#1 4. Besuch und Leben nach Drehbuch von Evelyn 03.01.2016 19:15

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Tut mir leid das es so lange gedauert hat... es sind fast 22 Seiten :) Ich hoffe er gefällt euch.

Heute ist der beste Tag meines Lebens! Heute werde ich meine Eltern das erste Mal wiedersehen, nachdem ich ausgezogen bin. Wieder wische ich mir den Schweiß von der Stirn und mache mich weiter daran, ein paar Klamotten in meinen Seesack zu stopfen. Wie wird John wohl reagieren, wenn ich plötzlich wieder vor seiner Tür stehe und „Happy Birthday“ rufe? Er wird sich sicherlich freuen! Hoffe ich… Ich flitze in das Badezimmer und packe nötige Sachen in das Innenfach. So hab ich alles? Nochmal alles durchgehen: Klamotten? Check. Waschzeug? Check. Sonstiges? Check. Ich gehe die Treppe hinunter und lasse den Sack zu Boden gleiten. Dann zische ich in die Küche und umarme meine kleine Lolli von hinten. Sie sitzt gerade an dem Esstisch und frühstückt gerade. Sie quiekt kurz mit vollem Mund auf, bevor sie sich erhebt und mich ganz fest an sich drückt.
„Ich werde verhungern, Eve! Oder von Tiefkühlpizzen abhängig…kommt drauf an.“, sie guckt mich mit großen Augen an, als ob ihr gerade klar werden würde, dass der Weltuntergang bevorsteht. Dazu kommt noch, dass sie sich jetzt an mich klammert, als ob alles von mir abhängen würde ob der Komet in die Erde einstürzt oder nicht. Ich grinse und gebe ihr einen Schmatzer auf den Kopf.
„Ich werde dich auch vermissen, Lolli.“ Sie guckt mich empört und geschockt an.
„Hallo? Ein bisschen Rücksicht bitte für das Mädchen, das an diesem Wochenende vollkommen verreckt!?“ Jetzt fange ich an zu lachen und lasse sie vorsichtig los.
„Ach und übrigens! Ich hab dir einen Teller Pfannkuchen in den Kühlschrank gestellt. Musst du nur in der Mikrowelle aufwärmen. Außerdem habe ich eingekauft. Du wirst es überstehen!“ Ihr Gesicht hellt sich auf und ist schon jubelnd auf dem Weg zum Kühlschrank, ehe ich ihr den Weg versperre und drohend den Zeigefinger hebe.
„Na, na, na! Die isst du heute Mittag, Fräulein!“ Philomena zieht beleidigt einen Schmollmund und setzt sich wieder an den Tisch. Ich klaue mir eine Hälfte von Lollis Brötchen, schiebe es mir ganz in den Mund und strahle sie an.
„Alfo dann! Man fieht fich!“, bringe ich mit vollem Mund raus, winke ihr zu und husche zur Haustür.
„Ey! Eve! Komm sofort zurück!“ Sie schießt um die Ecke, doch bevor sie mich schnappen kann bin ich schon aus dem Haus.

Ich habe drei Stunden Zugfahrt vor mir, in der ich die ganze Zeit aus dem Fenster starren und Musik hören werde. Bei dem Gedanken, wie verdammt langweilig das werden wird, verziehe ich verzweifelt mein Gesicht. Na toll! Der Zug fährt quietschend in den Bahnhof ein und ich hebe meine Tasche von meinen Füßen. Schnell sichere ich mir eines der leeren Zugabteile und lasse mich seufzend auf einen Sitz fallen. Den Sack platziere ich neben mich und ich setze mir meine Kopfhörer auf. Völlig versunken in meiner Musik lehne ich meinen Kopf gegen das Fenster und gucke der vorbeihuschenden Landschaft zu. Nach einer Zeit schrecke ich auf, als mein Handy in meinen Händen brummt. Ich schaue gespannt auf das Display und es leuchtet eine Nachricht von Raven auf. Woher hat er meine Nummer?
Hey Eve kannst du Mena sagen, dass ich ein wenig später komme? Ich kann sie nicht erreichen…
Hä? Wann wollte er denn kommen? Oh…ja stimmt! Er wollte ja dieses Wochenende kommen… Und ich sehe ihn nicht weil ich bei meinen Eltern bin. Ich gucke enttäuscht auf seine Nachricht und schreibe schnell zurück.
Hey, ich bin dieses Wochenende bei meinen Eltern…aber ich kann gerne trd versuchen sie zu erreichen. :D
Ich schaue einen Moment nach draußen und warte auf eine Antwort. Diese kam ziemlich schnell und ich muss grinsen.
Aso sry das wusste ich nicht. Schade eig… :/
Mein Bauch fängt aufgeregt an zu kribbeln und das Blut rauscht mir in den Kopf. Ich überlege kurz was ich antworten soll, doch zuerst sage ich Lolli kurz Bescheid.
Hey Lolli! Ich soll dir von deinem Bruder ausrichten, dass er sich verspätet und übrigens! Woher hat er meine Nummer?!
Insgeheim freue ich mich sogar, dass sie ihm meine Nummer gegeben hat aber trotzdem ist das nicht in Ordnung, dass sie meine Nummer verteilt! Dennoch muss ich wieder glücklich grinsen und schüttle ungläubig den Kopf. Mein Handy brummt wieder und die Antwort strahlt mir ins Gesicht.
Eve! Ich hab sie ihm gegeben…Hallo? Irgendwer muss schließlich Liebesdoktor spielen! :P Ah Okay dann weiß ich bescheid. Übrigens voll lecker die Pfannkuchen :D
Ich hab dir gesagt du sollst die heute Mittag essen!? Wieso Liebesdoktor? :D Ich verstehe mich halt nur gut mit ihm und fertig…

Sie ist aber auch eine Hexe! In diesem Moment würde sie mir bestimmt neckend die Zunge rausstrecken und mir in die Seite kneifen.
Ah ja gut also… :D Übrigens schläft er hier übers Wochenende…vllt ja in deinem Bett? ;D
Lolli! Hör auf damit! :O
Ja bist du dir sicher?
Ja und jez ruhig! Bis Sonntag du Hexe! :*
Jahaaaa… Bis dann! :* Raven freut sich bestimmt, wenn er dein Zimmer kennenlernen darf ;D
Untersteh dich! :P

Mein Herz macht wieder unregelmäßige Hüpfer, so wie immer wenn ich an ihn denke. An das Gefühl, wie seine Hand in meiner liegt, sein Lächeln und sein Geruch… Hör auf daran zu denken Eve! Du stirbst an Herzinfarkt und du weißt nicht wann die dich in so einem Langstreckenzug finden werden! Ich beruhige mich wieder und löse meinen Griff von meinem Bein. Ich habe gar nicht gemerkt, wie ich meine Fingernägel in die Beine gehauen habe, um irgendwo halt zu finden. Jetzt reibe ich mit meinen Handflächen über die schmerzenden Stellen und fluche mit verzogenem Gesicht. Meine Angewohnheit kommt wieder! Auf meinen Oberschenkel sind schon genug Narben, die von meinen Fingernägeln stammen. Schließlich fällt mir die Nachricht wieder ein und dass ich Raven vielleicht so langsam mal zurückschreiben müsste. Mir fällt auch ein, dass Mena sofort zurück geschrieben hat und ich keinerlei Probleme hatte mit ihr zu kommunizieren… Er hätte sie sicherlich auch ohne Schwierigkeiten erreicht aber wieso schreibt er mir dann? Hat er mir aus Not geschrieben oder weil er Sehnsucht nach mir hatte? Evelyn was denkst du da? Tu nicht so als ob dich jeder Junge sofort mögen würde! Wie selbstverliebt bist du eigentlich? Du eingebildete Kuh! Oder vielleicht mag er mich ja doch. Wenigstens ein wenig? Ich lese seine Zeile immer wieder durch. „Aso sry das wusste ich nicht. Schade eig… :/“ Was meint er damit? Schade.
Woher solltest du das auch wissen? Lolli weiß Bescheid. Finde ich übrigens auch…Die Antwort kam schneller als ich dachte.
Ja ich mein ja nur :D Danke Eve :) Ja sehr schade…
Was hat er immer mit seinem schade? Ob da doch irgendwas dran ist?
Wie geht es dir so? :P Wieder kommt die Antwort erstaunlich schnell.
Jetzt ganz gut und dir?
Auch… jetzt.


