#1 #9. Alles ist anders. von Philomena 20.03.2015 15:15

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Heilige Scheiße, dieses Ende hat mich beinahe um den Verstand gebracht.. Ich glaube so schwer ist mir noch nie eine Szene gefallen *Puh* Hoffentlich wirkt es nicht so hingerotzt wie ich es empfinde, doch so war, bei den vorherigen Situationen, doch die beste Möglichkeit, alles einzubauen...

Aber der Anfang hat mir echt Spaß gemacht zu schreiben und ich hoffe, man versteht wie meine Mini sich fühlt ^^


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Alles ist anders

Manchmal habe ich das Gefühl alles geht schief. Es will einfach nichts gelingen! Im Normalfall hält dieses Gefühl nur für ein paar Stunden an, eventuell auch für ein paar Tage, doch noch nie hat es sich über Wochen hingezogen wie jetzt. Ich traue mich schon gar nicht mehr aus dem Bett, weil mich alles stört, doch ich denke auch an die fünf Pferde, die mittlerweile auf meine Versorgung warten und ich raffe mich auf, mache mir gute Gedanken und versuche auf ein Neues mein Leben unter Kontrolle zu bringen, doch stattdessen entgleitet mir diese immer weiter.

Es ist sechs Uhr in der Früh, dunkel draußen, warm im Bett und mein Elan so ziemlich im Keller. Die letzten Monate habe ich das Gefühl, nur noch aus einer leeren Hülle zu bestehen. Nur wenige Dinge machen mir noch Spaß, wie die Arbeit mit Marry, Diva, Miss, Blacky und Smady, oder die Stunden die ich mit Dani Verbringen kann, wo wir Sorglos einfach nur Scheiße bauen. Ravens Besuche haben sich am Anfang gehäuft, doch er merkt immer mehr, dass ich erst mit mir selbst fertig werden muss.

Ich verstehe es immer noch nicht. Wie Daphne uns belügen konnte, wie Raymond uns belügen konnte. Das jemand, den ich nie kannte, aber den ich kennen sollte, auf einmal auftaucht und ich ihn einfach nicht lieben kann. Ich bin verwirrt, fühle mich hintergangen und unsicher und das macht mir Angst. Raven hatte gesagt, er habe mir Lucianos Nummer eingespeichert und wenn ich mich bereit fühle, könne ich ihn einfach anrufen. Seit zwei Monaten habe ich mich nicht getraut. Ich habe mich in meine Arbeit gestürzt, Diva gekauft und bin schließlich auf Miss und Smady gekommen, obwohl ich nie etwas mit Western zu tun hatte. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Mich ablenken. Ablenken von meiner eigenen Unsicherheit. Und irgendwie ist dann auch Blacky dazu gekommen, der schwarze kleine Hengst hatte mich vom ersten Augenblick gefangen in seiner Eleganz, seiner sanftmütigen Art und der Power, die in seinem kleinen Körper steckt. Und Marry hat mich immer getröstet. Es waren Stunden auf ihrem Rücken, in denen ich die Welt vergessen habe, es gab nur noch mich und die Prinzessin.

Doch immer wenn ich am Abend nach Hause kam, stürzten die Gedanken auf mich herab wie Hagelkörner in der Größe von Lastwagen. Die Verzweiflung, die Angst, die Vorwürfe. Und trotzdem versuche ich weiterzumachen. Ich bin enttäuscht von mir selber. Ich dachte, ich wäre mutig, doch ich bin nicht mutig genug um diese Nummer zu wählen und Luciano zu sagen, dass ich ihn sehen möchte. Das ich ihm verzeihe für Dinge, die er nicht getan hat und wo er doch dran schuld trägt. Und wie jeden Morgen zwänge ich das schlechte Gewissen in den hinteren Teil meines Kopfes und versuche mich daran zu erfreuen, gleich meine Familie zu sehen. Nicht meinen Bruder – oder meine Brüder – , nicht meine Mutter oder meinen Vater. Nein, momentan bedeutet für mich Eve Familie, Danilo, Marry, Diva, Miss, Smady und Blacky. Momentan bedeutet für mich der Reitstall Zuhause.

