#1 Nr. 50 - Tür zur Freiheit? (Teil 3) von Lucy 20.08.2015 15:41

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Und hier noch der 3. Teil und mein 'goldener' Bericht. Ich hätte nie gedacht, dass ich ganze 50 Berichte schreiben werde!!

Nr. 50 - Tür zur Freiheit (Teil 3)

Beschwingt öffnete ich das Heft und blätterte bis zum Eintrag:

03.03.2012, 8:03
Ich habe den Unfall überlebt!!!


Ich starte auf die weisse Seite darunter. Egal, kümmere dich nicht mehr um den doofen Satz, Lucy. Gleich, wirst du den Beweis in den Händen halten, das Nataly tot ist. Vielleicht war sie noch ein paar Minuten länger am Leben als gedacht, aber sie ist tot und das steht klar. Also kannst du dann alles endlich vergessen. Leichten Herzes drehte ich die Seite um. Das Heft viel mir aus den Händen. Ich zitterte, ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, ich wollte schreien, doch meine Kehle zwar zugeschnürt.

Die Seiten waren beschrieben!

Ich hörte Schritte die Treppe rauf kommen, doch ich nahm das nur am Rande war. Ich sah das Heft vor mir liegen. Als ich die vertraute Handschrift auf den nächsten Seiten sah, fühlte sich das an als wäre Gift in meinen Körper gekommen. Ich zitterte, mein atme ging schnell.
Es klopfte an der Tür. Ich merkte noch, wie die Tür langsam aufging. Ich sah Tobias an. Mein Herz raste und das zittern nahm zu. Ich starte das Heft am Boden an und glaubte, die Welt würde gleich zerspringen. Tobias war sich ziemlich sicher gewesen, dass Lucy das Tagebuch lesen würde, sobald sie oben ist und so hatte er ihr deshalb etwas Vorsprung gegeben. Er hat mit einer weinenden Lucy gerechnet, aber nicht einer dermassen bleichen und verstörten. Er sah ein Heft am Boden und als er es sorgfältig umdrehte, sah er, dass es das Tagebuch war. Was steht darin, das Lucy so verstört?, fragt er sich. Letzten Wochen war sie nicht mehr sich selbst gewesen, irgendwas hatte sie verändert... Heute bei der Aktion mit Navajo war sie wieder so gewesen wie er sie kannte: lebendig und für die Gerechtigkeit kämpfend.
Tobias setzte sich neben mich.
„Alles okay?“
Ich starrte ihn mit grossen ängstlichen Augen an. Schüttelte den Kopf. Und dann kamen sie, die Tränen. Tobias legte den Arm um meine Schulter und drückte mir ein Taschentuch in die Hand. Es verging Minute um Minute, in der ich versuchte zu erfassen, was das alles bedeutete. Das Tagebuch meiner Mutter geht weiter, meine Mutter... Ich konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. Es war so was von verrückt! Moms Asche war in London begraben!! Ich war dabei gewesen...!
Tobias sah mich von der Seite an. „Was ist los?“
Ich blickte ihn an. Tobias war da und half mir. Er war da wie damals Tirina, als ich sie abgelehnt hatte. Nun hatte ich sie verloren. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. Ich wollt ihn nicht auch noch verlieren.
„Sie...“ ich brach wieder ab und versuchte es erneut, „Sie lebt.“ flüsterte ich.
„Wer lebt?“
„Du hast doch gesagt, wenn das Tagebuch weiter geht, dann habe ich meine Antwort.“
Er nickte. „Es geht weiter...“
Tobias sah mich verständnislos an. Erst da viel mir ein, dass ich ihm ja nicht gesagt habe, worum es geht. Das er nur wusste, dass da ein letzter verwirrender Satz im Tagebuch war. Ich blickte durch das Fenster. Unmöglich erschien mir alles.
„Mom.“
Tobias sah mich an. „Jetzt komm ich nicht mehr mit Lucy, wen meinst du jetzt genau? Angelika? Oder Nataly? Bei beiden bringt es keinen Sinn.“
Ich atmete tief durch. „Nataly.“
Es dauerte einige Sekunden, ehe er sich mit der Hand durchs Haar fuhr und mich ungläubig ansah.
„Bist du ganz sicher? Weshalb...?“
„Der Satz, von dem ich dir erzählt habe,..“ Begann ich leise. „Da stand: Ich habe den Unfall überlebt!!!“ ergänzte ich zögerlich. Und obwohl ich das alles nicht wirklich realisierte und immer noch ganz eingefroren war, mein Herz raste und meine Hände zitterten, tönte meine Stimme ganz fest. „Ich habe den Satz gelesen vor einer Ewigkeit. Es kann einfach nicht real sein, verdammt... Und ich habe darüber gegrübelt, ob es sein kann oder nicht. Aber ich wollte nicht erzählen. Mom hat mir mein Leben schon genug verdreht, da darf sie nicht noch meine Familie belasten.“