Das Taxi hält und ich bedanke mich freundlich beim Fahrer. Er lächelt nur, doch sogar ich merke, dass er es nicht so meint. Die ganze Zeit hat er mich merkwürdig angeguckt und sah grimmig auf die Straße. Er ist sehr unfreundlich aber leider lasse ich mir meine gute Laune nicht verderben. Ich bezahle und steige aus dem Fahrzeug. Noch bevor ich die Veranda betrete kommt Megan aus dem Haus geschossen und wirft sich mir in die Arme. Der Border Collie meiner Familie springt fröhlich bellend um uns herum. Ich lasse den Seesack fallen und wirble sie durch die frische Landluft. Sie lacht freudig und ich grinse sie schräg an. Schließlich setzte ich sie wieder auf den Boden und wuschle ihr durch die Haare.
„Na, kleine Schwester. Alles fit?“ Sie grinst mich an und versucht vergeblich auch meine Frisur zu zerstören. Als mich etwas von hinten anspringt drehe ich mich um und gehe in die Hocke. Flipper springt sofort auf mich drauf und schleckt mir quer über mein Gesicht. Ich lache, stehe auf und gehe mit ihnen ins Haus. Meine Mutter kommt sofort angerast und nimmt mich mit Freudentränen in die Arme.
„Och komm schon, Mom!“ Ich halte sie von mir weg und wische ihre Tränen fort. Sie schnieft und lacht gleichzeitig, weswegen mir Meggie einen spöttischen und gleichzeitigt belustigen Blick zuwirft. Ich zucke nur mit den Schultern und nehme meine Mutter nochmal in eine tröstende Umarmung. Dann kommt mein Vater um die Ecke und auch von ihm werde ich kräftig gedrückt.
„Mein Mädchen.“, murmelt er mir ins Haar und ich schließe lächelnd die Augen.
„Ich bin ja da, Dad.“
„Ich weiß.“, sagt er tröstend, doch er versucht sich nur selber zu beruhigen. Ich hab aber auch eine emotionale Familie! Ich muss grinsen und löse mich von ihm, nachdem ich ihn noch einmal fest drücke. Wir gehen in die Küche und setzten uns an den Esstisch, während meine Mutter uns versucht essen zu machen.
„Oh, Mom. Ich glaube es wird höchste Zeit dass ich koche!“. Lache ich und schiebe sie vom Herd weg. Sie lacht auch und lässt sich von mir auf die Sitzbank drücken. Nach ein paar Minuten essen wir mein Spezialspätzle und alle mampfen zufrieden.
Plötzlich klopft es an der Tür und alle erstarren. John. Flipper bellt und läuft schon zu der Haustür, während wir Panik schieben und ich mit meinem Teller nach oben in mein altes Zimmer rausche. John darf mich noch nicht sehen, ob wir wollen oder nicht. Es soll eine echte Überraschung sein! Im Zimmer angekommen stelle ich den Teller auf den Schreibtisch, stelle mich an die Tür und lausche keuchend.
„Ach hey John!“, höre ich meine Mutter und warte auf die sanfte Stimme meines besten Freundes.
„Hey Mary. Ich wollte nur sicher gehen dass ihr um fünf zu uns rüber kommt.“
„Aber natürlich John!“ Ich sehe das grinsen von meiner Mutter förmlich vor mir. Auf einmal höre ich Schritte auf der Treppe und verstecke mich hastig hinter der Tür. Die öffnet sich in diesem Moment und mein Hund plus Schwester kommt in mein Zimmer gerauscht. Ich atme erleichtert auf und schließe die Tür schnell.
„Habt ihr mich erschreckt!“, hauche ich und lasse mich auf mein Bett fallen. Flipper kommt sofort an und legt sich neben mich. Er sieht mir beruhigend in die Augen und ich streichle ihn lächelnd.
„Flipper, ich hab dich so vermisst!“ Ich setzte mich auf und ziehe ihn auf meinen Schoß. Er legt sich sofort hin und schmiegt sich an mich. Meggie setzt sich zu uns und beobachtet uns schweigend.
„So etwas tut er nur bei dir.“ Ich gucke sie lächelnd an und kraule Flipper hinter den Ohren. Er schnurrt wie eine Katze und wie immer wenn er sich entspannt, scharrt er mit dem linken Hinterbein. Es sieht so aus, als ob er in der Luft laufen würde. Wir kichern.
„Ich kenne ihn auch schon sein Leben lang.“ Ich bekam Flipper zu meinem elften Geburtstag. Bevor Meggie auf die Welt kam, war und ist er immer mein kleiner Bruder gewesen. Er kam mit vier Monaten zu mir und seit dem ersten Moment, hat er mich getröstet und zum lachen gebracht, wann auch immer ich es brauchte. Er ist der Bruder, der einfach nur perfekt ist. Der immer weiß was ich brauche, wie ich mich fühle und wie ich denke. Ich gebe ihm einen Kuss auf den Kopf und Flipper leckt mir kurz über die Wange. Meggie geht wieder runter, um John noch zu gratulieren und ich lehne mich an das Kopfende.
Mein Hund macht sich auf meiner Hüfte breit und schläft sofort grunzend ein. Ich kraule ihn abwesend und denke nach. Über John, Raven, Lolli und meine Familie. Über Luca und Dani. Anscheinend habe ich viele Leute die mich lieben und die zu mir halten. Egal was kommt. Ich lächle auf Flipper runter, der sein eines Auge halb öffnet. Er scheint zu lächeln und ich nehme ihn in den Arm.
„Verlass mich bitte niemals.“ Zur Bestätigung fiept er kurz und legt eine Tatze auf meine Hand. Die ganze Situation kommt mir völlig Surreal vor, wie bei Lessie. Der Hund den ich im meinem Arm halte, ist manchmal menschlicher als ich selbst. Wie sagt man so schön? Er ist mein Stück vom Glück. Mein Schatz der nur mir gehört. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ihn mit nach Hofling zu nehmen, doch ich muss erstmal mit Lolli und meiner Familie reden.

Ich betrachte mich noch einmal im Spiegel und steige schließlich die Treppe hinunter. Meine Familie wartet schon auf mich und alle sehen wirklich bezaubernd aus. Sogar Flipper habe ich gebürstet, sodass seine weißen Stellen wieder glänzen. Mein Herz beschleunigt sich, umso näher wir der Haustür nebenan kommen. Ich werde John wieder sehen und mit ihm Geburtstag feiern! Mom schielt unauffällig zu mir. Sie sieht beunruhigt aus… Ich runzle die Stirn, denn sonst ist sie nie so besorgt… Was ist nur los mit ihr? Meine kleine Familie bleibt vor der Stufe stehen und auch Flipper setzt sich auf meinen Befehl neben Meggie. Ich rase die Stufen hoch und klingle an der Tür. Danach trete ich einen Schritt zurück und grinse Megan über meine Schulter hinweg an, doch auch sie sieht jetzt nervös aus. Ich mache mir echt so langsam sorgen… Die Tür öffnet sich und John steht überrascht im Rahmen. Sein Gesicht strahlt und ich schmeiße mich in seine Arme.
„Eve!“
„Alles Gute, alter Mann!“ Er hebt mich kurz hoch und drückt mich etwas fester, ehe er mich loslässt und ein Schritt nach hinten weicht. Was ist hier los? Hinter seinem Rücken taucht ein zierliches Mädchen auf und legt ihre Arme von hinten um seine Hüften. Er sieht mich vorsichtig an, während er sich umdreht und sie an sich zieht.
„Eve, das ist Maxime. Meine Freundin…“ Ich sehe ihn mit weit aufgerissenen Augen an und kann es nicht fassen, er hat mir nie was von ihr erzählt! Deswegen war meine Mutter so besorgt. Ich bin besitzergreifend und das weiß sie. Sie haben Angst, dass ich sie nicht akzeptiere oder sie nicht mag. Ich fange an zu lächeln und sehe wie Johns Gesicht sich sichtlich entspannt.
„Oh hey, Maxime. Schön dich kennen zu lernen, ich bin Evelyn.“ Ich lächle sie an und nehme sie aufmuntert in den Arm.
„Ach ja und was dich angeht John! Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass ich sauer sein werde oder? Ich freu mich für euch. Wirklich! Ich wünsche euch viel Glück. Aber John! Wehe du verschweigst mir weiterhin etwas!“ Ich grinse ihn an und gebe ihm einen neckischen Klaps auf die Schulter. Er atmet erleichtert auf und Maxime lächelt mich breit an.
„Du machst dir aber auch immer Sorgen, Johnny!“ Maxime grinst zu ihm hoch und kneift ihm in die Seite.
„Jaja ihr seid jetzt schon ein Herz und eine Seele:“, lacht er, umarmt nun auch die anderen und nimmt ihre herzlichen Glückwünsche dankend an. Ich pfeife Flipper zu mir und er lehnt sich sofort liebevoll an mein Bein. Ich kraule ihn kurz hinterm Ohr und gucke Maxime fragend an.
„Gehen wir?“, sage ich gespielt und halte ihr wie ein Gentleman den Arm hin. Sie grinst mich an, hakt sich bei mir ein und wir gehen Arm in Arm in die gute Stube hinein. Schon jetzt verstehen wir uns echt gut und sie erinnert mich etwas an mich. John ist wirklich glücklich mit ihr und das hat er auch unendlich verdient. Wir sind die einzigen Gäste und nach ziemlich langen Umarmungen von Johns Eltern setzten wir uns gemeinsam an den Tisch auf die Terrasse. Ich mustere Maxime, die mit John vor dem Tisch steht und überlegt was noch nach draußen gebracht werden muss. Die Sonne scheint warm vom Himmel, also ein perfektes Wetter. Was auch sonst!? Maxime hat ihre blonden Haare in eine wunderschöne Hochsteckfrisur festgemacht und trägt ein hellblaues Cocktailkleid, welches mit einer Schleife um der Taille wirklich perfekt aussieht und sehr gut zu ihren türkisen Augen passt. Sie ist wirklich hübsch und ich lächle zu ihnen herüber. Anscheinend ist John noch etwas Nötiges eingefallen, denn er haucht seiner Freundin einen zarten Kuss auf die Schläfe, bevor er im Haus verschwindet. Sie strahlt mich an und lässt sich auf den Sitz neben mir fallen.
„Ist er nicht süß!?“ Jaja die junge Liebe!
„Ja, er ist wirklich toll.“, ich nicke ihr zu und gucke sie liebevoll an. Es ist wirklich gemein warm heute und ich bin froh, dass ich mir nur mein beiges Top und eine Hotpants angezogen habe. Wir unterhalten uns noch lange miteinander. Ich erzähle ihr von meiner Zeit hier und wie es in Hofling zu sich geht. Von ihr erfahre ich, dass sie John das erste Mal in einem Café gesehen hat, in dem sie kellnert. John hat ihr damals seinen Milchshake über die Kleidung gekippt und sich mit einem Date dafür entschuldigt. Nun sind sie schon einen Monat zusammen und ich frage mich immer wieder wieso er mir nicht von ihr erzählt hat. Ich finde sie passt einfach perfekt zu ihm.