Ich schlage die Bettdecke zurück, stehe stöhnend auf und schaue aus dem Fenster. Viel ist nicht zu sehen. Wie auch? Die meisten Menschen liegen noch in ihren Betten und schlafen, nur Verrückte wie ich stehen so früh auf, und dass am Wochenende. Oder Leute mit schlechtem Gewissen. Ich strecke mich, dass es knackt, und gehe anschließend ins Badezimmer um mir mit kaltem Wasser durchs Gesicht zu waschen. Eve würde eh erst spät aufstehen, sie freut sich immer aufs Ausschlafen. Ich putze mir die Zähne und fasse meine Harre zu einem einfachen Zopf am Hinterkopf zusammen. Dann gehe ich zurück in mein Zimmer, ziehe meine schwarze Reithose und ein dunkelblaues Oberteil an, um anschließend die Treppe runter zu schleichen. Obwohl Evelyn einen sehr tiefen Schlaf hat, will ich es nicht riskieren das sie aufwacht. Sie würde mich zwingen etwas zu essen, obwohl ich keinen Hunger habe. Ich schlüpfe im Flur in meine Gummistiefel und ziehe noch einen dicken Pullover über, ehe ich das Haus verlasse. Ich sollte mir dringend eine Stalljacke anschaffen. Die Kälte schlägt mir entgegen, als ich die Haustür öffne. Klar, es ist Winter und doch schockt es mich, wie eisig es in Hofling ist. In Köln war es nie richtig kalt, man hatte immer Autos und in Städten war es ja allgemein immer ein wenig wärmer als anderswo. Mit roten Fingern schließe ich die Fahrradkette auf, mit dem ich das weiße Gefährt vor der Haustür gesichert hatte und steige anschließend auf um zum Hof zu radeln.

Alles ist noch still, als ich ankomme. Es brennt Licht in den Ställen und ich gehe davon aus, dass nur gefüttert wird. So ist es auch. Ich treffe in der Stallgasse der Stuten- und Wallachboxen auf Alex, Chris und Julia, die das morgendliche Futter an die Pferde verteilen. Ich grüße die drei nur kurz und steuere zielsicher auf Divas Box zu. Ich möchte die Ruhe ausnutzen um mit ihr Bodenarbeit zu machen, damit ich sie auf die ernsthafte Arbeit vorbereiten kann. Sie schaut mir schon interessiert entgegen und gibt ein leises Brummeln von sich, als ich näher komme. Die junge Stute hat sich schnell an ihren neuen Stall gewöhnt und ich sehe immer wieder gerne, wie sehr sie sich über mich freut. Sie lässt sich brav aufhalftern und aus der Box führen.

Da ich sie gestern Abend noch saubergemacht hatte und sie noch nicht auf einer der Matschweiden stand ist sie noch schön sauber und kratze nur die Hufe aus, ehe ich die Longe an ihrem Halfter befestige, eine kurze Gerte nehme und ein paar Möhrenstückchen in allen möglichen Taschen stecke. Mit gespitzten Ohren tänzelt sie neben mir her zur Reithalle. Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe ziehe ich ihr das Halfter von den Ohren und lege es in den Sand. Die hübsche Braune Stute folgt mir auch so durch die Halle, den Hals gestreckt und die Ohren entspannt zu allen Seiten lauschend. Als wir genug aufgewärmt sind klopfe ich ihr kurz den Hals und lasse sie dann rückwärts gehen, indem ich mich umdrehe, mit der Gerte auf ihre Brust tippe und dabei auf sie zugehe. Brav folgt sie meinem Befehl und kriegt dafür ein Stück Möhre. Schließlich laufe ich los und zuerst verwirrt und dann voller Freude sprintet sie mir hinterher, wirft dabei bei Freudenbucklern ihre Hinterbeine durch die Gegend und schnaubt zufrieden. Danach ist sie nicht mehr zu stoppen. Wir spielen fangen, mal läuft sie hinter mir her, dann ich hinter ihr. Sie liebt dieses Spiel. Wir üben schnelles Stop-and-Go, Wendungen und Tempowechsel. Als ich schon außer Puste bin und sich Divas Fell vor Schweiß kräuselt machen wir Schluss für heute. Zurück im Stall lege ich ihr eine Abschwitzdecke über, damit sie sich nicht erkältet, gebe ihr noch ein Stück Möhre und kuschele kurz mit ihr, um mich danach von ihr zu verabschieden, denn ich hatte auch noch andere Pferde zu versorgen.