„Seit wann weißt du das?“
„Seit ich damals Transporter mit dem Kopf an den Tisch geknallt bin.“
Tobias sah mich an. Er legte seinen Arm um mich.
„Das ist ja schon Wochen her! Du hättest doch zu mir kommen können.“
„Aber ich habe mich ja selber für verrückt gehalten... Es geht doch nicht. Mom ist Tot. Ich war dabei. Ihre Asche ist in London...“
Ich machte eine Pause.
„Ich musst einen Weg finden um diese Wahnvorstellung zu vertreiben. Und heute hast du gefragt, was auf der nächsten Seite steht. Da hatte ich endlich die Lösung. Ich war mir so sicher, dass die leer ist... Sein musste.“
Eine Minute verging, eine zweite.
Tobias blickte mich erwartungsvoll an.
Mein Herz pochte, mein Hals fühlte sich auf einmal ganz trocken an. „Aber...“ begann ich „Aber sie ist... ist nicht leer...“ Und nun kamen die Tränen wieder zurück, eine um die andere. Ich legte meine Stirn auf Tobias Schulter, er drückte mich an sich.
Ich hörte wie Tobias murmelte „Shit“ und mich noch etwas mehr an sich drückte. Langsam Minute um Minute begann mein Verstand zu verstehen. Mom, Nataly Miller, Nataly Davids, Colins Tochter, Dads Ex-Frau, Cates Mutter, die Grossmutter meiner Zwillinge, Benjamins Stiefgrossmutter,... sie überlebt den 3. März 2012! Ich hob mein Kopf von Tobias Schulter und sah das Tagebuch am Boden. Colin hatte erzählt, dass sie schon bei meiner Geburt – respektive unserer Geburt – gesagt hat, dass wenn ihr jemals was passieren sollte, ich die Tagebücher bekommen sollte. Die Briefe hat sie dann geschrieben, als sie nach London zurückkam. Mom wollte, dass ich das Heft las. Mom... Warum zum Teufel hatte ich nicht daran gedacht? Mom war in dem Bus gewesen und sie hatte das Tagebuch – wie immer – dabei. Wie zum Teufel sollte es in die Wohnung in die Kartonkiste gekommen sein, wenn sie nicht mehr lebt? Der Bus war völlig ausgebrannt gewesen, die Personen hat man nur noch über die Identitätskarte, die sie auf sich trugen erkannt. Wie hätte da ein Tagebuch so unbeschädigt bleiben sollen? Ein kalter Schauer lief mir den Rücken runter? Ich begann zu schwitzen. Hilfe! In welchem bösen Film befand ich mich hier? Mom musst das Heft zurück gebracht haben und absichtlich untergetaucht sein. War am Ende das ganze Busunglück geplant gewesen? Ich hielt in meiner Bewegung inne. Was würde mich erwarten, wenn ich das Heft öffne und die weiteren Seiten las? Wollte ich das? Konnte ich das? Die Schlinge um meinen Hals wurde enger. Ich habe das alles nicht gewollt. Ich habe nicht danach gesucht, was Mom passiert ist. Verdammt! Und ich hätte gedacht, mein Leben mit den Twins, Dad, Cate, Angelika, Benjamin, Colin, dem Gestüt und so weiter sei kompliziert gewesen, aber jetzt wünschte ich mir dieses ‚einfach und glückliche’ Leben zurück. Ich wollte einfach wieder unbeschwert leben. Jedes Mal wenn, ich dachte, dass die Tür endlich aufgeht und ich wieder draussen an der Sonne bin, führt sie mich nur noch tiefer in das ganze dunkle Schlamassel hinein. Ich spürte Tobias Arm auf meiner Schulter. Auch wenn er nur die Hälfte verstand, wusste ich zumindest, dass er da war. Das ich auf ihn zählen konnte... Ich schloss die Augen. Genau das was Tirina mir auch anbot, aber ich mehrmals ablehnte. Ich hatte sie so lange von mir gestossen, bis sie gegangen ist... Bevor ich das Heft lesen würde, musste ich mich bei Tirina entschuldigen gehen!
Ich wischte mit die Tränen von den Augen.
„Tobias?“
„Ja.“
„Ich muss noch schnell rüber in den Stall. Kommst du mit?“
„Äh ja. Aber warum?“
Ich schluckte. „Ich weiss nicht was mich im Tagebuch erwartet. Die Pferde geben mir immer das Gefühl, dass alles noch ganz normal ist, dass mindestens etwas auf der Welt noch genau so ist, wie von ein paar Minuten.“
„Okay. Also komm.“ Er stand auf und gab mir die Hand. Ich bückte mich um, noch schnell das Heft vom Boden auf zu nehmen, und legte es in eine kleine Tasche, die ich dann mitnahm.

