#1 Nr. 46 - All it takes is a second and your whole life can get turned upside down (Teil 2) von Lucy 16.04.2015 13:54

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So hier nun endlich Teil 2 des Beris. Teil 3 folgt!
Viel Spass
Ach ja, das Spielt irgendwann im Herbst... So ungefähr Oktober.


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Nr. 46 - All it takes is a second and your whole life can get turned upside down (Teil 2)



Ich setzte mich auf, alles wurde schwarz um mich. Ich konnte es einfach nicht fassen. Noch immer sah ich die Zeilen vor mir:

03.03.2012, 8:03
Ich habe den Unfall überlebt!!!

Das Tagebuch lag Zuhause, doch trotzdem sah ich vor meinem inneren Auge jeden einzelne Buchstaben ganz klar und deutlich in der Handschrift meiner Mutter. Trotzdem konnte mein Gehirn nicht verstehen, was das heissen sollte. Mir war wirklich schwindelig und ich konnte mich kaum aufrecht halten. Angelika umsorgte mich rührend. Sie brachte mir Cola und Salzstangen, was mein Kreislauf wieder in Schuss bringen sollte... Doch so schnell konnte niemand mehr das wieder ins Lot richten. Schon gar nicht eine Flasche Cola und ein Pack Salzstangen! Stimmte das, was da stand? Meine Mutter war doch tot! 8:03 dachte ich. 6:10 fuhr der Bus los. Der Unfall, so erzählte es uns die Polizisten, fand kurz vor 7 Uhr statt auf einer wenig befahrenen Nebenstrasse zu einem Dorf, in dem der Bus Zwischenhalt machte um weitere Passagiere aufzuladen. Um 7:04 war die Explosion, die für alle tödlich endete. Ich war nie da gewesen, aber ob ich es wollte oder nicht, so sah ich Bilder. Hässliche Bilder. Sie waren überall auf Zeitungen, im Fernseher. Aufgrund der Explosion und dem Feuer wurde alles zerstört. Wer alles im Unglücksbus sass, konnte man nur aufgrund dem gefundenen Gepäck und darin enthaltenen Ausweisen und persönlichen Gegenständen herausfinden. Doch Colin und ich hatten Mom selber zum Bus gebracht, wir hätten auch ohne ihr Gepäck gewusst, dass sie drin sass...
Ich hörte Melanie oder Livianne schreien, wollte mich im Wohnwagenteil unseres Transporters aufsetzen und hinüber gehen zu meinen Kinder. Doch Angelika drückte mich wieder zurück ins Kissen. „Ruh dich aus Lucy, du siehst noch viel blasser aus. Ich kümmere mich um Melanie.“
Ich nickte, denn die Welt drehte sich um mich. Seit wir losgefahren waren, war da dieses Gefühl. Ich fror und schwitze zugleich. Ich wäre am liebsten kilometerweit gerannt und hätte laut geschrien, doch meine Kehle war zugeschnürt, meine Bein verweigerten ihren Dienst und das schon seit heute Morgen. Ich habe nur am Rande mitbekommen, wie gegen zwei Uhr angekommen sind, wie Dad und Cate die Pferde ausluden, wie wir den Transporter parkten. Wie sie alles fürs Turnier fertig machten. Ich lag nur in meinem Bett. Wäre am liebsten in ein kleines Loch gefallen...

WARUM? Fragte ich mich. Warum? Was sollte das?