„Jeei! Du bist dran Eve!“, Maxime grinst zu mir rüber als sie die Flasche gedreht hat und sie meines Glückes auf mich zeigt.
„Pflicht.“, sage ich und grinse zurück. Flipper hat sich neben mich auf den Boden gelegt und bettet sein Kopf auf meinem Schoß. Er döst vor sich hin und brummelt immer wieder zwischendurch wenn ich mich zu heftig bewege, weshalb ich ihm immer wieder entschuldigend über den Kopf streichle.
„Ich habs! Du musst ein Lied deiner Wahl singen.“ Maxime guckt mich belustigt an und reicht mir die Kopfhörer mit ihrem Handy. Ich stimme ihr aufgeregt zu und nehme ihr die Sachen ab. Ich setzte mir die Kopfhörer auf und scrolle in ihrer Auswahl rum.
„Aber ich muss dich warnen, Max. Eve kann gut singen!“, meint John und lächelt mich an.
„Übertreib mal nicht, John!“, sage ich und entscheide mich für Heart by Heart von Demi Lovato.
„Okay ich hab eins.“, gebe ich ihnen Bescheid und drücke auf play. Ich liebe dieses Lied und fange entspannt an zu singen.
„When your soul finds the soul…“ Ich schließe meine Augen, konzentriere mich auf den Text und genieße die Musik. Meine Stimme kommt von alleine aus meinem Mund und ich lasse meine ganzen Gedanken und Gefühle in die Musik fließen.
Der letzte Ton verklingt und ich öffne wieder meine Augen. Eine sehr überrumpelte Maxime und ein John mit einem ich-habs-dir-ja-gesagt Blick sehen mich an. Ich grinse, ziehe mir die Kopfhörer aus den Ohren und gebe sie Max wieder.
„Du singst wunderschön, Eve!“, sagt Maxime mit strahlenden Augen und guckt begeistert mich begeistert an.
„Danke?!“, frage ich eher und zucke mit den Schultern in Johns Richtung. Er grinst mich nur an und fordert mich auf, die Flasche zu drehen.
Insgesamt verlief der Abend eigentlich ganz lustig und Maxime und ich sind jetzt schon richtig gute Freundinnen.

Ich schleppe mich die letzten Stufen hoch und lasse mich seufzend auf mein Bett fallen. Flipper springt auf meinen Rücken und legt sich völlig gleichgültig mitten auf mein Hinterteil. Ich drehe den Kopf zu ihm und gucke ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue spöttisch an.
„Ist das dein Ernst?!“, jetzt muss ich grinsen, weil mein kleiner Hund gerade so arrogant und unbeeindruckt schaut, dass es schon wieder lustig ist.
Nachdem ich noch sehr lange mit meinem Wollknäul gekuschelt und geredet habe, schläft Flipper einfach auf meinen Schoß ein und lässt mich schließlich alleine.
Ich wiederum liege noch mit einem schnarchenden Hund auf dem Bauch im Dunkeln und denke schon wieder über viel zu viele Dinge nach. Hauptsächlich über den Jungen, der mir den Kopf verdreht, also könnte man sagen dass mein Leben gerade abspielt wie ein Drehbuch für Teenie Liebesfilme, in denen die Hauptrollen ihre Gefühle zuerst leugnen, dann irgendein dummer Fehler passiert und am Ende alles wieder gut wird. In jedem Film liegen die Mädchen entweder heulend oder nachdenklich im Bett und sind bis tief in der Nacht wach nur weil irgendein Typ, der sie sowieso irgendwann verletzten wird, nicht aus ihren Gedanken verschwinden will. So komme ich mir gerade vor, nur dass die Zusatzinformation ist, dass dieser Typ zufälligerweise der Bruder ihrer besten Freundin ist und die Hauptrolle, das wäre dann wohl ich, viel zu stur, selbstsicher und eingebildet ist, um sich auf einen Jungen einzulassen oder wenigstens ein wenig stolz überwinden könnte, um ihm zusagen was sie für ihn empfindet. Und schon wieder ist es halb drei und ich habe die ganze Zeit verbracht mich mit einem Mädchen aus einem Happy End-Film zu vergleichen. Wie tief willst du eigentlich noch sinken, Evelyn? Ich verdrehe nur die Augen und kuschle mich in meine Kissen, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen, bevor meine Mom mich zum Frühstück ruft.

