#1 Nr. 48 - Tür zur Freiheit? (Teil1) von Lucy 20.08.2015 15:31

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So hier endlich einen weiteren Bericht. Es ist ja (leider) nicht mehr viel los hier... Ich habe lange überlegt, ob es vielleicht nun Zeit ist Lucys Geschichte auf Eis zu legen, aber ich habe mich entschlossen doch weiter zu schreiben, egal ob es hier nun so ruhig ist oder nicht. Ich habe viel Freude am Schreiben von Lucy Geschichte, aber leider ein bisschen wenig Zeit dazu.
Die knapp 40 Seiten wie alles weiter geht, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Viel Spass beim Lesen!




Nr. 48 - Tür zur Freiheit?

Mit einem leisen Piepsen kündigte sich die WhatsApp Nachricht von Tobias an.

Hey wie geht es? Sind schon wieder 1.5 Monate vergangen seit unserem letzten Treffen. Wie sieht’s aus, soll ich am Wochenende vorbeikommen?

Ich wollte ihn nicht sehen, genau wie letztes Wochenende nicht, wie vorletztes Wochenende und wie die Woche davor. Ich schaltete mein Handy wieder auf Ruhezustand.
Vor 4 Tagen war Max mit mir bei seiner Frau gewesen und ich war verwirrter den je. Jetzt spuckte mir nicht nur immer „03.03.2012, 8:03 - Ich habe den Unfall überlebt!!!“ im Kopf herum, sondern auch noch die komischen Erklärungen zu Tassen und zusammengeleimten Scherben. Ich hatte eine Familie. Eine Familie die mich liebte. Ich hatte sogar eine neue Mutter, die mich liebte, als wäre ich ihre eigene Tochter. Doch ausgerechnet jetzt musste meine Mutter alles zerstören! Wie kann etwas, dass in der Vergangenheit gemacht wurde, die Gegenwart dermassen beeinflussen. Mein ganzes Leben zerstören. Ich sah, die besorgten Blicke von Dad und Angelika. Ich merkte, wie sie mir Chancen gaben wollten, um mit ihnen zu sprechen. Aber ich konnte nicht, ich wollte nicht. Mein ganzes Leben war schon zerstört worden, meine Familie durfte ich damit nicht auch noch belasten. Und Tobias würde ich überhaupt nicht ertragen. Er würde noch viel mehr mich zum Sprechen drängen, als es Angelika tat. Sie fragte ständig und ich schrie sie mittlerweile schon an. Es tat mir ja leid, aber ich wollte nicht mit ihr reden, verstand sie das nicht? Ich merkte wie langsam meine Freundschaften zerbrachen. Erst die zu Tirina, dann die zu Tobias, die zu Angelika wankte auch schon. Und auch zu Cate und Dad bekam sie Risse. Ich wollte das alles nicht! Himmel noch einmal, ich habe es mir nicht ausgesucht!

Als ich nach unten kam, war Angelika schon nicht mehr in Sicht. Wie jeden Morgen und an manchen Nachmittagen war unter der Woche, war Camilla da, die sich um den Haushalt kümmerte und ein Auge auf die Kinder hat, während Angelika ihre Pferde im Stall versorgte. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch in der Küche.

„Du siehst nicht gut aus.“ Meinte Camilla zögerlich.
„Mmh.“ Brummte ich. „Bin bloss ein bisschen müde.“
Camilla sah mir in die Augen. „Okay.“ Doch ich hörte aus ihrer Stimme, dass sie es mir nicht abnahm. Wie leid es mir tat, aber ich konnte nicht anders.
„Lucy, ich hätte gerne kurz mit dir gesprochen unter vier Augen.“
Ich blickte sie an. „Ja?“ Wenn ich sie schon anlügen musste, dann konnte ich ihr mindestens ein wenig meiner Zeit schenken.
„Stefan bekommt einen neuen Job, er wird befördert und wird dann einiges mehr an Geld verdienen.“
Ich lächelte sie an. „Wie toll. Ich freu mich für euch!“
„Ja, aber das war erst Teil eins.“
Ich sah sie fragend an.
„Ich müsste es eigentlich zuerst deinem Vater sagen, aber ich wollte erst einmal mit dir drüber reden“, meinte sie und sah mich dann an: „Lucy ich bin wieder schwanger.“
Es dauerte erst einige Zeit, bis ich realisiert was die Worte bedeuteten. Doch dann sah ich sie an. „Ich freu mich für dich.“
„Danke.“ sie legte ihre Hand auf den Bauch. „Manchmal kann ich es immer noch nicht glauben. Eric und Linnea werden nun noch ein kleines Geschwisterchen bekommen.“
Ich blickte sie an. Als ich ins Internat kam mit 12, da war Cam in der Abschlussklasse und fast 8 Jahre älter als ich. Nun war sie 27 und Mutter von zwei Kinder, bald drei. Wie die Zeit schnell vergeht!
„Ich kann noch ein paar Wochen für euch arbeiten, aber wenn Kind Nummer drei auf die Welt kommt, werde ich dann wohl Kündigen müssen. Ich werde so lange hier bleiben, bis ihr einen Ersatz gefunden habt, aber mit einem Baby kann ich nicht arbeiten und da Stefan eine Gehaltserhöhung gekriegt hat, werden wir schon irgendwie über die Runden kommen. Wir müssen.“
Ich sah sie an. Nein. Nicht das auch noch! Ich fand es schon schwer genug meine Kinder Camilla anzuvertrauen, die ich schon so lange kannte. Ich wollte niemand neues.
„Lucy, so schnell gehe ich nicht. Keine Angst, ich bleiben noch ein paar Monate, aber ich werde es in den nächsten paar Tagen deinem Vater sagen, damit ihr euch nach jemandem anders umsehen könnt.“
Ich nickte. „Ja.“ Doch ich wollte ‚nein’ schreien.
„Hör zu Lucy, ich weiss wie schwer es dir das fällt. Ich möchte ja auch nicht, das Linnea und Eric von jemand fremden den ganzen Tag betreut werden und ich verspreche dir, ich werde so lange auf Melanie und Livianne aufpassen, bis ihr einen Ersatz gefunden habt, dem du Vertrauen kannst.“ Camilla legte einen Arm um mich.

