#1 Nr. 49 - Tür zur Freiheit? (Teil 2) von Lucy 20.08.2015 15:34

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Nr. 49 - Tür zur Freiheit? (Teil 2)


Ich hielt Navajos Kopf. Versucht ihn zu beruhigen, doch ich merkte, dass mit jeder Sekunde seine Kräfte zurückkamen. Ich merkte, wie er sich anspannte. „Achtung Angelika, er kommt hoch!“, rief ich und sprang zur Seite. Navajo rappelte sich mühsam auf. Erst hatte ich Angst, dass er wieder davon rennt, aber er blieb da. Ich legte ihm den Zügel über den Hals, auch wenn ich ihn so nur begrenzt zurückhalten konnte.
„Gut so mein Junge“, Angelika kraulte ihn am Hals. Navajo verspannte sich erst unter der Berührung, doch dann entspannte er sich wieder, auch wenn er sehr aufmerksam blieb – jeder Zeit fluchtbereit.
„Wir brauchen ein Halfter, dass Gebiss will ich ihm nicht wieder anziehen“, meinte ich.
Angelika nickte, drehte sich zur Tür um. „Cate?“ Ich wusste gar nicht, dass sie da stand.
„Ja?“ antworte sie
„Kannst du uns ein Halfter holen aus dem Transporter?“
Sie rechte den Daumen nach oben und ritt auf Carry Me davon. Während Cate davonritt, öffnete Dad das Tor und kam in die Halle. Kurze Zeit später kam sie zurück und gab Dad das Halfter, der immer noch am Halleneingang stand. Langsam kam er auf uns zu.
Navajo hob den Kopf.

Alles Gut, Navajo.

Nein ich mach dir nichts, keine Angst. Ich gehöre zu Lucy und Angelika.

Verwirrt sah ich zu Dad rüber. Das mussten seine Gedanken sein! Ein Schauer lief mir den Rücken runter. Das so was ging!

Das ist mein Dad, Navajo. Er wird dir auch helfen.

Während ich die Mitteilung übertrug, sah ich Dad an. Wir blickten uns an. Auch für ihn war es vermutlich das erste Mal.

Dad kam langsam auf uns zu und machte immer eine Pause, wenn Navajos Angst anstieg. Als er bei uns ankam, konzentrierte er sich noch eine Weile auf den Wallach, eher er sich dann zu mir um drehte. „Hier, dir vertraut er stärker.“
Ich zog Navajo das Halfter an, was er willig geschehen liess.
„Bringt ihn raus, draussen hat es einen paar wenige Boxen, dort können wir ihn in aller Ruhe behandeln“, meinte der Tierarzt.
Ich nickte. Lief los, aber Navajo blieb beim Zug auf dem Halfter sofort panisch stehen.

Komm Navajo, es passiert nichts Schlimmes. Kommt mit uns mit.

Zögerlich macht er einen Schritt auf mich zu. Dann einen zweiten. Dann einen dritten.

Ja, super so. Gleich hast du es geschafft. Komm Navajo.

Langsam setzte er sich in Bewegung. Er sprach nicht mit mir, aber er hörte auf mich! Ich hätte ihn am liebsten ganz fest geknuddelt, aber da er bei Angelikas Berührungen zusammengezuckt ist, liess ich es bleiben.

Der Tierarzt führte uns zu einer kleinen Box, nicht weit vom Eingang der Halle entfernt. Die Reiter draussen sah uns an, in manchen Gesichtern konnte ich Anerkennung lesen, andere hielten mich für verrückt. Als ich Navajo festband, fand Angelika und der Tierarzt, dass Navajos Kreislauf genug stabil war um ihn ganz leicht sedieren zu können, um die Wunde am Vorderbein gut zu säubern und dann unter lokaler Betäubung zu nähen. Als Navajo die Spritze bekam, ging es nicht mehr lange, ehe er sein Kopf fallen liess. Ich hielt ihn fest. Wie er nun dastand. Die Kraft, mit der er kämpft, war aus seinem Körper gewichen. Es tat mir richtig leid, ihn so zu sehen, aber es war besser so. Er hätte Angelika nie an seine Wunde gelassen und so konnte die mindestens richtig gut behandelt werden, ansonsten würde sie vielleicht lange nicht verheilen. Jetzt wo Navajo es langsam egal fand, was um ihn herum geschah, half der Tierarzt Angelika, so dass es schneller ging. Ich konnte nicht hinsehen und stand einfach da und hielt Navajos Kopf. Dad betrat die Box und stellte sich zu mir. „Ich bin stolz auf dich, Lucy!“
„Danke.“ Ich blickte meinen Dad an.
„Wir hätten schon früher handeln müssen“, meinte er, „Draussen auf dem Abreitplatz spüre ich seine Angst schon.“
„Ich auch Dad, aber da konnten wir nicht eingreifen. Und nun ist ja nochmals alles gut gegangen.“
Er sah mich nachdenklich an. „Ja, aber nur knapp.“

