nicht so. du reitest in einer ganz andern Abteilung.“
„Ach wie kommt es dann, dass am Ausbildungsturnier Lucy für mich die Dressur geritten hat und es niemand gemerkt hat? Nicht einmal ihr und ich weiss, dass ihr mein, respektive Lucys Ritt verfolgt habt.“
Nun war Helene paff... „Ihr habt was? Tim!“
„Ich wusste es nicht.“ Er hob die Hände. „Das war ihre Idee.“
„Aber Catherine so was gehört sich doch nicht. Man darf niemand fremdes reiten lassen, damit man gewinnt!“
„Nein, darf man nicht.“ Gabe sie ganz reumütig von sich, aber grinste gleichzeitig von einem Ohr zum andern. Was hatte sie vor? Sie begab sich auf ein äusserst heisses Terrain.
Helene sah sie verwirrt an.
„Es stimmt, was ich gemacht habe war nicht recht. Ich habe jemand anderes reiten lassen, dass ich GEWINNE.“
Jetzt schien Helene zu begreifen. „Aber Lucy kann niemals so gut reiten...“
„Hab ich gewonnen oder nicht?“ fragte Cate bloss scheinheilig.
„Tim jetzt reichte es mir. Eine so verzogen wie die andere!“
„Was hat Lucy dann böses getan?“ fragte Cate ernsthaft interessiert. Oh ja, das nahm mich auch wunder!
„Mit diesem Zeitungsmenschen gequatscht und ihm ins Gesicht gesagt, dass Melanie und Livianne ihre Töchter sind! Alle Anwesenden am Turnier tuscheln schon. Und ich dachte echt, ihr hätte so viel Anstand, die Leute ihre eigene Geschichte daraus zu basteln, was sie mit Angelikas Drillingen ganz glaubhaft geschafft haben!“ Sie blickte uns drei ganz böse an. Drehte sich dann zu ihrem Mann um.
„Komm Frederik wir gehen. Was unser Sohn und seine Töchter uns da bietet, müssen wir uns nicht gefallen lassen.“ Meinte sie und lief davon, ihren Mann im Schlepptau.

Einige Sekunden waren alle still.
„Du hast dem Zeitungsfritz wirklich gesagt, dass Mel und Liv deine Kinder sind?“ fragte Dad.
Ich nickte.
Dad schloss mich in seine Arme. „Ich bin stolz auf dich, Lucy.“
„Dad!“ protestierte Cate mit einem Lachen auf dem Gesicht. „Und was ist mit mir? Ich habe heute mal wieder eine super Nummer sowohl im Springen als auch in der Dressur hingelegt.“
Dad streckte einen Arm nach ihr aus und drückte uns beide ganz fest.
„Meine beiden Töchter, ich habe euch doch genau gleich liebe.“
„Was ist mit Ben, liebst du ihn nicht?“ fragte ich lachend.
„Doch, aber er ist nicht meine Tochter sondern mein Sohn und den habe ich sowieso am allerliebsten.“
„Dad!“ meinte Cate und ich gleichzeitig entrüstet und kniffen ihn in die Seite.
„Schon gut schon gut.“ Meinte er lachend. „Ich habe euch drei alle gleich liebe.“

Als Tims Handy klingelte war die besondere Stimmung schlagartig wieder verflogen.
„Tim Davids.“
...
„Ja, klar. Warum?“
...
„Okay. Wir kommen.“
...

„Wer war’s?“ fragte Cate.
„Angelika. Die Turnierleitung will uns aus irgendeinem Grund sehen, frag mich nicht warum.“
Cate wurde bleich. „Aber doch nicht etwa wegen...“
„Nein, Cate nicht wegen dem Ausbildungsturnier. Erstens wären das nicht die richtigen Personen und zweitens würden das Helene und Frederik niemals sagen gehen, das wäre eine viel zu grosse Schande für die Familie, wenn das an die Öffentlichkeit gerät...“
Cate lachte. „Hat wohl auch gute Seiten, dass sie ihren Namen ‚rein’ halten wollen.“
„Ja.“ Dad lachte. „Kommt ihr?“ fragte er.
„Müssen wir alle gehen oder kann ich noch einen Moment hier bleiben?“
Dad überlegte. „Ich glaube es ist okay, wenn du hier bleibst.“

Ich blickte Dad und Cate nach und sah dann wieder meiner Stute zu wie sie genüsslich Grass frass. Ob Orio wohl im Himmel jetzt glücklich und ohne Schmerzen war? Hatte er vielleicht meine Mutter gefunden? Meine Mutter konnte ja auch reiten und mit Pferden umgehen, auch wenn sie es mir gegenüber nie zugab. Kümmerte sich am Ende meine Mutter um Orio? Irgendwie war das eine tröstliche Vorstellung. Ich blickte in den Himmel hoch. Sahen sie vielleicht am Ende gerade gemeinsam auf mich hinab?

#2 RE: Nr. 38 - Sturm im Herzen (Teil 1) von Lisa 24.08.2014 23:33

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oh man, ich schneie momentan immer nur kurz rein & lese deine berichte^^
(bisschen schlechtes gewissen den anderen gegenüber hab ich schon, von denen musst du dann die berichte umso mehr lesen :) )
-> aber ich hoffe doch das ich bald auch wieder mal mehr zeit hab..
naja, viel neues hab ich jetzt nicht zu sagen zu dem bericht: sehr gut, spannend & flüssig geschrieben, will aber jetzt auch nicht noch lange rumquatschen, ich muss den anderen teil schnell lesen "gehen" :D

#3 RE: Nr. 38 - Sturm im Herzen (Teil 1) von Lucy 25.08.2014 18:13

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Also für mich ist es okay. Ich lese die andern du meine. ;)

#4 RE: Nr. 38 - Sturm im Herzen (Teil 1) von Lisa 25.08.2014 20:33

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genau so ist es momentan :D

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