Den Tag verbrachte ich im Reisebüro, über Mittag ging ich zu Tirina und Madonna. Mit Madonna machte ich einen kurzen Ausritt. Tirina überliess ich Sammy. Sie war eine tolle Helferin und ritt auch mal Madonna, wenn ich keine Zeit hatte. Manchmal meinte es der Schicksalsgott doch gut mit mir, Samantha hatte er zu richtigen Zeit für ein Jahr nach Deutschland gesendet. Doch das traurige war, dass Tirina mich nicht mehr beachtete. Sie hob den Kopf nicht mehr. Kam nicht zum Tor. Begrüsste mich nicht mehr mit einem grummeln. Jedes Mal, wenn ich im Stall war, wurde mir bewusst, das ich eine meiner beste Freundin verloren hatte. Tobias hat die Stelle von Chloe eingenommen, aber Tirina auf eine besondere Art und Weise auch. Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr sie zu meinen engsten Freundeskreis gezählt hatte. Ein Pferd! Ja ich weiss, aber dass ist nun mal die Wahrheit... Cate, Tobias und Tirina. Klar habe ich noch mehr Freunde und meine Familie, aber erst jetzt realisierte ich, wie hart es ist, dass ich Tirina verloren habe. Und Tobias würde ich schon bald auch verlieren, wenn ich so weiter machte... Aber hatte ich eine Wahl?
Als ich am späten Nachmittag aufs Gestüt fuhr war es schon dunkel. Ich sah in den Ställen Dad bei Silvermoon stehen. Ich ging zwischen den Weiden hindurch aufs Haus zu. Angelika war schon am Kochen und meine Twins begrüssten mich fröhlich. Livianne und Melanie sassen auf der Decke in der Ecke des Wohnzimmers, während mein kleiner Bruder im grossen Kinderbettchen schlief. Sein ständigen Begleiter, den Stoffhase, hielt er fest umschlungen. Meine beiden Mädchen spielten mit den Bauklötzen, die ihre Urgrosseltern – nein, stopp, das wären ihre Stiefurgrosseltern ? Wie auch immer... – Elia und Gustav ihnen mitgebracht haben. Als ich mich zu meinen Mädchen setzte und mit ihnen Türme baute, waren augenblicklich alle Sorgen vergessen. Livianne und Melanie schaffte es jedes Mal aufs Neue meine ganze Konzentration zu fesseln und ich konnte für einige Minuten unbeschwert sein.

Dad kam rein.
„Kommst du morgen mit aufs Turnier, Lucy?“
„Ich weiss noch nicht. In letzter Zeit habe ich ein bisschen wenig Zeit gehabt für meine Pferde...“
Dad sah mich an. Ich benutzte es als Ausrede und das merkte er. Es war verrückt, aber ich ging nicht gerne in den Stall. Nicht mehr. Aber ich würde jedes Mal am liebsten losheulen, wenn ich Tirina sah, die mich nicht mehr beachtete.
Dad zögerte noch einen Augenblick. „Lucy, das ist das letzte Turnier dieses Jahr. Komm doch mit und ich komme am Abend rüber mit auf den Hof.
Nein, dann merkt er, dass Tirina und zwischen mir nichts mehr ist... Aber egal, dachte ich. Er merkt ja eh schon, dass mit mir etwas nicht stimmt.
„Also gut.“ meinte ich zögerlich. Wenn meine Twins dabei waren, konnte ich den Tag noch irgendwie überstehen. Ich nahm Mel und Liv auf den Arm und ging nach oben. Ich brachte die beiden Mädchen ins Bett und ging dann wieder nach unten. Schon auf der Treppe hörte ich Angelikas Stimme.