Wenn ich auch nur halbwegs so schlecht aussah, wie ich mich fühlte, dann musste ich beängstigend aussehen. Blass und bleich, zitternd vor Kälte (und Angst). Das hier war schlimmer, als alles je in meinem Leben. Ja es ist schlimmer, als damals, als die Polizisten im Büro in St. Claire standen und mir die schlechte Nachricht überbrachten. Es ist schlimmer als die Angst, als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Ich hörte Stimmen draussen. Ich hörte Marelle lachen. Ich wollte auch da hin. Einfach alles vergessen und mitlachen.
„Marelle, das Leben ist nicht fair.“ Hörte ich Cate sagen.
Nein, das ist es nicht! Dachte ich. Cate bringt es auf den Punkt. Warum musste ich auch diesen Drang verspüren, diese Tagebücher zu lesen. Warum genau heute morgen, warum überhaupt?! Sie haben alles kaputt gemacht.
Alles.
Ich hatte endlich meine Familie gefunden.
Eine Familie, die mich liebte.
Eine Familie, in der ich mich sicher fühlen konnte, egal was kommt.
Eine Familie, die für mich da war.
Eine Familie, die mir beistand.
Eine Familie, der ich blind vertrauen konnte.
Eine Familie, in der ich eine neue Mutter gefunden habe.
Eine Familie, in der ich ICH sein konnte.
Eine Familie, die mit mir zusammen meine Sorgen trägt.
Eine Familie, die mich nicht im Stich lässt.
Eine Familie, die für meine Töchter die Familie ersetzte, die ich und ER ihnen nicht bieten konnten.
Eine Familie, die...

Immer enger wurde das Lasso um meinen Hals. Ich spürte das zittern meiner Hände, doch ich konnte es nicht abstellen. Ich hatte solche Angst. Angst, dass dies alles wahr ist! Konnte nicht jemand hinter dem Gebüsch hervorspringen und lachend sagen, dass er die Tagebücher gefälscht hat? Nein, dachte ich. Wer sollte das gemacht haben und wer sollte die Schrift meiner Mutter genauso gut beherrschen wie sie? Niemand. Die Angst wuchs. Ich wusste, dass ich gleich durchdrehen würde, wenn nicht gleich eine Lösung auftauchte. Mir das Unmögliche erklärte und wegradierte.
Doch da war niemand.
Und leider konnte man Gedanken nicht einfach wegradieren, wie Bleistift mit dem Gummi oder Tinte mit dem Tintenkiller.
Hilfe.
HILFE!

Lucy?

Wärme durchzuckte mich, für einen Moment war die Angst weg.

Lucy? Alles okay?

Mein Herz begann zu klopfen. Tirina. Sie war da. Sie hat eine Verbindung zu mir erstellt über all die vielen Kilometer!

Tiri!
Was ist los, Lucy?


Ich zögerte. Nein, entschied ich. Auch wenn ich es ihr gerne erzählt hätte, ich konnte nicht. Ich durfte Tirina nicht mit so was belasten. Ich musste, die, die mich lieben, vor diesem Desaster schützen.

Es ist nichts.
Scheint aber nicht so...
Doch. Mir geht es gut.
Wirklich? Bist du sicher?
Ja.
Okay.
Ich spürte die Enttäuschung von Tirina. Wie du meinst.
Es ist nichts. Beharrte ich, um meinen Entschluss zu bekräftigen.
Ich spürte, wie die Enttäuschung grösser wurde. Schon verstanden, Lucy.

Nun lief mir eine Träne nach der andern über die Wange. Ich weinte darüber, dass ich dies tun musste. Dass ich Tirinas Vertrauen so missachten musste, dass ich sie einfach abblocken musste. Nein, es geht nicht anders! Es reichte, wenn meine Welt einbrachte. Alle, die ich liebte, musste ich schützen. Die durfte nicht verletzt werden. Es reichte, wenn ich das war!