Das Haus war schon dunkel, aber unten im Wohnzimmer brannte noch Licht. Angelika war noch wach. Sie sah uns beide verwirrt an.
„Ich dachte ihr seid schon lange im Bett! Wo wollt ihr hin?“
„Noch kurz in den Stall.“ Meinte ich schnell und wollte vorbei laufen.
Angelika sah mich nachdenklich an. „Um diese Zeit? Zu Tirina?“
Ich nickte. Angelika atmete durch. „Tim war gestern bei ihr, Lucy.“
Ich blickte sie erschrocken an. „Dad?“
„Ja, er ging sie sich gestern schnell anschauen, du weisst schon wegen den Verletzungen. Er kam zurück und hat mir gesagt, dass sie nicht reagiert. “
Ich blickte sie an. Hatte ich Angelika richtig verstanden? Da Tobias neben uns stand, konnten wir nicht offen sprechen. Angelika hatte schon lange gesagt, dass ich Tirina langsam wieder trainieren kann. Aber im letzten Monat hatten wir uns nichts mehr zu sagen und deshalb habe ich nichts gemacht. Was wollte sie damit? Meinte sie Dad war dort und hat versucht mit Tiri zu sprechen? Und Tiri hat aber nicht geantwortet?
„Sie hat also bei nichts positiv geantwortet?“ fragte ich. Ich betonte das Wort antworten.
„Sie hat keinerlei Anzeichen gemacht. Sie stand da und zeigte keine Reaktionen.“ Meinte Angelika.
Ich nickte. Ich war mir sicher. Dad war und sie hat nicht reagiert. Obwohl wir uns nichts mehr sagten, hat sie Dad nichts weiter gesagt, weil sie wohl spürte, dass ich das nicht wollte. War das ein gutes Zeichen? Bestand Hoffnung, dass wir irgendwann wieder auch nur halbwegs so ein gutes Team werden können, wie wir einst waren?
„Ich dachte, bloss es würde dich vielleicht interessieren, wenn du jetzt gleich zu ihr gehst.“ Meinte Angelika. „Aber kommt bald wieder, es ist schon spät.“
„Ja.“ Meinte ich zu ihr. „Tobias, ich gehe noch schnell in den Keller meine Stalljacke holen.“ Er nickte. Ich lief die Treppe runter. Ich hörte aber doch noch Angelika, die Tobias nochmals ins Wohnzimmer zurückrief.
„Pass auf Lucy auf.“
„Ja, das werde ich.“ Ich hörte in Tobias Stimme seine Verwirrtheit, weshalb Angelika das erwähnte.
„Danke.“
Dann hörte ich, wie Angelika, die Treppe hoch ging ins Schlafzimmer.
Als wir auf den Hof einbogen, war er schon ganz dunkel. Ich sah Tobias an.
„Ich würde gerne alleine gehen. Es hat nichts mit dir zu tun, aber... Ich weiss nicht, ob sie wollte, dass jemand anderes ihr Tagebuch auch liesst.“
In der Vergangenheit über Mom zu sprechen war mir schon so vertraut, dass es mir gar nicht auffiel, dass ich... Das ich vielleicht auch die Präsensform verwenden könnte. Vielleicht... Lange hatte ich mich nicht an den Tod meiner Mutter gewöhnen können und jetzt stand über allem ein Fragezeichen. Mom hat den 3. März überlebt. Aber lebt sie heute noch? Tobias holte mich aus dem grübeln:
„Kann ich verstehen... Soll ich einfach bis zur Stallgasse mitkommen?“
„Nein bleib lieber hier.“
Tobias sah mich an. Seufzte „Okay.“
Ich stieg aus und lief über den verschneiten dunklen Hof hinüber zu den Paddockboxen. Ich betrat die Stallgasse. Madonnas Box kam zu erst und sie streckte den Kopf über die Tür. Normalerweise, macht das Tirina. Ich strich ihr über die Stirn knuddelte sie kurz und drückte mein Kopf an ihr Hals. Dann straffte ich meine Schultern und ging zu Tiris Box hinüber. Sie stand draussen. Ich ging in die Box und liess mich an der Wand herunter rutschen. Jetzt gab es nur noch eines: Warten.

Tirina?

Ich bekam keine Antwort, doch ich sah ihre Ohren, die sich von Draussen auf mich richtete. Ihr Hinterteil war aber immer noch mir zugedreht.