„Und wie geht’s ihm?“ Ich hörte Tobias Stimme von draussen. Ich sah über meine Schulter. „Wir haben ihn sediert um die Wunde zu behandeln“, meinte ich und plötzlich erinnerte ich mich daran, dass ich vor dem ganzen mit den Twins an der Bande stand. „Wo sind Melanie und Livianne?“, fragte ich.
„Draussen. Ein gewisser Theo Ebnet passt auf alle drei auf. Er meinte, er sei ein sehr guter Freund der Familie.“
Ich nickte. „Ja. Das ist der Vater von Marelle.“
„Ach so.“

Während Navajo einen Verband bekam betrat Cate und Marelle die Stallgasse.
„Ich sag’s dir Cate, du kannst du stolz auf deine Schwester sein, sie ist einfach da rein und hat deinem Grossvater die Stirn geboten. Du hättest sehen sollen, wie sie gekämpft hat, als er sie rausstellen wollte.“
„Dad und ich waren draussen und dann haben wir plötzlich Angelika gehört, die ganz laut Lucys Name schrie, da ist Dad in die Halle rein gestürmt. Ganz so schnell konnte ich auf Carry nicht hinterher.“
Die beiden kamen näher.
Cate schlüpfte in die Box, während Marelle draussen bei Tobias blieb.
„Lucy du machst vielleicht Sachen, aber wie geht es unserem armen Pferd hier?“, fragte sie.
„Zwar eine grosse offene Wunde, aber er hat sich wohl darunter nichts beschädigt“, meinte Dad.
Cate sah fragend umher, „Ich finde es ja gut, dass ihr in behandelt, aber wo sind unsere Grosseltern? Wo ist Elvin?“
„Du sollen es ja nicht wagen auch hier in die Nähe zu kommen“, fauchte ich.
Cate sah mich fragend an.
„Wir haben zum Glück noch ein freien Platz im Transporter, Navajo wird mit uns heimkommen“, meinte Dad.
„Grossvater hat euch Navajo überlassen?!“
„Nein, ich musste ihm den Schlachtpreis geben, aber ich konnte ihn ja nicht einfach ihm überlassen. Wir wissen wohl beide, was Navajo dann geblüht hätte. Wenn Frederik ihn am Leben gelassen hätte, dann wäre das für Navajo wohl fast noch die schlechtere Wahl gewesen“, meinte ich.
„Elender Halsabschneider, schenken hätte er ihn dir können. Geldgieriger Misthund“, schimpfte Cate.
Dad sah sie warnend an: „Cate, du kannst über ihn denken, was immer du willst, aber bitte mässige dich in deiner Wortwahl, okay?“
Cate funkelte Dad an: „Aber es ist doch so!“
Dad zuckte mit seinen Schultern: „Trotzdem, es ist immer noch dein Grossvater.“
„Ja und? Der kann mir gestohlen bleiben, den brauche ich nicht. Personen, die so mit ihren Tieren umgehen! Schau die offenen Stellen von den Sporen an. Ich will ja nicht wissen, wie das Training Zuhause aussieht. Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben!“, meinte Cate bestimmt.
Dad sah sie traurig an. Immerhin waren das seine Eltern, ich konnte ihn gut verstehen.
Angelika, die mittlerweile die Wunde am Bein fertig behandelt hatte und nun sich Navajos Maul nochmals genauer ansah, mischte sich ins Gespräch ein: „Tim du kannst nichts für deine Eltern.“
Er nickte, doch ich konnte spüren, dass er trotzdem Schuldgefühle hatte. Er fühlte sich verantwortlich für sie, weil er ihr Sohn ist.
„Tim, die Leute hier auf dem Turnier, wissen, dass du nicht hinter ihrem Handeln stehst. Und wenn sie es bis heute nicht wussten, dann wissen sie es nach dieser Aktion hier.“