Letztendlich ist es doch nicht meine Mom, die mich aus den süßen Träumen zieht, in denen ich komischer Weise auf irgendeiner Art mit Raven Zeit verbringe, sondern meine kleine Schwester die aufgeregt auf meinem Bett rum hüpft, als ob sie nie irgendetwas von „Rücksicht nehmen auf Leute, die schlafen wollen“ gehört hätte. Ich grummle protestierend und werfe eines meiner Kissen in die Richtung, in der ich sie vermute und Stelle deprimierend fest, dass ich sie um gefühlte 60 Meter verfehlt habe, als das Kissen polternd gegen den Schrank fliegt.
„Meggie!“, grummle ich erneut und rolle mich zusammen, als ob das was bringen würde.
„Lynni!“, ruft sie begeistert und hüpft immer wieder in die Luft.
„Lass mich schlafen!“
„Nein! Mommy hat uns erlaubt mit John und Maxime mitzufahren!“
„Und wo wollen die hin?“, sage ich wenig begeistert und schmeiße ein weiteres Kissen nach ihr. Diesmal ist der Erfolg auch nicht viel größer.
„Zum Pferderennen!“
„Was wollen die denn da?“, frage ich diesmal etwas interessierter und richte mich langsam auf. Meine Hand hebe ich vor meine Augen, da ich befürchte an dem Licht zu erblinden. Flipper flüchtet gerade aus dem Bett und rettet sich mit einem Hechtsprung auf den Sessel am Fenster, bevor ein weiteres Kissen ihn erwischen konnte, was diesmal von Meggie stammt, da sie jetzt angefangen hat alles vom Bett runter zu schmeißen. Inklusive mich. Sie rollt mich in Richtung Bettkante, während ich erfolglos versuche mich vor dem Absturz zu drücken.
„Was machst du! Lass das!“ Ich schubse sie zurück und sie bleibt mit leuchtenden Augen vor mir sitzen.
„Also jetzt erzähl mal in Ruhe.“
„Aaaaalso, John und Max fahren heute Mittag zum Pferderennen und wir dürfen mitfahren!“
„Okay und wieso drehst du so durch?“
„Ich war noch nie auf einem Pferderennen!“
„Okaaaay…und deswegen rastet du so aus und lässt mich nicht schlafen?“, ich gucke sie belustigt an.
„Ähh…sry?“
„Willst du mich verarschen?“ Ich grinse sie an und gucke entgeistert zu Flipper. Der jedoch schläft zufrieden wie ein sattes Baby. Wie kann er das nur bei diesem Chaos?!
„Okay und wieso fährst du nicht alleine sondern sagst mir das so?“
Sie guckt auf ihre Finger und spielt mit ihren Händen. „Ja also ich darf nur mit, wenn du auch mitkommst…“
„Wieso das? Du fährst doch mit John.“
„Keine Ahnung. Frag Mom.“
Ich seufze und krüpple mehr oder weniger aus dem Bett und torkle schlaftrunken nach unten. Meggie folgt mir erwartungsvoll und bewegt sich wie ein Geheimagent auf einer lebenswichtigen Mission. Was ist nur mit meiner Familie los? Wieso musste es die sein Gott? Ich grinse und gehe in die Küche, in der Mom schon Spiegeleier brät und mich strahlend ansieht.
„Guten Morgen, mein Schatz.“, begrüßt sie mich und drückt mir ein Kuss auf die Wange, als ich sie von hinten umarme.
„Sag mal was ist jetzt mit dem Pferderennen?“
„Meggie will da unbedingt mitfahren und ich habe gesagt dass sie darf wenn du auch mitgehst.“
„Wieso? Sie ist alt genug und außerdem sind John und Maxime auch dabei.“
„Ich will, dass du was mit John unternimmst, wenn du ihn jetzt nur noch so wenig siehst.“
„Och Mom. Das hat aber nichts mit Meggie zu tun also lass sie daraus.“
„Ich möchte trotzdem dass du mitfährst, weil du einer der wenigen bist, die dieses Biest zähmen kann.“ Sie wuschelt meiner kleinen Schwester durch die Haare und grinst sie an.
„Mom, sie ist alt genug um zu wissen wie sie sich benehmen muss.“
„Ja aber ob sies tut ist ne andere Sache..“
„Tja sie hat halt viel von ihrer Lieblingsschwester.“, grinst Meggie und stupst mich an.
„Schleimer“, huste ich und schupse sie mit meiner Hüfte.
„Also fährst du jetzt mit?“, meine Mutter guckt mich prüfend und gleichzeitig unsicher fragend an.
„Okay…ich machs. Außerdem will ich mir die Rennpferde ansehen.“ Meggie fällt mir um den Hals und führt ihr Hüpfen von vorhin fort. Ich setzte mich nur grinsend an den Tisch und pfeife einmal kurz. Paar Sekunden später kommt Flipper in die Küche gerauscht und legt sich neben mich auf die Bank. Mom füllt mir Rührei auf und guckt mich ärgerlich an.
„Der Hund.“
„Mom lass ihn, dafür fahre ich mit.“ Flippers Gesichtsausdruck in dem Moment sieht nach einem fetten Gewinnerlächeln aus und ich streichle ihm grinsend über den Kopf. Meine Mom schüttelt nur ärgerlich den Kopf aber ihr kleines Grinsen ist mir nicht entgangen!

Ich starre aus dem Fenster und lache zwischendurch, wenn Maxime John mal wieder neckt. Sie sind so niedlich und Max ist wirklich fast genauso gut in „andere Leute Bloßstellen und Ärgern“ wie ich. Zwar kenne ich sie erst seit gestern aber ich mag sie jetzt schon sehr. Hinter einem Hügel kommt jetzt ein großer Parkplatz in Sichtweite und dahinter erstreckt sich eine riesen Anlage mit Cafés und Imbiss Ständen jeder Art. Mitten im Geschehen liegt eine übergroße Rennbahn, die so riesig ist, dass man das Ende nicht ohne Fernglas sehen könnte. John fährt in die Richtung, die der Parkplatzwächter anzeigt und parkt schließlich unter einem alten Baum im Schatten. Heute ist es mal wieder sehr heiß und die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Flipper setzt sich neben mich auf und spitzt aufgeregt die Ohren. Ich befestige die Leine an seinem Halsband und wir steigen alle voller Vorfreude aus dem Wagen. Pferdewiehern ertönt und einmal mehr vermisse ich meine Stute.
„Na dann mal los.“, sagt John und zwinkert uns freudig zu. Zusammen machen wir uns auf dem Weg zur Kasse. Als wir an der Tafel der Starter ankommen studiere ich die Namen der Pferde. In fünf Minuten beginnt ein Junghengstrennen und wir gehen voller Begeisterung zu der Startbahn.
„Lass uns private Wetten abschließen.“, schlägt Meggie vor und sieht mich mit blitzenden Augen an.
„Also gut auf wen tippst du, kleine Schwester?“, frage ich und die anderen beiden gucken sie erwartungsvoll an.
„Ich wette Crashman wird mindestens dritter!“, sagt sie schließlich selbstsicher und kräuselt ihre Lippen.
„Okay also ich sage das gleiche mit Carosso.“, wirft Maxime ein und John sieht sie belustigt an.
„Ich tippe auf Jumex Atlantus, mindestens dritter!“, wettet John und nun gucken mich alle erwartungsvoll an. Ich gucke Flipper an und beuge mich zu ihm.
„Wen nehmen wir, Flipper? Lesthago oder Lex Lugar?“ Er guckt mich grübelnd an, als hätte er mich verstanden und John lacht leise.
Flipper bellt zweimal und somit fällt seine Entscheidung. Ich habe ihm beigebracht, dass er, wenn ich ihm zwei Antworten anbiete und er sich entscheidet, einmal bellt für die erste und zweimal für die zweite Antwort.
„Okay also wir nehmen Lex Lugar.“, sage ich entschieden und richte mich vor den anderen auf.
„Alles klar dann werden wir ja jetzt sehen, dass ich gewinnen werde.“; wirft John grinsend ein und alle fangen an zu lachen.
„Johnny, du leichtsinniger Fratz!“, lache ich und gebe Maxime High-Five. Flipper bellt aufgeregt, als würde er auch lachen und wieder wunder ich mich wie ein Hund so menschlich sein kann. Meggie murmelt lachend etwas das wie „Ach John.“ klingt und schüttelt belustigt den Kopf. John nimmt sie lachend hoch und legt sie sich über die Schulter. Megan kreischt empört und Maxime hilft Meggie sich zu befreien. Jemand klopft in ein Mikrofon und wir richten unsere Blicke zu dem Anfang der Bahn. John lässt Meggie runter, die sofort aufgeregt zur Bande flitzt und sich anlehnt. Jetzt lehnen wir uns alle daran und Flipper setzt sich neben mich vor den Zaun.
„Herzlichen Willkommen bei den wöchentlichen Pferderennen unseres Reitvereins und Klubhauses Ehrendheim! Der heutige Tag startet mit dem Junghengstrennen, danach werden noch die allbekannten Galopprennen und Teamrennen folgen. Wetten können sie in unserem Klubhaus abschließen und ansonsten wünsche ich ihnen viel Spaß und Erfolg für den restlichen Tag.“ Alle klatschen und schon werden die Pferde mit den Jockeys in die Startboxen gelassen. Manche Pferde schnauben, andere tänzeln aufgeregt. Der Startschuss ertönt, die Boxen öffnen sich und die Pferde sprinten los. Die Pferde jagen um die erste Kurve und ich denke einen Moment lang, dass drei Pferde in der Kurve umkippen, da sie sich bei einem enormen Tempo stark zur Seite lehnen und sehr flach über dem Boden schweben.
„Die erste Kurve ist geschafft und schon jetzt sehen wir, wie die Startnummern 32, 16, 23 und 15 um den ersten Platz kämpfen. Die Vier haben einen beeindruckenden Abstand zu den anderen Teilnehmern und können sich noch nicht entscheiden, wer den ersten Platz einnehmen wird.“, ertönt die euphorische Stimme wieder aus dem Lautsprecher. Bei den vier Pferden handelt es sich um die Vier, auf die wir gewettet haben. Wir gucken uns alle begeistert an und jubeln den Pferden zu. Besonders John feuert sein Pferd übertrieben und völlig aus dem Häuschen zu. Maxime wirft mir einen bedeutenden Blick zu und wir fangen beide an zu Lachen. Er guckt uns verwirrt an und macht einen Schmollmund.
„Ihr lacht mich voll aus!“, sagt er beleidigt und versucht sich zu rechtfertigen, dass er die Wette einfach nur ernst nimmt und unbedingt gewinnen möchte.
„Und genau das liebe ich so an dir, mein Schatz.“, kichert Maxime und streckt sich an John hoch. Er sieht grinsend zu ihr runter und küsst sie liebevoll. Ich lächle und wende den Kopf wieder zurück auf die Bahn, um ihnen Privatsphäre zu geben und es schmerzhaft und verwirrend ist, da ich bei den Kuss an Raven denken muss… Immer wieder stelle ich ihn in meinem Kopf als meinen festen Freund da. Und ich glaube ich bin so weit, dass ich meine Gefühle jetzt nicht mehr unterdrücken will. Lolli findet es anscheinend mehr als okay, so wie sie den Liebesdoktor spielt. Ich muss mit ihm reden. Unbedingt. Egal wie viel Angst ich habe wieder verletzt zu werden. Ich weiß, dass er ein guter Kerl ist. Ich streichle meinen Hund neben mir lächelnd über den Kopf und er guckt aufmunternd zu mir auf.