Ach Tiri... Es tut mir so leid. Du kannst das gar nicht glauben. Du wolltest bloss eine gute Freundin sein. Ich... Ich hätte dich nicht anlügen dürfen. Entschuldigung. Tirina es tut mir echt Leid. Ich wünsche mir das alles wäre nicht geschehen.

Ich war so versunken, dass ich nicht merkte, wie Tirina langsam durch den Eingang auf mich zukam.

Es hat alles mit dem doofen Tagebuch hier angefangen. Ich würde es am liebsten verbrennen, aber jetzt habe ich schon ein paar Seiten gelesen, jetzt muss ich es fertig lesen. Du warst da für mich, als ich dich gebraucht hatte. Aber weißt du warum, ich dich weggeschoben habe? Nicht weil ich dich nicht mag. Ich wollte nicht, dass Mom auch noch das Leben von dir zerstört... Sie hat schon meines – mehrfach.

Plötzlich spürte ich ihren Atem auf meiner Stirn. Ich blickte hoch und direkt in ihre schwarzen Augen. Ich strich ihr über die Nüstern. Ein Lächeln glitt über mein Gesicht. Sie pustete mich wieder an.

Ach Tirina meine kleines Mäuschen... Entschuldigung.

Ich weiss ja, dass du es gemacht hast, um mich zu schützen. Aber du hättest wissen sollen, dass ich deine Sorgen gerne mit dir getragen hätte...

In meinem Bauch kribbelte es. Tirina hatte mir geantwortet!

Heisst das du hast mir verziehen? Bist nicht mehr böse?

Ich war nie böse auf dich. Ich war höchstens enttäuscht, dass du meine Hilfe nicht annahmst...

Ich drückte sie an mich. Es war zum Verrückt werden. Sie war bloss ein Pferd – aber für mich war Tirina mehr. Für mich war sie meine Freundin, mit ihr konnte ich sogar über Dinge reden, die ich mit Tobias nicht spreche.

Willst du das Tagebuch nicht lesen?

Du weisst vom Tagebuch?

Lucy, nur weil du mir damals nicht geantwortet hast, heisst das nicht, dass ich nicht gemerkt habe. Du hast um Hilfe gerufen, weil dir der Satz 03.03.2012, 8:03 - Ich habe den Unfall überlebt!!! Im Kopf rumgespukt ist und dich verrückt gemacht hat.

Okay. Aber ich habe Angst davor?

Vor was?

Vor der Wahrheit.

Lucy, du bist nicht allein.


Nein, das bin ich nicht. Da hatte sie Recht. Tobias und Tirina waren da, egal was geschah. Ich hatte mein Sicherheitsnetz wieder hier. Ich griff in meine Tasche und nahm das Tagebuch heraus. Ich schlug es auf und ich sah mir den Eintrag nochmals an.

03.03.2012, 8:03
Ich habe den Unfall überlebt!!!

Ich atmete tief durch und blätterte um.


03.03.2012, 11:30
Wow, ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich ihn überlebt habe. Plötzlich gab es einen Knall und überall waren Flammen. Erst konnte ich mich nicht befreien. Das Feuer kam immer näher und näher. Ich versuchte alles, und plötzlich schaffte ich es den Stuhl vor mir etwas anzuheben, mein Bein hervor zu ziehen. Den Rest weiss ich nicht mehr genau. Ich weiss nur noch das ich weg vom Feuer wollte ich rannte und rannte und rannte. Dann hörte ich einen riesigen Knall, ich duckte mich. Dann rannte ich weiter. Einfach weg vom Feuer. Irgendwann blieb ich nach Luft japsend stehen. Erst da realisierte ich was los war. War das ein gezielter Angriff gewesen von wem auch immer oder Zufall? Ich zog mein Handy hervor und rief die Zentrale an, die mich dann abholte. Nun sitze ich da. Hier in der Zentrale. Gerade eben haben sie mir gesagt, dass der Bus explodiert war wegen dem Benzin und total ausgebrannt. Die Nachricht macht schon die Runde. Personen unidentifizierbar. Ich hatte nun also die Wahl... Ein Wink des Schicksals? „Wenn du nicht wieder aufwachst, dann habe ich keine Familie mehr... Nicht einmal mehr eine Mutter“..... „Nicht einmal mehr eine Mutter“ hörte ich Lucys Stimme. Sollte ich zurückkehren? Würde aber bedeuten, dass ich es ihr irgendwann sagen muss, in 1,2 oder auch 20 Jahren. Konnte ich damit leben, wenn sie mich voller Hass ansah? Aber das wichtiges war, wenn ich den Mut nicht schnell genug finden würde es ihr zu gestehen und Colin vor mir etwas passieren würde, wird sie es nie erfahren. Sie wird ohne Familie dastehen – zumindest Anfangs, vielleicht würde sie irgendwie doch noch vom Gestüt erfahren... Doch das war. Nein, ich wollte nicht das Risiko nicht eingehen. Mein Vater ist nicht mehr der älteste und schnell kann ein Autounfall passieren und mir kann noch viel eher etwas passieren. Auch wenn ich mir jetzt vornehmen würde, es ihr gleich zu sagen – das ging nicht. Hatte ich schon im Spital versucht und war daran gescheitert. Lucy musste ihre Familie finden, solange sie noch Colin an ihrer Seite hat!