Ich hörte wie jemand die Tür des Transporters öffnete. Schnell drehte ich mich um und drückte mein rotes Gesicht ins Kissen.
„Magst du was trinken Theo?“
„Nicht schlecht gelaufen, was Tim?“
„Für das Ebnet Team aber auch.“ Antwortet Dad.
„Wir hätten besser sein können. Aber wenn wir euch schlagen wollen, müssen wir wohl noch ein bisschen mehr trainieren.“
„Ach was, das war bloss Glück. Mit dem Tempo, in dem Cate die Hindernisse angeritten hat, hätte sie auch alle umreissen können. Wie oft habe ich ihr schon gesagt, dass sie es ein bisschen langsamer angehen soll? Weniger Risiko!“
Theo lachte. „Das sagst genau du...! Wie oft haben dich deine Eltern früher belehren wollen.“
„Das ist was anders. Damals ging es darum, dass sie nicht verstehen konnten...“
„Pssst. Tim, Theo, ein bisschen leiser, Lucy schläft da oben im Bett über der Fahrerkabine.“ Meinte Angelika und ich hörte, wie sie die Tür hinter sich zuzog.
„Okay.“ Hörte ich Dad leise sagen.
„Und? Cate’s Ritt habe ich gesehen.“
„Ritt?“ meinte Tim. „Wo eher ein Hindernisrennen, ich glaube du solltest sie mal Trainieren für die Bahn.“
„oh, da ist jemand sauer. Darf ich raten? Du hast ihr gesagt, dass sie es langsamer angehen soll?“
„mmh..“ murrte Dad.
Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass Angelika die Augen verdrehte. „Männer.“ Meinte sie. „Freu dich, für deine Tochter. Und wie ging es mit Mackanzie?“
„Nicht schlecht, der Stute fehlt einfach noch die Routine. Aber so fürs erste Turnier hat sie sich gut gemeistert.“
„Gut gemeistert? Also ich würde sagen, sehr gut. Tim und die Fuchsstute sind im ersten Viertel gelandet.“ Meinte Theo.
Die Tür ging erneut auf.
„Siehst du, ich habe dir doch gesagt, wir finden unsere Väter hier.“ Meinte Marelle.
„Ja, ja..“ meinte Cate. „Angelika, wir haben Hunger, wann gibt’s was?“
„Bald.“ Meinte Angelika.
„Bei den Pferden alles okay?“
„Ja, alles gemacht, Dad.“
„Haben alle Heu, Wasser und Kraftfutter?“
„Ja, Papa. Ich mach das nicht das erste Mal.“ Motze Cate rum. „Ich bin kein kleines Kind mehr!“
„Beim Springen warst du aber wohl noch eines! Was überlegst du dir eigentlich? So schnell fehlerfrei durch den Parcours zu kommen ist fast unmöglich.“
„Ich weiss sehr wohl was ich mache!“
„Schluss, jetzt ihr beide. Wollt ihr lieber Spagetti oder Ravioli? Das andere gibt es morgen.“ Angelika macht eine Pause. „Zwar... Wenn wir alle hier essen, müssen wir wohl beides machen. Ich habe beim Einkaufen nicht daran gedacht, dass du Theo und deine Familie hier bist.“
„Ach schon gut. Wir wollen euch keine Umstände machen... Wir essen jedes Mal bei euch. Wie wäre es, wenn wir euch zur Abwechslung einladen? Wir haben zwar keine fahrbare Küche hier, aber wie wäre es mit dem Festrestaurant auf dem Gelände?“
„Klingt gut.“