Die andern hatten den Transporter startklar gemacht. Ich blieb beim Navajo und sah ihm zu wie er langsam wieder zu sich kam. Er stand da und sah mich unsicher an.
Dad kam die Stallgasse runter.
„Ist er wach? Wir wären startklar.“
„Ja er ist wieder wach. Schon seit gut zwanzig Minuten.“
Dad öffnete die Box und reichte mir den Strick und ein Halfter. Zuvor hatte Navajo das von Carry Me angehabt.
„Von wo hast du das?“
„Von meinen Eltern, ich habe ihnen gesagt, dass seine Decke und sein Halfter brauchen. Wir bringen es morgen zurück, wenn wir ihnen das Geld bringen.“
Ich nickte und zog Navajo erst das Lederhalfter an und dann die Decke. Durch die Sedierung hatte er immer noch etwas mühe seine Körpertemperatur zu regulieren und im Transporter würde es noch etwas Zugluft geben. Dann führte ich ihn heraus. Es fühlte sich zwar so falsch an, als ich Navajo ansah. Auf der schwarzen Decke prangten das Logo meiner Grosseltern und ihr Stallname. Aber ich dachte mir, besser eine Decke als keine. Navajo kam zwar zögerlich und etwas humpelnd hinter uns her, aber er kam mit. Verladen liess er sich relativ gut. Die andern Pferde wieherten ihm zu.
„Du kannst vorne einsteigen, die andern sind hinten.“
Ich nickte.
Wir fuhren los und schon bald waren wir auf der Autobahn. Obwohl es erst sechs Uhr war, dunkelte es schon ein.
„Marelle und Theo kommen noch bei uns vorbei zum Nachtessen.“
Ich nickte. „Ist gut“
Schweigend fuhren wir weiter.
„Dad ich habe heute etwas Verrücktes getan, oder?“
„Einige Leute werden es für das halten. Aber ich finde nicht... Ich weiss nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, Frederik so die Stirn zu bieten.“
„Ich habe schon die ganze Zeit Navajos Panik gespürt, an diesem Turnier und an den letzten, da habe ich das alles ganz automatisch gemacht, ohne nachzudenken. Aber ich meine nicht das. Ich habe schon zwei Pferd und zwei kleine Kinder. Ich habe nicht wirklich Zeit für ein drittes Pferd und Geld auch nicht wirklich...“
Ich legte meinen Kopf an die kühle Scheibe.
„Ich denke Navajo nehmen wir erst einmal aufs Gestüt, oder?“
„Ja, ich wüsste nicht einmal, ob Nina platz hätte drüben auf Tsubasa.“
„Cate bekommt ja erst ein kleiner Lohn, soviel wie alle andern im dritten Lehrjahr auch bekommen hat. Wir haben abgemacht, dass sie bis sie voll verdient nichts fürs Essen abgeben muss, aber das sie sich um ihre Pferde kümmern muss. Die zwei Boxen gebe ich ihr gratis, aber den Hufschmied, Sattler und bei kleineren Summen den Tierarzt muss sie selber zahlen und sie muss sie natürlich selber versorgen. Nun spielt sie mit dem Gedanken Skyline zu behalten als zweites Turnierpferd neben Carry Me. Ich habe ihr gesagt, dass sie dann aber einfach den Boxenpreis zahlen muss, genau wie Natascha auch. Natascha kommt zwar nicht jeden Tag mehrmals zum Füttern und misten, aber hilft am Abend jeweils noch kurz mit bei den andern Pferden. Ich könnte dir Boxen zu den gleichen Konditionen geben auf dem Gestüt, Platz haben wir ja noch. Du müsstest also einfach die Kosten für die Box des dritte Pferd bezahlen und natürlich den Stall selber machen, respektive einfach hin und wieder mithelfen.“
Ich sah auf die Strasse hinaus. Tirina und Madonna aufs Gestüt holen? Es wäre eine Lösung. Die Kosten, die ich nun für die Vollpension bei Nina zahlte plus Hufschmied und Tierarztkosten von den beiden würden dann wohl ungefähr so teuer kommen wie auf dem Gestüt für alle drei. Und sie wären näher... Aber eigentlich wollte ich ja auf dem Hof bleiben, weil dort viele meine Freunde waren. Aber mittlerweile war ich nicht mehr ganz so oft dort und obwohl ich alle kannte, war höchstens Lisa noch jemand mit der ich öfters sprach und ich vermissen würde. Aber man konnte sich ja immer noch für einen Ausritt verabreden. So weit weg war ich dann auch nicht und ich wusste von Lisa, dass es ihr Traum war über kurz oder lang einen eigenen kleinen Stall zu betreiben.
„Es wäre auf jeden Fall eine Lösung.“
„Lass es dir durch den Kopf gehen.“
Ich bezahlte Dad eigentlich nicht viel mehr als ich für meine Nahrung ausgegeben hätte. Ich bezahlte keine Miete, aber als ich ihn darauf einmal angesprochen habe, da meinte er, ein Zimmer im Haus hätte mir schon immer gehört und das würde auch immer mir gehören. Und als ich bei den Twins fragte, meine er, die sein ja schon fast so was wie seine Kinder, auch wenn es seine Grosskinder sein. Denen gehört zusammen auch ein Zimmer, genau wie mir und es würde auch immer ihnen gehören, egal was kommt. Aber auch wenn ich keine Miete zahlte, kamen so viele Kosten auf mich zu. Für Kleider für die Twins, ihre Spielsachen, Windeln, die ‚Krippenkosten’, die ich an Dad weiter zahlte, Spritkosten, Steuern, Versicherungen, Kosten für Kleider und Handy von mir sowie eben noch die Pferde. Aber ein drittes Pferd? Am Ende des Monats bleibt nicht mehr viel übrig und ich wahr unheimlich froh, dass Angelika Tirina behandelt hat, weil mich so nur ein paar Salben und Mittel bezahlen musst. Ansonsten wäre meine kleines Polster schnell aufgebrauch gewesen. Ich wollte das anlegen um irgendwann eine Reise mit meinen Kinder machen zu können, um ihnen zu zeigen, wo ich meine Kindheit verbracht habe und ich wollte auch ein kleines Polster haben für Unvorhergesehenes, sei das nun ein Klinikaufenthalt von Tirina oder Madonna oder was auch immer... Wenn ich bei Dad meine Pferde hatte, dann würde ich es mich billiger kommen, ich würde vermutlich sogar noch etwas Geld mehr zur Verfügung haben, was nicht schaden würde. Denn wenn meine Kinder älter werden, werden sie bestimmt auch mehr kosten... Sie würden ihre eigen Hobbys auswählen, die auch was kosten. Ich bereue nicht, dass ich Navajo geholfen habe, keines Falles, aber ich habe keine Sekunden an meine Finanzen verschwendet.
„Ist es okay, wenn ich es mir bis morgen überlege? Aber ich denke, mittlerweile überwiegen die Vorteile. Früher, da war mein Lebensmittelpunkt Tsubasa, aber jetzt bin ich fast nur noch drüben zum Reiten und meistens komme ich eh zu solchen Zeiten, wo keiner da ist.“
„Wir haben noch mindestens 9 freie Boxen plus die Gastboxen, also kannst du dir zeitlassen. Das Angebot wird immer stehen.“
Dad stellten den Blinker und fuhr von der Autobahn ab.
„Ich habe Max vergessen anzurufen. Kannst du ihm noch sagen, dass er eine Box für Navajo einstreuen soll?“
„Darf er nicht noch zwei Stunden nach der Sedition nichts fressen?“
„Stimmt, dann stellen wir ihn erst Mal raus auf den Paddock. Ruf ihn aber trotzdem an, dann kann er schon mal ein zweites Pferd raus stellen, damit Navajo nicht noch ungefähr eine Halbestunde allein draussen stehen muss.“
Ich nahm mein Handy hervor. Maxs Nummer hatte ich schon so oft gewählt, dass ich sie mittlerweile auswendig kannte.
„Ja? Max da“, hörte ich seine mir so bekannte Stimme.
„Hier ist Lucy.“
„Hallo Lucy, was gibt’s?“
„Wir sind gerade von der Autobahn runter, hast du die Pferde schon rein genommen?“
„Vor zehn Minuten.“
„Kannst du vielleicht zwei wieder rausstellen? Wir haben ein Pferd dabei, dass noch nichts fressen darf für eine halbe Stunde. “
„Äh ja, aber warum?“
„Wir haben ein viertes Pferd dabei.“
„Was hat Tim angestellt?“, meinte Max lachend.
„Nein, diesmal war ich es.“
Da war erst mal ruhe. „Entschuldig, ja klar ich bring zwei Pferd raus.“
„Danke.“
„Bis später.“