Miss steht fünf Boxen weiter und kaut genüsslich an ihrem Heu rum, doch als sie mich bemerkt spitzt sie die Ohren. An manchen Tagen scheint sie sich sehr auf mich zu freuen und dann gibt es Tage, an denen ich sie nicht verstehe. Heute ist ein guter Tag für sie und sie lässt sich nach einer kurzen Kuschelrunde brav aus der Box führen und folgt mir gelassen zum Putzplatz. Auch bei ihr brauche ich nicht lange, bis ich sie sauber gemacht habe. Ich überprüfe mehrmals ob ich den Kappzaum richtig verschlossen habe, damit er nicht drückt und hole dann den neuen Westernsattel und ein Pad aus der Sattelkammer. Momentan sind wir noch dabei, sie an Gewicht auf dem Rücken zu gewöhnen und es läuft ausgesprochen gut. Zwar bockt sie immer noch viel rum und schmeißt den losen Sattel regelmäßig ab, allerdings wird das immer besser. Ich gehe wieder zurück in die Halle, in der auch jetzt noch keine Pferde bewegt werden, was ich wiedermal für meinen Vorteil nutzen kann.
Nachdem ich die Fuchsschecke zwanzig Minuten in allen Gangarten aufgewärmt habe, fangen wir mit dem Pad an. Das ist für sie kein Problem und ich führe sie ein paar Runden mit dem losen Stoff auf dem Rücken, dann kehren wir zurück in die Mitte, wo ich den Sattel abgelegt hatte. Sie schnobert kurz dran, jedoch interessiert sie sich nicht wirklich dafür und so hieve ich ihn vorsichtig auf ihren Rücken. Die Paint Horse Stute ist nicht so große wie Marry und Diva und so ist es einfacher für mich, den schweren Sattel draufzulegen. Ich schlage die Steigbügel über das Sattelhorn und führe sie ein wenig hin und her, ohne den Gurt zu schließen. Ich will ihr immer die Wahl lassen, das Gewicht vorerst loszuwerden, doch sie kennt schon den Longiergurt und der ist für sie kein Problem. Heute scheinen wir einen richtigen Lauf zu haben, denn nach kurzer Zeit traue ich uns beiden zu, den Gurt zu schließen. Mit beruhigenden Worten rede ich auf sie ein, während ich unter ihrem Bauch her greife und schließlich den Gurt festzurre. Als sie immer noch ruhig steht klopfe ich ihr erleichtert den Hals, atme die angehaltene Luft aus und gehe schließlich los. Miss spielt mit ihren Ohren und ich beobachte genau jede ihrer Bewegungen. Sie scheint es akzeptiert zu haben, das Gewicht zu tragen und mir zu folgen. In diesem Moment hätte ich vor Stolz platzen können. Nachdem wir noch ein paar Runden im Schritt gegangen sind, ohne dass sie der schwere Sattel interessiert hat, mache ich Schluss mit dem Training, nehme den Sattel wieder ab und putze kurz über ihr Fell. Da die anderen gerade dabei sind, die Pferde auf die Weiden zu stellen, bringe ich Miss direkt auf ihre Weide, wo sie sofort ihren Kopf in das Gras sinken lässt und mich ignoriert.