Ich wurde praktisch dazu gezwungen mit Essen zu gehen, obwohl mir überhaupt nicht zu essen zu mute war. Zum Glück verstand Theo und Marelle, dass man mich wohl am besten in Ruhe liess. Die beiden waren sowieso tief ins Gespräch vertieft. Und Angelika sah mich zwar immer mal wieder besorgt an, aber liess mich auch in Ruhe. Ich stocherte ein wenig in meinem Teller rum, ass fast nichts. Irgendwann sah mich Cate fragend an und zog mein Teller zu sich rüber und verputzte noch meine Portion, von der ich eigentlich gar nichts gegessen hatte.
„So Marelle, komm, wir müssen nun los, sonst ist im Hotel niemand mehr.“ meinte Theo
„Hotel? Weshalb gehen wir in ein Hotel, die Silvermoon-Davids sind doch hier!“
„Ja, aber wir Übernachten im Hotel.“
„Aber... Hast du Alzheimer? Wenn Tim mit seinem Transporter am Turnier ist, haben wir noch jedes Mal bei ihm Übernachtet! Du weißt wie sehr ich mich immer darauf freue!“
Obwohl ich nur begrenzt anwesend war mit meinen Gedanken, nahm ich war, wie Theo unruhig wurde. „Wir übernachten im Hotel.“
Marelle schüttelte trotzig den Kopf. „Sie haben Platz und es ist das beste am Turnier, du kannst alleine fahren.“
„Marelle wir übernachten im Hotel, weil Tim diesmal die ganze Familie dabei hat. Nur weil wir schon jahrelang immer bei ihm übernachten, heisst das nicht, dass wir das immer können. Tim kann schlecht seine eigene Familie ins Hotel schlicken.“
Marelle sah in die Runde und wurde leicht rot. „Sorry...“ murmelte sie. Sie sah Angelika und mich entschuldigend an. „Ich weiss ja, dass ihr beide und die kleinen drei nun auch dazu gehören. Aber das ihr heute alle hier seid habe ich nicht wirklich realisiert. Oft sind ja nur Tim und Cate unterwegs.“
„Schon gut, Marelle. Ich habe schon davon gehört, wie Cate, Tim, dein Bruder, deine Eltern und du früher immer alle zusammen übernachtet habt.“
„Also komm Marelle.“
Cate sprang auf. „Nein, Dad bitte dürfen sie bei uns übernachten. Wir können doch etwas zusammen rutschen, es wäre so komisch, wenn sie nicht bei uns übernachten. Sie haben immer bei uns übernachtet! Das wäre als würden wir ohne Pferde aufs Turnier fahren.“
Tim warf Angelika einen fragend Blick zu. „Im Doppelbett über der Fahrerkabine hätte ja eigentlich Cate und Lucy geschlafen und wir beide auf dem runtergeklappten Tisch. Die Stockbette sind also noch frei. Eigentlich hätten die Twins und Ben da geschlafen, aber...“
„Ben können wir zu uns nehmen und die Twins können ja im Kinderwagen schlafen.“ Meinte Angelika.
„Juhi!“ Cate strahlte und klatschte Marelle ab.
„Aber geht das auch wirklich in Ordnung?“
„Ja, ja.“ Meinte Angelika. „Ich möchte da nicht einer alten Tradition im Weg stehen.“