Das Auto rollt in die Einfahrt und Meggie jubelt immer noch, dass Crashman wirklich erster geworden ist. John hingegen hatte nicht so viel Glück, weil sein Pferd nur fünfter geworden ist und somit hat er seine Wette mehr als verloren. Meins ist zweiter und Maximes ist dritter geworden, also haben wir beide auch mitgewonnen, doch wir feiern es nicht so stark wie meine kleine Schwester… Wir feiern es eher mehr wie zerstört John über seine Niederlage ist. Meggie und ich steigen aus dem Auto und bedanken uns lächelnd bei John.
„Kein Dingen Ladys. Sagt Bescheid, wenn ich euch das nächste Mal entführen darf.“, sagt John grinsend und Max winkt uns zum Abschied noch fröhlich zu bevor sie unsere Auffahrt wieder verlassen. Ich lasse Flipper von der Leine und schon flitzt er zu unserer Haustür, vor der er sich hinsetzt und auf uns wartet. Meggie strahlt mich an und hakt sich bei mir unter.
„Danke nochmal, dass du mitgekommen bist, Lynni!“
„Hab ich gerne gemacht, Schwesterherz. Ich fands eig auch ganz schön.“, ich lächle sie an und schließe die Haustür auf. Und es ist wahr, so einen Tag mit John und meiner Schwester habe ich gebraucht und wirklich vermisst.
„Mom, wir sind wieder Zuhause!“, rufe ich und schon ertönt Moms Stimme fröhlich aus der Küche.
„Ich bin hier!“
Wir folgen dem wundervollen Kuchenduft in die Küche und auch Flipper fängt bei dem Geruch an zu sabbern. Ich lache und Meggie verzieht angeekelt das Gesicht.
„Benimm dich, Flipper!“ Zur Zustimmung bellt er einmal leise und trottet in die Küche, in der er sich sofort neben meine Mutter setzt und bettelnd den Kopf an ihren Oberschenkel legt.
„Evelyn, sag deinem Hund, dass er nichts vom Kuchen bekommen wird!“, sie kichert und versucht vergebens mich streng anzuschauen.
„Mom, sag es ihm doch selber.“, sage ich grinsend und gebe ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wie wars denn beim Pferderennen? Erzählt mal.“ Sofort fängt Meggie wieder an zu strahlen und fängt aufgeregt an zu erzählen. Wir setzten uns auf die Küchenbank und Mom füllt unsere Teller mit frischem Apfelkuchen.
„Dad! Komm Kuchen essen!“, rufe ich und schon kommt mein Dad durch die Terrassentür gestapft.
„Da sind meine Prinzessinnen ja wieder!“, sagt er fröhlich als er die Küche betritt und schnappt sich auch ein Stück Kuchen. Während meine Eltern Megans Erzählungen lauschen, ziehe ich mein Handy aus der Tasche und mich erwarten fünf neue Nachrichten. Eine von Luca, Danilo, Lolli und zwei von Raven. Mein Herz schlägt sofort schneller. Ich streichle Flipper gedankenverloren unter dem Tisch und öffne Ravens Nachricht.
Hey Evelyn…ich weiß nicht wie es dir geht aber ich habe das starke Bedürfnis dich wiederzusehen…ich weiß wir kennen uns so ziemlich kaum aber ka…ich weiß nie was ich bei dir schreiben soll. Jetzt denkst du wahrscheinlich was ist das für ein komischer Kerl aber wenn du auch Lust hast hole ich dich am Montag so gegen 10h ab und wir gehen zsm Frühstücken?
Mein Herz rast jetzt noch schneller und mein ganzer Körper kribbelt. Er will sich mit mir treffen! Was soll ich darauf antworten? Nach kurzem Überlegen beschließe ich erstmal die zweite Nachricht von ihm zu lesen bevor ich antworte.
Hey, ich bins schon wieder… ich hab übrigens beschlossen mir nächste Woche bis Mittwoch frei zu nehmen und somit bleibe ich noch bis Mittwoch bei euch ;)
Okaaay…Evelyn, jetzt nicht aufhören zu atmen! Aber hey er ist der erste nach drei Jahren, für den ich Gefühle habe und die sind diesmal so stark, wie ich es nie für möglich gehalten hätte…
Hey Raven, Ich weiß doch, dass du ein anständiger Kerl bist ;P Aber ja ich möchte dich auch sehen und ich freu mich dass du noch länger bleibst. Wir sehen uns dann Montag
Jetzt scrolle ich die anderen Nachrichten durch. Als ich Lollis Nachricht lese kann ich es kaum fassen.
Ich hab Raven mal was von dir erzählt und ihm dein Lieblingscafé verraten ;P War doch kein Problem oder? Übrigens Raven kann auch super kochen und glaub mir du wirst es noch herausfinden, er bleibt ja noch bis Mittwoch ;)
Philomena! Hör auf Liebesdoktor zu spielen!!! :D Ich werde dir leider den Hals umdrehen müssen wenn wir uns morgen wieder sehen :P

Erstaunlicherweise kam sofort eine Antwort
Ab jetzt kannst du mich Professor Doktor Hood nennen :) Ich glaub das gefällt mir :P Und ja ich liebe dich auch über alles EVE! :**
Sie ist und bleibt meine kleine zuckersüße Lolli.
Vergiss es Schätzchen der Name steht dir nicht zu :P
Luca hat mir nur geschrieben dass die Party am Freitag gut war aber ich das nächste Mal unbedingt wieder dabei sein muss. Danilo hat mich nur gefragt wie es mir geht und was wir dieses Wochenende so gemacht haben. Außerdem soll ich meine Eltern und Meggie von ihm grüßen. Ich schreibe den beiden schnell zurück und stecke mein Handy wieder in meine Hosentasche nachdem ich es auf vibrieren gestellt habe. Ich gucke auf und gerade beendet Meggie ihren letzten Satz.
„Das freut mich, dann hattet ihr wohl einen schönen Tag.“, sagt Mom lächelnd und schickt Meggie ins Bett.
„Nacht, Meggie. Schlaf gut, Schwesterherz.“, sage ich zu ihr und gebe ihr einen Kuss auf den Kopf. Sie drückt mich fest und flitzt die Treppen hoch in ihr Zimmer. Auch ich sage meinen Eltern gute Nacht und mache mich auf den Weg in mein Zimmer. In meinem Magen flattern immer noch die Schmetterlinge und meine Arme bezieht eine feine Gänsehaut. Ich ziehe meine bequeme Sporthose und ein ärmelloses T-Shirt an und mache es mir in meinem Bett bequem. Flipper springt zu mir auf die Matratze und rollt sich friedlich neben mir ein. Nach kurzer Zeit höre ich ein leises Schnarchen und ich gebe meinem Hund einen Kuss auf den Nasenrücken. Plötzlich vibriert mein Handy in meiner Tasche auf dem Stuhl und ich gleite schnell aus meinem Bett, schnappe das Handy und flitze wieder unter die Bettdecke.
Ich vermisse dich irgendwie… am Abend werde ich immer sentimental, -R
Mein Herz macht einen Sprung und mein Körper wird ganz heiß.
Ich vermisse dich aber auch, Raven :)
Das ist iwie beruhigend… ich starre die ganze Zeit in die Dunkelheit und frage mich was du machst…
Ich wusste nicht dass du so ehrlich bist… Ich kann nicht schlafen
Ich auch nicht, auf beiderlei Sachen…
Wie geht es Philomena?
Ich glaube ganz gut, sie schläft schon zufrieden 
Das ist gut, sag ihr dass ich sie vermisse, also wenn sie wieder wach ist…
Mach ich