Sie ist also doch aus dem Bus raus gekommen. Aber in welcher Zentrale war sie? Von was sprach sie das?


04.03.2012
Ich bin tot, komisch oder? Also zumindest in den Zeitungen hat niemand das Busunglück überlebt...
Wie es Lucy und meinem Vater wohl geht? Manchmal frage ich mich, ob es keine Kurzschlusshandlung war gestern, aber nun kann ich nichts mehr ändern. Bis gestern 12:00 haben sie mir die Frist gesetzt.


Völlig verwirrt sah ich den Eintrag an. Wer hat ihr eine Frist gesetzt? Meine Wut auf sie wuchs mit jeder Sekunde. Trauer und Liebe ersetzte ich mit Hass und Wut. Sie sitzt so völlig entspannt da, während ich an dem Tag nur geweint habe und keine Sekunde wirklich mitbekommen habe, was um mich herum geschah. ICH HASS DICH, MOM!


05.03.2012
Ich werde am 7. Zu meinem neuen Arbeitsort aufbrechen. Ich darf nichts Persönliches mitnehmen, auch das hier nicht! Ich habe aber darum gebeten, dass ich mein noch in die Wohnung zurückbringen darf und mindestens irgendeinen für andere bedeutungslosen Gegenstand zu holen. Das haben sie mir erlaubt.
Morgen ist es soweit.



Sie war nochmals in der Wohnung?!!


06.03.2012
Ich weiss nicht wie es die Zentral arrangiert hat, aber gleich werde ich in meiner Wohnung stehen.
Amber nahm mich kurz vor ich zur Wohnung aufbrach zur Seite:
„Du machst das doch nur wegen deiner Tochter?“
„Warum weißt du das?“
„Als was arbeiten wir?“
Ich nickte.
„Hör zu, eigentlich dürfte ich es nicht, aber: Lege in irgendein wichtiges Ding von dir gut versteck, ein Zettel rein auf dem der Name deiner Tochter steht. Schreib, dass, wenn dir etwas passieren sollte, deine Tochter doch Amber Milford kontaktieren soll und nach Madison Owen Fragen soll – Madison sei ein sehr gute Freundin von dir.“

So, Lucy, da ich – was Amber natürlich nicht weiss – die Seiten in meinem Tagebuch über den Tot von Nataly Miller hinaus führe und somit hier drin Sachen erwähne, die nicht in mit dem Leben als Kind, als Ehefrau Nataly Davids und später mit dir hier als wieder Nataly Miller passiert sind, schreibe ich das hier nicht auf einen separaten Zettel, der ich so bloss für den Fall, dass mir etwas passieren könnte, irgendwo hin lege. Amber weiss auch nicht, dass ich beschlossen habe, schon als ich mit dir schwanger war, dir meine Tagebücher zu hinterlassen, falls mir etwas geschieht. Diese falls, war damals wirklich nur ein falls. Damals wusste ich noch nichts von meinem jetzigen Job, den ich erst seit wir wieder zurück sind ausübe. Seit da arbeite ich für die Zentrale, mittlerweile wurde ich schon drei mal befördert: nach dem ersten Jahr, also du ins Internat gingst und jetzt.

Lucy, ich bitte dich wirklich diese Amber Milford (56 Xandor Drive, London / 333-33-45-22-1) zu kontaktieren und nach Madison Owen zu fragen. BITTE! Alles ab dem 3. März weißt du natürlich nicht. Merk dir dies ganz gut, denn es könnte mich - und vielleicht auch dich - in sehr grosse, lebensbedrohliche Schwierigkeiten führen. Ich denke nicht, dass die Zentrale unsere Wohnung durchsucht und ausgerechnet das Buch hier findet – das Risiko wäre zu gross für sie gesehen zu werden. Aber sollte die Zentral diese Zeilen doch lesen, so bitte ich euch beim Urteil zu bedenken, dass ich es für meine Tochter tue, aus Liebe zu ihr, und, dass hier keine elementare Informationen stehen.