„Sehr gut! Jetzt nimm den Oxer!“, ruft Julia zu mir herüber und ich komme ihrer Anweisung nach. Die Sprünge sind auf M-Niveau gebaut, stehen verteilt in der Halle und ich fühle mich sehr klein. Brenda kaut am Gebiss, galoppiert auf mein Kommando an und zieht auf das Hindernis zu. Es ist immer wieder ein Erlebnis, die braune Stute zu reiten. Wenn Diva später nur halbwegs so gut springt wie das, mir anvertraute Turnierpferde, können wir in den hohen Klassen mithalten. Sie springt passend ab, fliegt über den Oxer und landet sicher auf der anderen Seite, so leichtfüßig, als hätte sie Flügel. „Sehr gut! Spring das jetzt noch einmal im Parcours, dann hören wir auf!“

Als auch diese Aufgabe erfüllt ist, lasse ich Brenda am langen Zügel abschnaufen, steige schließlich ab und übergebe sie Chris. Wenn ich noch kurz bei meinen Fohlen und Marry vorbeischauen will, bevor ich mit Dani verabredet bin musste ich mich beeilen, und so lasse ich sie mit schlechtem Gewissen von dem Stallburschen versorgen. Eigentlich mag ich so etwas nicht. Es fühlt sich doof an, sein Pferd nicht selber zu versorgen.

Meine Stimmung erhellt sich ein wenig, als ich meine beiden Babys auf der Weide entdecke. Der rabenschwarze Hengst bei seinen Kumpels, die bunt gescheckte Stute in der Fohlengruppe. Blacky entdeckt mich als erstes und kommt mit hoch erhobenem Schweif auf mich zugetrabt. Eine Welle des Glücks überrollt mich. Es war die richtige Entscheidung ihn zu kaufen. Ich kraule ihn an der Stirn und er schließt genießerisch die Augen, lehnt sich an mich und brummelt. Einige andere Junghengste kommen an und wollen auch kuscheln. Ich schiebe sie weg, drücke Blacky ein letztes Mal und klettere dann durch den Zaun zurück. Er findet das weniger lustig, trabt am Zaun herum und wiehert mir hinterher. Ich liebe ihn so sehr, meinen kleinen Hengst, und ich weiß, dass ich nie mehr ohne ihn leben will. Danach gehe ich hinüber zu den Stutfohlen und kann sofort das auffällige Fell meiner Neuesten Errungenschaft ausmachen. Sie kam erst vor zwei Wochen hier an, gerade abgesetzt und leicht verwirrt, hat sich mittlerweile jedoch gut in ihre Gruppe integriert und scheint auch zu bemerken, dass ich jeden Tag nach ihr sehe. Dennoch scheint sie sich nicht sicher zu sein, ob ich sie nicht auch wieder wegbringe und verhält sich reserviert gegenüber Menschen. Ihre Vorbesitzer aus dem Stall Terbeck meinten allerdings, dass sich dies legen wird und sie eigentlich eine neugierige Stute ist, wie ich sie auch kennengelernt habe. Ich beobachte sie vom Zaun aus in ihrem Spiel mit den anderen Fohlen und beschließe, ihr heute auch nicht näher zu kommen. Sie scheint ziemlich Spaß zu haben und ich will da nicht zwischenfunken. Also gehe ich zurück zu den Stutenpaddocks um nach Marry zu schauen.