Wir fuhren durch die Dörfer, mittlerweile war es wirklich schon sehr dunkel. Wie es wohl Navajo erging? Hoffentlich gut. Dann bogen wir ab und durchquerten Sonntal. Jede Kurve war mir so bekannt. Jedes Haus hier. Es fühlte sich wirklich an wie heimkommen. Dad verlangsamte, da unser grosser Transporter ein wenig gross war für die schmalen Strassen, aber Dad hatte ihn im laufe der Jahre schon so oft durch diese Strasse manövrierte, er konnte das im schlaf machen. Wir führen zur Hofeinfahrt und ich stieg aus um das Tor zu öffnen, das immer geschlossen war, damit die Hunde nicht raus auf die Strasse liefen. Als Dad den Transporter parkte, sah ich wie Max aus dem Stall kam, gefolgt von zwei Angestellten: Ulrike Sommer und Tom Gillighan. Ich lief zum Fahrzeug hin und öffnete die kleine Tür und schlüpfte zu den Pferden rein. Navajo sah mich an. Es schien ihm gut zu gehen, auch wenn er dem allen hier nicht ganz so vertraute. Ich nahm den Strick und klickt ihn im Lederhalfter ein. Erst jetzt viel mir die goldene Plakette auf. Auf der stand nicht sein Name, es stand ‚Stall Davids’ drauf, darunter Helene und Frederik Davids. Das erste was ich machen würde, ist dieses Halfter und die Decke mit ihrem Logo gegen eine andere tauschen. Ich konnte die nicht mehr länger sehen, Navajo gehörte nicht mehr da hin.