So kehrten wir alle zum Transporter zurück. Erst jetzt bemerkte ich, wie selbstsicher sich Marelle im Transporter bewegte. So als wäre es ihr Zuhause. Mir passierte es immer noch, dass ich erst zwei Kästen öffnen musste, bis ich das gewünschte fand. Marelle war hier mehr Zuhause als ich. Ich war hier nicht Zuhause. Mein Zuhause war... Ja wo war mein Zuhause? Ich war der Eindringling. Ich hatte geglaubt mein Zuhause sei in London, doch dann hat sich das geändert. Mit Moms Tot war London nicht mehr mein Zuhause. Mit jeder Woche, die ich in Deutschland verbrachte, wurde Deutschland mehr zu meinem Zuhause. Das wirkliche Gefühl von einem sicheren Zuhause hatte ich in den letzten Monaten auf Silvermoon kennengelernt. Silvermoon wurde für mich und meine Twins zu DEM Zuhause. Der Ort meiner Familie. London würde für uns Londoner-Davids zwar immer wichtig bleiben, aber unser Zuhause war es nicht mehr. Unsere Familie war nicht mehr da. Aber nun? „3.3.12, 8:03 - Ich habe den Unfall überlebt!“ spuckte es in meinem Kopf herum. War es Mom gelungen zu fliehen? Es musste ihr gelungen sein, denn sonst, hätte sie um 8 Uhr nicht diesen Eintrag schreiben können. Doch wenn sie die Explosion überlebt hat, wie konnte sie dann dennoch tot sein? Ich versuchte mich zu erinnern. Wann war die Polizei die Feuerwehr eingetroffen? Hat man mir das irgendwann einmal gesagt? Gab es nach der ersten Explosion womöglich eine zweite? Was geschah, dass Mom die Explosion überlebte aber danach doch noch starb? Niemand hat gesagt, dass sie vielleicht länger gelebt hat als die andern. Es hiess, dass alle bei der Explosion ihr Leben verloren. Warum hatte man uns nicht gesagt, dass sie noch ein wenig länger gelebt hat! Und noch viel wichtiger, wie war Mom dann umgekommen? Ich hatte mir – durch die Bilder in der Zeitung und im Internet, die mich unfreiwillig anzogen wie Magnete – Moms Tot während der Explosion vorgestellt, aber nun? Ich merkte wie Panik aufkam. Was ist wirklich geschehen?
Ich merkte das Zittern nicht, das mein Körper überflutete. Meine Gedanken die zuvor von einer Ecke wild in die andere gesprungen waren, bündelten sich auf einmal und galten nur noch der einen Frage. Was war geschehen? Was lief da ab? Mein Herz pochte. Ich sah die Bilder von der Zeitung vor meinem Geistigen Auge durchrauschen. Hässliche Bilder. Bilde, die kein Mensch sehen wollte. Keiner eigentlich sehen sollte. Bilder, die man nicht so schnell wieder vergisst. Ein völlig ausgebrannter Bus, Glasscherben überall… Der Bus, der lag auf der Seite, doch viel war nicht mehr zu erkennen. Er glich mehr einem Haufen Metall. Ich merkte die Tränen nicht, die mir über die Wangen liefen. Wenn Mom dieser Hölle entkommen ist, warum ist sie dann tot? Was hat das alles zu bedeuten? Warum? Ich zitterte. An was war Mom dann gestorben? Und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Stein in den Magen. Mom lebte nach der Explosion noch, das bedeutet… War sie überhaupt tot? Es wurde langsam alles grau und seit wann war da dieses hohe Summen? Und dann wurde alles schwarz. Schwarz wie die Nacht.