Ich verliere mich in ihrem Anblick. Es ist wie beim ersten Mal, als ich sie gesehen habe, und doch ist es anders. Marry brummelt mir fröhlich entgegen, wartet auf ihren Einsatz. „Na meine Hübsche? Heute hast du Pause, morgen machen wir was Schönes, ja?“ Sie scheint zu verstehen, was ich von ihr will und lässt sich nur kurz kuscheln. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Nasenrücken, streiche noch einmal über ihre Stirn und wende mich dann ab, um mein Fahrrad zu holen.
„Willst du schon nach Hause?“, ruft Alex hinter mir her, als ich mein Fahrrad loskette.
„Ja, ich habe noch eine Verabredung!“, brülle ich zurück, da er am anderen Ende des Hofes steht. Langsam kommt er zu mir rüber geschlendert und beobachtet mich dabei, wie ich die Kette verfluche. „Verrostetes Scheißding! Geh endlich auf!“
„Soll ich dir helfen?“
„Nein, ich bin schon groß genug um mein Fahrrad loszumachen!“
„Meinst du jetzt körperlich oder geistig?“
„Blödmann.“, brumme ich und konzentriere mich wieder auf mein Tun.
„Na los, mach mal Platz.“ Ich rutsche widerwillig zur Seite und Alex hat die Kette in wenigen Augenblicken geöffnet.
„Wie hast du das gemacht?“, frage ich erstaunt.
„Zauberei.“, grinst er und wackelt mit seinen Fingern. Ich boxe ihm spielerisch gegen die Schulter, bedanke mich noch mal und schiebe mein Fahrrad aus dem Ständer.
„Ich nehme an dein Bruder kommt?“
„Welchen meinst du?“, frage ich.
„Raven? Oder hast du mittlerweile mit Luciano geredet?“ Er weiß alles, was mich bedrückt. Es hat gut getan, es jemandem außer Eve zu erzählen und ich bin noch zu schüchtern, um mich mit anderen aus dem Reitstall darüber zu unterhalten, obwohl ich mich mit allen wirklich gut verstehe.
„Nein. Aber Raven kommt nicht, er muss arbeiten. Vielleicht ist das auch ganz gut so.“ Alex läuft neben mir her Richtung Hofausgang. Auf dem Gelände fahre ich nämlich generell nicht, weil hier viel zu viele Hunde und Katzen rumlaufen.
„Wer denn dann?“
„Mh?“
„Weswegen vernachlässigst du deine Prinzessin um zu einer Verabredung zu kommen?“, er grinst verschmitzt.
„Ach, Dani hat mich gefragt, ob ich noch Zeit habe was zu unternehmen.“
„Dani, achso…“, Alex scheint wenig begeistert und ich frage mich, warum er immer so komisch ist wenn wir über Danilo reden.
„Naja, bis morgen!“, ich winke über die Schulter, schwinge mich auf mein Rad und trampele nach Hause.

„Philomena Taimi Faria Hood! Du warst doch wohl nicht wieder ohne Essen aus dem Haus!“, schimpft Eve, die im Wohnzimmer und an ihrem Laptop sitzt. „Ich… Ähm…“ Erst jetzt bemerke ich, dass ich wirklich noch nichts gegessen habe, doch wirklich Hunger habe ich auch nicht.
„Mensch, so kann das nicht weitergehen!“, sie steh auf, kommt auf mich zu und hält mich an den Schultern fest, um mir in die Augen zu sehen. „Ich weiß, dass momentan alles ein bisschen doof läuft, und dass vieles nicht in Ordnung ist, aber das ist noch lange kein Grund sich völlig auszuhungern! Denk doch mal an mich und Dani!“ Ich senke meinen Blick, kann sie nicht ansehen. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich macht.
„Es tut mir Leid, Eve. Ich versinke zu sehr in Selbstmitleid. Weißt du was? Wenn ich wieder da bin rufe ich Luciano an. Vielleicht hilft mir das ja, alles zu verdauen.“ Ich lehne mich an ihre Schulter und sie umarmt mich. „Danke. Ich will doch nur, dass es dir gut geht.“ „Ich weiß.“

Nachdem ich mich umgezogen habe warte ich unten mit Eve darauf, das Dani mich abholt. Er wollte gegen halb vier da sein. Er kommt zwar zehn Minuten zu spät, doch darin sind wir uns gleich. Als ich die Tür öffne, lächelt er mir entschuldigend entgegen und ich bin schon dahingeschmolzen. Er hat ein süßes Lächeln. Seine Haare stehen wild in alle Richtungen ab, er trägt dunkle Jeans und eine dicke Winterjacke.
„Wollen wir?“
Ich beende meine Beobachtung und nicke, verabschiede mich noch von Eve und folge ihm dann nach draußen.