„Kann ich öffnen?“ hörte ich Dads Stimme draussen.
„Ja.“

Er liess die Rampe runter und ich führte Navajo hinaus.

Max sah mich an.
„Ihr habt ein Pferd der Davids mitgebracht?“, fragte Tom erstaunt.
„Lucy, hat es ihnen abgekauft. Als ich finde ja immer noch, Grossvater hätte es ihr schenken müssen, aber...“, meinte Cate, die gerad ein den Hänger schlüpfte um Carry Me raus zu führen.
„Aber...“, stammelte Max, „das ist doch Navajo?!“
Ich nickte. „Ja. Er hat nun ein besseres Leben verdient.“ Der Wallach stand da und sah über den Hof.
„Und Frederik hat ihn dir einfach so überlassen?“, fragte Max erstaunt.
„Nein. Aber er ist mit Elvin ins Hindernis rein gekracht. Dad und ich hatten schon lange das Gefühl, dass da was nicht stimmt und gemerkt, dass es Navajo nicht gut geht. Er ist dann panisch in der Halle herum galoppiert mit offener Wunde am Vorderbein. Und sie wollten ihn dann zum Metzger bringen, weil er ein so gefährliches Tier sei, dass nicht mehr tragbar sei. Er würde Menschenleben bedrohen immer und immer wieder. Aber das tut er nur, weil er ein Kämpfer ist und nicht sich nicht so schnell aufgibt. Er hat offene Stellen im Maul vom Gebiss und am Bauch hat es einige Narben von den Sporen...“
Max kam auf das Pferd zu. Navajo lief drei Schritte rückwärts und legte die Ohren an. Max blieb stehen.

Alles gut, er macht dir nichts. Er gehört zu uns.