So liebe Lucy, jetzt werde ich das Tagebuch gleich zu den andern in die Schachtel legen. Und dann werde ich nur noch hoffen können, dass wir uns eines Tages vielleicht doch irgendwie wiedersehen. Ich hoffe es. So gerne würde ich Catherine und dich vereint sehen: Meine beiden kleinen Engel. Du glaubst nicht, wie sehr ich mir das wünsche. Bis dahin werde ich mich in meinen neuen Job stürzen, ich arbeite gerne für die Zentrale, sie haben immer spannende Aufträge für mich!

Lucinda, du bist stärker als ich und bist schon immer eingestanden für das, was du richtig empfindest. Kämpf weiter und bleib wie du bist, mein kleiner Engel! Umarme Catherine von mir.

Lebe wohl, Lucy!
alles Liebe,
Mom


Mein Herz pochte. Schnell blätterte ich um. Nein, dies war wirklich der letzte Eintrag. Meine Wut im Bauch wuchs. Wenn Mom uns so gerne vereint gesehen hätte, warum hatte sie uns dann nicht zurück zu Dad gebracht, mir von ihm erzählt. Sie hätte ihn ja nicht sehen müssen. Es hätte bestimmt eine Lösung gegeben. Besonders als ich ehe im Internat war, da hätte ich doch während dieser Zeit auch einfach bei Dad wohnen können!
Wütend warf ich das Heft ins Stroh. Verdammt Schweisswelt! Ihr könnt mich alle mal!

Lucy, ich bin bei dir.

Ich blickte Tirina an, die immer noch vor mir stand. Augenblicklich wurde ich ruhiger.

Ich weiss.

Tiri schnaubte.

Tobias steht an der Boxentür.

Ich drehte mich um. Sah direkt in sein Gesicht.

„Entschuldigung“, stammelte er. „Ich wollte nicht. Ich dachte nur, weil du so lange nicht mehr gekommen bist.“
Ich nickte. „Schon okay.“ Murrte ich.
Er sah mich fragend an. „Es tut mir echt leid.“
„Ich bin nicht auf dich wütend, sondern auf SIE. Irgendwie sie alle Engländer Schweine.“
„Hey, stopp Lucy. Colin ist ganz okay.“
„Ja... Na gut fast alle. Aber ER ist ein Drecksschwein und Mom auch.“
Tobias sah mich an. „ER ist es, aber weshalb deine Mutter? Ich habe dich noch nie so über sie reden hören.“
„Liess das Heft, dann weißt du es.“
„Soll ich wirklich?“
„Ja.“
„Wo soll ich beginnen?“
„Am besten vorne, der Eintrag vom 3. März ist etwa in der Mitte, aber dann verstehst du alles besser.“
Tobias setzte sich und begann zu lesen. Sein Gesicht verriet mir alles. Als er fertig war, gab er mir das Heft stumm zurück und umarmte mich.
„Es tut mir Leid, Lucy.“
Ich nickte. Tirina stellte sich ganz nah zu mir. Alle waren sie da, meine Freunde und ich fühlte mich gerade nicht mehr so alleine auf dieser Welt – auch wenn es eine Scheisswelt ist.

Der nächste Morgen brach an. Ich weiss ehrlich gesagt, nicht mehr genau wie wir nach Hause gekommen sind. Doch mit den ersten Sonnenstrahlen kamen die Erinnerungen zurück: Mom. Die Wut in meinem Bauch wuchs. Wie konnte sie nur so egoistisch sein? Mein Leben mehrfach dermassen zu zerstören, nur weil sie zu feige war!
Ich schlug die Bettdecke kraftvoll zurück. Dann ging ich hinüber zu meiner Tasche, nahm das Heft heraus und legte es zu den andern zurück. Mom konnte mir gestohlen bleiben – ob sie lebte oder nicht. Das hier war meine Welt. Meine Kinder brauchten mich, meine Pferde brauchte mich, Dad, Angelika und Cate brauchten mich... Aber sie! Sie war mir egal.