„Was hast du denn vor?“, frage ich, als wir durch die bereits von Straßenlaternen erhellten Straßen schlendern.
„Lass dich überraschen.“, er grinst geheimnisvoll und greift nach meiner Hand. So gehen wir weiter, am Ortsausgang vorbei und an Feldern entlang.
„Jetzt mal ehrlich, was hast du vor?“, ich bin ein wenig verwirrt, weil wir noch nie so weit draußen waren.
„Sei nicht so neugierig, du wirst es schon noch früh genug sehen!“
„Und warum sollte ich einen Bikini drunter ziehen?“
„Warte doch einfach mal ab.“
„Du bist doof.“
„Ich weiß.“
Eine Weile schweigen wir, und ich merke dass wir dem See immer näher kommen, der an der anderen Dorfseite steht. Er will doch wohl nicht etwa…
„Dani! Du willst doch wohl nicht schwimmen gehen!!“, ich stemme mich gegen seine Hand und zwinge ihn so zum Stehen bleiben.
„Wer hat denn gesagt dass wir schwimmen gehen?“, er schaut mich mit einem treudoofen Blick an und bringt mich damit auf die Palme.
„Es ist schon dunkel!“, ich deute auf den Sternenbedeckten Himmel über uns.
„Na und?“
„Ist das überhaupt erlaubt?“
„Schwimmen?“
„Im See schwimmen!“
„Sicher.“, er zwinkert mir verschwörerisch zu und ich glaube ihm nicht. Ein Seufzer entfährt mir, dann setze ich mich wieder in Bewegung und ziehe ihn hinter mir her.
„Du bringst mich immer wieder in Schwierigkeiten!“
Er grinst, schließt zu mir auf und schaut auf mich herunter. „Ich bin auch froh, dass ich kein Langweiler bin.“
„Du bist Polizist! Eigentlich solltest du Verbotenes meiden, wie jeder normale Mensch auch.“
„Wie gut, dass ich nicht normal bin.“