Ich merkte wie sich Navajo wieder entspannte. Max machte erneut einen kleinen Schritt auf das Tier zu und diesmal wich er nicht weg. „Guter junge“, meinte er.
„Die Wunde am Bein ist die schlimm?“, fragte er.
„Geht so.“ meinte Angelika, die mit dem schlafenden Benjamin auf dem Arm zu uns kam, „Aber die Wunde am Bein ist nicht sein grösstes Problem. Der anwesende Tierarzt und ich sind uns ziemlich einig, dass seine Beine mit Salbe eingerieben wurden...“, fuhr sie fort.
„Mit DER Salbe?“ fragte Max erschüttert.
„Ja, damit er seine Beine auch ja über die Stangen nahm.“
Ich sah Navajo an. Das konnte wirklich stimmen, wieso hatte er, obwohl er so panisch war, versucht seine Beine über die Stange zu kriegen und ja keine abzuwerfen?
„Aber ich denke die Salbe war nicht das einzige unerlaubte Trainingsmittel...“ fügte Angelika leise hinzu
Max blickte zu Tim hinüber, der zu weit entfernt stand, um etwas verstanden zu haben.
„Ja, das kann sehr gut sein.“
„Ich werde Tim morgen darauf ansprechen, aber im Moment wäre es zu viel. Er weiss ja noch nicht alles, aber er hält das schon fast nicht aus. Ich glaube er hält sich für mitschuldig, weil es seine Eltern sind.“
„Ich habe ihm schon einige Male gesagt, dass er nichts für das Handeln seiner Eltern kann. Alles was er machen kann, ist sie nicht mehr unterstützen, so wie er es schon seit Jahren macht“
Navajo wieherte. Max und Angelika sahen mich an. Still schweigend kamen wir zum abkommen, dass ich das eben gehörte auch noch ein Tag für mich behalten würde. Was für andere Methoden wohl noch bei ihm angewendet wurden?
„Lucy bring ihn erst mal auf den Paddock und dann richten wir ihm eine schöne Box, ich hatte leider keine Zeit mehr dazu.“, meinte Max und brachte mich so aus dem grübeln raus.

Ich führte den Wallach zum Sandpaddock und liess ihn laufen. Er stand da und sah zu den andern Pferden rüber. Dann versuchte er los zu galoppieren, stolperte aber wegen seinem Verband und blieb wieder stehen. Er wieherte laut und bekam von seinen Nachbarn Antwort. Er humpelte zur Abtrennung und beschnupperte die beiden Stuten neben ihm. Dann schüttelte er sich und versuchte wieder zu galoppieren, was aber nicht ging. Er sah wie ein kleines Kind, dass wochenlang im Regenwetter drinnen sitzen musste und nun endlich einmal wieder auf den Spielplatz durfte. Die andern versorgten die Pferde. Schon bald hörte ich weiteres wiehern. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass Marelle und Theo auch kommen. Sie luden Unido aus dem Hänger aus und brachten ihn nach hinten in eine Gastbox, von der er die andern Pferde sehen konnte. Es war wohl nicht das erste Mal, denn Marelle und Theo fanden alles ohne Hilfe. Dann kamen sie zu mir rüber. Gemeinsam sahen wir Navajo zu wie er über seinen Paddock humpelte und dabei immer mutiger wurde. Die Stuten neben an, interessierten sich irgendwann nicht mehr für den Neuzugang und wendeten sich wieder ihrem Heunetz zu. Max tauchte auf und drückte mir eine Decke. Es war eine der himmelblauen Gestüt Silvermoon Decken, die Dad immer hatte. Das Logo war an der Seite drauf genäht. Jedes Pferd auf dem Hof besass so eine, aber unter dem Logo stand immer noch der Name des Pferdes. Ich ging zu Navajo hin und wechselte die Decke. Es war ein gutes Gefühl ihm nun unsere Decke überzulegen. Es war wie ein Versprechen, dass ich nun unterschrieb, dass er wirklich zu uns gehörte. Ich zog ihm das Lederhalfter meiner Grosseltern auch gerade aus und ging zu Max zurück. Nachdem alle Pferde versorgt, kamen die andern auch noch. Nach einigen Minuten des Zuschauens, beschlossen sie nun ins Haus zu gehen. Ich machte mich auf und ging eine Box für Navajo einstreuen.