„Tim, ich schaue da einfach nicht mehr zu.“
„Du musst Angelika, sonst verlieren wir sie ganz.“
„Nein, auf deine Art verlieren wir sie. Schau dir sie an! Tobias hat heute sogar angerufen, dass er sich Sorgen macht...“
Ich machte einen Schritt weiter und stand so, dass ich Dad und Angelika gerade noch nicht sehen konnten. Dad atmete tief ein und schüttelte den Kopf. „Bedräng sie ja nicht Angelika. Bitte.“
„Dasitzen und Abwarten ist ganz sicher auch nicht die Lösung!“, meinte sie genervt.
„Du musst ihr die Möglichkeit bieten und ihr vertrauen...“
„Ich weiss, dass sagst du immer und bei den Pferden scheint es auch zu funktionieren, aber Lucy ist ein Mensch. Sie ist deine Tochter! Wenn du nichts tust Tim, dann tue ich was – auf meine Art.“
Dad schwieg und dann meinte er zögerlich: „Tobias hat heute angerufen? Du hast also seine Nummer?“
„Ja.“
„Gut, dann ruf ihn an und sag, dass er mit ans Turnier kommen soll.“
Angelika nickte. „Gut.“

Ich drehte mich um und ging nach oben. Gab es was schlimmeres, als, dass man schon bevor man in die Sackgasse einbiegt, weiss, dass es eine Sackgasse ist? Nein! Aber einen Ausweg gab es nicht und so musste ich mich wohl oder übel stellen.

Die Fahrt zum Turnier war für mich die Fahrt zum Verhör. Ich wusste es, aber durfte es mir nicht anmerken lassen. Es war die Hölle, ich wäre am liebsten ausgestiegen und davongerannt. Dort angekommen, wollte ich mich freiwillig als Babysitterin melden für die drei kleinen, aber Angelika übernahm alle drei. Und noch während wir die Pferde ausluden überraschte mich Tobias. Er grinste mich an.

„Na, freust du dich?“
Ich versuchte glücklich zu wirken. „Ja! Ist super.“ Zum Glück hatte ich zwei Pferde in der Hand und konnte somit Distanz waren.
„Ich bring schnell meinen Rucksack zu euch in den Transporter rein und begrüsse die andern. Meine Patenkinder sind drinnen, oder?“
„Ja.“

Ich war froh ihn los zu sein. Eigentlich wollte ich das ja nicht, aber irgendwie ja schon. Ich wollte einfach alles vergessen was mich in den letzten Wochen non-stop beschäftigt hat und einfach nur glücklich sein.
Den Morgen brachte ich irgendwie so über die Runden. Da Dad mit einigen startete und ich sah, dass ich immer irgendwie beschäftigt war und Leute um uns herum waren, gelang es mir, dass Tobias keine Fragen stellen konnte. Sein sorgevoller Blick ruhte aber doch auf mir. Auch beim Mittagessen im Transporter gab es keine Möglichkeit, da alle um uns herum waren, aber machte mir Angelika einen Strich durch die Rechnung.

„Tobias und Lucy, könnte ihr vielleicht für eine halbe bis eine Stunde auf die drei kleinen aufpassen?“
„Sicher“, meinte Tobias.
In mir sträubte sich alles. Nun war ich gefangen im Transporter mit Tobias alleine. Die Twins und Ben zählten ja nicht wirklich. Als die andern sich wieder auf nach Draussen machten, Cate würde bald mit Carry Me starten, fingen wir schweigend an die Sachen zu verträumen. Melanie und Livianne spielten mit ihren Bauklötzen und Ben trug ich auf dem Arm herum. Als es nichts mehr zu tun gab, setzte sich Tobias hin.