Wir stapfen weiter durch die Dunkelheit, bis irgendwann der See vor uns auftaucht. Der Mond bescheint die schwarze Fläche und die Sterne spiegeln sich im Wasser. Es ist wunderschön. Während ich das Wasser bestaune nimmt Dani den Rucksack ab, zieht eine Picknickdecke heraus und grinst mich schief an, als er zwei Tupperdosen zum Vorschein bringt.
„Ich bin ein miserabler Koch, also habe ich Sandwiches geschmiert.“
„Na toll, wir ergänzen uns ja perfekt.“
„Wieso? Kannst du gut kochen?“
„Nein, kein bisschen. Rührei schaffe ich vielleicht noch.“
„Ja super, eine Frau die nicht kochen kann!“, theatralisch wirft er die Hände in die Luft, nachdem er die Dosen abgestellt hat.
„Ey! Du bist ja voller Vorurteile!“, ich boxe ihm spielerisch gegen die Schulter, worauf er meine Hand greift und mich zu sich heranzieht. Irgendwie lande ich gegen seine Brust gedrückt, wie genau das allerdings passiert ist, kann ich nicht sagen.
„Du bist ganz schön frech.“, flüstert er am meinem Scheitel.
Ich werde rot und nuschele in sein Oberteil hinein: „Wie gut das ich nicht normal bin.“
„Stimmt, dann wäre alles ganz schön langweilig.“, er drückt mich leicht weg und schaut mir in die Augen und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er mich gerne küssen würde. Mein Herz schlägt mir bis zur Brust, meine Hände sind feucht und mein Gesicht läuft rot an. Ich strecke mich ein bisschen auf die Zehen, während er sich zu mir runterbeugt und ich kann meinen Blick einfach nicht von seinen Augen abwenden. Der Moment ist perfekt.
„Na los, lass uns schwimmen gehen!“, er lässt mich los, dreht sich um, streift Oberteil und Hose ab, unter der er wohlgemerkt eine Badehose hatte, und läuft zum Wasser. Ich bleibe zurück, wie ein begossener Pudel, ein wenig traurig und verletzt, dass er mich doch nicht Küssen wollte, und verwirrt, wie ich jetzt weitermachen soll. Wenn ich ihm folgen wollen würde, dann müsste ich mich ausziehen, kommt mir in den Sinn. Er wird viel zu viel Haut sehen! Leichte Panik macht sich in mir breit. Das kann ich nicht! Dani winkt mir zu, hüfthoch im Wasser stehend.
„Komm endlich! So kalt ist es nicht!“
„Dreh dich um!“, rufe ich zurück.
„Oha, glaubst du ich bin ein Spanner?“
„Nein, dreh dich einfach um!“ Er befolgt meine Anweisung und mit hochrotem Kopf ziehe ich Jeans, Jacke und Pullover aus, unter dem ich den Bikini trage. Die kalte Luft lässt mich frösteln und eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen und Beinen aus.
„Kann ich mit jetzt wieder umdrehen?“ „Ja.“, er linst über die Schulter zu mir, ehe er sich ganz umdreht.
„Komm rein, es ist wirklich nicht kalt!“, er grinst schelmisch und ich kann nicht anders, als ihn anzulächeln. Was denke ich eigentlich von ihm? Außerdem ist das NUR Danilo, niemand fremdes. Vorsichtig tippe ich mit dem Fuß an die Wasseroberfläche, ziehe ihn aber gleich wieder zurück und quietsche dabei erschrocken auf. Mein großer Zeh fühlt sich an wie ein Eisblock.
„Ach komm schon!“
„Willst du mich verarschen? Wir holen uns den Tod wenn wir darin schwimmen! Das sind mindestens -100 °C!“
„Ach hab dich nicht so.“, er kommt im Wasser auf mich zugewartet und ich gehe immer weiter zurück, da sich eine Vorahnung in mir anbaut.
„Das wirst du nicht tun.“
„Warts ab.“, als das Wasser nur noch an seinen Knöcheln ist sprintet er los. Ich drehe mich schnell um und laufe auch los, doch leider ist er viel schneller als ich und ich werde an den eiskalten, nassen Körper gedrückt, hochgehoben, egal wie viel ich schrie und lachte gleichzeitig, und Dani trägt mich zurück ins Wasser. Er grinst höchst belustigt auf mich herunter, hält ich noch einen Moment fest, dann wirft er mich hinein. Die Kälte schlägt blitzartig über mich herein und hält mich gefangen, bis ich prustend die Oberfläche durchbreche und mich nach dem jungen Mann umschaue.
„Buh!“, er pickt mir Unterwasser in die Seiten, was mich erschrocken auf quietschen lässt.
„Du bist so leicht zu erschrecken!“, lacht er, was mich gespielt wütend herumfahren lässt.
„Und du bist ein gemeiner Perversling!“, ich versuche zu flüchten, was natürlich nicht gelang. Er war einfach schneller als ich. Wieder wurde ich untergetaucht und das kalte Wasser umschloss mich. Als ich diesmal wieder hochkomme, steht Dani lachend vor mir und scheint sich sehr zu amüsieren.
„Blödi.“, grummele ich und senke den Kopf.
„Sei keine beleidigte Leberwurst, das war nur Spaß.“, er grinst immer noch wie ein Irrer, aber ihm scheint es schon ein wenig leid zu tun.
„Ich weiß.“, grinse nun auch ich zurück und schnippe ihm Wasser in sein Gesicht.