„Ja Mom, ich ruf dich an, wenn ich ankomme.“, versichere ich beruhigend und befreie mich aus ihrer Umarmung. Schließlich nehme ich Meggie hoch und wirble sie an mich gedrückt herum.
„Ich werde dich vermissen, Meggie! Aber du kommst mich auch besuchen! Versprochen?“
„Mach ich, Lynni!“ Sie schlingt ihre Arme um meinen Hals und drückt mich feste, bevor ich sie sicher auf den Boden absetzte. Mein Dad trägt meine Sachen ins Auto und steigt auf der Fahrerseite ein.
„Kommst du, mein Engelchen?“, ruft er und winkt mich mit einer Handbewegung zum Auto.
„Ja ich komme, Dad!“, rufe ich zurück und gebe beiden nochmal ein Küsschen bevor ich in den Wagen steige und die Tür schließe. Flipper sitzt bei mir im Fußraum und hechelt zufrieden. Er darf mich ausnahmsweise mit zum Bahnhof bringen. Heute Morgen habe ich mich schon bei John verabschiedet nur leider war Maxime schon wieder bei sich zu Hause. Aber John hat mir netterweise ihre Nummer gegeben, sodass ich mit ihr schreiben kann wann immer ich es möchte. Irgendwann lad ich die Beiden mal zu mir ein und wir veranstalten ein großes Kaffeetrinken!
Als wir am Bahnhof ankommen, zerre ich meine Sachen schnell aus dem Kofferraum und knuddle Dad einmal durch. Mein Zug rollt ein und schnell springt mir Flipper auf den Arm. Ich fange ihn und drücke ihn fest an mich.
„Bald hole ich dich zu mir, mein Kleiner.“ Er leckt mir begeistert über das Gesicht und ich setzte ihn auf dem Boden ab. Er drückt sich noch einmal an mein Bein und ich steige in den Zug, der mich Nachhause bringt. Ja genau. Jetzt geht es nach Hause.

Meine Station ertönt aus dem Lautsprecher und ich schnappe erfreut meine Sachen und gehe Richtung Ausgang. Und dort erwarten mich Luca und Danilo! Ich grinse sie verwirrt und ungläubig an. Sie grinsen zurück und kommen mir entgegen. Ich lasse meinen Seesack fallen und schließe die beiden in die Arme.
„Was macht ihr denn hier!?“, frage ich und gucke die Beiden begeistert an.
„Hallo ich muss doch schließlich meine Freundin nach der langen schmerzlichen Trennung vom Bahnhof abholen!“, sagt Luca lachend und küsst mich auf die Stirn. Ich pruste los und schupse ihn von mir.
„Jap genau und ich will meine kleine Schwester einfach nur begrüßen.“, beantwortet auch Danilo schließlich meine Frage und grinst mich an.
„Bruderherz ich hab dich sooo vermisst.“, johle ich und gebe ihm ein küsschen auf die Wange.
„Wieso muss ich dir einen Schmatzer geben und Danilo bekommt einfach einen ohne irgendetwas dafür zu machen?“, fragt Luca gespielt empört und grinst mich belustigt an.
„Kommt jetzt, ich will nachhause!“, sage ich und marschiere an den beiden vorbei Richtung Lucas BMW, den ich schon gesichtet habe, ohne auf Lucas Aussage einzugehen.
„Aye aye, Sir!“, ruft Danilo und kommt hinter mir her. Verwirrt Schüttelt Luca nur grinsend den Kopf und folgt uns.
Nach kurzer Zeit kommen wir an meiner Einfahrt an und Luca lässt den Wagen anhalten. Die beiden Jungs steigen aus um mich noch einmal zu umarmen, doch schließlich öffne ich die Haustür und winke dem BMW noch kurz hinterher.

„Eve! Da bist du ja wieder!“ Philomena kommt auf mich zugeschossen, noch bevor ich die Tür vollständig geöffnet habe.
„Wer hat dich denn mitgenommen? Taxis sind doch nur so selten frei!“, fragt sie nachdem sie ihre stürmische Umarmung beendet hat und mir der Seesack aus der Hand gerutscht ist.
„Danilo und Luca haben mich abgeholt.“, sage ich schließlich und hebe meinen Sack vom Boden auf. Meine Schuhe streife ich kurz ab und stelle den Sack auf die Treppe. Plötzlich kommt Raven durch die Wohnzimmertür und starrt mich an. Er lehnt sich lässig gegen den Türrahmen und hat seine Arme vor der Brust verschränkt. Raven beobachtet mich durch schmale Augen und sofort werden meine Hände schwitzig.
„Willkommen Zuhause.“, sagt Raven emotionslos und lächelt schwach. Lolli sieht ihn böse an und er erwidert ihren Blick ergebend. Schließlich kommt er auf mich zu. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, unfähig auch nur einen Finger zu krümmen. Er bleibt ca 15cm vor mir stehen und schließt mich vorsichtig in die Arme. Ich sehe Philomena gerade noch so über seine Schultern zufrieden grinsen. Unauffällig nehme ich Ravens Duft in mir auf und erwidre seine Umarmung zurückhaltend. Ich merke dass er seine Emotionen gerade nicht zulassen möchte, sodass sich diese Umarmung völlig fremd und unangenehm anfühlt. Wir lösen uns schnell voneinander und wir gehen schweigend zu dritt ins Wohnzimmer. Ich setzte mich mit meiner besten Freundin auf das Sofa, während Raven sich auf dem anderen breit macht.
„Erzähl doch mal, Eve! Wie wars bei deinen Eltern?“, fragt Lolli schließlich fröhlich und sieht mich direkt an. Ich lächle sie an und beginne von meinem Wochenende zu erzählen.
„Als ich ankam, fielen mir Meggie und meine Eltern sofort in die Arme. Meine Mutter hat sogar geweint und ach ja Flipper war auch total glücklich.“ Ich gucke kurz zu Raven und ergänze, “Mein Hund.“ Er nickt und Philomena grinst liebevoll. „Er kam sofort an und sprang mir in die Arme.“ Ich lächle bei dem Gedanken und sehe im Augenwinkel, wie Raven mich die ganze Zeit beobachtet. Ich fühle mich etwas bedrängt aber ignoriere es und widme meine Aufmerksamkeit nur auf meinen verrückten Zwerg neben mir. „Am Freitag war ich auf Johnnys Geburtstag und du wirst es nicht glauben, er hat eine Freundin!“ Philomenas Augen weiten sich aufgeregt und erwidert schnell, „Und er hat dir vorher nichts von ihr erzählt?!“
„Nein, aber glaub mir sie ist so nett und sie sind so süß zusammen. Maxime ist richtig cool, du wirst sie mögen.“
„Wann werde ich sie denn kennenlernen?“, fragt Lolli verwundert und zieht ein verwirrtes Gesicht.
„Ich hab ihnen gesagt, dass sie uns mal besuchen müssen. Max ist mir wirklich sehr ähnlich und wir sind jetzt schon super Freundinnen.“, sage ich mit einem Lächeln und Lolli zieht grinsend einen Schmollmund. „Aber du bist natürlich meine Beste.“, sage ich lachend und jetzt lacht sie auch.
„Danke das wollte ich hören.“, erwidert sie zufrieden und fordert mich auf weiter zu erzählen.
„Dann haben wir halt gegessen und nachher Wahrheit oder Pflicht gespielt und glaub mir das war lustig! Am Samstag sind wir mit Meggie zu einem großen Pferderennen gefahren und wir haben unter uns Wetten abgeschlossen und Meggie hat natürlich gewonnen.“, lache ich und auch Lolli grinst wieder. „Rate mal wer verloren hat und die ganze Zeit geschmollt hat.“, frage ich schließlich und grinse wieder.
„John, wer sonst?!“, lacht Lolli und auch Raven lächelt kurz.
„Richtig! Naja und dann musste ich am nächsten Tag halt wieder fahren aber das war so schön wieder bei meiner Familie zu sein.“
„Das glaub ich dir sofort!“, lächelt Lolli und sieht Raven dabei an.
„Und ich habe beschlossen, wenn es für dich auch okay ist, Flipper nach Hofling zu holen. Weil ich habe ihn so vermisst und wirklich, ich liebe diesen Hund!“ Lolli sieht mich verständnisvoll an und nickt eifrig.
„Ja kein Problem, das würd mich freuen, dann ist es hier nicht so leer im Haus.“ Wieder lächelt sie und nimmt meine Hand. Ich umarme sie liebevoll, weil ich sie so vermisst habe und sie so gutherzig zu mir ist. In allerlei Dingen.
„Ich hab dich so lieb, Lolli!“, murmle ich in ihr langes Haar.
„Ich dich auch, Eve.“, erwidert sie und drückt mich kurz etwas fester.