„Und? Wie geht’s so? Neues von Liam?“
Ich sah ihn für die letzte Bemerkung vernichten an. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass da nichts ist – nichts sein KANN!“
Er grinste mich nur an. „Okay. Aber wenn es nicht Liam ist, der dein Strahlen vom Gesicht verschwinden liess, wer dann?“
Ich zögerte einen Moment, sollte ich einen Ausweg über Liam machen? Irgendwas erzählen, von einer endgültigen Abfuhr? Nein, dass hatte Liam nicht verdient!
Ich zögerte. Ich sah Tobias fragendes Gesicht.
„Gibt es irgendjemand dem ich ins Gesicht boxen soll?“ versuchte er es auf eine andere Art.
Oh ja! Dachte ich.
„Komm schon, Lucy!“
Ich sah ihn an.
„Was hat dich so von der Rolle gebracht?“
„Deine Familie scheint es ja nicht gewesen zu sein.“
Und ehe ich bemerkte, dass ich es laut aussprach, sagte ich „Doch.“
Tobias brauchte einen Moment, da er scheinbar mit keiner Antwort gerechnet hat. „Wer?“
Ich drehte mich um. „Ach niemand.“
„Doch. Wer?“
Ich atmete tief durch. „Meine Mutter.“
„Angelika?!“ fragte Tobias perplex.
Ich atmete tief ein. „Nein, meine leibliche Mutter: Nataly.“
Obwohl ich immer noch mit dem Rücken zu Tobias stand, merkte ich, dass er verwirrt war. Ich drückte Ben an mich. Da musste ich nun durch!
„Sie hat mir Brief hinterlassen, von denen ich dir schon erzählt habe“, meinte ich während ich mich zu Tobias umdrehte.
Er sah mich auffordernd an.
Ich blickte hinüber zu meinen beiden Mädchen. „... sie hat mir auch ihre Tagebücher überlassen. Sie wollte, dass ich sie eines Tages bekomme. Ich habe sie schon länger, aber erst jetzt gelesen, respektive ein Teil davon nun gelesen.“ Ich machte eine Pause, atmete tief ein. „Manche Einträge liessen mich ihr Handeln verstehen, aber andere verwirrten mich stark.“
„Meinst du, Nataly ist mir böse, wenn du mir weiter erzählst was in den verwirrenden stand?“
Und plötzlich war da ein Ausweg. Licht. Ich könnte fliehen. „Ich glaube...“ Ich schloss die Augen. „Ich weiss es nicht...“
Tobias stand auf. „Okay. Und wenn du es nicht genau sagst, nur so etwa?“
Ich zögerte. Hier war ich nun, an dem Punkt an dem ich die Freundschaft für immer zerstören konnte. Er gab mir die Möglichkeit, es so zu sagen, dass es nicht mehr alles war, aber...
„Ach Tobias.“ Ich schlug die Hände vor das Gesicht. Er trat zu mir und legte den Arm um mich. Und in diesem Moment merkte ich, dass ich ihn nicht verlieren wollte. Ihn verlor ich, wenn ich die Wahrheit von ihm weg hielt. „Du darfst es aber ja nicht weiter erzählen.“
„Versprochen.“
Ich überlegte und begann mit dem einfachen. „Der Job von meiner Mutter, sie schreibt immer er sei gefährlich und sie müsse mich und Granddad schützen. Und die Zentral hätte ihr ein neues Jobangebot gemacht. Ich verstehe das nicht, sie war Journalistin und ging für Reisemagazine Hotels testen oder Ferienorte und schrieb dann darüber. Das ist nicht gefährlich!“
„Ach Lucy, vielleicht sah sie das Fliegen als gefährlich an.“
„Kann sein, aber da stand noch mehr...“
„Was?“
Ich zögerte. Nein, dass konnte ich nicht aussprechen, bevor ich nicht weiss, ob es wahr ist oder nicht.
„Am letzten Tag hat sie so was rein geschrieben, dass mein ganzes heutiges Leben auf den Kopf stellen würde. Ich weiss nicht ob es wahr ist... Ich will nicht, dass es wahr ist!“
„Kann es dann wahr sein?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nein, nicht wirklich, aber es steht dort in ihrer Handschrift. Der eine Satz. Ach Tobias, es darf einfach nicht wahr sein!“
Langsam wurde ich richtig wütend auf Nataly. Sie hatte mein Leben schon zerstört, indem sie mich von Catherine trennte und nun, als alles vorbei ist, noch einmal!
„Nur ein Satz?“
Ich nickte ja. „Auf der Seite steht nur der eine Satz, der alles verändern würde.“
„Und auf der nächsten Seite?“
Ich sah ihn völlig entgeistert an. „Auf der nächsten Seite?!“
„Ja.“
Ich blickte ihn an. DAS war die Lösung. Wenn Mom weiter gelebt hat, dann muss es eine nächste Seite geben! Warum bin ich nie darauf gekommen? Wenn es keine nächste Seite gibt, dann ist sie tot.
„Danke.“ Ich strahlte ihn an.
„Bitte. Wollen wir raus gehen, Cate wird bestimmt bald starten.“
Ich nickte, war froh, dass er das Thema fallen liess.