„Rapunzel?“
„Mh?“, ich habe mich müde und kalt an ihn gekuschelt, als wir aus dem Wasser gegangen sind. Mein Körper fühlt sich taub an. Sein Arm liegt locker über meine Schulter, die andere hat er hinter seinem Kopf.
„Darf ich dich was fragen?“
„Tu was du nicht lassen kannst.“, murmele ich, kuschele mich enger an ihn und seufze leise. Ich bin zufrieden.
„I-Ich… Also ich habe da… s-so einen Freund, weißt du?“
„Ein Freund… Und was habe ich damit zu tun?“
„Ähm… Der hat ein kleines Problem.“
„Du willst doch jetzt nicht ernsthaft über die Probleme deines Freundes reden?“, ich drehe mich so, dass ich ihn ansehen kann und entdecke in der Dunkelheit eine leichte Röte auf seinem Gesicht.
„Hör mir doch einfach zu.“
„Okay?“
„Also, der hat eine gute Freundin und er mag sie auch wirklich gerne.“
Mein Herz fängt an wie wild zu schlagen. Ich versuche, mich ein wenig zu beruhigen, in der Vorahnung was jetzt kommt.
„Und vielleicht mag er sie ein wenig mehr als nur als Freundin. Aber er hat Angst, es ihr zu sagen, weil er glaubt, dass es dann komisch werden könnte. Und er hat Angst, dass sie vielleicht nicht so fühlt wie er.“
Nach kurzem Überlegen, Herzrasen und innerlichen Kreislaufzusammenbrüchen fasse ich wieder klare Gedanken. Philomena! Er meint einen Freund, nicht sich! Das hat gar nichts damit zu tun, dass er rot geworden ist!
„Er sollte es ihr einfach sagen, denke ich. Vielleicht mag sie ihn ja auch?“
„O-Okay. I-Ich werde es ihm ausrichten.“
Als er nichts weiter sagt lege ich mich wieder hin und schließe die Augen. Wenn er etwas hätte sagen wollen, hätte er es längst getan. Es ging wirklich nur um seinen Freund, nicht um sie beide. Aber Eve meinte doch, dass er mich auch mehr mögen könnte, als nur als Kumpel. So wie ich.

„Rapunzel?“
„Ja?“
„Darf ich dich was fragen?“
„Solange es nicht wieder um deinen Freund geht.“, brummele ich. Kurzzeitig war ich weggedöst. Er lacht trocken.
„Nein, es geht nicht um meinen Freund, sondern um dich.“
„Okay, frag was immer du willst.“
„Liebst du mich?“
Erschrocken setze ich mich auf. Gut, damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet.
„Äh… Was soll denn jetzt die Frage?“ Röte legt sich um meine Nase und ich spiele nervös mit den inzwischen trockenen Haaren.
„Du hast gesagt, ich darf dich fragen was ich will… Ich, weißt du, ist schon okay… ich… wir sollten jetzt besser nach Hause, Eve macht sich sicher Sorgen.“ Er zittert. Er denkt ich würde nein sagen.
„I-Ich liebe dich!“, erschrocken schlage ich die Hände vor den Mund und senke den Blick. Das hatte ich doch jetzt nicht wirklich gesagt! Oh nein, peinlicher geht’s wohl nicht bei mir.
„W-Wirklich?“, er dreht sich langsam zu mir um und vor mir steht nicht der Dani, den ich kenne. Dieser Dani ist schüchtern und unsicher und trotzdem absolut sexy. Oh Gott, ich würde ihn jetzt so gerne küssen! Himmel, was denke ich da schon wieder!
„J-Ja… oder nein, ich…“, weiter kam ich nicht, denn mit drei großen Schritten war er bei mir, schlag seine Arme um mich und drückt seine Lippen auf meine. Im ersten Moment total überrumpelt verwandeln sich im nächsten meine Beine in Wackelpudding.
„Ich habe eben gar nicht von einem Freund gesprochen.“, meint er, als er sich ein wenig zurücklehnt und mir in die Augen schaut.
„Ich weiß.“
„Oh.“, war seine einzige Entgegnung.
„Du bist doof.“
„Nein, ich bin Danilo Bending.“
„Und ein Blödmann.“, kichere ich, vergrabe mein Gesicht an seiner Brust und genieße seine Nähe.

#2 RE: #9. Alles ist anders. von Lucy 08.04.2015 01:55

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Gänsehaut ende! Super!!!

#3 RE: #9. Alles ist anders. von Philomena 12.04.2015 10:20

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Dankeschön, ich war mir nicht sicher obs so okay ist ^^

#4 RE: #9. Alles ist anders. von Lucy 12.04.2015 13:51

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Weiter schreiben *bitte* ;)

#5 RE: #9. Alles ist anders. von Philomena 12.04.2015 19:12

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Sicher, ich schaue mal was mir noch so zu meinem Herzenspärchen einfällt ^^ Und irgendwie muss ich mir noch etwas wegen Luciano überlegen... Naja, da kommt noch ne ganze Menge auf mich und auf Mini zu ;)

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