„Lucy du machst vielleicht Sachen! Fällst einfach in Ohnmacht und schlägst dir dabei noch den Kopf am Tisch an.“
Ohnmacht? Ich sah Cate durch den Nebel um mich herum an. Und dann spürte ich ein starkes Pochen oberhalb meines rechten Auges.
Ich wollte meine Wunde abtasten, doch Cate hielt mit meine Hand zurück. „Nicht, Lucy. Ist nicht so eine schlimme Platzwunde, die Sanitäter waren schon hier. Ist höchstens 2 cm lang. Sie haben sie dir geklebt.“
Sanitäter? Platzwunde? Ich drehte meinen Kopf und merkte, dass sie mich ins untere Stockbett gelegt haben und dass neben Cate ein Sanitäter sass.
„Hast Glück im Unglück gehabt, die Wunde könnte schlimmer Wenn das alles gut verheilt, wird nur eine sehr unauffällige Narbe zurück bleiben. Man wird sie später wohl kaum sehen.“ Meinte der Sanitäter
Ich nickte, Worte drangen mir noch nicht über die Lippen. Die fühlten sich scher wann und wie aus Blei. Dad trat in mein Sichtfeld und lächelte mich an. Der. Sanitäter klappte den Koffer neben sich zu und stand auf. Er blickte Dad an und meinte
„Wie ich schon gesagt habe, es könnte schlimmer sein. Sollte ihr plötzlich extrem Übel werden oder sollte sie starke Kopfschmerzen bekommen, wissen sie ja wo sie mich finden.“
Dad nickte. „Danke.“
Der Sanitäter drehte sich zu mir um. „Gut Besserung.“
Ich weiss nicht, ob ich das Lächeln zu Stande brachte, denn irgendwie war alles so anstrengend. Cate stand auf und verschwand aus meinem Blickfeld. Angelika kam und legte mir einen kühlen Lappen auf die Stirn. „Wirst wohl morgen trotzdem einen schönen grünen-blauen Fleck auf der Stirn haben.“
„Danke.“ Flüsterte ich, denn zu mehr war ich noch nicht fähig.
„Gute Nacht, Lucy.“ Meinte sie.
„Schlaf gut“ meinte Dad und drückte mir einen Kuss auf die rechte Wange. Ich drehte den Kopf, so dass er meine linke Wange auch noch küssen konnte. Doch da kam kein zweiter Kuss. Verwirrt sah ich ihn an. Mein Hirn begann zu arbeiten. Das war nicht Mom hier! Mom hat mich jeden Abend auf die beiden Wangen geküsst, als ich noch ganz klein war. Aber das hier, war nicht Mom, das war Dad und überhaupt, das war schon so viele Jahre her, wie konnte mir mein Gehirn diesen Streich spielen. Wie konnte ich Mom mit Dad verwechseln? Nur weil Dad mich sonst immer auf die Stirn küsst…! Und überhaupt, Mom war doch tot, dass sollte ich doch auch noch in so einem benommenen Zustand wissen! Wütend über mich selber, drehte ich mich zur Seite. Das Pochen wurde stärker und ich drehte mich wieder auf den Rücken. Die Lichter wurden abgelöscht. Mit offenen Augen lag ich im Dunkel. Draussen hörte ich fremde Geräusche, begleitet von einem ewigen Pochen oberhalb meines rechten Auges. Ich hörte, Theos regelmässige Atemzüge im Bett über mir. Ich versuchte mich auf das Geflüster von Cate und Marelle zu konzentrieren, um das Pochen zu vergessen, doch es klappte nicht. Fluchend drehte ich mich wieder auf die Seite. Doch ich fluchte nur noch mehr, denn es war die rechte Seite und das Kissen drückte schmerzhaft gegen die Wunde. Noch genervter drehte ich mich auf die linke Seite und stiess mir dabei den Kopf an der Wand an. Verflucht! Völlig genervt legte ich mich wieder auf den Rücken und versuchte einzuschlafen. Doch das Pochen hielt mich wach. Ich hörte eine Eule draussen. Ansonsten war es ruhig. Auch Cate und Marelle schliefen. Ich starrte in der Dunkelheit das Bett über mir an. Zählte aus Langeweile die Latten. Aber immer begleitet von einem schmerzenden Pochen. Genervt wollte ich mich wieder umdrehen, doch ich erinnerte mich daran, dass die rechte Seite nicht ging. So hielt ich in meiner Bewegung inne und drehte mich schliesslich nach links und starrte die Wand an. Ich sah nicht, wie Angelika sich aufsetzte und mich besorgt ansah, weil sie hörte, wie ich mich herumwälzte.

03.03.2012, 8:03
Ich habe den Unfall überlebt!!!

Verdammt, konnte ich meine Gedanken nicht endlich abschalten? Mein Gehirn arbeitete ohne dass ich es wollte, ohne dass das ich die Gedanken bewusst lenkte. Doch dann fühlte es sich plötzlich an, als wäre ich vom Blitz getroffen worden. Wenn Mom nicht bei der Explosion umkam, dann… dann musste sie nicht zwangsläufig tot sein!
Das Pochen war auf einmal nur noch ganz schwach, mein Herz fühlte sich an als würde es nächstens zerspringen, mein Kiefer schmerzte und das Atmen viel mir schwer. Ich hatte da Gefühl, dass ich keine Luft mehr krieg. Panisch wollte ich schreien, doch das ging nicht. Kein Laut kam aus meiner Kehle. Meine Stimmbänder versagten ihren Dienst, genau wie meine Muskeln. Ich lag erstarrt da. Ich zitterte. Und dann lief eine Träne über meine Wange. Es folgte ihr eine zweite, eine dritte, eine vierte.
„Lucy?“ Angelika beugte sich über mich. „Alles okay.“
Ich sah ihr Gesicht nur diffus, der Mond er rein schien, war nicht stark genug, dass ich ihr Gesicht genau hätte sehen können. Ihr blondes Haar fiel ihr über die Schulter. Eher unbewusst als bewusst, drehte ich mich zu ihr um. Sie sah mich an. Und dann streckte ich ihr ganz langsam meine Arme entgegen. Angelika war da. Nun wusste ich, warum Dad sie manchmal Angel nannte. Nicht um ihren Namen abzukürzen, nein. Sie war ein Engel. Mein Schutzengel. Mein Rettungsboot auf hoher See.
„Komm.“ Sie zog mich in ihre Umarmung, wie es eine Mutter bei einem kleinen Kind tat, dass sich irgendwo gestossen hat – oder einen Alptraum gehabt hatte. „Ich bin bei dir, alles wird gut.“
Ich sah sie stumm an. Ein realer Alptraum, konnte doch kein Happy End haben. Oder? Nein, dachte ich im ersten Moment. Spürte dann aber Angelikas Arm um mich und fragte mich, ob es vielleicht doch ging… Zusammen als Familie. Hatte ich nicht schon in London geglaubt, dass die Welt zusammenbrach als ich von den Polizisten erfuhr, dass die Mom tot ist? Oder bei der Krankenhausgeschichte vor der Geburt der Twins?
Angelika zog mich auf die Beine, nahm meine Decke und öffnete leise die Tür des Wohnwagenteils des Transporters. Sie schloss die Tür und setzte sich draussen auf die Stufe. Sie legte die Decke um uns.
Ich wollte was sagen, doch meine Stimme versagte. Angelika sah mich lange an und legte dann den Arm um mich. Sie sagte nichts. Sie war bloss da, genau das was ich in diesem Moment brauchte.