Gut gelaunt ging ich nach draussen. Endlich war sie da, die Lösung. Endlich. Doch je näher ich kam, desto mehr nahm der Schmerz zu. Er wuchs und wuchs und ich hatte das Gefühl, als brenne mein Maul. Verdutzt tastete ich meine Wange ab. Hatte ich mich verletzt? Doch da war nichts. Trotzdem nahm der Schmerz zu. Und dann mischte sich der Schmerz mit Panik mit Angst... Und als mein Blick Elvin auf Navajo traf, viel es mir wie Schuppen von den Augen. Das war Navajo. Ich heftet mein Blick auf ihn, konnte ich es schaffen eine Verbindung mit ihm herzustellen? Und mit jeder Sekunde wurde der Schmerz und die Panik grösser, die Angst und Verwirrung wuchs. Ich versuchte durch zu atmen.

Navajo halte durch! Du schaffst das, alles wird gut.

Versuchte ich ihn zu beruhigen. Doch ich wusste selber nicht, wie alles gut werden sollte. Alle würden mich für verrückt erklären. Alle. Niemand würde mir glauben, dass es sehr viel brauchte, bis ein Pferd so verzweifelt ist, dass es so verzweifelt um Hilfe schrie. Niemand.

„Würdest du das Kreuz höher stellen?“ Bei der Stimme zuckte ich zusammen. Ich wusste nicht einmal genau, ob ich das nun war oder Navajo – aber egal, wir beide hassten Frederik!
Mein Vater, der als einzige Person beim Kreuz stand, tat als höre er nichts.
„Tim, das Kreuz! Eins höher!“ doch mein Vater reagierte nicht, drehte sich sogar noch ein bisschen mehr und da blickte ich in sein Gesicht. Unsere Blicke kreuzten sich und ich las in seinem Gesicht, dass er es auch fühlte. Das auch er Navajos Gefühl mitbekam und sich deshalb weigerte höher zu stellen. Stattdessen, liess er Cate noch einmal über das tiefe Kreuz kommen.
„Wolltest du es nicht höher stellen?“ fragte sie.
„Nein, tief ist besser, Carry Me kann springen und soll Energie sparen.“
Cate sah ihn verwirrt an. Doch sie sprang nochmals und nochmals über das kleine. Solange bis Frederik vom Rand her angestapft kam und meinte, dass man nun zu einer vernünftigen Höhe weiter müsse, solche Baby-Sprünge könne man Zuhause üben. Als Elvin mit Navajo angaloppierte und auf den Sprung zu ritt, galt mein Blick ganz Navajo.

Halt durch mein kleiner. Du schaffst das!

Doch es nützte nur wenig, ich zitterte in mir drin. Ich spürte die Schmerzen, die Angst, die Panik...
Als ich Cate und Dad dann zum Parcours hinüber begleitet, blieben die Gefühle, auch wenn ich mich entfernte. Wie gerne wäre ich da raus gestürmt und hätte Elvin vom Pferd geholt! Obwohl ich versuchte mich auf Cate zu konzentrieren, gelang es mir nur schlecht. Meine Gedanken waren bei Navajo. Als über Lautsprecher verkündet wurde, dass Cate die neue Bestzeit geritten hat und somit Nummer 1 war, fühlte ich mich mies, ihr Ritt nicht besser beobachtet zu haben. Ich sah auf die Liste: Noch 5 Starter. Elvin auf Navajo war als dritt letzter am Start. Cate ritt glücklich auf Carry Me hinaus. Sie knuddelte sie ganz Doll für ihre Leistung und strahlte übers ganze Gesicht.
„Gut gemacht!“ lobte Dad sie.
„Danke.“ Cate legte die Abschwitzdecke auf und ritt ihre Stute neben der Halle trocken. Ich wollte wieder rein und stellte mich an die Band neben Angelika, die mit Tobias und den kleinen Kindern von dort aus zugesehen hatten.
„Cate war grandios!“ meinte ich.
„Ja, ich wäre ihr gerne gratulieren gegangen, aber jetzt war ich noch. Die nächsten fünf werden sie jetzt nicht mehr schlagen!“ antwortete Angelika.
„Kommt niemand gutes mehr?“ fragte Tobias.
„Doch. Elvin“, meinte Angelika.
„Der kann nicht reiten.“ Gab ich als Antwort.
Tobias, der vom ganzen Springsport nur wenig Ahnung hatte, sah mich fragend an.
„Sein neustes Pferd ist super, aber heute nicht so in Form.“
Angelika sah mich erstaunt und fragend an. „Wie? Ist es verletzt?“
„Jein.“ Ich wusste worauf Angelika raus wollte, aber wie konnte ich das sagen, wenn so viele Leute – Tobias inklusive – rund herum standen.
„Nein, nein, äusserlich ist er nicht verletzt. Dad und ich meinten nur, dass er...“, fing ich zögerlich an.
„Ach so, du meinst, er ist auch schon mit mehr Schwung gesprungen ist?“ ergänzte Angelika
„Genau, die Tagesform. Aber heute scheint die bei ihm nicht gut zu sein“, versuchte ich ihr weiter Hinweise zukommen zu lassen.
„Also wohl eventuell doch eine Konkurrenz?“ fragte Tobias. Scheinbar schien er es tatsächlich nicht zu merken.
„Ja. Also ich würde mir wünschen, dass er heute nicht startet...“ fing ich den Satz an. Angelika sah mich besorgt an und Tobias, der nichts mitbekam, beendetet meinen Satz mit: „...Haltest ganz zu deiner Schwester! Aber denk an fairplay, Lucy.“