„Max hast du mir noch ein Halfter?“
„Musst einmal hoch gehen auf den Dachboden. Ich dachte ihr hätte ein von euch genommen. Soory“
Obwohl ich nun schon so lange hier war, war ich nur selten dort oben. Die Sachen die, wir im Alltag brauchten waren entweder an den Boxen oder in der Sattelkammer. Ich ging die Treppe nach oben. Ich lief vorbei an unzähligen Futtersäcken, Stroh- und Heuballen und dann öffnete ich die Tür zur Kammer dahinter. Ich ging rein und schaltete das Licht an. Hier lagen Sättel, die gerade nicht gebraucht wurden. Ich wusste noch, wie ich Cate einmal geholfen hatte ein Gebiss zu finden – das war sehr schwer, denn mein Vater hatte ganze fünf Kisten voll. Ich ging am Gestell mit den Sattelgurten und Steigbügel vorbei nach hinten. Da lagerten die Decken. Die meisten von ihnen waren die himmelblauen Winter- und Regendecken oder die silbernen Fliegendecken des Gestüts Silvermoon. Doch es gab auch noch ein paar Decken in andern Farben, die mein Vater von irgendwo sonst hatte. Vielleicht bevor er diese Silvermoon-Decken hatte oder vielleicht von Pferden die hier bei ihm im Training waren oder er gekauft hatte. Die Pferde, die meinem Vater gehörten, hatten fast alle mittlerweile die Silvermoon-Decken auf. Die Pferde im Training hatten oftmals ihre eigenen Decken. Ich ging weiter. Ich fand unzählige weisse Schabracken mit unserem Logo und dazwischen auch ein paar Himmelblaue – ich hatte die noch nie zuvor gesehen, ich musste Dad einmal fragen, warum er die nicht benutzt. Aber es hatte auch noch viele anders farbene unbestickte, denn hier Zuhause ritt er nicht immer nur in weiss. Fast in allen Regenbogenfarben fand ich. Auch Bandagen lagen hier, wobei der weisse Anteil zahlenmässige überragte. Und dann fand ich endlich die Halfter. Dad hatte noch wenige Lederhalfter hier oben, die meisten waren wohl im Einsatz. Es waren die ‚Ausgangshalfter’, wie er sie nannte. Aber ich fand auch solche in Nylon und hier überwiegte der himmelblaue Anteil. Ich suchte ein blaues in der Richtigen Grösse und nahm auch gleich noch einen Strick mit. Ich sah auf die Uhr, nun war schon fast zweieinhalb Stunden vergangen. Ich konnte ihn also reinholen. Max geisterte auch noch im Stall rum und er half mir die drei Pferde rein zu holen. Navajo liess sich ohne Probleme einfangen und dann ich führte ihn in seine Box. Er nahm etwas Heu und streckte dann den Kopf über den Teil der Abtrennung den Kopf zum Nachbar rüber, der ihm nur bist zur Brust reichte. Die Stute, die ihn von draussen schon kannte, nahm keine Notiz von ihm und frass weiter. Navajo zog seinen Kopf zurück und lief einmal im Kreis, dann stand er verdutzt vor dem Vorhang nach draussen. Er ging langsam hin, sprang dann aber wieder zurück, als der Wind ihn ihm leicht entgegen wehte. Ich ging rein und führte ihn durch. Er sprang todesmutig durch den Vorhang und blieb dann draussen stehen und sah ihn ängstlich an. „Schliesshass du!“, meinte ich zu ihm. Max kam und hängte den mittleren der fünf Streifen aus, sodass es für den Wallach am Anfang etwas einfach war durch zu gehen. Ich ging rein und er folgte mir, doch er streckte nur den Kopf durch den Schlitz im Vorhang. Als seine Brust die Streifen berührte, sprang er ängstlich zurück. Ich ging nach draussen führte ihn nochmals durch. Er folgte mir todesmutig. Ich führte ihn gleich nochmals raus und liess ihn los. Er kam wieder, strecke seinen Kopf durch den Schlitz und lief so lange zögerlich vorwärts, bis der Vorhang seine Brust berührte. So stand er eine Ewigkeit da. Irgendwann nahm er all seinen Mut zusammen und rannte durch. Er fand das gar nicht toll.
„Er wird es schon noch lernen und jetzt ist er ja erst mal drin“, meinte Max. „Komm wir gehen essen.“
Gemeinsam gingen wir zischen den Weiden hindurch. Zoey kam angerannt und folgte mir. Ich strich ihr über den Kopf. Seit ich auf dem Gestüt wohnte, war sie praktisch den ganzen Tag mit Basil und Twister draussen. In der Nacht hätten alle drei Hunde mit ins Haus dürfen, nur Basil war auf einem Bauernhof aufgewachsen und schlief viel lieber irgendwo in der Scheune oder im Heustock. Der um einiges jüngere Twister hat Basil alles abgeschaut und so war auch er mittlerweile nicht mehr ins Haus zu kriegen. Zoey entschied sich Nach für Nach anderes. Manchmal bevorzugte es sie mit den andern beiden im Stall zu bleiben, manchmal kam sie am Abend mit ins Haus.
„Was hast du mit Navajo im Sinn?“ fragte mich Max.
„Keine Ahnung, erst lass ich ihn hier mal zur Ruhe kommen und dann schauen wir mal weiter, ein bisschen Bodenarbeit, Spaziergänge und vielleicht Ausritte.“
„Klar, aber ich meine längerfristig.“
„Keine Ahnung.“
„Du willst mit ihm nicht auf Turniere?“ fragte mich Max erstaunt.
„Äh nein, ich glaube nicht, dass Navajo das mitmacht. Ich habe ihm versprochen, dass er nicht mehr leiden muss und ich war noch nie ein Turniergänger –Cate scheint meine Dosis da gleich auch noch abbekommen zu haben.“
„Ja, Cate ohne Turniere am Wochenende, wäre schon was ganz neues. Aber du hättest das Zeug dazu und Navajo sowieso.“
„Nee, nee. Und überhaupt, es wäre ein langer Weg bis da hin.“
„Ich denke er wäre kürzer als du denkst.“
Ich seufzte. „Nein, Max. Die Turnierwelt ist nicht meines. Vielleicht hin und wieder was kleines, aber mehr nicht.“
Max nickte. „Schade, denn Navajo ist das geborene Turnierpferd. Du hättest ihn mal sehen sollen mit welchem Ehrgeiz der gesprungen ist, bevor der zu den Helene und Frederik kam. Unglaublich, echt! Er liebt das Springen genau so wie Cate. Musst mal im Youtube schauen, da gibt es bestimmt Videos.“