Mom. Vielleicht war sie gar nicht tot? Wenn das stimmte, dann musste sie irgendwo auf dieser weiten Welt leben. Vielleicht sah sie in dem Moment auch zum Himmel hoch zum Mond. Doch – Colin war doch dort gewesen und die Polizei hätte doch bestimmt gemerkt, wenn Mom überlebt hätte. Und warum zum Teufel hatte sie ich dann nicht bei uns gemeldet? Nein, Mom konnte nicht leben. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer kam ich zu diesem Schluss. Er war einfach unmöglich. Vielleicht, so sagte ich mir, hat sie es geschafft aus dem Bus raus zu kommen und irgendwo hin zu gehen. Doch wirklich viel länger überlebt hat sie nicht. Ich würde es wissen. Wir – Colin und ich – hätten es erfahren, erfahren müssen!

Angelika strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah mich an. Ein kalter Windstoss erfasste uns. Angelika zog die Decke enger um uns.
Zum Teufel mit mir, verwünschte ich mich selber. Warum machte ich mich verrückt mit einer solchen Geschichte? Mom war tot. Sie muss tot sein. Sie ist tot! Ob sie nun ein paar Minuten länger gelebt hat als die andern Insassen des Busses oder nicht, das änderte an der Sache nichts mehr. Hier um mich, hatte ich eine Familie, die mich liebt. Genauso wie Mom es früher getan hatte. Sie hielten zu mir, was immer geschah. Dad, Cate, Colin und in Angelika hatte ich sogar eine neue Mutter. Obwohl wir nicht miteinander verwandt waren, tat sie fast immer genau das richtige. Sie verstand mich ohne Worte – manchmal sogar besser als Mom es früher getan hatte, dachte ich traurig und kuschelte mich an meine neue Mutter. Ob ich sie irgendwann Mama nennen könnte? Wenn, dann musste wohl noch einiges an Zeit vergehen. Doch in meinem Herzen ist sie jetzt schon meine Mama. Und Mom, würde für immer meinen Mom bleiben. Meine verstorbene leibliche Mutter. Denn wenn ich eines wusste, war es, dass ich Angelika nie Mom nennen könnte. Denn das war meine Name für Nataly Davids-Miller. Ich lächelte, was ich selbst aber nicht bemerkte. Wie wohl mein kleiner Bruder Angelika später nennen wird? Solange es nicht Mom war, war mir alles recht. Mama, Mami… ganz egal. Und wie mich Livianne Nataly und Melanie Colleen wohl nennen werden? Das war ein ganz neuer Gedanke.
Ich legte meinen Kopf an Angelikas Schulter. Und schloss die Augen. In diesem Moment fühlte ich mich nicht 19 Jahre alt, sondern ganz klein. Es war verrückt. Auch wenn ich wusste, dass Angelika – und der Rest der Familie – zwar alles versuchen und machen würde um mich vor dem Bösen zu beschützen, so wusste ich zwar, dass sie mich im Prinzip nicht vor allem schützen konnten, aber hier in diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass solange ich neben meiner Mutter sass, sie mich vor allem Bösen beschützen würde. Alle bösen Geister von mir fernhalten würde und nichts mir etwas antun konnte.