Und dann ritt Elvin auf Navajo ein. Die Schmerzen im Maul wurden unerträglich, es brannte höllisch, ich spürte die Sporen am Bauch, merkte wie er kämpfen wollte, wie er nur ein Ziel hatte: WEG! Ich schloss die Augen. Das was Navajo da erlebte sollte niemand erleben. Ich hatte Probleme die Tränen nicht zurück zu halten und meine Hand zitterte. Angelika, die mich von der Seite betrachtet, legte einen Arm um mich.
„Alles wird gut Lucy.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Doch.“
Ich war so in Gedanke, dass ich nicht einmal realisierte, dass Angelika, das vielleicht nicht nur zu Navajo meinte, sondern auch zu mir. Zu meinem Verhalten der letzten Wochen.
Ich spürte, wie die Schmerzen aus dem Maul nun auch schon im Genick anfingen. Ich spüre wie Navajo versuchte die Zunge wegzuziehen, um den Schmerzen zu entkommen. Das erste Hindernis kam und ich spürte die Schmerzen der Peitsche. Verängstigt zog ich meine Beine hoch. Was hatte ich nun schon wieder falsch gemacht? Der nächste Sprung, ich gab mir mehr Mühe, schliesslich wollte ich nicht noch mehr Schmerzen haben, doch die Sporen gruben mir in den Bauch, ich wollte schreien. Ich versuchte das Hindernis zu nehmen, doch es ging nicht. Ich hatte nicht aufgepasst, die Stange viel. Ich spürte wie mein Reiter wütend an den Zügeln zerrte und der Schmerz im Maul grösser wurde. Auch die Sporen drückten stark. Ich wollte weg, nur weg nur einfach ganz weit weg. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Ein Hindernis kam und ich sprang nicht. Mein Reiter schlug mich hart mit der Peitsche und da sprang ich ängstlich nach oben. Dann spürte ich nur noch Wie ich ins Hindernis krachte, wie schwer Stangen auf mich fielen. Ich bäumte mich auf, mein Reiter lag am Boden, ich sprang zur Seite und rannte los. HILFE! H-I-L-F-E! Ich will hier weg, ich will hier raus!

Ich rannte so schnell ich konnte zur Tür und schlüpfte in die Halle. „Lucy!“ ich hörte Angelikas stimme und erst da realisierte ich, dass dies nicht ich war, dass das alles nur Navajos Gefühle waren. Ich lag nicht im Sprung. Ich sah Navajo der vom Hindernis weg rannte, sah an seinem Bein Blut. Ich sah, wie Frederik und Helene auf den Platz stürmten, Frederik wutentbrannt auf Navajo zu, Helene zu Elvin. Doch Elvin stand schon alleine auf.
„Mist Vieh, elendes Mist Vieh“, schimpfte er.
Ich sah wie Navajo um das Hindernis herum zur andern Hallenseite preschte und sich dort stehen blieb. Seine Nüstern bebten, er zitterte. Frederik rannte auf ihn zu, drei Helfer des Turniers betraten die Halle. Sie rahmten den Wallach ein. Doch noch ehe es passierte, wusste ich, dass er sich so einfach nicht mehr einfangen liess. Als er realisierte, was die Absicht, der Menschen ist, flüchtete er und rannte dabei fast Frederik um, der sich ihm in den Weg stellte. Ängstlich sah Navajo umher. Seine Nüstern weit, seine Angst in seinen Augen lesbar. Sein ganzer Körper war bis zur letzten Muskelfaser auf Flucht eingestellt. Doch er konnte nicht raus. Ich spürte wieder die Angst von Navajo und gemischt mit stechendem Schmerz im rechten Vorderbein. Am rechten Vorderbei lief Blut runter. Nein, das war zu viel. Nun war ich in der Mitte zwischen beiden Parteien. In der linken Hallenhälfte die Turnierhelfer und Frederik, rechts Navajo und gleich neben mir beim Sprung Elvin und Helene.