Wir sitzen alle drei am Küchentisch und futtern genüsslich die Cannelloni, die Raven frisch für uns gekocht hat. Philomena hatte wirklich Recht, er ist definitiv ein Kochgott.
„Raven, was hast du nur in diese Füllung gemacht?“, schmatzt Lolli und nimmt ein weiteres Stück Nudel in den Mund.
„Das ist eine Basilikum-Ricotta Creme, Schwesterchen.“, sagt er grinsend und reicht Lolli eine Servierte. Er zeigt auf seinen Mundbereich und Lolli macht ihm nach und putzt die Soße von ihrem Gesicht. Sogar auf dem Nasenrücken hat sie Soße hängen… Ich grinse und schüttle dabei belustigt den Kopf.
„Was auch immer es ist, Es. Ist. Gut.“, lobt Philomena und betont die Wörter mit Anerkennung. Raven zieht eine Augenbraue hoch und grinst. Und oh gott! Es ist so ein hinreißendes Lächeln das ich für einen Moment das Kauen vergesse und ihn einfach nur ansehe. Sobald ich meinen Teller aufgegessen habe stehe ich auf und räume ihn sofort in die Spülmaschine.
„Entschuldigt mich, aber ich bin noch voll kaputt von dem Wochenende.“, sage ich und verknote meine Finger. Lolli lächelt mich an und nickt erheiternd. Ich sehe sie dankbar an und wünsche beiden eine gute Nacht, während ich Ravens Blick meide. Ich weiß auch nicht was los ist, aber er ist auch so abweisend zu mir… Das kann er gerne haben, dann lasse ich ihn eben auch nicht an mich ran. Erst diese Nachrichten und jetzt dieses Verhalten…ich verstehe gar nichts mehr. Und ich dachte Frauen wären kompliziert!
Ich schleppe mich die Stufen hoch und stoße mir gedankenversunken meinen Zeh am Treppengeländer. Natürlich muss es aus Metall sein! Ich stöhne und bleibe im Flur stehen. Ich nehme den Fuß in meine Hand und kralle meine Fingernägel in den Socken. Seit wann tut das so weh?! Langsam sehe ich dabei zu, wie sich Blut in dem weißen Stoff ausbreitet. Wieder fluche ich und humple schnell ins Badezimmer. Sofort zerre ich den dreckigen Socken von meinem Fuß und begutachte meine Verletzung. Mein ganzer großer Zeh ist offen und blutet ein wenig zu stark… Ich hüpfe zur Badewanne, setzte mich auf den Rand und stelle kaltes Wasser an. Ich stelle den Strahl klein und halte meinen Fuß vorsichtig darunter. Als das Wasser auf meinen Zeh läuft stöhne ich auf und halte mich an der Badewanne fest. Es brennt höllisch! Mein Atmen ist zittrig und ich lasse die Luft stoßweise aus meiner Lunge. Mein Fuß scheint vor Schmerz und Kälte so langsam taub zu werden, denn schon bald lässt das Gefühl darin nach.
Es klopft an der Tür.
„Evelyn? Bist du da drin?“, erklingt eine besorgte Stimme. Raven. Anscheinend war mein Keuchen zu laut und reicht bis auf den Flur.
„Verschwinde.“, sage ich etwas genervt und brummig. Die Klinke bewegt sich im Schneckentempo nach unten und er macht die Tür einen Spalt weit offen. „Raven, ich sagte du sollst gehen.“ Ich höre ihn ausatmen, ehe er antwortet.
„Ist mir egal was du gesagt hast. Ich hab dich weinen hören.“
„Ich hab nicht geweint. Jetzt geh!“ Erst jetzt merke ich die Nässe auf meinen Wangen. Er hat Recht, ich habe geweint. „Bitte.“, schluchze ich hinterher und wische mir die Tränen wütend aus meinem Gesicht. Alle Emotionen und Gefühle des letzten Wochenendes brechen auf mich ein. Erst die Überraschung mit Maxime, die Enttäuschung dazu, dass ich vorher kein einziges Wort von oder über sie gehört habe. All die schönen Momente, die mich durcheinander bringen, weil ich nicht wusste, dass leben auch mal leicht sein kann. Und jetzt die Geschichte mit Raven. Erst habe ich den Eindruck, dass er mich mag und dann ist er eiskalt und abweisend zu mir. Bei der Umarmung dachte ich, er sei angeekelt von meiner Nähe. Wie verletzt ich mich dadurch fühle, macht mir eine Heidenangst. Ich kann doch nichts für diesen Kerl empfinden. Das darf und will ich nicht. Ich spüre eine warme Hand auf meiner Schulter und ich zucke erschrocken zusammen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie Raven in das Badezimmer gekommen ist. Ich konzentriere mich wieder auf meinen Fuß und ignoriere ihn. Anscheinend hat er das Wasser abgestellt, doch wegen der Betäubung habe ich gar nicht gemerkt wie das Wasser aufgehört hat, auf meinen Fuß zu fließen. Nun entsteht eine Blutlache auf dem Boden der Badewanne. Jetzt nimmt Raven den Duschkopf und lässt die rote Substanz in den Abfluss verschwinden. Er hebt seine Hand zu meinen Fuß, doch ehe er ihn berühren kann ziehe ich ihn weg und halte meine Hand abwehrend davor.
„Hey, ist ja gut. Ich tu dir nicht weh, Evelyn.“ Aber das tust du doch schon, Raven. „Vertrau mir einfach.“
„Das musst du dir erst verdienen.“, flüstere ich und er dreht den Kopf zu mir. Seine Augen werden ein kleines Stück größer und kurz glaube ich eine Spur Trauer in ihnen zu sehen. Und Leid. Wieder bildet sich eine Pfütze unter meinem Fuß und wir erwachen aus unserer Starre. Ich beobachte sein Gesicht dabei, wie er meinen Fuß untersucht. Er hat seine Stirn gekraust und ein paar verirrte Strähnen hängen ihm im Gesicht. Ich habe den Drang sie aus seiner Stirn zu streichen, doch ich lasse meine Hand bei mir. Seine Unterlippe hat er zwischen seine Zähne geklemmt und er konzentriert sich sichtlich, damit er mir nicht weh tut. Ich beiße die Zähne zusammen als er meinen Zeh anfasst um darunter zu gucken. Die Haut hat sich fast gänzlich von meinem Zeh gelöst und das sieht verständlich nicht sonderlich schön aus.
„Ich schätze das muss man professionell behandeln, Evelyn.“, sagt er sanft und hilft mir aufzustehen. Ich schüttle sein Arm ab, der mich eigentlich stützen sollte und humple in den Flur hinaus. Raven bemerkt wie schwer es mir fällt zu laufen und ehe ich mich versah, hat er mich schon hochgehoben und an seine Brust gedrückt. Ich gucke ihn nur erschrocken an, doch er ignoriert mich und hält meine Zimmertür im Visier. Neben seinen Augenbrauen hat sich ein Falte gebildet und ich nehme jede Pore mit meinen Augen war. Dieses Gesicht will ich im Gedächtnis behalten. Er stößt meine Tür mit der Hüfte auf und setzt mich auf meiner Bettkante ab. Seine Sanftheit überrascht mich und ich bin durcheinander.
„Warte hier und beweg dich nicht ich hole Verbandszeug.“; sagt er schlicht und lässt mich alleine. Ich habe gar nicht gemerkt wie er ein Klopapier auf meine Wunde gepresst hat, geschweige denn, dass ich es jetzt selber halte damit mein Zimmer nicht volltropft. Ich blinzle ein paarmal, weil ich sein Aftershave nicht aus meiner Nase bekomme. Es benebelt meinen Kopf. Inzwischen hat der Schmerz wieder angefangen und ich reiße mich zusammen normal zu atmen. Die Tür geht auf und ein beschäftigter Raven kommt hinein. Er hat einen Verband in der Hand, den er auf dem Weg anscheinend schon ausgerollt hat. Er kniet sich vor mir nieder und löst meine Hand behutsam von dem Papier und ich lege meine Hände in den Schoß. Ich strecke den Fuß aus und halte ihn Raven hin damit er ihn besser wickeln kann. Raven konzentriert sich und ich sehe wie viel Mühe er sich macht, meinen Fuß gründlich und ordentlich zu wickeln.
„Raven?“ Er zuckt kurz zusammen und hebt dann den Kopf.
„Ja?“
„Danke.“, sage ich leise und meine Stimme bricht auf dem halben weg aber dennoch verständlich genug damit er es hört. Er lächelt mich leise an und steht schließlich auf. Mit einer schnellen Geste fährt er seine Hand durch die Haare und stemmt seine Hände in die Hüften. „Na dann. Ab ins Bett, Mademoiselle.“ Er scheucht meine Beine mit den Händen auf mein Bett und ich muss leise lachen.
„Seit wann hast du mir denn was zu sagen? Ich bin übrigens keine neun Jahre mehr.“, deute ich ihn drauf hin und hebe beide Augenbrauen.
„Echt nicht?“, fragt er gespielt ernst und grinst mich dann an. Ich schüttle belustigt den Kopf und stehe auf. Er sieht mich jetzt nachdenklich an und legt den Kopf schief.
„Was hast du?“
„Ach nichts.“, sagt er wenig überzeugend. Ich hebe eine Augenbraue.
„Kannst du kurz rausgehen ich will mich gerne umziehen.“
„Wieso muss ich dafür rausgehen?“, sagt er neckend und scheint belustigt. Ich hebe nun beide Augenbrauen und sehe ihn skeptisch an.
„Willst du wie ein Spanner zugucken, wie ich mich ausziehe?“
„Soll ich dir noch eine Stange aufbauen? Vielleicht wird’s dann etwas spannender.“
„Ist mein Körper nicht spannend genug?“, scherze ich und warte auf seine Reaktion. Überraschenderweise braucht er diesmal etwas länger. Er schluckt und guckt an mir runter. Mein Lächeln verschwindet und ich bekomme eine feine Gänsehaut.
„Dann lass ich dich wohl mal alleine. Ich möchte nachher nicht als Perversling beschimpft werden.“ Anscheinend will er nicht darauf eingehen. Nicht auf meinen Körper oder mich. Ich lächle ihn an und er schließt die Tür hinter sich. Dieser Junge verwirrt mich. Keine Frage! Bis auf den Abend an dem wir uns kennengelernt haben, hat er mich nie wieder wirklich angesehen. Er sah entweder durch mich hindurch oder hat mich nicht wirklich wahrgenomwahrgenommen. Raven hatte seine Aufmerksamkeit noch nie wirklich mehr nur auf mich gerichtet und das unheimliche ist, dass ich mich danach sehne… Ich sehne mich nach seiner Aufmerksamkeit, seiner Sanftheit und immer wenn ich in seine braungrünen Augen gucke, ist die Welt für diesen Moment in Ordnung. Er ist die Medizin die gegen meine Verletzungen hilft. Raven ist mein Heilmittel, zumindest hilft er mir den Schmerz zu vergessen.