Gemeinsam assen wir zu Abend und Marelle gab nochmals meine Aktion zum Besten. Colin war auch herüber gekommen und er und Max hörten gespannt zu. Auch wenn ich in Wirklichkeit nur halb so heldenhaft war, wie ich in Marelle Schilderungen dargestellt wurde. Es war schon spät und so verabschiedeten sich die Marelle und Theo. Tobias hatte keinen Zug mehr zurück und so richtete Angelika kurzerhand das Gästezimmer her. Ich schleppte mich die Treppe rauf und legte mich ins Bett. Der Mond schien durchs Fenster und beleuchtete den Kasten. Mein Herz, war so leicht geworden an diesem Tag. Ich merkte wie lange ich nicht an das Tagebuch gedacht habe. Fröhlich öffnete ich die Tür. Endlich, endlich würde ich die Lösung in meinen Händen halten. Ich war Tobias so dankbar, dass er mich auf diese simple Lösung des Problems gebracht hat. Alle Fakten sprachen dafür, dass meine Mutter tot war und so mussten die nächsten Seiten einfach weiss sein! Ich nahm das Heft in die Hand und setzte mich aufs Bett. Gleich, würde ich schwarz auf weiss den Beweis dafür haben, dass ich mein Hirngespinst in Luft auflösen muss. Mom, kann nicht mehr leben. Ich schwor mir, bevor ich das Heft öffnete, dass wenn die nächste Seite, weiss ist – von dem ich überzeugt war – ich nicht mehr darüber spekulieren würde, weshalb meine Mutter dann noch den letzten Eintrag geschrieben hat. Es fühlte sich an, als stehe ich vor der Tür in die Freiheit.

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