„Nun ist genug. Frederik kann noch lange sagen, dass Pferd sein zu teuer gewesen, aber nun kommt er in die Metzg. Das war nicht das erste Mal, in dem er einen Menschen hätte töten können. Er ist zu gefährlich“, meinte Helene zu Elvin.
Wie konnte sie nur! Navajo war so geworden wegen ihnen! Die vier Männer kamen durch die Halle auf mich und Navajo zu.
„Lucinda, raus mit dir. Der Wallach ist gefährlich“, brüllte Frederik mich an.
Ich schüttelte den Kopf.
„RAUS!“ befahl er.
Er stampfte auf mich zu. Wollte mich am Arm packen.
„Lass mich in Ruhe!“ rief ich und sah ihn zornig an.
Ich sah nicht, wie die Turnierhelfer auf Navajo zu liefen. Doch ich merkte es, indem das Panikgefühl wuchs.
Ich drehte mich um.
„Bleibt stehen, geht weg von ihm!“ schrie ich. „Ich mach das.“
Sie sahen mich entgeistert an. Navajo jagte quer durch die Halle davon.

Ruhig, Navajo, Ruhig. Alles wird gut.

Ich sah ihn eindringlich an. Während er ängstlich wieder in die Ecke getrieben wurde von den drei Männern und er erneut flüchtete.

Wir sind auf derselben Seite, Navajo. Wir gegen sie.

Während ich mich auf den Wallach konzentrierte, packte mich Frederik von hinten. Und wollte mich aus der Halle schleppen.
„Fängt das Vieh ein“, ordnete er an.
Ich schlug um mich, versuchte meinen Grossvater, den ich hasste, zu treten. Nicht um ihn zu verletzten, einfach um Navajo zu helfen. Ich wehrte mich, wie Navajo sich gegen Elvin in all den letzten Turnieren gewehrt hatte.
Plötzlich hörte ich eine bekannte Stimme. „Lassen sie meine Tochter los. SOFORT!“
Ich spürte, wie Angelika sich wütend vor Frederik aufbaute. Als er nicht sofort reagierte, packte sie ihn am Arm und löste seine Hand um mein Handgelenk.
„Damit es klar ist, so was machen sie nie mehr wieder. Nie“, sprach Angelika eindringlich auf Frederik ein.
„Sie könnten mir danke sagen, ich wollte bloss meine Enkeltochter retten.“
„Lucy, kann ganz gut auf sich selber aufpassen.“
„Das Vieh wird sie umbringen! Aber mir soll es recht sein. Dann kann ich ihn gleich hier töten lassen und muss ihn nicht noch zum Metzer bringen“
Ich hörte die Worte. Drehte mich um.
„Er wird nicht getötet. Ich nehme Navajo.“ Sagte ich zu meinem Grossvater.
„Du glaubst ich schenke dir so ein gutes Pferd? Weisst du was er mich gekostet hat? Der Schlachtpreis ist da ein kleiner Trost.“
„Ich gebe dir das Doppelte.“
„Damit du überall herumerzählen kannst, was für ein Halsabschneider ich sei? Nein. Für den Schlachtpreis kannst du ihn haben.“
„Gut“ Ich machte einen Schritt auf ihn zu und entgegnete den Handschlag.
Frederik drehte sich um.
„Helene, Elvin, kommt ihr? Das Mistvieh ist nicht mehr unser Problem!“
Verwirrt sahen sie ihn an, aber folgten ihm aus der Halle. Ich sah ihnen nach und schluckte. Angelika stand sprachlos neben mir. Ich atmete tief ein, drehte mich um. Die Turnierhelfer standen ratlos in der Halle. Sie hatten das Geschehen beobachtet, während sie weiter versucht hatten den Wallach in eine enge zu treiben, was ihnen aber nicht gelang. Navajo galoppierte immer von einer Seite zur andern.
„Ich kann ihn alleine einfangen, bauen sie den Sprung wieder auf“, meinte ich zu ihnen.
„Sind sie ganz sicher?“
„Ja.“

Navajo rannte gerade wieder panisch quer durch die Halle. Fest atmend blieb er in einer Ecke stehen. Ich ging langsam auf Navajo zu. Immer wenn ich merkte, dass sein Gefühl von Panik grösser wurde blieb ich stehen, bis es wieder abflaute. So arbeitete ich mich rund 10 Meter vor, doch bis zu ihm war es noch ein langer weg...

Hör mir zu Navajo. Ich glaube ich habe jetzt gerade das dümmste in meinem Leben gemacht, aber eines kann ich dir versprechen. Du wirst nie mehr so behandelt werden. Nie mehr.

Er sah mich lange an.

Navajo ich habe für dich gekämpft. Nun musst du mir zeigen, dass es sich gelohnt hat. Komm, Navajo, wir sind im selben Team. Du musst keine Angst haben.