Angelika stand auf, zog mich mit hoch. Wie ein kleines Kind – ich hasste mich später zwar dafür – packte ich ängstlich ihre Hand und klammerte mich daran fest. Ich wollte dieses Gefühl des absoluten Schutzes durch sie nicht verlieren. Sie lächelte mich an. Wir gingen in den Wohnwagenteil des Transporters. Und bevor ich richtige verstand was geschah, war Dad schon wach. Angelika hatte ihn geweckt und ihm leise etwas zugeflüstert. Er stand auf, sah mich an und machte einen Schritt auf mich zu. Dann fuhr er mir mit der Hand übers Haar und drückte einen Kuss auf meine Stirn. Das heisst, eigentlich mehr oberhalb des linken Auges auf mein Haar wegen meiner Platzwunde über dem rechten Auge. Hatte er absichtlich diesen etwas komischen Ort gewählt anstatt der Wange wie am Abend? Hatte er meine Verwirrung gespürt? Oder war es einfach Zufall, dass er nun eine anders Stelle genommen hatte, weil mitten auf die Stirn wie üblich im Moment nicht ging? Grübelnd stand ich da während Dad seine Decke auf mein Bett legt.
„Versuch zu schlafen, Lucy.“ Meinte er, strich mir dabei noch einmal übers Haar und legte sich dann in mein Bett. Ich war zu müde, zu verwirrt und mit meinen Gedanken wo anders, dass ich wirklich bemerkt hätte was vor sich ging. Angelika zog mich ins Bett neben sich, dahin, wo Dad zuvor lag. Sie deckte mich zu und legte sich neben mich. Sie sah mich lange und nachdenklich an und ich hätte gerne gewusst, was sie nun dachte. Doch ich fragte nicht und drehte mich zur Seite. Ich starrte in die Dunkelheit hinaus und schloss die Augen ich, merkte wie Angelika die Hand auf meine legte.
„Schlaf nun Lucy.“
Ich hörte ihre Worte und das Gefühl, dass mir nichts passieren konnte war zurück. Ich schlug die Augen nochmals auf. Sah Angelika an. Ich kannte sie noch nicht einmal ein ganzes Jahr, aber es kam mir vor als würden wir uns schon immer kennen. Sie war da für mich, wenn ich sie brauchte, auch wenn ich nicht wusste, wie sie das anstellte. Wie sie wusste, wie sie handeln musste. Und nun lag sie neben mir, wie früher meine Mutter und wachte über mich. Über uns alle.

Und in diesem Moment glaubte ich noch fest daran, dass ein Alptraum ein gutes Ende haben konnte...

#2 RE: Nr. 46 - All it takes is a second and your whole life can get turned upside down (Teil 2) von Lisa 01.05.2015 19:06

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Wunderbarer Bericht!!!
Echt super geschrieben und sehr schön zu lesen - da vergeht die Zeit immer wie im Flug!
Ich geh jetzt erst mal schnell weiterlesen - aber ganz ehrlich; viel kann ich gar nicht sagen (es ist ja auch nicht so viel 'passiert'), und alles was du geschrieben hast war durchweg super geschrieben! Wirklich klasse!!!

#3 RE: Nr. 46 - All it takes is a second and your whole life can get turned upside down (Teil 2) von Lucy 01.05.2015 19:16

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Danke viel mal fürs Lesen und kommentieren.

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