Alle sassen schon um den gedeckten Tisch herum als ich nach unten kam. „Morgen“ grummelte ich.
„Du hast ja am Morgen früh schon eine schlechte Laune! Was ist dir denn über die Leber gelaufen.“
„Nichts“ Meinte ich. Und setzte mich.
Dad und Angelika wechselten Blicke, doch sie ignorierten mich.
„Tobias bleibst du noch oder willst du auf den Zug?“ fragte Angelika.
Er sah mich fragend an, doch ich blickte bloss auf den Teller. Scheissessen, Scheisstag, Scheisswelt, Scheiss....
„Da ich eh schon da bin, bleibe ich gerne noch“, hörte ich ihn sagen.
„Gut.“ Meinte Angelika. „Dann nehme ich an, dass ihr wohl gerne auf den Hof rüber wollt und Ausreiten gehen. Es hat tollen Pulverschnee gegeben, da sollten die Wege reitbar sein.“
Da ich mich angesprochen fühlte meinte ich: „Ja wäre eine Idee. Aber kann ich die Twins hier lassen?“
„Ja, klar.“
Ich meldete mich freiwillig zum Abräumen, weil ich da wusste, dass wenn ich etwas zu tun hatte, weniger grübeln würde. Tobias spielte mit Livianne, Melanie und Benjamin.
„Ich schau mal schnell, wo Angelika hin ist.“ Meinte ich zu Tobias als ich fertig war und machte mich auf hinüber zum Gestüt, um Angelika suchen zu gehen, damit wir gehen konnten. Cate und Natascha kamen auf Carry Me und Impo entgegengeritten. Sie fragten mich, ob sie Richtung Hof reiten solle, damit Tobias und ich auch mit konnten, doch ich lehnte ab, da Tirina trotz allem nur Schritt gehen durfte.
Ich sah in den Ställen nach, fand aber nur Max. Ich entschloss mich noch einen kurzen Besuch bei Navajo zu machen. Ihn hatte ich beinahe vergessen. Er zupfte Heu aus dem Netz. Ich begrüsste ihn und stellte mich für einige Minuten in die Box. Anfangs war er angespannt, doch mit der Zeit entspannte er sich. Ich entschloss mich später noch einmal vorbei zu kommen und mit ihm zu arbeiten.
Der Hof war am Sonntag deutlich weniger belebt. Dads Pferde hatten auch ihren Pausen Tag, an dem sie nur Pferd sein durften und auf den grossen Weiden oder auf den grossen Paddocks ihr Leben geniessen. Dem entsprechen war auch nur Max da und ein Angestellter da, die sich um die Ställe kümmerten. Ich ging über den sonst mit Hufgeklapper gefühlten Hof hinüber zur grossen Scheune, in der oben Max Wohnung war und unten Dads Büro und der Aufenthaltsraum. Es brannte Licht, also war die Chance gross das ich Angelika dort antraf. Ich wollte den Raum betreten als ich Stimmen hörte. Es war nicht meine Art zu lauschen, aber in letzter Zeit hörte ich immer wieder bei Gespräche mit.
„Ich mach mir sorgen wegen Lucy, Tim. Ich weiss, dass ich dir damit auf die Nerven gehe. Warum war sie zum Beispiel heute Morgen so wütend? Ich kenn sie einfach nicht mehr...“
Ich hörte wie Dad tief einatmete. „Angelika. Ich stimme dir ja zu, dass es irgendwas gibt, dass sie beschäftigt. Aber sie dazu zu zwingen, mit uns zu reden, bewirkt nichts.“
„Ich habe Tobias geholt und als sie zusammen gesprochen haben, wirkte sie besser gelaunt.“
„Schon...“ Dad machte eine Pause. „Damals im Spital, da habe ich auch nicht mehr an meinem Grundsatz Festgehalt und ich habe sie zur Rede gestellt. Alles was ich bewirkt habe, war dass sie sich noch mehr verschloss.“
„Und du willst einfach zuschauen?“ Angelika stimme war genervt.
„Du weisst, dass ich das nicht mache. Wir müssen ihr die Chancen bieten und ich bin ja auch zu Tirina gegangen.“
„Aber sie hat dir auch nichts gesagt! Und jetzt Abwarten und Kaffeetrinken?!“ meinte Angelika wütend.
„Nein. Warte noch eine Woche ab, vielleicht hat sich dann alles geklärt. Schau nur heute Morgen war sie richtig wütend – ich würde sagen das war ein riesen Fortschritt zu der unbeteiligten Lucy der vergangen Wochen.“
„Okay, Tim. Ich vertraue dir noch ein letztes Mal. Aber glaub mir, lange spiele ich dieses Spiel nicht mehr mit.“
„Danke.“ Meinte Dad. Und ich konnte mir vorstellen wie er sie umarmte.
„Aber eines verstehe ich nicht. Warum ist sie so?“
„Angelika, dass wissen wir nicht und es nützt auch nicht darüber zu spekulieren. Lucy war so lange weg, dass – auch wenn es mir schwerfällt es zuzugeben – ich sie nicht so gut kenne wie Cate, bei der ich fast alles von der Stirn lesen kann. Irgendwann ist sie bereit es mit uns zu teilen, was auch immer sie beschäftigt – bis dahin können wir ihr nur das Gefühl geben, dass wir ihr Zuhören würden.“
„Es ist einfach nicht meine Art“ zweifelte Angelika
„Ich weiss doch. Meine war es auch nicht, aber die Pferde haben es mich gelehrt.“

Ich wartete einen Augenblick. Es herrschte Ruhe. Nachdem ich auf zwanzig gezählt hatte, klopfte ich an und trat ein. Da standen sie: Dad und Angelika. Wie gerne hätte ich mich zu ihnen gestellt und alles vergessen. Aber ich stand draussen vor der Tür – bildlich und in der Realität.
„Tobias und ich wollen gehen“
„Ist es schon so spät? Klar ich komme sofort.“ Angelika stand auf und zog ihre Jacke an.