Mit hochgerissenem Kopf stand er da. Er sah mich ängstlich an. Seine Nüstern beten, sein Atem ging schnell. Doch er sprang nicht weg. Ich machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Die Turnierhelfer trugen eine Stange raus und schlugen dabei an der Bande an. Navajo sprintete darauf hin wieder los. Doch da auf der andern Seite die drei Männer waren rannte er fast eine ganze Runde und stellte sich dann in die andere Ecke auf meiner Hallenhälfte. Seine Flanken hoben und senkten sich schnell. Und dann ging alles sehr schnell. Ich sah wie Navajo einknickt, er sich aber wieder fing. Doch gleich darauf knickte er nochmals ein und fiel zur Seite in den Sand. Ich lief auf ihn zu.

Navajo ganz ruhig. Ganz ruhig.

Ich hoffte, das alles gut ging.
Ich drehte mich. Angelika stand rund 15 Meter hinter mir.
„Komm, wir müssen es versuchen, du musst ihm helfen“
Sie nickte. Und schloss langsam auf. So schnell es ging, schritten wir auf den Wallach zu. Ich merkte wie seine Angst grösser wurde und sprach ihm einfach immer mehr beruhigende Worte zu. Er musste Angelika und mich hin lassen, es war die einzige Möglichkeit.
Und dann waren wir da. Ich kniete mich zum Wallach hin.
Zieh ihm die Trense aus, ordnete Angelika an. Doch als ich meine Hand in Richtung seines Kopfes bewegte, riss er denn schnell weg.

Ich mach dir nichts, versprochen. Wir wollen dir nur helfen.

Ich versuchte es erneut, diesmal langsamer. Ich schaffte es die Riemen zu öffnen und zog ihm das Zaumzeug ab. Am Gebiss war Blut und auch an seiner Lippe sah ich welches.
„Gut so“ meinte Angelika und kam nun auch noch den letzten Meter hin zu ihm.
Navajo wollte aufspringen, doch ich versuchte ihn zu beruhigen.

Das ist nur Angelika, sie macht dir nichts, sie hilft. Ich vertraue ihr, du kannst das auch!

Angelika nahm sein Kopf und legte ihn so, dass der Atemweg frei war. Sie kontrollierte seine Zunge, damit die nicht schräg im Maul lag.
„Lucy, zieh im den Sattel ab, damit er besser atmen kann. Gurtöffnen reicht auch schon.“
Ich nickte und begab mich vorsichtig zu Navajos Rücken hin. Ich griff von oben zum Gurt und als ich ihn lösen wollte, da sah ich eine weitere Blutspur, da wo Elvin seine Sporen gehabt hat. Neben der offenen Wunde sah ich zahlreiche Narben. Ich schluckte, nahm und öffnete den Gurt. Ich hatte einige Mühe, dar er sehr stark angezogen war.
„So jetzt kannst du wieder atmen“, meinte Angelika, die immer noch seinen Kopf hielt.
„Er ist vermutlich zusammengebrochen, weil er zu wenig Luft bekam und wegen den Schmerzen, als das Adrenalin langsam nach liess.“
„Gute Prognose“ hörte ich eine tiefe Männerstimme. Angelika und ich sahen zum Halleneingang. Der am Turnier anwesende Tierarzt kam. Er wollte hin zu Navajo, doch dieser wollte aufspringen, da er der Person nicht traute.
„Stehenbleiben“, rief ich und Angelika gleichzeitig.
„Lucy, komm und halten seinen Kopf“, meinte Angelika und ging dann zum Tierarzt rüber.
„Angelika Meyer. Bin auch Tierärztin, aber im Moment arbeite ich nicht.“
„Ah in dem Fall ist der Wallach schon in besten Händen.“
„Sein Kreislauf hat schlapp gemacht, weil er zu wenig Luft hatte und das ganze panische hin und her rennen ihn zu viel Energie gekostet hat. Er hat einige offene Wunden im Maul und am Bauch von den Sporen. Das Vorderbein sieht nicht gut aus: Hat Sand und Holzsplitter in der Wunde, aber Knochen scheinen keine beschädigt zu sein. Seit er liegt und Sattel und Zaumzeug weg ist, hat sich sein Kreislauf aber gehalten. Aber wir müssen schauen, dass nicht doch noch völlig kollabiert...“
Der Tierarzt nickte. „Wollen sie? Er vertraut ihnen bereits ein bisschen.“ Und hielt Angelika seine Tasche hin. Sie nickte.

#2 RE: Nr. 48 - Tür zur Freiheit? (Teil1) von Lisa 10.01.2017 23:52

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Oh wow, armer Kerl :(
Aber toll das du ihn gekauft hast :D
Ich finde ihn total klasse und freue mich schon drauf weiterzulesen - wozu ich hoffentlich bald Zeit haben werde :)

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