Allein wie er mich ansieht. Mein Gesicht verzieht sich vor Ekel und Angst. Die braunen Augen durchbohren mich. Ich liege wieder in diesem bestimmten Bett. Kann mich nicht bewegen. Ich spüre nur sein Gewicht auf mir. Wie er auf meiner Hüfte sitzt und mich mit einem dreckigen Grinsen anschmachtet. Nein, er schmachtet noch nicht einmal. Er sieht mich an wie ein Fleischstück aus der Metzgerei. Ich weiß, dass ich nur sein Spielzeug bin. Wie grob er mich immer anfasst, sobald ich versuche mich zu wehren. Schon seit einem Monat geht das so. Mein Körper ist übersät mit blauen Flecken und aggressiven Knutschflecken, die keinerlei was mit Liebe zu tun haben. Mein ganzer Hals ist zugeschnürt und meine Haut wund und blau von den Blutergüssen. Er grinst mich wieder an. Ich weiß was er vorhat. Ich versuche zu schreien aber er verschließt meinen Mund mit seinen Lippen, die sich grob auf meine legen. Ich beiße ihm in die Lippe und er schreit kurz auf. Blut tropft von seiner Unterlippe, doch er wischt es wütend weg. Ich weiß es wird umso schlimmer wenn er sauer ist, doch das ist mir im Moment egal. Er gibt mir eine Backpfeife und ich keuche. Meine Wange brennt wie Feuer.
„Benimm dich, Evelyn! Wir wollen doch nicht, dass ich dir wehtun muss.“ Wieder erscheint sein widerliches Grinsen auf seinen Lippen. Ich weiß welche Wörter jetzt folgen werden, aber ich kann nicht kontrollieren was ich tu.
„Wieso tust du das, Jake? Ich dachte du liebst mich.“ Die Wörter kommen nur als krächzen aus meinem Mund und er bricht in schallerndes Gelächter aus. Er nimmt meine Handgelenke in seine Fäuste und hält sie über meinen Kopf fest. Sein ganzes Gewicht drückt nun auf meine Hände und ich ächze einmal. Er kommt mir so nah, dass seine Nase meine berührt und ich deutlich den Alkohol aus seinem Mund riechen kann.
„Glaubst du das tatsächlich? Du naives kleines Mädchen. So ein kleiner verletzlicher Vogel…“ Er schüttelt belustigt den Kopf und küsst meinen Hals. Ich bin nicht fähig mich zu bewegen oder mich irgendwie gegen dieses Schwergewicht zu wehren. Ich schließe die Augen und bete, dass er mich am Leben lässt.
Plötzlich ist sein Gewicht verschwunden und ich atme tief durch. Er macht das Fenster auf und sofort ertönen die Geräusche von den Berliner Straßen in dem Zimmer. Ein kalter Luftzug streicht über meine Haut und eine Gänsehaut bildet sich.
Auf einmal öffnet sich die Tür. Moment Mal, das ist neu! Eine schwarze Gestalt erscheint in der Tür. Er streicht sich durch sein rabenschwarzes Haar und richtet die Augen bohrend auf mich. Seine Augen weiten sich und sein Gesicht wird wütend. Die Gestalt rennt auf mich zu legt ein Laken um mich und hebt mich vorsichtig hoch.
„Hey, Tenya. Ganz ruhig ich bin ja da.“ Er drückt mich zaghaft an sich und ich erkenne sein Geruch sofort.
„Raven.“, krächze ich leise.
„Scht, ganz ruhig. Sag nichts, wir müssen hier raus.“ Mein ganzer Körper ist schlaff und ausgelaugt. Jake hat ganze Arbeit geleistet. Ich weiß, dass meine unteren drei Rippen geprellt sind, ich war mit meiner Mom im Krankenhaus nachdem das hier passiert ist. Es ist nur ein Traum ich weiß. Eigentlich ist es nur eine Erinnerung aus meiner Vergangenheit. Das war die letzte „Begegnung“ die ich mit Jake hatte. Da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Eigentlich ging es so zu ende, dass er mich die ganze Nacht lang vergewaltigt hat und mich nachher wie ein abgenutztes Stück auf dem Bett liegen gelassen hat, als er seine Lust an mir verloren hat. Aber jetzt ist Raven da und rettet mich. Er ist mein Held. Erstaunlicher Weise ist es Jake egal, dass Raven mich mitnehmen will und sieht uns nur an.
„Du kannst sie ruhig mitnehmen. Ich bin sowieso schon fertig mit ihr.“, sagt er verabscheuend und ich merke wie Raven mich tröstend fester an sich drückt. Ich stöhne leise auf, weil mein Körper schmerzt. Raven zuckt von meinem Keuchen zusammen und hält mich jetzt wie eine zerbrechliche Glaspuppe. Wie ein kostbares Stück. Raven dreht sich ohne ein Wort um und läuft mit mir nach draußen auf die Straße. Er deckt mich fester mit dem Laken zu, denn dummerweise habe ich rein gar nichts anderes mehr an meinem Körper. Dann bleibt er stehen und sieht mich einfühlsam an. In seinen Augen liegt Schmerz und Wut. Außerdem noch so viel Mitgefühl und Reue, dass mir Tränen in die Augen laufen.
„Es tut mir so leid. Tenya.“ Ich rechne stark damit, dass er anfängt zu weinen, doch er rauft sich zusammen und geht weiter, über die Straße. Ich beobachte ihn die ganze Zeit. Ich bin schwach und kämpfe damit meine Augen aufzuhalten, doch ich will ihn einfach nur ansehen. Ich bin in Sicherheit. Das erste Mal in diesem Traum erscheint jemand, der mich rettet. Eine Träne läuft meinem Retter aus dem Augenwinkel und ich wische ihm sie zärtlich weg. Er schmiegt sich gegen meine Hand und schließt kurz die Augen. Es ist wunderschön. Und doch ist es nur ein Traum.

#2 RE: 4. Besuch und Leben nach Drehbuch von Lucy 05.01.2016 22:58

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So haben deinen Text gelesen.

Da ich diene Geschichte nicht mehr wusste, habe ich die alten zuerst überflogen. Da ist mir aufgefallen, dass dein Schreiben sich verbessert hat!
Ich haben den Text in einem Mal gelesen und rege mich nun auf, dass er nicht mehr weiter geht!!
Eine kleine Kritik vielleicht doch noch: Am Anfang hast du etwas viel direkte Rede und "direkte Rede" per SMS. Am Ende ist das dann anders - oder es hat mich da weniger gestört/ist mir weniger aufgefallen.
Und zum Abschluss: Schreib schnell weiter, ich will wissen wie es weiter geht. Und vor allem weshalb dich Raven im Traum Tenya nennt.

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