Der Ritt mit Tobias war wunderschön. Nicht nur weil die ganze Landschaft verschneit war – nein. Tirina macht das alles so schön. Als ich in den Stall kam, begrüsste sie mich mit ihrem bekannten Brummeln. Sie pustete mir ins Gesicht und hielt den Kopf über die Boxentür. Und obwohl wir nicht miteinander redeten mit Hilfe der Gedankenübertragung, so führten wir den Dialog mit Hilfe unserer Körpersprachen und kleinen Gesten. Ich war so über glücklich. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich Tirina so schnell als Freundin zurückgewinnen konnte. Nie... Vielleicht war sie doch nicht so weit weg gewesen. Wir scherzten und lachten und ich hatte das Gefühl, endlich wieder einmal leben zu können. Ich war so unbeschwert und frei. Ich genoss das Gefühl bis ins letzte, das ich wusste, dass hier neben mir meine Freunde waren, auf die ich zählen konnte. Sie machten mich stark. Sie brachten Licht in die Schweisswelt und liessen alles weniger düster aussehen. Vielleicht stimmt es doch, dass geteilte Sorgen halbe Sorgen waren...
Erst als wir kurz vor dem Stall waren, sprach Tobias das Thema an.
„Hast du schon darüber gedacht, an die Nummer anzurufen?“
Ich sah ihn an. „Nein. Ich weiss nicht, ob dass so eine gute Idee ist...“ meinte ich niedergeschlagen.
Er sah mich von der Seite an. „Entschuldigung Lucy. Ich frage mich nur seit gestern Abend wer diese Amber Milford ist und wer Madison Owen. Ich habe die Adresse gegoogelt und dort wohnt wirklich eine A. Milford und die Telefonnummer stimmt auch. Ich bin einfach los neugierig.“
Ich seufzte. „Ich weiss Lucy. Für dich ist das einfach extrem schwer wegen deiner Mutter und weil alles von ihr nun mit einem Fragezeichen versehen ist... Es tut mir leid, aber ich bin ein neugieriger Mensch.“
Ich lächelte ihn an. „Ich doch auch, Tobias. Ich habe mich auch diese Nacht gefragt, ob ich den Namen Amber Milford schon einmal gehört habe, mir kommt er unbekannt vor...“ Wir ritten ein paar Meter im Schritt weiter. „Aber ich glaube ich habe nicht den Mut da anzurufen.“
„Weshalb?“
„Wo wird mich das hinbringen? Vor die nächste Tatsache, die mich halb verrückt macht?“
„Und wird es dich nicht halb verrückt machen, wenn du es nicht tust? Wirst du dich nicht immer fragen, was wäre wenn?“
Ich blickte ihn an. Die Wahrheit war, ich hatte Angst. Angst irgendetwas zu tun oder nicht zu tun. Ich wusste nicht was besser war. Ich wollte doch bloss mein gemütliches Leben zurück! Doch ich wusste nicht, welcher der beiden Weg mich dorthin führen wird. Ich hatte grosse Angst, den falschen zu nehmen...

Lucy, wir sind bei dir.

Ich weiss, Tiri. Danke.

Dann ist gut.

Ich blickte Tobias an. „Ich weiss es einfach nicht, okay? Ich brauche einfach erst einmal ein bisschen Zeit...“
„Entschuldigung“, meinte Tobias, „Es tut mir Leid. Ich bin einfach neugierig.“
Ich blickte ihn an und lächelte. „Schon okay. Ich bin es doch auch... Aber ich ehrlich gesagt, ich habe Angst davor.“
Tobias sah mich an. „Lucy du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde immer hinter dir stehen und egal zu welchem Zeitpunkt, wenn du mich anrufst, komme ich.“
Ich strahlte ihn an. „Danke.“
Ich wusste nun mit Sicherheit, dass ich die Tür zur Freiheit noch nicht gefunden habe, aber mit Tobias und Tirina an meiner Seite, hatte ich den Schlüssel, um die Tür zu öffnen, sobald ich sie finden werde.

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